Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 201 (24.7.1931)
- Date
- 1931-07-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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SflRc 6 DIE NEUE WELT N&M In Heiratsangelegenheiten wenden Sie sich mit Vei trauen an M. L. Schlesinger, Wien, II., Gr. Mohrengaiee 28/27 Telephon A*46*ft>00 Seriös, diskret, Beziehungen zu den besten Kreisen. von Herzl angetrieben, das Werk zu beginnen. Mit einigen Briefmarken und ein paar Sammelbüchsen sollte das Land aufgebaut werden. Und nun sitzt Ussischkin im Lande selbst, mit einem Stab fernster Arbeitsgenossen in einem monumentalen Gebäude, um mit granitener Hartköpfigkeit in die Wirklichkeit zu übersetzen, was in Basel und in Wien halb träumend begonnen wurde. Als ich vom Toten Meere nach Jerusalem hinaufkam, Tränen im Herzen, leuchtende Freude in den Augen, bei Novomeisky saß, da erzählte ich viel von Theodor Herzl. Auch darüber sprach ich, daß man uns, seinen alten Freunden, vorwirft, wir hätten ihn als Propheten proklamiert. Da sagte dieser Mann der Tat, dieser grandiose Willensmensch, der zehn Jahre lang am Plan und an der Erlangung der Konzession zur Erschließung des Toten Meeres gearbeitet hatte. Da sagte er ruhig und unpathetisch, wie es seine Art ist: „Aber Herzl war doch ein Prophet" Wann aber haben die Zeitgenossen einen Propheten verstanden? Ein neuer Oberkommferör für Palästina Zum Nachfolger des gegenwärtigen britischen High Commissioners von Palästina, Sir John C h a nee 11 or, wurde GeneralGrenfell Wauchöpe bestimmt. General Wauchope, der sein neues Amt als palästinensischer Oberkommissar ain 1. November antreten soll, ist eine Persönlichkeit der englischen Generalität. Während des Weltkrieges befehligte er eine englische Heeresgruppe an der französischen Front und wurde mehrere Male verwundet. Später war er Militärkommandant von Nord-Irland. In den Jahren 1924 bis 1927 war er Chef der britischen Sektion der Internationalen A brüst im gskommission in Berlin. < ■ * ,•:- „Manchester Guardian*4 gibt in einem längeren Leitartikel einen Ueberblick über die Ergebnisse des XVII. Zionistenkongresses und nimmt im Zusammenhang damit auch zur Ernennung General Arthur Grenfell Wauchopes zum High Commissiöner für Palästina Stellung. Das Blatt erblickt darin; daß General Wauchope an die Stelle Sir Johü Chancellors treten soll und C. H. Luke nach Malta transferiert wurde, einen „fast vollständigen Wechsel im] höheren Personal der P a 1 äs t in ä -V e r w a 11 u ng". Welche Ergebnisse dieser Wechsel zeitigen werde, bleibe noch abzuwarten, doch sei zu hoffen, daß General Wauöhope der Palästina-Verwaltung ihre Pflichten gegenüber dem Aufbau des jüdischen Nationalheims klar machen und damit der gegenwärtigen Tendenz vieler Beamten der Palästina-Regierüng, alles beim Alten zu lassen, ein Ende bereiten werde. Diese Beamten, schreibt das Blatt, zeigen wenig Interesse für das einzigartige zionistische Experiment und sind der Ansicht, daß der allgemeine Zug der britischen Politik dahin gehe, den Gedanken des jüdischen Nationalheime allmählich fallen zu lassen. „Manchester Guardian" weist darauf hin, daß das Wesen der Errichtung des jüdischen Nationalheims in einer Verstärkung der jüdischen Einwanderung besteht, und stellt dieser Tatsache die Tendenz der Palästina-Verwaltung gegenüber, jeden neuen jüdischen Einwanderer als neue Komplikation eines ohnehin schon schwierigen Problems zu betrachten. Das Anwachsen der