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Die neue Welt · 1931-07-24 · Heft 201 (24.7.1931) · page 7

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 201 (24.7.1931)
Date
1931-07-24
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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w*. m DIE NEüE WELT Seilet Jüdische Not in Polen. Dem Bericht des Zentralen Rettungskomitees für das Budgetjahr 1930/31 ist zu entnehmen, daß das Komitee 3260 Darlehen 2U 100 bis 500 Zloty im Gesamtbetrage von 721.727 Zloty, ferner 1786 kleinere Darlehen im Gesamtbetrage von 137.09i Zloty, schließlich 2022 Unterstützungen im Gesamtbetrage von 74.459 Zloty ausgegeben hat. Insgesamt wurden vom Rettungskomitee 6926 Familien, etwa ein Fünftel der Warschauer jüdischen Bevölkerung, durch Darlehen und Liebesgaben im Gesamtbetrage von 1,064.565 Zloty unterstützt. Das Pogromopfer von Radom. Im Warschauer jüdischen Spital verstarb Ascher Pinchas Litwak, der während des Pogroms in Radom schwere Verletzungen erlitten hatte. Auf Wunsch der Radomer jüdischen Gemeinde sollte der Tote nach Radom zur Bestattung überführt werden, die Polizei verbot aber die Ueberführung und ordnete an, daß der Tote in Warschau in aller Stille in der Nacht bestattet werde. Nur die engsten Familienangehörigen durften der Bestattung beiwohnen. Ein interessanter Ehesckeidungsprozeß Ist der Bruch des vor Eingehung einer Ehe ehren* wörtlich gegebenen Versprechens der Frau, zur j ü d;* sehen Religion des Mannes überzutreten, ein Ehe« scheidungsgrund oder nicht? Mit dieser Frage hatte sich das Reichsgericht in Leipzig zu befassen und entschied wörtlich so: „Die Weigerung der Frau, ihren Uebertritt zur mo« saischen Religion ihres Mannes zu vollziehen, ist weder als ein ehrloses oder unsittlicher Verhalten noch als eine Verletzung ehelicher Pflicht im Sinne des § 1568 BGB. anzusehen, auch wenn ein ehrenwörtliches Versprechen vorlag. Ein solcher Uebertritt ist eine ernste Sache, die reiflichster Ueberlegung bedarf und ohne schwere innere Kämpfe nicht abzuweisen ist. Das Versprechen, den Uebertritt vorzunehmen, ist viel leichter abgegeben, als zu erfüllen. Vermag die Frau, bei der offenbar schwere Bedenken aufgetaucht sind, das Versprechen nur zu er« füllen, indem sie ihrer Gewissenhaftigkeit Zwang antut, so kann in ihrer Weigerung ein schuldiges Verhalten, wie es für das Vorliegen eines Scheidungsgrundes erforderlich ist, nicht gesehen werden. E* ist weder ein ehrloses noch ein unsittliches Ver« halten, wenn sich jemand weigert, nur aus äußeren Grün« den ohne innere Ueberzeugung seine Religion zu wechseln." Schändung einer Synagoge in der Bukowina. Unerkannt gebliebene Täter sind in der Synagoge „Klaus" zu W iznitz eingebrochen, haben die Bundeslade zertrümmert, eine Thorarolle herausgenommen und sie mit Messern zerschnitten. Außerdem wurden Gebetbücher Verrissen und die Inneneinrichtung demoliert. 1 Synagogenschändung in Ostpreußen. Die Fenster der von der Synagogengemeinde Königsberg verwalteten Syp*fjoge im ostpreußischen Kurort Cranz wurden küralkh mit Steinen eingeworfen. Die Täter flüchteten, als Synagogenbeamte herbeieilten. Der Verdacht politischer Motive liegt nahe. Spanien und die §ephardi§chen Juden Erste amtliche Verlautbarung über die Stellung des neuen Spanien zur Judenfrage Kairo, 15. Juli. Das spanische Konsulat in Kairo hat im Auftrage seiner Regierung eine offizielle Erklärung veröffentlicht, in der die Haltung der spanischen Regierung gegenüber den außerhalb Spaniens lebenden sephardischen Juden festgelegt wird. Es wird erwartet, daß ähnliche Verlautbarungen demnächst in anderen großen sephardischen Zentren erlassen werden. Die Er« klärung des spanischen Konsulats lautet: Unter Berücksichtigung der Tatsache, daß im Zu« sammenhang mit der Errichtung der Republik in Spanien die Frage der sephardischen Juden neuerlich aufgeworfen wurde, wird hiemit verlautbart: 1. Das Edikt des Jahres 1492 über die Austrei* bung der Juden aus Spanien ist im Jahre 1812 außer Kraft getreten at seit damals erfolgt die Zulassung von Ausländern nach Spanien ohne Rücksicht auf Religion oder Nationalität. 