Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1931-07-10 · Heft 199 (10.7.1931) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 199 (10.7.1931)
Date
1931-07-10
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2711613-2711790-2711818--2612-2715918
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 12 DIE NEUE WELT Nf. 199 Das Kommuniqu6 wurde in allen bulgarischen Zeitungen veröffentlicht. Judenhetze auch in Drama- Wie aus der Stadt Drama berichtet wird, haben Redner der dort tagenden Konferenz der griechischnationalistischen Partei versucht, die Bevölkerung gegen die Juden aufzureizen, indem sie diese des Einverständnisses mit den Mazedoniern beschuldigten Hilferuf an das Joint Distribution Committee Basel, 5. Juli. (J. T. A.) Das Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde in Saloniki, David Florentin, der als Delegierter an dem Zionistenkongreß in Basel teilnimmt, hat von den Opfern der Ausschreitungen in Saloniki ein Telegramm erhalten, in dem er gebeten wird, mit den ausländischen jüdischen Hilfsorganisationen, insbesondere mit dem Joint Distribution Committee, in Verbindung zu treten, um eine sofortige Hilfsaktion seitens dieser Organisationen zu veranlassen. Dieser Aufforderung entsprechend, hat David Florentin dem auf dem Baseler Zionistenkorigreß als Beobachter anwesenden europäischen Direktor des J. D. C, Dr. Bernhard Kahn, ein Memorandum über die Notlage der Salonikier Pogromopfer überreicht. Die vom AmericaiiffJewishff Kongreß einberufene allgemeine jüdische Konferenz In einem Gespräch mit dem J. T. A.-Vertreter äußerte sich Rabbi Stephen W i s e folgendermaßen *ber die Ziele der Konferenz zur Beratung über allgemein jüdische Fragen, die auf Anregung des American Jewish Congrefl unmittelbar nach Beendigung des Zionisten.kongresses zusammentreten soll: Als Vorsitzender der vom American Jewish Congreß zur Vorbereitung dieser Konferenz eingesetzten Kommission habe ich mich ursprünglich bemüht, zu erreichen, daß die Konferenz gemeinsam von uns und dem Komitee zur Wahrung der Rechte der jüdischen Minoritäten, an deren Organisierung wir vor vier Jahren in Zürich führend beteiligt waren, einberufen werde. Da jedoch Dr; Motzkin, der Vorsitzende des Komitees der jüdischen Delegationen, und einige andere Mitglieder des Komitees nicht geneigt schienen, ihre Zustimmung zur Einberufung der Konferenz in dieser Form zu geben, haben wir uns aus einer Reihe einleuchtender Gründe vor die Notwendigkeit gestellt gesehen, die Konferenz nur im Namen des American Jewish Congreß einzuberufen. Wir haben.nicht an eine Konferenz gedacht, die sich mit den Rechten der jüdischen Minderheiten unter besonderer Bezugnahme auf den Friedensvettrag von Versailles befassen soll, sondern eine Konferenz, die die jüdischen Probleme in ihrer Gesamtheit, oder,, besser gesagt, die Probleme, vor denen die Juden in den verschiedenen Ländern stehen, ins Auge fassen soll, mögen diese Probleme nationaler, politischer, wirtschaftlicher, sozialer oder erzieherischer Art sein. Ferner soll es die eigentliche, Aufgabe der Konferenz sein, in Betracht zu ziehen, ob nicht die Zeit gekommen ist, einen jüdischen Weltkongreß vorzubereiten. Viele von uns sind der Ansicht, daß ein solcher Kongres schon - lange fällig ist. Wir glauben, daß ein solcher Kongreß schon viel früher einberufen worden wäre, wäre nicht die Jewish Agency auf den Plan getreten, von der man erwartet hat, daß sich ans ihr ein jüdischer Weltkongreß entwickeln werde. Die MissionärtatiskeÜ in Palästina Arabischer Protest Aus Jerusalem wird u. d. 4. Juli berichtet: Seit einigen Tagen steht die Stadt Gaza unter einem starken Polizeiaufgebot, das nur mit Mühe die Ord* nung aufrechterhalten kann. Die Situation wurde sogar derart drohend, daß die Regierung in aller