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Die neue Welt · 1931-07-24 · Heft 201 (24.7.1931) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 201 (24.7.1931)
Date
1931-07-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 201 DIE NEUE WELT Seite 3 unsere Pflicht, den Kongreß zu warnen, und schlagen Ihnen die Annahme unserer Abänderung vor. Auch dieses Amendement Großmanns wird abgelehnt, und zwar mit 97 gegen 69 Stimmen. Es werden hierauf zwei weitere Resolutionen (Kcren Kajemeth und Verfolgungen in Rußland) angenommen. Letztere lautet: Angesichts der ununterbrochenen und wachsenden Verfolgungen gegen die Träger des Zionismus und der hebräischen Kultur in Sowjet-Rußland wiederholt der XVII. Zionistenkongrcß seineu energischen Protest gegen diese unter dem unwahren Vorwand konterrevolutionärer Betätigung veranstalteten Verfolgungen seitens der Sowjet-Regierung. Der Kongreß verzeichnet mit Erbitterung, daß in der letzten Zeit auch die Verfolgungen gegen die zionistischen Verbannten, deren Verbannungs- und - Verbal tun gs- /.cit bereits beendet ist, erheblich zugenommen haben. Der Kongreß beauftragt die Exekutive, alle nötigen. Schritte zu unternehmen, um die Auswanderung aller wegen ihrer zionistischen Gesinnung Verfolgten aus Räte-Rai HI and nach Palästina zu ermöglichen. Der Kongreß sendet seine Ermutiigungsgrüßc den sah wer für das zionistische Ideal kämpfenden und leidenden Zionisten in der Sowjet-Union. Der Kongreß nimmt zu den Verfolgungen durch eine ernste Kundgebung Stellung. Präsident Leo Motzkin führt aus: Zu der Resolution über die Verfolgungen der Zionisten in Rußland erlauben Sie mir einige Worte. Immer wieder hören wir von den Verfolgungen in demselben Rußland, das den größten Anteil an unserer nationalen Bewegung gehabt hat. Der Zionismus wird in böswilliger Weise als eine konterrevolutionäre Bewegung dargestellt. Wir protestieren dagegen, daß eine Bewegung der Befreiung und Regenerierung so bezeichnet wird. Und wir nahmen die Gelegenheit wahr, um unseren B>rüdern und Gesinnungsgenossen, die dort Bedrückungen ausgesetzt sind, weil sie einer Idee huldigen, unsere Bewunderung auszudrücken. (Stürmischer Beifall, Delegierte und Gäste erheben sich.) Daß Zehntaiüsende, Jünglinge und Mädchen, dort weiter unsere Ideale hochhalten und unsere Ideen weitertragen, unverzagt in aller Bedrängnis, das sei mit goldenen Zeichen in unsere Geschichte eingeschrieben. Und es sei Ihnen mitgeteilt, daß wir ihren Schmerz teilen und mit Leib und Seele mit ihnen sind. Den Juden überall aber sei gesagt, daß sie die Ehrenpflicht haben, der Welt bekanntzugeben, was in Rußland vorgeht, und unseren Brüdern zu helfen. Hoffentlich wird der Tag bald kommen, wo sie wieder in aller Freiheit dem nationalen und zionistischen Gedanken dienen können. Wir senden ihnen diesen unseren Protest und den Gruß des Kongresses. (Die Delegierten und Gäste erheben sich neuerlich unter starken Beifallskundgebungen.) Stephen W i s e erklärt: Wenn ich noch in englischer Sprache zu dieser Resolution sprechen soll, so habe ich nur auszusprechen, daß die ernsten Worte des Vorredners die tiefgefühlte Billigung aller Anwesenden und sicherlich aller Juden der Welt finden. Von Sympathie mit dem unglücklichen Teil unserer Brüder in Sowjetrußland erfüllt, rufen wir hier nicht die Regierung und die Institutionen von Sowjetrußland vor das Forum der öffentlichen Gerechtigkeit. Sowjet rußland hat das Recht, seinen Einwohnern die Gesetze vorzuschreiben, die es für gut hält im Interesse der ganzen Bevölkerung. Aber wir wünschen unseren feierlichen Protest auszusprechen gegen die grausame und ungerechte Behandlung der WMBBWWWBBBWMMI^WMWMHBHMMMWMMi Toledo, die