2. Es hat in Spanien niemals eine rein antisemitische Bewegung gegeben; die Aus* treibung der Juden aus Spanien war eine Folge der Feind« schaft der herrschenden Landesreligion gegenüber allen anderen Religionen und nicht allein gegen das Judentum. 3. In* Jahre 1924 wurde ein Spezialgesetz veröffentlicht, durch das die Erwerbung der spanischen Bürgerschaft durch außerhalb Spaniens lebende spanische Juden erleich* tert wird, 4. Die republikanische Regierung hat mit beson* derer Befriedigung von dem spanischen Empfinden der sephardischen Juden Kenntnis genommen; die spanische Regierung kann indessen keinerlei Versprechun* gen bezüglich der Ermutigung einer jüdi* sehen Massenrückwanderung nach Spanien oder der Schaffung eines neuen National« i; für die sephardische Judenheit ihn Spanien machen, da dies auf Grund der Ökonom!« sehen Lage des Landes unmöglich ist. 5. Die Regierung, die keinerlei religiöse Färbung hat, ist daran interessiert, daß die spanischen Juden ihre Verbundenheit mit Spanien mit Hilfe der spanischen Sprache und der spanischen Kultur aufrechterhalten; zu diesem Zwecke werden hier (in Kairo) eigene Klassen zum Unterricht In deff spanischen Sprache und Kultur eröffnet werden, ferner wird eine eigene Zeitung in der ton den sephat* dischen Juden noch immer gesprochene kastiHani* sehen Sprache herausgegeben werden. Industrie m Palästina Eine nicht gehaltene Kongrellrede Von Leo Schoner, Vertreter der Manufacturers Association of Palesfine Wir haben in einer Reihe von Aufsätzen auf die Bedeutung einer Industrie für den Aufbau Palästinas hingewiesen und gleichzeitig aufgezeigt, in welchem Maße die Vernachlässigung dieser Frage seitens der kompetenten Faktoren sich zuungunsten des Wirtschaftslebens Palästinas und der jüdischen Einwanderung ausgewirkt hat. In Basel wurde der Frage der Industrie ein gewisses Maß von Aufmerksamkeit geschenkt. Herr Leo Schöner, ein führender Fachmann auf industriellem Gebiet in Palästina, hielt im Rahmen der revisionistischen Parteikonferenz in Basel ein Referat, das alle wesentlichen Punkte oiner Industricentwicklung erschöpfend behandelt. Diese „nicht gehaltene Kongreßrede" veröffentlichen wir hiemit in zwei Teilen. Als es hieß, daß der Kongreß im Februar dieses Jahres stattfanden soll, schrieb unser Verband an die Zionistische Exekutive in London und verlangte ein Referat über „Industrie" auf dem Kongreß. Die Exekutive antwortete uns, daß dieses Referat bereits Herrn H o o f i e n, Generaldirektor der Anglo-Palästina-Bank, übertragen wurde und ersuchte uns, wir mögen uns mit Herrn Hoofien ins Einvernehmen setzen. Wir taten dies auch. Vierzehn Tage vor Eröffnung dieses Kongresses teilte uns Herr Hoofien mit, es wäre ihm unmöglich, zum Kongreß zu fahren und es werde das Finanzreferat vom ArbeiterfüJirer Dr. Arloöoroff gehalten werden, der auch über Industrie in Palästina sprechen werde. Die Exekutive fand es nicht notwendig, üsber Industrie-Angelegenheiten einen berufenen Vertreter sprechen zu lassen, sondern übertrug ein derart wichtiges Referat einem Vertreter der Arbeiter-Partei, der in Industrie-Angelegenheiten Palästinas herzlich wenig Bescheid weiß\ Unser Verband sandte trotzdem einen Vertreter zum Kongreß, weil wir der festen Ueberzeugung sind, daß dieser Kongreß einen Wendepunkt in der zionistischen und jüdischen Geschichte bringen und die Methoden des ökonomischen Aufbaues Erez Israels ändern wird. Wenn ein europäischer oder amerikanischer Zionist in den Versammlungen hört oder in den Zeitungen liest, daß eine Industrie in Erez Israel entstanden ist, ist er bestimmt der Meinung, daß diese Industrie mit Hilfe der zionistischen Organisation entstanden ist und von den zionistischen Fonds gefördert, vorwärts- und aufwärtsgebracht wird. Ich bedaure es außerordentlich, Ihnen mitteilen zu müssen, daß dies durchaus nicht der Fall ist. Die jüdische Industrie in Erez Israel ist durch Privatinitiative entstanden, mit unserem eigenen Gelde, mit unserer eigenen Kraft und unserer eigenen Energie gegen den Willen einer judennnd industriefeindlichen Regierung und gegen den Willen einer industrie-unfreundlichen Exekutive. Die Exekutive hat nicht das geringste Verständnis für industrielle Entwicklung im Lande aufgebracht Der Grund hiefür liegt wohl hauptsächlich darin, daß unsere zionistischen Führer seit Jahrzehnten nur auf landwirtschaftliche Kolonisation eingestellt sind. Es ist uns als Kaufleuten unerklärlich, warum wir Juden, die wir fast hundert Prozent ein Industrie- und Handelsvolk sind, ausgerechnet ein hundertprozentiges Agrarvolk in Palästina werden sollen, während England sich mit einer landwirtschaftlichen Bevölkerung von 12V* Prozent begnügt, Deutschland mit 35 Prozent, das ausgesprochene Agrarland Ungarn mit 70 Prozent. Es ist uns unerklärlich, wie Menschen mit normalem Verstand sich nicht ausrechnen konnten, daß wir auch in tausend Jahren nicht die Summe aufbringen werden, die nötig ist, um auf der Basis der sogenannten nationalen Kolonisation in Erez Israel eine Massensiedlung auf landwirtschaftlicher Basis zu machen. Der Grund liegt wohl darin, daß, als nach dem Kriege Sozialismus Mode war, die Führer unserer Bewegung vergessen hahen, was eigentlich der Zweck des Zionismus ist. Man lehnte jede industrielle Entwicklung ab, verweigerte jede Hilfe und überließ das Gebiet der industriellen Entwicklung der Tüchtigkeit des Einzelnen und seiner Liebe zu Erez Israel Fast das gesamte Geld, das durch den Keren. Hajessod und Keren Kajemeth nach Palästina gebracht wurde, wurde für Zwecke eines sozialistischen Experimentes ausgegeben und wir können es sagen: „Der Zionismus der letzten zehn Jahre ist ein« Angelegenheit 4er „Unken", bezahlt von der «Rechten**, ohne daß es diese Rechte bisher gemerkt hat.** Auf unsere Wünsche, uns im industriellen Aufbau n helfen, wurde geantwortet, daß Palästina ein Land ohne Kohlen und Eisen sei nnd eine industrielle Entwicklung daher nicht möglich ist In einer Versammlung der Fabrikanten vor i1/« Jahren mit dem Direktor- Stellvertreter des Departements für Handel, Industrie und Zölle, fragte uns Herr Filleson, was wir eigentlich wollen, was unser Verlangen nach Zollbefreiung von Rohstoffen und Schutzzöllen soll, da doch die zionistische Exekutive selbst sage, daß eine industrielle Entwicklung in Erez Israel nicht möglich sei. Unsere Exekutive schuf ein Schlagwort „ChalnzM und vergaß ganz, daß Chaiuziut Pionierarbeit ist und daß gerade die Industriellen im Lande Pionierarbeit auf eigene Kosten geleistet haben wie kaum jemand. Es ist mir unerklärlich, wie unser Präsident in seinem Referat es fertig bringen konnte, zu sagen, alles was im Lande geleistet wurde, sei mit Hilfe der nationalen Fonds geschehen. Wenn ich das nicht selbst gehört hätte, würde ich nicht glauben, daß ein Präsident der