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Die neue Welt · 1931-07-17 · Heft 200 (17.7.1931) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 200 (17.7.1931)
Date
1931-07-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 200 DIE NEUE WELT 98»** kgegen die Uebergehnng der Vorschläge von selten , der Jewish Agency. In einer zweiten Resolution fordert der Kongreß die Abschaffung der die jüdische Immigration schwer belastenden Stenern. Der Kongreß nimmt ferner eine Resolution an, in welcher die Grundsätze eines neuen Immigrationsstatuts festgelegt werden, und Ubergibt weitere sechs Anträge der Immigrationskommission, die dem Kongreß zur Information unterbreitet wurden, der Zionistischen Exekutive. Jewish Agency-Budget Am Sonntag vormittags beschloß die Budgetkommission den Jahresetat der Jewish Agency. Er soll 240.000 Pfund betragen. Die Beamtengehälter sollen bedeutend gekürzt werden, in einzelnen Fällen ungefähr um die Hälfte. Eine historische Nachtsitzung Sonntag nachts bis 4 Uhr früh wurde die Endzielfrage behandelt Es war die stürmischeste Sitzung des Kongresses. Es wurde schließlich eine Resolution angenommen, die besagt: Der Zionismus ist die nationale Befreiungsbewegung des jüdischen Volkes; er hält an seinem im Baseler Programm niedergelegten Ziel unerschütterlich fest, in Erez Israel die Lösung der Judenfrage herbeizuführen. Das heimatlose, landlose, zur Auswanderung drängende Volk will durch seine Wiederverwurzelung in seiner» historischen Heimatland auf dem Wege einer ununterbrochenen Einwanderung und Entwicklung seine wirtschaftliche, geistige und politische Not überwinden und in Erez Israel ein mit allen Merkmalen eines normalen Volkslebens ausgestattetes nationales Dasein erneuern. Der Kongreß weist jeden Versuch, dieses Ziel zu verkleinern, mit Entschiedenheit zurück. Der Sdiadier um das Endziel Stürmische Tumulte auf dem Kongreß Wie wir berichteten, stellten die Revisionisten unmittelbar nach dem schmachvollen Interview Weizmanns mit der J. T. A. den Antrag, die politische Kommission möge sofort eine Resolution ausarbeiten, die < ein für allemal den Verkleinerungsversuchen des zionistischen Ziels durch England und die Totengräberarbeit einer bestimmten zionistischen Gruppe Halt gebiete. Der Antrag wurde bekanntlich vom Kongreß akzeptiert. Die politische Kommission, der Permanenzansschuß und ein sogenanntes politisches Subkomitee machten sich an die Arbeit. Es wurden, wie schon im laufenden Kongreßbericht erwähnt, von fast allen Parteien des Kongresses der Kommission Endzielresolutionen unterbreitet, um die Tage und Nächte lang ein Scheinkampf geführt wurde. Konnte sich der Kongreß unter dem niederschmetternden Eindruck des Weizmann-Interviews denn doch nicht pller zionistischen Pflicht begeben und mußte er, um der zionistischen Öffentlichkeit, bezw. Wählerschaft wenigstens die Attrappe einer Wahrung des obersten zionistischen Prinzips bieten, so setzten die linken Gruppen, die Bjrith Schalom-Gesell schaff der Allgemeinen Zionisten mit dem A-Vorzeichen mit einer Taktik ein, die klar nnd deutlich den zuerst schon vorher geoffenbarten Willen des Kongresses, eine eindeutige Endzielresolution zu fassen, brachlegte. Nach schwerem Ringen, nach allseitigen Verhandinngen, nach mühevoller ernster Arbeit hatte man sich schließlich auf eine Formel geeinigt, in der das Wort „Mehrheit in den historischen Grenzen" vorkam, eine Formel, die für das revisionistische Programm ein Opfer; bedeutet, immerhin aber unter den obwaltenden. Umstanden einen zionistischen Willen dokumentierte. Denn den Revisionisten war es blutig ernst um die Rettung der Organisation und der jüdischen Freiheitsbewegung vor dem Zusammenbruch. Da holten eich die Herren den Retter in der Not: Weizmann, der vor der Kommission erschien. Darüber liegt