Opposition innerhalb des Zionismus sollte für die britische Regierung eine heilsame Warnung sein. Die Mitglieder des Zionistenkongresses kämen aus allen Teilen der zivilisierten Welt. Die Delegierten hätten daher keine direkte Beziehung zur britischen Regierung und kein Gefühl einer traditionellen Loyalität gegenüber England. Wir können ihnen gegenüber keine Autorität geltend machen und nicht Gehorsam von ihnen fordern; wir haben vielmehr zu versuchen, uns ihr Vertrauen zu erhalten. Das Blatt kommt zu dem Schluß, . daß es besser wäre, die Durchführung des Experimente« in Palfigtina ' dein Äußienamt anzuvertrauen, da die Lage höchst kompliziert und mit keiner Sache zu vergleichen sei, in der das Kolonialamt oder seine Beamten, die das Rückgrat der Palästina- Verwaltung bilden, irgend welche Erfahrung haben. Aber auch im gegenwärtigen Rahmen deii'Palästina-Ver- 1 " 1 1 ■ "..w '.' "' ' 1 "Jl""" PH» HANS KAISER■ ORDI NIE RT BAD HALL HAUPTPLATZ waltung seien sofortige Reformern durchzuführen. * Anra. d. Red.: Bemerkenswert M, daß die britische Regierung auch diesmal die Jcwish Agency vor eine vollendete Tatsache gestellt hat. Die Agency erfuhr von der Ernennung des neuen Oberkommfesärs dnreh einen Bericht der J. T. A. Der Landentwicklungsdirektor fir Palästina ernannt London, 19. Juli. (J. T. A.) Zum Undentwieklungs* direktor für Palästina, dem die Durchführung des neuen Development Scheme obliegen wird, ist Louis Freneh ernannt worden. Prench war bisher im Indian Civil Service tätig« Die Lage in Saloniki Bevorstehende Hilfsmaßnahmen. Seit der Nacht vom 8. zum 9. Juli, m der eine Rotte Nationalisten einen Angriff auf eine Synagoge im Campbell'Viertel, in der etwa 50 durch den Brand ob« dachlos gewordene jüdische Familien untergebracht waren, ausführte und sämtliche Fensterscheiben oinschlug, ist in Saloniki die Ruhe nicht wesentlich gestört worden. Der Gouverneur von Saloniki, General Gonatas, hat den Präsidenten der Jüdischen Gemeinde, Herrn Benu« sigliu, verständigt, daß die Regierung weitere Hilfsmaßnahmen für die jüdische Bevölke» rung in Erwägung ziehe. Der Anordnung des General« gouverneurs Gonatas gemäß enthalten sich die jüdischen und die griechischen Zeitungen Salonikis jeden Kommen« tars über die Unruhen Und bringen keine Nachrichten über Ausschreitungen. Dagegen haben sämtliche Salonikier, wie übrigens auch alle. griechischen Zeitungen das vom Mini« sterpräsidenten Venizelos der Jüdischen Telegraphen* Agentur nach London gesandte Telegramm veröffentlicht. Katastrophale Wohnungsnot Die Niederbrennung des jüdischen Stadtviertels Campbell durch die griechischen Nationalisten, wo« durch einige hundert jüdische Familien obdachlos ge« worden sind, hat das seit dem Riesenbrande in Saloniki im Jahre 1917 latente Problem der jüdischen Wohnungs« not in Saloniki wieder akut werden lassen. Der neue Stadtbauplan von Saloniki sieht die Niederreißung der Reste der damals verbrannten Häuser und der elenden Wohnbaracken vor, so daß die Jüdische Gemeinde Salo* niki jetzt vor der Notwendigkeit steht, für etwa 1500 jüdische Familien Wohnungen zu beschaffen. Stellungnahme der Berliner jüdischen Gemeinde Die Jüdische'Volkspartei hat in der Reprä« sentantenversarjmlung der jüdischen Gemeinde Berlin zu den Vorgängen in Saloniki durch folgende Resolution Stellung genommen: „Mit Empörung gegen die Täter und voll tiefem Mitgefühl für die Betroffenen hat die Judenheit der Welt von den pogromartigen Ausschreitungen gegen die