Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 202 (31.7.1931)
- Date
- 1931-07-31
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 202 hfc-iiwm, »w i .'Mi- DIE NEUE WELT Steife % Dr. Lee K. Frankel gestorben. Paris, 26. Juli. (J. T. A.) Auf der Durchreise in Paris starb plötzlich Dr. Lee Kaufer Frankel, einer der Führer der amerikanischen Juden, im Alter von 64 Jahren. Das Ableben von Dr. Lee K. Frankel ist ein. schwerer Verlust für die J e w i s h A g e n c y, die kurz nach ihrer Gründung den ersten Präsidenten ihres Council, Louis Marshall, und später den stellvertretenden Council-Präsidenten, Lord Melchett, verloren hat und jetzt den eben erst neugewählten Mitvorsitzenden ihres Council verliert. Auf den Rat und die Tatkraft von Dr. Frankel hat man gerade jetzt, wo man an die Regelung der kritischen Finanzlage der Jewish Agency herangegangen ist, gewisse Hoffnungen gesetzt. Aber auch das Werk der sozialen Fürsorge der amerikanischen Juden und das liberale Judentum in Amerika, dem der Verstorbene als fahrendes Mitglied angehört hat, werden an dem Verlust schwer zu tragen haben. Dr. Lee Kaufer Frankel wurde am 13. August 1867 in Philadelphia geboren, war Dozent für Chemie an der Universität Penna, dann Chemie-Professor in Phila und errang sich als Chemiker in den Vereinigten Staaten einen sehr geachteten Namen. Er wurde dann veranlaßt, in die Versicherungsbranche einzutreten und wurde Vizepräsident der „M etropolitan Life Insurance Compan y", der größten amerikanischen Lebensversicherungsgesellschaft. Die Regierung der Vereinigten Staaten naihm seine Dienste vielfach in Anspruch. So war er zuletzt Präsident der „American Public Health Association" und der „New York Conference of Charities". Er war einer der Gründer des „National Health Council" und gab das Werk „Human Factor in Industry" heraus, da« d*azu beigetragen hat, in den Vereinigten Staaten eine Bewegung für möglichste Schonung der menschlichen Arbeitskraft in der Industrie zu schaffen. .Vor der Rehabilitierung Philipp Halsmanns? Wien, 25. Juli. (J. T. A.) Der Fall Halsmann trat mit dem heutigen Tage in ein neues, sensationelles Sta* dium. Der Verteidiger Halsmanns, Dr. Franz P e ß 1 e r, und der Wiener Rechtsanwalt Dr. Ernst R u z i s k a haben beim Strafgericht in Innsbruck gegen einen ge* weissen Johann Schneider die Strafanzeige wegen Mordes an Max Halsmann erstattet. Johann Schneider hat sich seinerzeit im Laufe des Halsmann»Prozesses selbst des Mordes beschuldigt. Auf amtlichem Wege wurde jedoch damals sein Alibi nachgewiesen. Er wurde deshalb wegen Vorschubleistung für Philipp Halsmann und wegen Irreführung der Behörden zu vier Monaten Kerker verurteilt. Dies geschah, trotzdem er in seiher Darstellung Tatsachen vom Verbrechen er* wähnte, die im damaligen Stadium des Prozesses außen« stehenden Personen nicht bekannt sein konnten. Augen» blicklich ist Johann Schneiders Aufenthalt unbekannt. Durch die privaten Recherohen des Dr. Ruziska hat sich das amtlich beglaubigte Alibi Schneiders als unwahr her« ausgestellt. Dr. Ruziska wurde in seinen Recherchen vom Begründer der Paneuropa*Idee, Graf Coudenhove« K aler g i, und'dem berühmten Pariser Anwalt Maitre Henry T o r r es,- dem Verteidiger Schwarzbarts, aufs tatkräftigste unterstützt. Die in der Strafanzeige gegen Schneider angeführten Verdachtsmomente sind derart schwerwiegender Art, daß sie leicht zur Verurteilung Schneider» und Rehabilitierung Halsmanns führen können. Protestversammlung der Pariser Liga zur Bekämpfung des Antisemitismus gegen die Exzesse in Saloniki — Eine Rede Caillaux« gegen den Antisemitismus Paris, 27. Juli. Am Donnerstag fand in Paris eine von