folgendes vor: Weizmann legte der Kommission nochmals nahe, aus der politischen Resolution die Forderung nach einer jüdischen Mehrheit zu eliminier e n und an ihrer Stelle die Forderung nach Parität aufzustellen. Er wandte sich auch gegen die Verwendung des Ausdrucks „historische Grenzen Palästinas", den er als unklare nnd daher gefährliche Formulierung des Wunsches nach Einbeziehung Trans-jo'rdaniens in das Gebiet, auf dem das Nationalheim errichtet werden soll, bezeichnete. - Aber e$ stellte sich heraus, daß die „Magie** dieser Persönlichkeit ihre Wunderwirkung bereits eingebüßt hpt. Weizmanns Intervention wollte nichts fruchten und man maßte sich gediegenere Mittel beschaffen. Nachdem die Herren von links sich schon vorher von der palästinensischen Histadruth ein Telegramm hatten schicken lassen, mit dem bindenden Auftrag, Weizmann unbedingt zu halten, somit auch jede das Wort „Mehrheit" enthaltende Endzielformel zu bekämpfen, ließen sie sich vom Waad Leumi, in welchem zur Zeit ein paar Linke sitzen, wieder ein Telegramm schicken. Die vorsichtige Nachricht lautet folgendermaßen:' Ein im Laufe des Sonntags vom Waad Leumi aus Jerusalem eingetroffenes Telegramm gab schließlich den Ausschlag. In diesem Telegramm war im Hinblick auf die politische Lage in Palästina dringend eine Vorsichtige Formulierung politischer Resolutionen durch den Kongreß gefordert worden. Man kann sich denken, welche Sorte von Telegramm sich die Herren bestellt hatten, wenn die Nachricht weiter so lautet: Daraufhin zog die Politische Kommission ihren ursprünglichen Entwurf zurück und es lag nur mehr die als Minoritätsvotum angemeldete revisionistische Resolution vor. Leute, die an erschwertem Stuhlgang leiden und datjei von MastdarmschleimhauterkrankunRen, Fissuren, Hämorrhoidalknoten, Fisteln gequält werden, nehmen zur Darmreinigung früh und abends je etwa ein viertel Glas natürliches ,,Fran#«Josef"«Bitterwasser. Die „vorsichtige" Formulierung wurde denn auch von der Kommissiönsmehrheit beschlossen. Den Wortlaut der „vorsichtigen" Formulierung bringen wir in unserem laufenden Kongreßbericht. Was sich aber an diesem Abend abspielte, als sich dieser Formulierung die ehrliche zionistische Formulierung entgegenstellte, mit andern Worten, als die Revisionisten den Kühhandel um das heilige Gut der zionistischen Zielsetzung nicht mitmachen wollten, steht wohl einzig da in der erheblich langen Geschichte zionistischer Kongresse. Schon um die Frage, ob die Resolution, die Weizmann die Mißbilligung über das der J. T. A. gegebene Interview ausspricht und lautet: Der Kongreß bedauert die im J.T. A.rlnterview gemachten Aenßerungen Dr. Weizmanns und erachtet seine auf die Interpellation erteilte Antwort als unzureichend; entspann sich eine Debatte, die das Gesicht der Linken deutlich skizzierte. Die Linken verlangten Uebergang zur Tagesordnung, wie überhaupt ihre ganze Taktik darin bestand, den Uebergang zur Tagesordnung über alles zu beantragen. Diesmal ging's fehl. Der Antrag Arlosoroff, über Jüdische Eltern! Kauft Schulbücher (auch amiquaiische) für Eure Kinder in der Jüdischen Buchhandhmfi Herrn. Tuchner Wien II, Gr. Sfadfgufg. 7 (Ecks Titortfc 52) Leihbibliothek Alle Neuerscheinungen erhältlich, 10 Groschen täglich, keine weiteren Gebühren! Für Anfragen Telephon R-41-4-20 die Mißbilligungsresolution zur Tagesordnung überzugehen, wurde mit 129 :101 Stimmen abgelehnt, und Weizmann erhielt mit 123 : 106 Stimmen das Mißbilligungsvotum. Sodann beantragte die Linke wieder durch Arlosoroff Uebergang zur Tagesordnung, sogar über die »vorsichtige" Formulierung des zionistischen Endzieles. Auch dieser Antrag wurde abgelehnt. Nun ergriff Meir Groflmann das Wort zur Begründung der revisionistische« Endzielresolution, die folgendermaßen lautet: Angesichts der Tatsache, daß die