Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 201 (24.7.1931)
- Date
- 1931-07-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 201 DIE NEUE WELT Settel ~r\ ECKSTEIN'S FAMILIEN PENSION Restauration, Kaffeahaus / Täglich S-ühr-Tae Telephon 11,Hoohatra aeben Hotel Panhant SEMMERING Te'e|,hp-"-1 ^j?İ.h*|,,|,Be43 Mäßige Preise, vorzügliche Küche, Zimmer mit Pension S 12.— aufwärts. Zentralheizung, fließendes Warm¬ und Kaltwasser in jedem Zimmer. / Auskunft unter Telephon U-27-6-24 nicht nur das, was bereits existiert, zu stärken, sondern dem neue Unternehmungen hinzufügen. Die Verwirklichung des Planes der Ansiedlung von 1000 Familien, der vor kurzem beschlossen wurde, wird eine unserer ersten Bemühungen sein. Gleichzeitig und nicht minder wichtig ist die Notwendigkeit der Vollendung und Konsolidierung bestehender Siedlungen auf jede mögliche Weise. In diesem Zusammenhang will ich gerne feststellen, daß wir trotz der Schwierigkeiten, die sich uns bezüglich der Finanzen entgegenstellen, hauptsächlich in Verbindung mit der Weltkrise, die immer größere Formen annimmt, Fortschritte gemacht haben, und zwar in einer Weise, die leider nicht genügend von der öffentlichen Meinung beachtet werden. Was ich noch bemerken möchte, ist, daß unsere arbeitende Bevölkerung in Palästina sich immer mehr akklimatisiert; sie hat viel gelernt und Erfahrungen gewonnen. Ganz unabhängig vom quantitativen Wachstum und dem Umfang des Fortschritts haben wir sicherlich an Qualität gewonnen. Nicht nur haben unsere Pioniere viel gelernt; auch unsere Jugend in Palästina, im Gegensatz zu den Pionieren der ersten Periode, hat sich mehr angepaßt an das Werk in Erez Israel. Sie sind wirkliche Palästinenser geworden im besten zionistischen Sinn des Wortes. Ich hoffe, daß die Juden der ganzen Welt trotz allen Schwierigkeiten nach dem Maximum ihres Könnens Anteil nehmen werden ., an dem Werk der Konsolidierung. Hauptsächlich müssen unsere zwei großen Fonds, der Nationalfonds und der Keren Hajessod, gestärkt werden. Wir werden eine neue Anstrengung machen müssen, unsere Brüder in jedem Teil des Globus für diese große und heilige Aufgabe des jüdischen Volkes zur Sicherung seiner Position in Palästina zu einigen. Ich hoffe auch, daß ich auf die jüdische Mittelklasse zählen kann, für die Privatinitiative und verschiedene Unternehmungen, hauptsächlich auf dem Gebiet der Heim- und Kleinindustrie, von der die Erfahrung lehrt, daß sie erfolgreich war. Wir werden ernste Bemühungen machen, solchen Unternehmungen nach bestem Können mit Rat zu helfen. Ich bin kein Freund von zusammengestückelten und oberflächlichen Friedensdeklarationen, ich werde Ausschau halten nach einem wirklichen Frieden zwischen dem jüdischen Nationnlheim nnd den nichtjüdischen Gemeinschaften Palästinas, sobald unsere Gegner ihre Obstruktionspolitik aufgeben und zur Einsicht gelangen, daß ihre Proteste gegen das Mandat fruchtlos sind und unser Werk mehr im allgemeinen Interesse des Landes als in unserem eigenen liegt. Sobald sie einsehen werden, daß das Mandat eine internationale Verpflichtung darstellt und nicht widerrufen werden kann, wird der Weg für eine gegenseitige Verständignng offen sein. Die Möglichkeit einer gegenseitigen Verständigung wird durch eine Kooperation auf ökonomischem Gebiet erleichtert. Die nichtjüdischen Gemeinschaften werden finden, daß sie sich nicht von uns isolieren können, wie auch wir uns von ihnen nicht isolieren können. Wenn wir zu solch praktischen Dingen gemeinsam schreiten werden, werden wir einander viel näher kommen. Die politische Propaganda wirkt sich aus dem Grunde des Mangels an ökonomischer Zusammenarbeit aus. Ich zweifle daran, daß eine wirklich rasche Entwicklung