Stadt der spanischen Inquisition Von H. Liebermann (Madrid) Wir fahren nach Toledo. Toledo — die „Wächterin des Christentums". Toledo — die Stadt der feierlichsten Inquisition. Toledo — die Stadt des Jehuda Halevy, des Abraham Ibn Esra. Wir fahren mit drei sephardißchen Juden, um die wiedergefundene Schul anzuschauen, die man den Juden verkaufen will — als Beginn einer neuen jüdischen Ansiedlung in der alten Stadt, aus der man sie einmal vertrieben hat. Wir fahren in einem Auto. Der Tag ist schön. Die Juden sind glücklich über die große Gnade und singen die ganze Zeit. Sie singen all das, was sie auswendig kennen, aus den Gebeten, von den Psalmen, von der Thora, auf dem Weg nach Toledo. Dort, wo vor vierhundert Jahren die Juden zum Scheiterhaufen geführt wurden und ihre Klagen zum Himmel sich erhoben, dort fahren jetzt die Juden und singen. Dahin, nach Toledo, wollte auch der Kardinal Segura fahren. Kein Spaß — Kardinal Segural Der Kardinalfürst von Toledo, der Papst von Spanien. Er wollte zurück in sein Herrschaftsgebiet, aber die republikanische Regierung verwehrte es ihm und schickte ihn nach Frankreich zurück. Ein Spanier sagte uns: Es wäre ein Glück für ganz Spanien, wenn die Juden zurückkommen wollten. Als die Juden von Spanien weggezogen sind, fiel es herab wie ein Lift. Der Vergleich hört sich nicht sehr lyrisch an, aber er gibt die Empfindung des Spaniers wieder, Juden, denen das Recht vorenthalten wird, die hebräische Sprache zu pflegen. Wir protestieren auch gegen die fortgesetzten Ungerechtigkeiten gegenüber den Zionisten in Rußland, deren einzige Sünde es ist, daß sie sich von den jüdischnationalen Idealen nicht lossagen. Wir hier versammelten Zionisten, die, wie ich hoffe, im Namen der ganzen jüdischen öffentlichen Meinung und des jüdischen Gewissens in der Welt sprechen, senden unsere Grüße an unsere Brüder in Rußland und in Sibirien, in den Lagern und Gefangenenzellen, und wir sagen ihnen, sie tragen bei zum Ruhm des jüdischen Namens durch ihren unerschütterlichen Mut, ihre unbezähmbare Entschlossenheit, mit der sie die jüdische Fahne aufrechterhalten inmitten des unaussprechlichen Golus eines Landes, das sich frei nennt und für unsere Freunde ein Land der Tyrannei ist, der Schmach und des uamenlosen Unrechtes. Wir grüßen sie, aber wir wollen nicht eine Hilfsaktion beginnen, sondern eine große Bewegung für alle jene, die ihr Leben riskieren, um die hebräische Kultur fortzusetzen und die jüdischen Ideale weiterzutragen. Im Namen der amerikanischen Delegierten fordere ich alle Anwesenden auf, an einer solchen Bewegung teil- Leibesverstopfung, abnormale Zersetzung und Fäulnis im Darm, vermehrter Säuregehalt des Magen* saftes vergehen bei Gebrauch des natürlichen „Franz« Josef'SBitterwasscrs. In Apoth. und Drogerien erhältlich. zunehmen zur wirklichen Hilfe für unsere Freunde, die nicht konterrevolutionär sind, sondern im Gegenteil die alte jüdische Tradition fortsetzen, die Tradition der Freiheit und des Strebens nach einem stolzen Leben als Juden. (Starker Beifall.) Die neue Exekutive Mittwoch, den 15. Juli, nachmittags wurde die neue Exekutive gewählt. Sie besteht aus den Herren: Heschel Färb stein (Misrachi); Prof. Selig Brodetsky (Allgem. Zionisten); Emanuel N e w m a n (Allgem. Zion., Amerika); Dr. Chaim Arlosoroff (Linke); Berl Locker (Linke). Schärfste Opposition der Revisionisten Die neue Exekutive wurde gegen die Stimmen der Revisionisten gewählt, für die Meir Großmann folgende Erklärung abgab: Die Zusammensetzung der neuen Exekutive zwingt uns, in schärfste Opposition zur künftigen zionistischen Leitung zu treten. Die Reden, die auf dem Kongreß von den Vertretern der Linksgruppen gehalten