Balfour-Deklaration offiziell und ausdrücklich als eine „Kundgebung der Sympathie der Regierung S. M. mit den Jüdisch- Zionistischen Bestrebungen" dem jüdischen Volke übermittelt wurde, und angesichts der Tatsache, daß diese Bestrebungen seit je auf die Wiederherstellung des Judenstaates Palästina gerichtet waren, und angesichts der Tatsache, daß die Präambel des Mandats die Balfour-Deklaration dahin interpretiert, daß sie die Anerkennung der Gründe für die Wiedererrichtung des Jüdischen Nationalhcims in Palästina bedeutet, und angesichts der Tatsache, daß die Mandatarmacht den Begriff „Jüdisches Nationalheim" in einer Weise interpretiert, die den jüdisch-zionistischen Bestrebungen widerspricht, erklärt der Kongreß: Die im Basler Programm geforderte Errichtung einer „Oeffentlichrechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina" und die im Mandat zugesicherte Wiedererrichtung des „Jüdischen Nationalheims in Palästina", bedeuten die Umwandlung des gesamten Mandatgebietes Palästina zu beiden Seiten des Jordan in einen Judenstaat, d. h. in ein Staatswesen (Commonwealth) mit jüdischer Bevölkerungsmehrheit. Großmann erklärte: Wenn jemand von Ihnen im Laufe der letzten Woche bezweifelt hat, ob wir auf diesem Kongreß eine klare und deutliche Resolution wegen der Ziele des Zionismus annehmen müssen, so haben die heutigen Geschehnisse und das, was sich in der letzten Woche ereignet hat, bewiesen, daß diejenigen recht haben, die vom ersten Tag an von dem Kongreß einen klaren Besclüuß wegen der Endziele des Zionismus verlangt haben. Sie haben gesehen, wie man in der Politischen Kommission und auch hier vor unseren Augen die zionistischen Ziele, den Judenstaat, die jüdische Majorität von beiden Seiten des Jordans verleugnet hat. Und als jetzt die Politische Kommission eine solch miserable und kleine Resolution vorschlug, versucht man noch im letzten Moment Sie dazu zu zwingen, auch auf das Minimum zu verzichten, das in der Resolution der Politischen Kommission zum Ausdruck kommt. Das ist der beste Beweis dafür, wie der Weg des Verzichtes, der defaitistische Weg der Interpretation gefährlich ist, und wie es ebenso gefährlich ist, daß auf diese freie Tribüne, die durch Herzl geschaffen wurde, Faktoren Einfluß haben, die sich außerhalb des Kongresses befinden (Beifall). Au£ dem Kongreß wird hier ein Präzedenzfall geschaffen, daß unsere Beratungen und Beschlüsse unter Einflüssen von außen stehen. Heute ist es der Fall bei der Frage der Endziele, morgen wird es bei der Frage der Leitung der Fall sein. Der zionistische Kongreß darf unter einem solchen Druck nicht arbeiten und wir protestieren gegen den Präzedenzfall, der auf diesem Kongreß geschaffen wurde (Beifall). Und wir müssen Sie und auch diejenigen, die sich in diesem Saal nicht befinden, darauf aufmerksam machen, wie gefährlich es ist, daß man an den Begriff „jüdischer Staat" mit Befürchtungen und einer Panik herangeht, daß man sich auf einem zionistischen Moschele. Wir blicken ihn von der Seite an, mit noch mehr Respekt. Und uns scheint, daß in seinen hellen Augen irgend ein Feuer aufleuchtet. Der Rebbe sagt: »»Soll-ich euch ein Rätsel fragen?44 „Möge der Rebbe fragen! Möge der Rebbe fragen P antworteten wir alle mit einemmal. Der Rebbe streicht sich den Bart glatt und sagt: >?Em. Gamsen junge hat einmal ein kleines rundes Steinchen ip eine Scheibe geworfen, zum Beispiel in diese Scheibe de*, In der Scheibe entstand ein kleines Loch. Da verirrte sich ein Vögelchen durch das kleine Loch;iu5^?impjer. Türen und Fenster waren versperrt und dasVögelchen piepste und piepste und flog wieder hinaus. Und das Rätsel fragt: Wie ist es zurück hinausgekommen?" Wir blieben alle stumm sitzen, senkten die Köpfe und dachten nach. Bevor noch einer von uns das Rätsel zu Iöse.n vermcM&te, Heß sich