Eile Panzer* automobile nach der Stadt beordern mußte. . Der Grund zu der Aufregung der Bevölkerung ist darin zu sehen, daß ein zum Christentum übergetretener Mohammedaner die „Religion des Propheten" beschimpft hat. Zwar wurde der Uebeltäter sofort verhaftet, was der Bevölkerung aber nicht genügte, die unter Führung von Notabein eine scharfe Protestaktion gegen das Missionärwesen in die Wege leitete. Besonders verschärft wurde die Lage dadurch, daß diese Notabeln dem Polizeikomman* danten offen erklärten, keine Garantie für das Leben des konvertierten Arabers übernehmen zu wollen, falls er aus dem Gefängnis entlassen werde, Abgesehen von. dieser Drohung wurde ein Streik der gesamten Bevölkerung proklamiert und zum Teil durch« geführt Interessanterweise steht bei diesem Konflikt die griechisch*orthodoxe Kirche völlig auf Seiten der Mohammedaner. Wie verlautet, hat sich der englische Bischof von Jerusalem, Mclnnes, nach Gaza begeben, um den Konflikt gütlich beizulegen. Der griechische Priester des Ortes hat sich geweigert, den Bischof zu empfangen. Vor mehreren Jahren war Gaza schon einmal, an« läßlich des Missionskongresses in Jerusalem, Schauplatz Mutffir Unruhen. Export von Pala§lma*Produkten nach dem Kontinent Von Gustav Wilder, dem Leiter der Carmel m. b. H. für Import von Palästina* waren nach Mitteleuropa. (Aus einem Gespräch.) Herr Gustav Wilder, ein ehemaliger Blau«Weißer aus Böhmen, kam als Chaluz 1921 nach Palästina, um in den Kellereien von Rischon*le*Zion zu arbeiten. Gerade damals drohte das Alkoholverbot in Amerika die Weinindustrie in Palästina vollständig zu ruinieren. Die Erschließung neuer Absatzgebiete war dringend notwendig und so wurde Wilder nach Europa zurückgeschickt, um dort als Chaluz für Tozereth Haarez zu arbeiten, statt ein Chaluz in Pa* lästina zu sein. Bald interessierte sich Wilder auch für die Propa* gierung der Haifa*Orangen. Er war es, der als Erster Haifa«Orangcn nach Deutschland brachte und Interesse dafür erweckte. Obwohl der Deutschlandimport rasch in christliche Hände überging, behielt die Firma Wilder doch noch zweieinhalb Prozent der Gesamtausfuhr Palästinas. 1930 verkaufte sie nicht weniger als 55.000 Kisten. In den letzten Wochen hat Herr Wilder neuerlich Palästina besucht und hat hier endlich die Möglichkeit ge* funden, ein Tozereth*Haarez*Geschäft im großen Stil in Zentraleuropa einzurichten. Unter Beteiligung der Roth« schildschen Kellereien wurde eine Gesellschaft „Carmel" gegründet, die außer dem Vertrieb von Palästinaweinen auch noch die Produktion des „Hakhaklai" (Orangen und Grapefruit), „Shemen" (Oele und Seifen), „Tenuwah" (Honig, Bananen, Gemüse), „Asis" (Orangen« und Zitronen* säfte) sowie die Rothschildschen Mühlen für Palästina« Mazzoth übernommen hat. Wir hielten es für wichtig, diesen Mann, der seit bald zehn Jahren sich mit außerordentlichem Erfolg um den Vertrieb von Tozereth Haarez im Ausland bemüht, über seine Erfahrung und sein Urteil zu befragen. Man hört allzuoft nur die Stimmen der palästinensischen Produzenten und allzuselten die Meinung des europäischen Käufers und Händlers. I. Der Export von Orangen Das ^wichtigste Exportgeschäft für Europa sind die Haifa#Orängen. Ich habe 1925 zum erstenmal eine Sen« dung Orangen nach Deutschland und der Schweiz einge* führt — und seither haben sich diese Früchte außer« ordentlich rasch einen Markt geschafft, der noch lange nicht seine Grenzen erreicht hat. Dieser Erfolg ist um so interessanter, als der Orangenhandel wenigstens in Deutsch* land zu 100 Prozent in christlichen, zum Teil sogar aus* gesprochen „hakenkreuzlerisephen Händen" ruht. Gerade diese Firmen sind es aber," die eine äußerst wirksame Re* klame für die Palästjna*Frucht; auf ihre Kosten betrieben. Die christlichen Importeure Deutschlands haben