wurden, welche einen Teil der Exekutive bilden, haben so nahe Verwandtschaft mit dem Brith Schalom, daß von irgendwelchem Vertrauen und von Mitarbeit unsererseits keinerlei Rede sein kann. Die Zusammensetzung der Exekutive gibt ans keine Hoffnung darauf, daß das materielle und politische Vertrauen in die Zionistische Organisation wieder hergestellt wird. Wir bedauern tief den Kompromißgeist und die Unentschlossenheit der übrigen Gruppen, welche Vertreter in die neue Exekutive entsendet haben. Sie haben nicht den nötigen Mut gefunden, dem politischen und finanziellen Regime ein Ende zu setzen, das uns zu dem gegenwärtigen traurigen Zustand des Zionismus gebracht hat, wie er sich so scharf und klar im Verlaufe des Kongresses enthüllt hat. Der Weg zu neuem Zionismus, zum Zionismus des Judenstaates, zum Zionismus des schöpferischen konstruktiven Aufbaues, ist bis heute noch nicht frei. Der Weltverband der Zionisten- Revisionistcn wird seinen Kampf gegen den defaitistischen Geist fortsetzen, der, wie es scheint, in den zionistischen Reihen noch verblieben ist und sich in der neuen Exekutive verkörpert. Dr. S o l o w c i t s c h i k und Kurt Blumenfeld gaben ebenfalls Erklärungen ab: der erste mit einigen Vorbehalten, der zweite mit begeisterter Zustimmung. Programm der Exekutive Präsident Nahum S o k o 1 o w verliest hierauf folgende Erklärung: Namens der Exekutive gebe ich folgende Erklärung über die auf Grund der Beschlüsse des Kongresses von der Exekutive in Aussicht genommenen Richtlinien für das Programm ihrer Arbeit: 1. Fortführung des praktischen Aufbauwerkes in Palästina unter allen politischen Umständen durch Förderung einer ununterbrochenen Einwanderung und Kolonisation. 2. Systematische Anstrengung zur Verstärkung der nationalen Fonds und Vorbereitung neuer finanzieller Aktionen zwecks Stärkung der nationalen Kolonisation und Schaffung der Vorbedingung für die Entwicklung der Privatwirtschaft unter Wahrung des Grundsatzes organisierter jüdischer Arbeit. 5. Konsolidierung der bestehenden Wirtschaften, Fortführung der nationalen Arbeitersiedlung und aktive Maßnahmen zur Heranziehung des Mittelstandes in landwirtschaftlicher Kolonisation und Industrie. 4. Anerkennung der Gleichberechtigung aller sozialen Formen der Kolonisation unter der Voraussetzung ihrer Wirtschaftlichkeit. 5. Energische Verteidigung der durch das Mandat dem jüdischen Volke gewährten Rechte und Kooperation mit der Mandatarmaoht zwecks voller Verwirk* lichung des Mandats und insbesondere zwecks Unterstützung der Mandatsregierung und der Palästina-Administration im Aufbau des jüdischen Nationalheims. 6. Aktive Maßnahmen auf ökonomischem, sozialem und politischem Gebiet, um friedliche Beziehungen und die Annäherung zwischen Juden und Arabern in Palästina herbeizuführen, von dem Grundsatz ausgehend, daß ohne Rücksicht auf die numerische Stärke keines der beiden Völker das herrschende, keines das beherrschte sein soll. Um die PaIästina*JKmter Delegierter Dr. H a 1 p e r n bringt eine Resolution ein, die den Versuch einer Reassumierung des schon gefaßten Beschlusses bezüglich der Palästin a- A e m t e r macht. Um diese Resolution entspinnt sich ein aufregender Kampf, der schließlich zum Abbruch der Sitzung führt. Die Resolution Halpern lautet: „Der Kongreß beauftragt das A. C., bei der Ausarbeitung der Durchführungsbestimmungen in der Frage der Zusammensetzung der Palüstina-Aemter, die spätestens innerhalb von sechs Monaten erfolgen muß, die angemessene Beteiligung der Vertreter der chaluzischen Organisationen sicherzustellen." Delegierter Robert Stricker tritt ihr mit folgender Erklärung entgegen: Hier wird in letzter Minute der Versuch