Moscheies dünnes Stimm« chen vertfehnwn: * ,jt>üTch dasselbe kleine Loch in der Scheibe." > Aber Moschele tat nicht groß deswegen, daß er, der Kleine,' viel klüger sei und besser lerne als wir. Er dürfte darum 'nacht einmal gewußt oder darüber gar nie nachgedacht haben. Deshalb liebten wir auch so aus vollem Herjen Moschele, nicht wie man einen Menschen liebt, sondern wie man einen guten, frommen, stillen kleine^ Engel Hebt. Später hörte #man schon von Moschele reine Wunder* Der Rebbe pflegte beim Bibel-Lernen mit Moschele Uber Dinge zu sprechen, von denen wir Cheder* Jungen sieht ein Wort verstanden. Wir spitzten Mund and OJiren und, hörten mit Leib und Seele hin, paff vor Staunen, daß ein so kleiner Junge mit so schmalem, weißem Gesichtchen derartiges versteht, und flüsterten einander zu, daß Moschele ein Wunderknabe sei. Und bei alldem war Moschele ein kleiner, schwacher, sehr schwacher Junge geblieben. Er war zwar ein wenig in die Höhe gegangen, aber sein kleiner Körper blieb aufgelöst,. locker, als paßten die einzelnen Glieder nicht recht zueinander. Die Händchen waren dünn; geblieben und er konnte kaum s mit seinen schwachen Beinen einige Schritte tun. Wangen und Kinn zogen sich noch mehr in die Länge, die UnterHppe hing ihm herab und aus dem Mund blickten ihm die verfaulten, angefressenen, braunen Zähnchen. Die blauen Adern auf den Schläfen schimmerten so deutlich durch, alß wäre überhaupt die Haut auf Moscheies Gesicht durchsichtig., Und die Augenlider wurden so dünn, daß s|e; die hellen Aeuglein mit dem grünen Widerschein nicht .verdecken konnten. Nur die Schläfenlocken ge- 4iiaben ihm und reichten bis zum Kinn. Und Moschele $ru£ immer noch die weißen Höschen mit dem verschmierten Leibtalles, die weißen Filzsandalen auf den Füßen, das schwarze, .samtene Hütchen auf dem Kopf und unter dem Leibtalles das Beutelchen mit dem Groschen und dem Pfeiferl, all das als Amulett für Leben und Gesundheit. Das Amulett hat aber wenig geholfen. Moschele ist jäh gestorben. Ich erinnere mich daran, wie wir alle Chederjungen gestanden und geschaut haben, wie Moschele auf der Erde mitten in der Stube liegt, zugedeckt mit einem Talles, und auf dem Tisch brennen große Lichter mit geheimnisvoller, heiliger Flamme. Wir standen wie erstarrt, die Haare wurden uns steif auf den Köpfen, und eine tiefe Trauer legte sich beklemmend auf unser Herz. Der Rebbe ging auf und ab durch die Stube, die Hände hinter dem Gürtel, tief vornübergebeugt und fromm, sich schaukelnd, als wollte er irgendein stilles, geheimes Flehgebet zu Gott richten. Er hatte kein Kind mehr, war jetzt ganz und. gar alt geworden. Von seinem Gesicht war das letzte Zeichen der Jugendlichkeit gefallen, Bart und Haar büßten die letzten Spuren der Schwärze ein. Von Zeit zu Zeit warf er einen Blick zur Decke, hinauf zu Gott, der Moschele zu sich in den Himmel genommen hat. Des Rebben Frau saß auf einem niedrigen Schemel an der Wand, zu einem Knäuel verbogen, das Gesicht tief in die Hände gesenkt. So saß sie eine lange Zeit wie angeschmiedet, hierauf erhob sie sich plötzlich und schickte sich an, die Stube händeringend zu durchschreiten. Sie blieb bei Moschele stehen, stand so eine Weile, wackelte mit dem Kopf und sagte zu uns Chederjungen: „Seht ihr, Kinder, da liegt Moschele, Moschele." Und sie setzte sich wieder hin auf ihre niedrige Bank an der Wand, vergrub das Gesicht in den Händen und saß still da wie eine Gestorben«. Zum Schluß gingen wir auseinander, einzeln, einzeln, still und langsam, mit schwerbedrückten Herzen und geschwollenen Augen. Wir ließen den Rebben und seine Frau allein mit ihrem Moschele. Wir gingen auseinander und nahmen eine Traurigkeit mit und verbreiteten sie über das ganze Städtchen in allen jüdischen Häusern.

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