der Liga zur Bekämpfung des Antisemitismus einberufene Massenprotestversammlung gegen die judenfeindlichen Ausschreitungen in Saloniki statt. An der Versammlung nahmen über 8000 Personen teil. Ansprachen hielten der ehemalige französische Ministerpräsident Caillaux, Bernard Lecache, Rabbi Levi und eine Anzahl anderer hervorragender Redner, unter ihnen Mitglieder des /französischen Kabinetts. Besonders tiefen Eindruck machte die Rede des ehemaligen Ministerpräsidenten Caillaux, der die Behauptung aufstellte, Judenpogrome seien in der Regel Anzeichen eines bevorstehenden Krieges. Daher müsse jeder, der gegen den Krieg sei, auch den Antisemitismus als Ausdrucksform niedrigster menschlicher Instinkte bekämpfen. Mehrere Kommunisten, die während der Rede Caillaux Unruhen hervorzurufen versuchten, wurden aus dem Saal entfernt. Rembrandt-Kino "« Der Tonfilm, den jeder Jude gesehen haben muß DAVID GOLDER äill Weltkonferenz für Keren Tel Chaj. Basel, 26. Juli. Am Donnerstag, den 16. Juli, fand in Basel unter dem Vorsitz des Vertreters der Welt* leitung Wladimir Jabotinsky eine Beratung der Weltleitung des Keren Tel Chaj statt. Es re« federten über Wesen und Arbeitsmethoden des Keren* Tel*Chaj*Fonds die Herren Meir Grossman, Dr. Scheehtmann und Dr. Fcldschuh. Berichte erstatteten die Herren Mekmed (Palästina), Rabinowicz (Tschechoslowakei), Jachjnsohn (Rumänien), Heller (Italien), Discntschik (Lettland); Frau Dr. Lachmann (Deutschland), Ben Corin (Amerika), Prof. Rottmann, Lippmann, Klarmann (Polen) u. a. m. Der Anfang einer großen TekChajAVeltkampagne des Keren Tel Chaj wurde feierlich proklamiert. Eine größere Reihe von Län* dern wird demnächst von führenden Persönlichkeiten, u. a. von Robert Stricker, M. Grossman, Dr. Schecht* mann, Dr. Feldschuh, besucht werden. Verschärfte antisemHiscbe Propaganda in Polen „Gazetta Warszawska" macht die Juden für die Wirts schaftskrise verantwortlich Warschau, 25. Juli. Das Zentralorgan der national* demokratischen Partei, „Gazetta Warszwaska", hat in ihren beiden letzten Nummern Artikel veröffentlicht, die heftige Angriffe und ernste Drohungen gegen die jüdische Bevölkerung enthalten. In den von den national* demokratischen Führern Nowaczynsky und Prof. Rybarsky verfaßten Artikeln werden die Juden für die gegenwärtig schwierige ökonomische Lage in Polen verantwortlich ge* macht. Prof. Rybarsky erklärt, in den nationalen Kreisen Polens werde der Unmut über die Juden wachsen, wenn diese weiterhin die Politik der Regierung stützen. Wenn von der ^polnischen öffentlichen Meinung ein Feldzug, Bei Verdauungsschwäche, Blutarmut, Abmagerung, Bleichsucht, Drüsenerkrankungen, Hautausschlägen, Furunkeln regelt das natürliche „Franz-Josef"*Bitter* wasser vortrefflich die so wichtige Darmtätigkeit gegen die Juden eröffnet werde, so sei dies nur die natür* liehe Folge der jüdischen Politik in Polen. Die jüdische Gemeinde Refalowka hat den jüdischen Artikel, der als eine direkte Drohung gegen die Juden auf* gefaßt wird. Die Zeitungen weisen darauf hin, daß schon lange nicht so gehässige antisemitische Artikel in Polen veröffentlicht wurden. * Warschau, 26. Juli. Die jüdische Bevölkerung des Städtchens Refalowka in Wolhynien ist von lebhaften Befürchtungen wegen der möglichen Folgen einer a n t i« semitischen Hetzrede erfüllt, die der Orts* geistliche am letzten Sonntag gehalten hat. Der Geistliche behandelte in seinem Vortrag das Thema „Christliche Zivilisation und Bolschewis* m u s". Im Verlauf seiner Ausführungen erklärte er, Juden und Bolschwiken seien dasselbe. Die Juden, die Jesus getötet hätten, beabsichtigen, auch alle Christen zu töten. Der Geistliche, der vor kurzem