in bezug auf den Landentwicklungsplan in naher Zukunft vor sich gehen wird. Es kann sein, daß die Dinge wegen der Einsetzung des neuen High Commissioners eine Zeit ruhen werden, bis dieser Orientierung erlangt." Auf die innere zionistische Politik übergehend, sagte Nahnm Sokolow, er habe den Eindruck, daß ein Mißverständnis zwischen den verschiedenen zionistischen Parteien zu obwalten scheine. Es scheint die Meinung zu herrschen, daß wir Herzls Konzeption des Zionismus aufgegeben haben und daß wir den Zionismus zu verkrüppeln versuchen, ihn zu einem kleinen Kolonisationswerk herabmindern. Das ist nicht der Fall. Wir werden uns bemühen, jedem Zionisten klarzumachen, daß es keine wirkliche Trennung zwischen den fundamentalen Prinzipien Herzls und den unseren gibt. Warum wir Theodor Herzl nadit versfanden haben Von Heinrich York-Steiner Mitten in den 17. Zionistenkongreß fiel der Todestag Theodor Herzls. Eine Mahnung an seine Ideen und sein Werk muß nicht kalendarisch verknüpft sein. Darum werden Worte des Gedenkens, besonders aus der Feder York-Steiners, auch heute nichts an ihrer Aktualität einbüßen. Heinrich York-Steiner, einer der ersten und ältesten Mitarbeiter Theodor Herzls, hat auf Grund seiner zionistischen Vergangenheit und Gegenwart das Recht, der zionistischen Welt das prophetische Antlitz Herzls entgegenzustellen, gerade in * den Tagen, da der ewige Judenstaatsgedanke wieder einmal im Mittelpunkt der Diskussion um das Endziel des Zionismus, um die Lösung der Judenfrage, stand. Jahre der Einsamkeit, stets Gedenken, Sinnen und Grübeln, stille Vorwürfe und qualvolle Selbstzerfleischung: Warum haben manche von uns, selbst die Besten, Herzl zu Lebzeiten gequält, und wie kam es,, daß er mir in einer Minute des Zwiespaltes zurief: „Ich weiß, daß Sie mir gut und treu ergeben sind, aber Sie verstehen mich nicht." In gesteigerter Bitterkeit, mit ungewohnter Heftigkeit: „Keine^ von euch versteht mich." Bei meiner dritten Reise durch Erez Israeli ist es mir klar geworden: in jenen aufwühlenden Stunden, da ich goldig leuchtende Orangengärten sah in weit dahingedehuten Flächen, die ich vor zwanzig Jahren mit Unkraut besät und mit Disteln bewachsen gefunden hatte. In beglückenden Tagen auf gebahnten Straßen, grünende Aecker in Tälern durcheilend, die damals versumpft und vereinsamt abseits vom Wege dorrten, in Siedlungen und verkehrsbewegten städtischen Straßen, die ich als kabie Dünen gesehen. hatte — da begann ich zu verstehen. Herzl hat aber mit seinem inneren Gesicht dies und noch mehr gesehen — gesehen, nicht nur geahnt. Das aljes,. was uns .tausendfältige Kleinarbeit, Opferbereitschaft vqh Brüdern und Schwestern aus vieler Herren Länder, körperliche Hingabe von Zehntausenden in arbeitsvollen Jahrzehnten, Stück um Stück aufgebaut wird, das hat Theodor Herzl als bestehend behandelt und besprochen. Pas mußte ganz von selbst Konflikte mit uns allen hervorrufen, die wir in der Wirklichkeit des Tages lebten und in dieser an seinen Plänen mitarbeiten sollten, Heute kann man beginnen, ihn zu verstehen. Er sah die kleinen Hindernisse nicht, wir nicht die .Weite seiner Ziele, Theodor; Herzl war seiner Zeit weit voraus, ein Mann der Zukunft im Jahre 1896, einer der ersten wahrhaft modernen Menschen, der erste von jenen, die das Heil der Kulturmenschheit erarbeiten sollen. Die Menschheit Qtyrtirtet, daß ein ganz großer Techniker sieh nach, der magischen Richtung zur Vollkommenheit entwickeln wird, Herel hingegen wer ein Dichter, eine im Magischen entwickelte Individualität, die in techi nischen und soziologischen Problemen sich auslebte, ein j Mann der Zukunft. Er hat uns oft genug von seiner Vorliebe für die Zukunftsromane von Jules Verne