unter- - nommen, den klar ausgesprochenen Willen des Kongresses umzubiegen. Der Kongreß hat in wiederholten Abstimmungen über die Palästina-Aemter und ihre Zusammensetzung entschieden, gegen die Stimmen der Die Juden selbst wissen nicht, wie weit Spanien zurück ist. Man blickt auf die Spanier in den Restaurants, in den Gassen, in Versammlungen, bei Stierkämpfen und wundert sich: Diese Menschen haben noch vor kurzem die Welt beherrscht! Nun, kehren wir zurück! Also, Segura hinab, die Juden hinauf! Wir sind in Toledo. Da sticht einem noch schärfer eine Erscheinung in die Augen, die sich in keinem anderen Land wie Spanien findet. Diese Erfahrung machte ich schon in den ersten Stunden meines Aufenthalts in Spanien: Es war im Zug. Ich betrat den Speisewagen. Mir gegenüber nimmt eine ältere Dame Platz. Sie kommt mir sonderbar bekannt vor. Wo mag ich sie nur gesehen haben? Ich kann mich um keinen Preis erinnern. Später auf den Straßen Madrids wieder dasselbe. Jeden Augenblick blitzte mir ein Gesicht entgegen, das mir sehr nahe und sehr bekannt vorkommt. Einmal — das ganze Gesicht, einmal nur die Nase oder die Augen, die Stirn, die Mundform. Langsam konnte ich, glaube ich, alle meine heimischen Bekannten sehen hier in Spanien. Mehrere Male erkannte ich hier meine Schwestern, meine Brüder. So war's in Madrid. Und noch krasser in Toledo. Da ist ein kleines Mädchen: „Channele!" rufe ich und stürze auf sie los. Ich könnte schwören, es ist Channele, Chaim des Schmieds Tochter aus meiner einstigen Heimat in Rußland. Und hier ist Jossele, eine getreue Kopie von Jossele. Alle Gesichter, die man hier sieht, sind jüdische Gesichter, Gesichter der Juden von ein§t, die man vor%00 bis 500 Jahren gewaltsam taufte. Die Juden sind hier allmählich von der anderen Bevölkerung aufgesogen worden, haben vergessen, daß sie Juden sind, aber die jüdischen BjasttenmerkmaJe haben sich bis auf den heutigen Tag nicht verwischt... hauptsächlich in der uralten Judenstadt Toledo und zuvörderst unter den Frauen, die bekanntlich die Rasseneigentümlichkeiten besser bewahren als die Männer. Und das ist die tiefste Tragödie der spanischen Geschichte: sie konnte keinen „Spanier" hervorbringen, keinen reinen spanischen Typus. Toledo selbst: eine sonderbare Stadt! Alles in allem eine Babnstunde von Madrid entfernt und welch ein Unterschied! Madrid eine moderne Stadt, aber irgendwie ohne Seele; jedes Gebäude für sich selbst irgendwie schön, alle zusammen jedoch ohne Harmonie und Ausdruck. Und Toledo? Toledo ist die Stadt von tausend Seelen. Zunächst ist es eine Stadt zweier Stilarten: tiefes Mittelalter und Orient. Welch merkwürdige Aehnlichkeit mit Jerusalem! Halb auf hohen Felshügeln, halb tief unten im Tal gelagert, windet es sich, verflochten wie ein arabischer Turban, und die Gassen verknäueln sich und verwirren sdöh wie jüdische Pilpulistik. Wir gehen und gehen und kommen uns auf einmal schrecklich alt vor. Wie alt ist Toledo? Das weiß niemand. Nur Legenden erzählen es. Und hier ist der Platz, wo die Ungläubigen verbrannt wurden, wo Autodafes zum Himmel rauchten. Der Platz ist jetzt ein kleiner Park, der in eine weite, stille Landschaft sieht. Aber vor Jahrhunderten ließen sich hier in Kiddusch Haschern (Heiligung des Gottesnamens) Zehntausende von ihnen verbrennen; Und die letzten Blicke der Märtyrer fielen ebenfalls auf die weite, stille Landschaft. Unweit vom Inquisitionsplatz stehen zwei uralte jüdische Synagogen, still, bescheiden, verschämt, aber stolz und rein in ihrer Schamhaftigkeit. Die eine ist — Santa Maria della Bianca; diesen Namen gaben ihr die- Geistlichen, als sie sie in eine Kirche umwandehenv

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