heimlich Sowjetrußland besucht hat, erzählte, er habe selbst festgestellt, daß alle Kommissäre Juden sind. Am Schlüsse, seines Vortrags forderte er seine Zu« hörcr im Namen des Christentums und des polnischen Patriotismus auf, sich aller Juden zu entledigen, denn diese seien durchwegs „erbitterte Feinde Polens". Die jüdische Geminde Refalowka hat den jüdischen Klub im polnischen Sejm ersucht, gegen die Zulassung einer derartigen unverhüllten Pogrompropaganda bei den höheren Staatsbehörden Vorstellungen zu erheben. Eine Abordnung des jüdischen Sejmklubs hat daraufhin beim Kultusminister interveniert, Der Lodzer Wojwode verbietet Gemeindezuschüsse für jüdische Bildungszwecke Lodz, 26. Juli. Der Stadtrat von Lodz hatte vor kurzem aus Stadtmitteln größere Summen zur Erhaltung jüdischer Schulen und jüdischer Abend-Fortbildungskurse bewilligt. Der Wojwode von Lodz hat nun die Beschlüsse des Stadtrates annulliert und verfügt, daß die bewilligten Summen nicht zur Auszahlung gelangen sollen. Die neue Präsidentschaft der Warschauer Jüdischen Gemeinde Warschau, 24. Juli. Unter dem Vorsitz des Mis* rachi*Führers Heschel Färb st ein, bisherigen Präsi* denten der Warschauer Jüdischen Gemeinde und jetzigen Mitgliedes der Zionistischen Exekutive, fand eine Sitzung des neugewählten Vorstandes der Warschauer Jüdischen Gemeinde satt, in der die Wahl des Präsidiums der Gemeinde vorgenommen wurde. Bei den letzten Wahlen zur Repräsentantenversammlung der Warschauer Jüdischen Gemeinde haben bekanntlich die Agudisten so starke Fortschritte erzielt, daß es ihnen möglich wurde, mit einigen kleineren Gruppen einen Mehrheitsblock zu bilden und den maßgebenden Einfluß auf die Gemeinde zu gewinnen. Mit Hilfe der verbündeten Gruppen ver* fügt die Aguda auch in dem engeren Vorstand der Ge* meinde über eine knappe Mehrheit, die auch schon bei der Wahl des Präsidiums der Gemeinde in Aktion trat. Zum Präsidenten . der Warschauer Jüdischen Ge* Recht war so augenscheinlich auf sedten der Revisionisten, daß das Kongreßpräsidium die Abstimmung nicht zu End? führte, sich zu einer Beratung zurückzog und mit einer neuen Resolution wiederkam, die das A. C, verpflichtet, sich im Rahmen des Kongreßbeschlusses zu halten. Der ,iZwischenfaliM war nicht umsonst. Er vereitelte den, Versuch, Koalitionsbildungen zuliebe mit Kongreßibescbiüssen zu schachern. : III, . \ Das Ziel In der -'Aufzählung der „Zwischenfälle" verschwieg ich. jepe. stürmische Szene in der Nacht vom 12. auf den 13. Juli bei der Albstimmung über das Ziel des Zionismus. Ich ver^ebwieg sie bewußt. Da es unwahr und beleidigend Wäre.' das in die „Zwischenfälle** einzuordnen, \yas in^ jen^r N^cht geschah und was im Grunde ledigr lieb der .Ausbruch' der in den vorhergehenden Tagen angesammelten Spannung war. Schon am 6. Juli gelang es der revisionistischen Fraktion, einen Mehrheitsbeschluß zu erlangen, der die politische Kornindssion beauftragt» in erster Reihe die Resolution 'über das Ziel des Zionismus auszuarbeiten und dem Plenum zu unterbreiten. Im Laufe von sechs Tagen arbeitetei die Subkommission an dieser Resolution, Der Antrag der Revisionisten war einfach und klar: Judenstaat mit jüdischer Mehrheit zu beiden Seiten des Jordan. Aber gerade diese Eigenschaften des Antrages machten ihn für die Mehrheit der Kommission unannehmbar, Die Mehrheit einigte sich auf eine Formel, in der zwar das Wort „Judenstaat" nicht erwähnt wurde, d^für aber vbnfeiher jüdischen Mehrheit die Rede war; es kame.n nicht die Worte „beiderseits des Jordans" Vor, aber, es war die Rede von den „historischen Grenzen Palästinas". Die Revisionisten hatten ihre Stellung m «ii»er solchen Resolution noch