den ge« sunden Grundsatz: 5 Prozent de,s Umsatzes müssen für Reklame ausgegeben werden. ,;. Würden die jüdischen Pflanzer Palästinas auch nur halb soviel Verständnis für die Wichtigkeit von Reklame zeigen wie die deutschen christlichen Großhändler, so würde keine Ursache vorhanden sein, daß auch nur sekundenlang Angst vor einer möglichen Ueberproduktion in Palästina besteht. Das europäische Publikum kauft Haifa* Orangen aus folgenden Gründen: Es glaubt an den beson« deren Vitaminereichtum der palästinensischen Frucht gegenüber den weniger südlich gelegenen italienischen oder spanischen Früchten; es bevorzugt -die schöne, ovale Form der Haifa*Orangen vor den runden italienischen; vor allem aber schätzt es die Kernlosigkeit der Palästina* Orangen. Als Lieferant kommen für das kontinentale Ge« schäft ausschließlich jüdische Produzenten in Be* tracht. Ich habe die arabischen Packungen und Export* Sendungen hier neuerlich studiert — die arabische Pro* duktion ist aber für das Kontinentgeschäft unbrauchbar, zum Unterschied vom englischen Geschäft, da man in Europa nicht Schiffslagerungen versteigert, sondern mehr i n d i v i d u a 1 i s i e r t. In Europa betrachtet man die Palästina*Orange als Delikatesse, bezahlt sie dementspre* chend, verlangt aber dafür ausschließlich Primaqualität, sowohl in Packung wie in Sortierung und Beschaffenhei'- der Frucht. Bisnun versteht nur der jüdische Pflanzer diese Tatsachen zu werten und schickt ausschließlich Prima« qualität nach dem Kontinent, die zweite Qualität nach Aegypten und dem Balkan. Der arabische Bauer hat sich bis jetzt nicht dieser Mühe unterzogen. Der Preis der Orangen: Meiner Meinung nach ist er etwas zu hoch. Man muß damit rechnen, daß der Preis auch am Festland allmählich abbröckeln wird. Erstens fallen alle Preise und die Orangen können davon auf die Dauer keine Ausnahme machen, und zwei* tens im Vorjahr hat Palästina 2,600.000 Kisten verschickt, heuer erwartet man vier Millionen; eine solche Steigerung muß irgendwie den Preis beeinflussen. Verhindern läßt sich dieser Preisrückgang kaum. Wenn sich aber die jüdi* sehen Produzenten bemühen, immer deutlicher den Charakter der Qualitätsware zu unterstreichen, und wenn sie die Wichtigkeit der Reklame erkennen, dann läßt sich der Rückgang wobl sehr verlangsamen. Was verlangt der Importeur von den Produzenten? Nicht viel! Standardisierung: Zoaieb* eil* ttobcitlfe}» Sortkvug ft*co Gröfie der Frucht und dann Standardisierung der Produktion auf nur fünf Größen, da die dreizehn Sorten, die heute angeboten werden, die Käufer verwirren. Sodann verlangen wir bes* sere Konditionen von den Erzeugern. Das Großgeschäft leidet daran, daß die Pflanzer noch immer an den Geschäftsusancen der Nach« kriegszeit festhalten. Während zum Beispiel der italienische und spanische Pflanzer Konsignationen nach Zentral* europa gegen Vorschüsse von einem Drittel des Markt* wertes abfertigt, gibt der palästinensische Pflanzer Kon* signationen merkwürdigerweise nur den englischen Auktionären, obwohl ihm der Engländer erstens hohe Verkaufsspesen aufrechnet, zweitens hohe Provision verlangt und drittens den Juden regelmäßig die Reklame für ihre Pflanzungen dadurch verdirbt, daß er die immer* hin minderwertige arabische Produktion und die jüdische Produktion gemeinsam als „Jaffa*Orangen" in gleicher Weise auf den Markt bringt. Hingegen hat der jüdische Pflanzer dem Kontinent gegenüber direkt Argwohn, er stellt sich dem Europäer gegenüber auf den Standpunkt, die Orangen nur gegen bares Geld bei Verschiffung zu liefern. Wären die Juden konzilianter, könnten sie am Kon* tinent vielleicht mehr absetzen als in England. Die Qualität der Produktion ist in den letzten Jahren zufriedenstellend geworden. Auch die Solidität und Pünktlichkeit der Verlader läßt