erzählt. Und daß Erfindungen und technische Probleme seine jugendliche Phantasie erregten. Als er im Jahre 1898 von seiner Palästina-Fahrt zurückkam, war er trotz der Trostlosigkeit des Landes doch fest überzeugt, daß Wasser im Verein mit der Sonne des Orients aus diesem Böden alles hervorbringen können, was er erträumt hatte. Und ich, der ich'14 Tage nach ihm ins Land gekommen war, in Ruhe beobachtete, mit Kolonisten und Agronomen vertraulich verkehrte, ich bestärkte ihn in seiner Meinung, und hörte voll zweifelndem Erstaunen von seinen Plänen über die Kraftquelle der Jordanwässer, über die Hebung der mineralischen Schätze im Toten Meer. Manches, was in Herzls „Judenstaat" 1896 Phantasie schien, ist nun in anderen Nationen ausgeführt worden. Man verschiebt Völker, tauscht Minoritäten aus, und ein Weltareopag sichert öffentlich-rechtlich unsere nationale Heimstätte. Als wir im August 189? zu Basel im Komitee beisammen saßen, Max Nordau als bestimmender Geist, ich als Obmann, und um Worte kämpften, Begriffe formulierten, um unser Programm möglichst präzis. zu fassen, da ahnten wir nicht, daß dies in etwa 25 Jahren praktische Bedeutung haben könnte. Aber Herzl , behandelte diese Angelegenheit mit dem Ernst eines verantwortlichen Staatsmannes, der Reichsverträge abschließt. Damals lachten die „Praktischen". Wie wollt ihr die Welt zusammenbekommen, um ein paar Juden in Palästina öffentlich-rechtlich zu sichern? Theodor Herzl aber lebte die damals nebelhafte Zukunft als' Wirklichkeit, In der ersten Minute, in der ich mich ihm zur Verfügung gestellt hatte, rief er mit wahrhaft prophetischer Begeisterung: „Wir werden das Land bekommen." Und etwa drei Jahre später, als er sich überzeugt hatte, daß Bülow gegen ihn arbeitete, da wandte er sein ganzes Interesse der englischen Politik zu und wiederholte immer wieder: „Im nächsten Weitkonflikt, der unausbleiblich ist, wird sich England bemühen, die Türkei aufzuteilen, und man wird uns Palästina, gehen," Im November 1898 hatte ich in Jerusalem den amerikanischen Konsul Mr. Jonos kennengelernt, der sich ftfr die zionistische Frage lebhaft interessierte. Zum Schluß einer längeren Unterredung sagte er:' Die Taktik Ihrer Partei ist ganz richtig: Veranstalten sie Versammlungen, Kongresse, beschäftigen Sie die öffentliche Meinung und vor allem suchen Sie die Juden für die Idee zu gewinnen. Denn wenn erst die gesamte Judenheit Palästina verlangen wird, dann wird man es mV nicht vorenthalten können. Als ich die Unterredung Herzls wiedergab, D»if»1c er tief „Ja, doe ist die große Arbeit} ans Erregte Szene am Gepäckschalter Schalterbeamter: Auf welchen Betrag ist das Ge* päck zu versichern? Reisender: Auf S 20.000.— . . . aber nicht bei Ihnenl Schalterbeamter (sehr erregt): Was soll diese Ant« wort bedeuten, warum denn nicht? Reisender: Jahrelang habe ich am Schalter hohe Prämien gezahlt, weil ich immer glaubte, daß ich bei der Gepäcksaufgabe versichern muß. Jetzt weiß ich aber, daß kein Reisender zur Versicherung am Schalter verpflichtet ist, sondern jeder dort versichern kann, wo es billiger ist und er sich nicht im letzten Augenblick in aller Hast ent« schließen muß. Deshalb habe ich mein Reise» und Hand* gepäck für Reise und Aufenthalt schon gestern zu 3ehr günstigen Bedingungen bei der Riunione Adriatica di Sicurtä, Wien, I., Tegetthoffstraße 7, Fernsprecher R>20*5*90, versichert. Habe die Ehre . . . Schalterbeamter (schaut dem Reisenden verdutzt nach): ... (Lebhafte Erregung bei dem am Schalter versam« melten Publikum und Gemurmel: „Wenn wir das nur früher gewußt hätten 1") E jüdische Volk für die Idee zu gewinnen." Und dann wurden Aufrufe, Reden, Artikel, Bücher besprochen, um die Seele des jüdischen