nicht festgelegt, aber es wurde etwa folgender Weg ins Auge gefaßt: sie werden ihre Judenstaats-Resolution vorschlagen und nach deren Ablehnung für den Mehrheitsantrag der Kommission stimmen, der dann eine überwältigende Stimmenmehrheit gesichert war. Gegen sie würden nur die „Arbeiter** und die weizmannistische „Gruppe A" stimmen. ■; So war die Situation bis Samstag abends. Um 11 ,TJhr1 abends erschien Dr. Weizmann aüf einer zu diesem Zweck einberufenen gemeinsamen Sitzung der politischen Kommission und des Permanenzausschusses und hielt eine lange Rede, in der er mit allen Mitteln die Vertreter der Parteien einzuschüchtern versuchte und sie vor den Folgen warnte, die die Annahme einer Resolution über die Schaffung einer jüdischen Mehrheit in den historischen Grenzen Palästinas nach sich ziehen könnte. Diese Rede hatte, gegen alle Erwartung, nicht den erwünschten Effekt. Die Herren Locker, Arlösoroff, Blumenfeld u. a. hatten bereits im Laufe der vorhergehenden zwei Tage vor der Kommission die katastrophalen Folgen der Annahme einer solchen Resolution ausgemalt, so daß die Kommission schon daran gewöhnt war. Dr. Weizmann verließ die Sitzung unter allgemeinem Schweigen und Gleichgültigkeit.; ' Dann wurde die letzte, wirksamste Karte auf den Tisch geworfen. Mit aufgeregter Miene kam zum Vor« sitzendien Dr. Ringel, ein Delegierter aus Palästina gelaufen und brachte ein Telegramm, in dem zwei Führer einer sehr ehrenwerten und nützlichen Organisation von etwas ungewöhnlichem Charakter darum baten, der politischen Kommission mitzuteilen, daß die Annahme einer Resolution über das Ziel des Zionismus politisch gefährlich sei und unseren Feinden sehr bequeme Anlässe gebe ... •— Ein bestelltes Telegramm, — sagte sofort Robert Stricker. Die Linken ertwdertoo dieeoa Aimtmt mit einem Ausbruch ediler Entrüstung. Aber sie nützten das Telegramm weitgehend und erfolgreich aus. Ein bedeutender Teil der Vertreter der Allgemeinen Zionisten und des Misrachi, die noch vor einer Stunde, hart wie Stahl, auf der Resolution über die jüdische Mehrheit bestanden, wurden unsicher Und eingeschüchtert. Man hörte Ausrufe: „Wir dürfen nicht dos Leben der Frauen und Kinder aufs Spiel setzen!" — „Ich will noch leben!" schrie angsterfüllt ein Arbeiterführer. In einer rasch einberufenen Sitzung der Palästinenser wurde ein Revisionist fast verprügelt, weil er den Versuch machte, sich über die Authentizität und Beweiskraft des Telegramms skeptisch zu äußern. Es wurde beschlossen, den Waad Leumi telegraphisch anzufragen. Auf eine in besonderer Weise verfaßte Frage kam die entsprechende Antwort. Das Ziel war erreicht. Der Kongreß „hatte Angst*'. Die Resolution mit der Forderung nach einer jüdischen Mehrheit in den historischeu , Grenzen Palästinas wurde durch diesen unwürdigen Trick begraben. ' Diese Ereignisse waren ein offenes Geheimnis im Kongreß. Alle wußten, mit welch einem Manöver dieses Resultat erreicht wurde. Die einen waren darüber entrüstet, die anderen freuten sich über den gelungenen Trick. Und als die zionistische Judenstaatsresolution nicht zur Abstimmung zugelassen wurde, als die Kongreßmehrheit beschloß, über sie zur Tagesordnung tiberzugehen, — ■ machte sich die lange verhaltene Entrüstung in einer tief-aufrichtigen, erregten Manifestation Luft. Der linke Flügel des Kongresses verschärfte die Situation noch dadurch, daß er dem Vertreter der Revisionisten nicht die Möglichkeit gab, eine Erklärung abzugeben. Wie ein Mann verließen die Revisionisten den entweihten Kongreßsaal. Das war kein „Zwischenfall", -— es war ein erfrischendes Gewitter, das die Atmosphäre reinigte, — das die Ehre des politischen Zionismus rettete.