Juden* schaft Salonikis Kenntnis erhalten. Derselbe Ungeist chau* vinistischer Verhetzung, der an den deutschen Hoch« schulen gegen die jüdischen Studierenden sich wendet, der an der Wiener Universität zu blutigen Schlägereien ge* führt hat, ist mit brutaler Gewalt über unsere Brüder in Griechenland hergefallen. Die Jüdische Gemeinde Berlin, getreu ihren Traditionen, erhebt ihre Stimme zu einem feierlichen Protest vor der gesamten Kulturwelt und ver* sichert die griechische Judenheit ihrer tiefempfundenen Solidarität. Den Opfern der Ausschreitungen stellt sie nach Maßgabe ihres Könnens einen Betrag für die erste Hilfe* leistung zur Verfügung. Ferner beauftragte die Berliner Jüdische Gemeinde ihre Vertreter im Rate des Preußischen Landesverbandes, den Landesverband zur Intervention beim deutschen Aus* wärtigen Amt zugunsten der griechischen Juden zu ver« anlassen. Vorfälle wie die in Saloniki, deren Urheber sich überdies mit politischen Gesichtspunkten zu rechtfertige!} suchen, sind besonders in ihrer, Wiederholung geeignet, Haß zwischen den Nationen zu säen, und das. schlechte Beispiel kann jederzeit jeden Minderheitsteil eines jeden Volkes aufs äußerste gefährden. Es liegt daher auf der Linie der deutschen auswärtigen Politik, gegen Vorfälle, wie die von Saloniki* vor der Welt öffentlich Stellung zu nehmen. Die Fraktion der Jüdischen Volkspartei. Gezeichnet: Dr. K1 e e, B e r g er, R a u." , Antisemitische Hochschultendenzen in Frankreich. Laut Beschluß des französischen Unterrichtsministers wird von nun an den in Frankreich inskribierten rumänischen Studenten das Staatsdiplom der Medizin nicht mehr gewährt werden. In Frankreich studierende rumänische Studenten der Medizin werden sich nur noch um das Universitätsdiplom bewerben können. Einer geringen Anzahl rumänischer Studenten wird alljährlich nach Beendigung ihres Studiums von einer besonderen Kommission das Recht erteilt werden, das Staatsdiplom zu erhalten. Die Rechte der Medizinstudenten, die bereits vor dem Erlasse das Diplom erhalten haben, bleiben gewahrt Mit dieser Verordnung des Unterrichtsministeriums, durch die hauptsächlich jüdische Studenten aus Rumänien, die wegen des dort eingeführten Numerus clausus sich in ihrer Heimat dem Studium nicht widmen konnten und daher französische Universitäten Restauration Lasar VII, Andreasgaste 8 (Eoke MarlahllferttraBe 84-86) Autobus und Straßenbahnhaltestelle, Linien: L, M, 51, 52, 58 und 59 verabreicht die besten Speisen zu besonders billigen Preisen lln Versuch macht tum Stammgast! aufgesucht haben, betroffen werden, ist eine Angelegenheit zum Abschluß gelangt, die seit längerer Zeif die jüdische öffentliche Meinung lebhaft beschäftigte. Die Aktion zur Aufhebung der bisherigen Privilegien für rumänische Studierende in Frankreich wurde bekanntlich vom Dekan der Pariser medizinischen Fakultät, Prof. Balthazard, in einem viel kommentierten Schreiben an das rumänische Unterrichtsministerium eingeleitet. In jüdisch-studentischen Kreisen wird befürchtet, daß bei Auswahl der zur Erlangung der Staatsdiplome berechtigten Absolventen sich antisemitische Tendenzen geltend machen werden. Ein jüdischer Gedenktag in der Schweiz. Am 15. Juli sind 7 5 Jahre vergangen, seitdem der erste entscheidende Schritt zur Emanzipation der Juden in der Schweiz getan wurde. Am 15. Juli 1856 faßte der Ständerat den Auslegungsbeschluß zur Verfassung von 1848, daß den Juden das Recht der freien Ausübung der politischen Rechte im Heimatkanton sowie des freien Kaufs und Verkaufs zugestanden werden solle. Der National rat schloß sich diesem Beschluß an. Eine jüdische Genossenschaftsbank in Chemnitz. In Chemnitz i. Sa. wurde am 14. Juli die Gründung einer „V o 1 k s b a n k I w r i a e. G. m. b. H.