Volkes gerungen. Herzl war zu früh geboren. Daß er zu früh gestorben ist, wer zweifelt heute daran? Und dodi konnte von seinen Plänen nur das in Erfüllung gehen, was wir heute staunend bewundern, und was ich in fünf Monaten meines letzten Aufenthaltes in Palästina kaum fähig war, vollständig in mich aufzunehmen, weil seine Zeit sich erfüllt hatte. Der größte Staatsmann, das höchste politische Genie vermag sich nur dann auszuleben, wenn die Zeit ihn ruft. Die Organisationen der Chowewe Zion, die praktisdie Arbeit des Baron Rothschild, die hatten wohl vorgearbeitet, aber das Allerwiditigste ist, daß die Zeit herangereift war, wo Europa müde wurde, einerseits der Untergang des Westens gepredigt wird und anderi seits die Rückkehr nach dem Orient sich vorbereitet. Dieses Mutterland der Kultur hat seine besten Kräfte an Europa abgegeben. Und ist dabei gealtert und schwach geworden. Es erwartet seine Wieder-* geburt. Die jüdische Kolonisation Palästinas hat auch', die Araber aufgeweckt, vorläufig zum Widerstand gegen uns. Und doch, die jüdische Arbeit in Palästina, ihr geradezu unübersehbarer moralisdier Erfolg, sie zeigen den Weg der Auferstehung des Orients. Wenn erst die Araber Perspektive zu diesem gewaltigen Werk erlangen werden, dann werden sie verstehen, was ein Judenstaat, der sie nicht entrechten will, für sie bedeutet! Der jüdische Staat wäre die Basis, das Arsenal für die Neueroberung des Ostens, der noch immer der Erlösung harrt. Ich gebe ein Stück von den Gedanken; Herzls wieder, die ich in seiner Gegenwart im Jahre 1898 einer Generalversammlung der Israelitischen Allianz zu Wien in einigen kargen Strichen gezeichnet hatte. Ich erklärte damals, daß man nicht nur an die zur Zeit verdorrte Erde denken dürfte, sondern an die Möglich", keit, an der Stelle, wo Phönizien den Welthandel er-, öffnet hat und auf der Völkerbrücke von Ost nach' West, von Nord nach Süd moderne Unternehmungen sdiaffen könne, von der die ganze Welt sprechen wird. Man lasse sich durch die Ungunst des Tages nicht1 beirren. Ich habe nun in ernsten Besprechungen mit Männern des Handels und der Arbeit in Palästina; Herzls Gedanken erweitert und vervollkommnet, und ich! sage es mit nüchterner Ucberlegung: Nur Juden, ge-» stärkt am Jvjdenstaat, solche, die auf eigenem Boden;; und eigener Kultur charakterstark, gewandten Geistes sich an die Probleme des Lebens heranwagen, nur sie werden diese Arbeit leisten: körperlich, geistig und ökonomisch geschult, können sie ein Segen werden für die verwaisten und verkümmerten Länder des nahen Orients. Verkümmert und verwaist, trotzdem Millionen i von Arabern sie bewohnen. Und diesen wird zum Vorteil und zum Heil, was sie heute bekämpfen. Die Idee Theodor Herzls wird immer mehr zum Leben erwadien. Aus dem Buch in die Wirklichkeit übergehen, wenn die Zeit reif wird. Wie käme es de«n, daß der Name Theodor Herzls immer stärker vor uns auftaucht? Weil wir immer deutlicher sehen, wie seine nebelhaften Pläne sich zur Wirklichkeit gestalten: Die Aufspeicherung des Jordans, der Quelle elektrischer Kraft, die Verlebendigung des Toten Meeres, diese prophetischen Pläne Theodor Herzls werden heute von den Männern der Tat Ruthenberg und Novomeisky verwirklicht Wie war es, als in den Augusttagen 1897 Professor Schapira aus Heidelberg vorerst in unserem kleinen Kreise die Idee des Nationalfonds erklärte, die Herzl mit Begeisterung adoptierte, Johann Kremenezky unter großen persönlichen Opfern zu organisieren begann! Tag um Tag saßen wir zusammen und wurden Die „Lese- und Redehalle Jttd. Hochschule^ druckt ihrem lieben A, H. und Alt-Präses Desider Wolli anläßlich des Ablebens seines Vaters, Prof. Dr. M«X Weist ihre innigste Anteilnahme aus. / *