gewöhnlich nichts zu wünschen übrig. In diesem Jahr wurden allerdings durch die Stürme im Februar Liefer* Verpflichtungen nicht eingehalten. Die Abnehmer haben sich darüber sehr ungehalten gezeigt und vor allem m Deutschland hat dies dem Geschäft deutlich geschadet. II. Export von Zitronen Diese spielen in Europa keine Rolle. Die Palästina« Produktion ist zu klein. Der heimische Markt nimmt die gesamte Produktion zu Preisen auf, die meiner Meinung nach gut sind und die einen Export nicht rentabel er* scheinen lassen. III. Zitronensaft Für Zitronen* und Orangensaft des „Asis" bestehen gute Aussichten in Europa. Die Produktion des Betriebes von N a g 1 e r (Tel*Awiw) ist durchaus konkurrenzfähig: technisch auf der Höhe, kaufmännisch gut geleitet, mit durchaus konkurrenzfähigen Preisen. Bezeichnenderweise sind es wiederum — von mir abgesehen — nichtjüdische Händler, die als erste eine Chance in diesem Artikel er* kannten. „Asis" kann für den zentraleuropäischen Markt einige Bedeutung haben. Die Konkurrenz ist nicht gefähr* lieh. In Mitteleuropa gibt es fast nur Fabriken für synthe* tisch hergestellten (künstlichen) Zitronensaft. Da das Pu< blikum heute. nach Vitaminegehalt fragt, hat das „Asis" der synthetischen Produktion gegenüber keine Schwierig« keit. Der Preis mit 20 bis 25 Pfund per Tonne ist ebenfalls konkurrenzfähig. IV. Grapefruit Mit dieser Frucht stehen wir erst am Anfang unserer Versuche und ich weiß nicht, wie sich hier der Markt ge« stalten wird. Bis jetzt kennt der Mitteleuropäer die Grape* fruit kaum, er hält sie für einen unerhörten Luxus der oberen Zehntausend. An dieser Auffassung trägt zum Teil der Umstand Schuld, daß die Detailhändler, vor allem in Wien, die amerikanische Grapefruit im Anfang zu uner« hörten Preisen verkauft haben. In Wien wurden für eine Frucht 2 S — 7 pal. Piaster verlangt. Als die palästinensi* sehe Grapefruit auf den Markt kam, drückten wir den Preis sofort auf 60 Groschen — 16 mils per Stück, worauf die kalifornische Frucht vorübergehend vom Markt ver* schwand. Wenn sich der Preis dauernd auf zirka 14 mils im Detailhandel stabilisieren ließe und wenn man genug Reklame machen würde, dann bestünde die Hoffnung, die Grapefruit auch in Europa ebenso wie in Amerika zu einem Volksnahrungsmittel zu machep. Aber 50 Groschen (14 mils) wäre wirklich die obere Preisgrenze für eine mittelgroße Frucht Das heißt nicht, daß der Engrospreis des palästinensischen Produzenten billiger werden müßte, den ioh durchaus vernünftig und konkurrenzfähig finde. An der Verteuerung ist vielmehr ausschließlich der Zwischenhändler schuld, der erst dazu erzogen werden muß, an der palästinensischen Grape* fruit nicht mehr zu verdienen, als an der palästinensischen Orange. (Ein Schlußartikel folgt) Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums. In dem soeben erschienenen Juniheft beschäftigt sich Dr. B. Weinryb mit dem wissenschaftlichen jiddischen Schrifttum in den letzten Jahren. Das gleiche Heft enthält einen sehr instruktiven Artikel von Gerhard Scholem über den Einfluß des Neuplatonosmus auf die deutsche Früihkabbala. Feinsinnig und klar beurteilt Lotte Barschak Neuerscheinungen auf dem Gebiete der schönen Literatur, die sich mit Juden beschäftigen. So bringt daß Heft (neben gelehrten Abhandlungen bedeutender Forscher) auch diesmal eine große Reihe von Beiträgen, zu denen jedermann gern greifen wird. Man abonniert die Monatsschrift, indem man Mitglied der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judenrums in Berlin wird und den jährlichen Mindestbeitrag von Mk. 10 an diese Gesellschaft (Postsdieddconto Paul Veit Simon, Berlin 7030) oder an einen der Vertrauensmänner sendet, welche dn jedem Heft der Monatsschrift anfgefahrt tiad.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.