** vollzogen. Der Aufsichtsrat der Bank besteht aus den Herren Jacob Mirski, als Vorsitzendem, Isomer Schwebel, als stellvertretendem Vorsitzenden, Max Baumöhl, Joseph Salem, Direktor Konstantin Apter und Dr. med. Paul Holzer. Zum Vorstand wurde Rudolf Weißknopf gewählt.1 Die Bank wird in der allernächsten Zeit mit ihrer Tätigkeit beginnen. Em Arrangeur des Polnaer Ritnalmordprozesaes gestorben. Vor wenigen Tagen ist in Wien der ehemalige Stadtrat Arnold Schwer gestorben. Zur Zeit des Hilsner-Prozesses war Schwer Redakteur des damaligen Hauptorgans der Christlidisozialen Parten Oesterreichs, „Deutschee Volkeblatt", und in dieser Eigenschaft Berichterstatter über den Prozeß. Er weilte monatelang am Tatorte und inszenierte die ganze Hetze. Er bearbeitete die Zeugen, terrorisierte die Richter und Geschworenen. Auch die Hetze gegen den damaligen Professor und jetzigen Präsidenten der tschechischen Republik M a s a r y k, welcher für die Unschuld Hilsners eintrat und demzufolge das verhetzte. Böhmen verlassen mußte, war zum guten Teile auf das Konto Schwers zu buchen. Diese Aktion, welche von den traurigsten Folgen begleitet war, madite den bisher unbekannten Journalisten zu einer der Hauptfiguren der damals scharf antisemitischen Lueger-Partei. Er wurde Gemeinderat, dann Stadtrat von Wien, Referent für Feuerwehr- und Kunstwesen usw. Eine Gemeindeverwaltung in Sowjetroßland wegen antisemitischer Maßnahmen aufgelöst . Moskau, 15, Juli. (J. T. A.) Die Gemeindeverwaltung der Stadt Derbcnt in der Sowjetrepublik Daghestan wurde weden antisemitischer Maßnahmen gegen die jüdische Ortsbevölkerung aufgelöst. Mehrere Ge* meindebeamte werden sich wegen antisemitischer Ver« fügungen vor Gericht zu verantworten haben. Vor einge« ger Zeit hatten sich Spekulanten die in der Stadt einge* tretene Knappheit an Petroleum zunutze gemacht, . um durch Aufkauf aller erreichbaren Petroleummengen Preis« erhöhungen herbeizuführen. Daraufhin wurde zum Zweck der Beschlagnahme der unrechtmäßig angesammelten Petroleumvorräte eine Hausdurchsuchung bei allen Nep* leuten angeordnet. Die Leiter der Polizei und der Feuer« wehr, die mit der Durchführung dieser Maßnahme be* traut waren, beschränkten jedoch die Hausdurchsuchung gen auf das jüdische Stadtviertel Magale. Der Staatsanwalt Matakoff, an den sich die Juden der Stadt mit einem Protest gegen dieses einseitige Vor* gehen der Behörden wandten, lehnte jedes Einschreiten ab. Auf eine Beschwerde der Juden hin führte das Kreis« amt der kommunistischen Partei eine Untersuchung durch und verkündete auf Grund der Ergebnisse dieser Unter« suchung folgenden Beschluß: Im Hinblick darauf, daß es Nepleute und Speku« lanten in allen Klassen der Bevölkerung von Derbent gibt, bedeutete die Einschränkung der Hausdurch« suchungen auf das jüdische Viertel eine unverdiente Stigmatisierung der Juden von Daghestan. Das Vorgehen der Stadtbehörden ist konterrevolutionär, weil es die wahre Aufgabe, den Kampf gegen Spekulanten ohne Rücksicht auf ihre Rassenzugehörigkeit, ver* dunkelt. Alle Mitglieder des Stadtrates werden daher ihrer Stellung enthoben. Dem Staatsanwalt Matakoff wird die Mißbilligung ausgesprochen. Seine Versetzung wird empfohlen.