Zionistischen Organisation eine derartige Behauptung aufstellen kann. Es gibt im Lande zwei Dinge, die lebensfähig, durch Privatinitiative entstanden sind, fast ohne jede Hilfe der Exekutive und der nationalen Fonds. Diese Dinge sind Plantagen Wirtschaft und Industrie. Beide Wirtschaftszweige ernähren fast zwei Drittel des Jischuw. Wie paßt das zu der Behauptung des Präsidenten, daß alles, was im Lande geschaffen wurde, mit Hilfe der nationalen Fonds geschehen ist? Unser Präsident hätte wohl sagen müssen, alles was er auf seiner letzten Reise in Erez Israel gesehen habe, sei durch die nationalen Fonds geschaffen worden. Denn bei seiner letzten Anwesenheit in Palästina hatten der Präsident unseres Verbandes und unser Vizepräsident eine Unterredung mit Herrn Dr. Weizmann und überreichten ihm ein Memorandum über die Lage unserer Industrie, unsere Wünsche und Beschwerden, Ich weiß nicht, in welcher Manteltasche unser Präsident dieses Memorandum gelassen hat. Es war verabredet, daß Herr Präsident Weizmann mehrere Fabriken besuchen soll, um sich von der Existenz der Industrie zu überzeugen. Als unsere Herren bei Weizmann erschienen, um ihn zum Besuche der Fabriken abzuholen, erklärte er, er habe keine Zeit. Unser Präsident hat wohl alle Kwuzoth und alle Hühnerställe der nationalen Kolonisation besucht, fand es aber nicht der Mühe wert, auch nnr eine Fabrik zu besichtigen, um sich von der Existenz einer Industrie zu überzeugen. Aus diesem Referat hat man die ganze Einstellung der Exekutive zur Privatinitiative ersehen, ebenso ans der Rede des Arbeiterführers Berl Locker. Unsere Exekutive hat es verstanden, den amerikanischen Geldgebern einzureden, daß die Förderung von Industrie und Handel der Privatinitiative zu überlassen sei und die nationalen Fonds nichts damit zu tun haben. Ja, Privatinitiative hat wohl Fabriken geschaffen, Privatinitiative ernährt wohl fast zwei Drittel der jüdischen Bevölkerung des Landes, aber es gibt Dinge, bei denen auch bei der Industrie die Privatinitiative aufhört, wo die nationalen Pflichten beginnen. Eine nationale Aufgabe ist es, für die Industrie ausländische Märkte zu erobern, eine nationale Pflicht ist es, eine Handelsagentur im Auslande zu errichten, z. B. in Syrien, Aegypten, Irak, Südafrika, Indien. Eine nationale Pflicht ist es, Exportprämien zu geben, um der Industrie zu erleichtern, in den Konkurrenzkampf mit der ausländischen Industrie zu treten und in die Markte der orientalischen Nachbarländer einzudringen. Für diese nationalen Pflichten haben weder unsere Exekutive, noch unsere Fonds irgendwelches Verständnis gezeigt. Als die ersten Waren unserer Produktion auf dem jüdischen Markt erschienen, wurden wir verlacht und verspottet, weil die Qualität noch nicht den europäischen Qualitäten standhalten konnte. Aber es fiel keinem unserer leitenden Herren ein, einzusehen, daß wir selbst es waren, welche aus eigenem tausende von Pfunden geopfert halben, um aus jüdischen Arbeitern, die nie in ihrem Leben ein Fach gelernt hatten, Facharbeiter zu machen, damit sie in der Industrie ihr Brot finden. Auch Hilfe in, diesem Falle seitens der Exekutive wäre eine nationale Pflicht gewesen. Doch haben wir nichts von dieser Pflicht gemerkt. Es hat ungeheures ,Geld gekostet, in dqn jüdischen Markt einzudringen; es hat ungeheures Geld, Mühe und Energie gekostet, um in den arabischen Markt einzudringen. In diesem Kampf um die Märkte standen wir vollkommen verlassen und einsam da. Diese Körperschaften, deren Pflicht es gewesen wäre, uns in unserem schweren Kampf um unsere Existenz und die Schuffung einer 6

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