Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 198 (3.7.1931)
- Date
- 1931-07-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 198 DIE NEUE WELT Steäfo i3 geben, läßt den Armen seit Jahren nicht schlafen. Er tobt geradezu, daß „unser Parlament nicht für mehrere Jahre vertagt" wird, sondern, daß „weite Kreise der zionistischen Oeffentlichkeit es geradezu als Rettungsbringer betrachten". Und unser Liebling, der sympathische Chefredakteur des offiziellen Blattes der deutschen Zionisten, rückt, um den Kongreß zu demolieren, mit einer saftigen Denunziation an England auf. Er malt England die Gefahren vor, die ihm drohen von Seiten dieses verdammten Kongresses. Könnte er, der Kongreß, doch eine Judenstaatsresolution fassen, vor aller Welt proklamieren, daß das jüdische Volk von Herrn Passfield, dem Kolonialamt nnd Lord Chancellor, nicht gerade begeistert ist, auch nicht vom Mufti und von den arabischen Mordgesellen, und er, der Kongreß, könnte sogar — nicht auszudenken, und England, merk' es dir und hab' ein waches Auge! — Trans Jordanien für die jüdische Kolonisation verlangen. Aber der verdammte Kongreß ist nun einmal da. Und vielleicht, wer weiß, wenn Gott will, kann Weizmann bleiben. Und schon raunt ihm der kleine Moritz als Mephisto ins Ohr: Wenn du die Führung behältst, dann üb' Diktatur! Laß dir nichts vorschreiben von dem Kongreßgesindel! Das und nichts anderes steht wörtlich und dem Sinne nach im Spitzenaufsatz der .Jüdischen Rundschau", „Ein sorgenvoller Kongreß". Abgeordneter Dr. Osias T hon hat in seinem Resümee über die Kongreßwahlen in Polen festgestellt, daß der revisionistische Sieg nicht ein Sieg der Faschisten gegen die Antifaschisten, sondern im Gegenteil der Sieg der demokratischen Volksstimmung gegen faschistische Methoden im Zionismus ist, gegen jene Methoden, welche den Revisionismus als Faschismus verleumden. Die Brith Schalom- und die Krypto-Brith Schalom-Herren bekennen nun offen, wies um ihr Herz bestellt ist: sie sind Faschisten im Zionismus. Ein sorgenvoller Kongreß! Sorgenvoll für uns, wenn wir im Herzl-Parlament Verächter und Verleumder seiner Schöpfung, des Zionistenkongresses, haben. Palästina und der Kongreß Wünsche der Industriellen Der Verband der Industriellen Palästinas, der zum 17. Zionistenkongreß eine besondere Delegation zur Vertretung seiner Forderungen entsenden wird, ver* aristaltete am 14. Juni in TekAwiw einen Presseempfang, um die jüdische Oeffentlichkeit über die Forde* rttngen der Industrie an den Baseler Kongreß zu informieren. Herr Schein er (Kongreßdelegierter) griff die Leitung der zionistischen Organisation an, indem er ihr Passivität und Mangel an Interesse der jüdischen In* dustrie gegenüber vorwarf. Von der Industrie lebt e i n D r i 11 e 1 der Judenschaft Palästinas, 1 2.0 00 jüdische Arbeiter sind in der Industrie beschäftigt und etwa 800.000 Pfund wurden in Löhnen investiert. All das kostete die Exekutive gar nichts. Wir fordern vom Kongreß, daß seine Beziehung zur Industrie sich ändere! Der Industrielle Palästinas steht allein im Kampf um seine Existenz, ohne daß die nationalen Institutionen sich um ihn kümmern. Da der Kredit der zionistischen AnglosPalestine Bank sich durch nichts von dem Kredit fremder Staaten unterscheidet und daher der Industrie langfristige und billige Kredite fehlen, ist der Industrielle gezwungen, viel Zeit für Kreditbeschaffung zu vergeuden. Wir fordern vom Kongreß eine Summe für Darlehen an die Industrie und Schaf* fung der I n d u s t r i e b a n k. Nur wenn wir von dem Druck des dreimonatigen Wechsels befreit werden, werden wir die Konkurrenz mit der Auslandsproduktion aufnehmen können. . Hferr Hechtmahn sprach über Exportprobleme. Die PaJästina*Produktion hält heute große Quantitäten für den, Export bereit. Vor einigen Jahren wußte noch der Industrielle nicht, wie er seihe Ware von Tel-Awiw nach Beirut bringen könne. Hellte besitzen wir bereits Agenturen in allen Nachbarländern. Es besteht aber die Gefahr, daß die Nachbarländer den E i n fuh r z o 11 er* höhen. . Der Einfuhrzoll nach Aegpyten beträgt zurzeit 2 Prozent, jedoch ist es möglich, daß er erhöht wird. Wir müssen uns daher vielfältige Märkte erobern, damit wir nicht völlig von einem Markt abhängig sind. Herr Schenker wies darauf hin, daß die Nach* barländer Palästinas keine -eigene Industrie besitzen; die jüdische Industrie müsse daher trachten, anderen Reflek* tanten dieser Absatzmärkte zuvorzukommen. Er for* mulierte die Forderungen der jüdischen Industrie an den Kongreß wie folgt: 1. Sofortige Gründung der Industriebank. 2. Erweiterung 'der Tätigkeit des Industrie* und Handelsdepartements der zionistischen Organisation. 3. Bildung eines Obersten Wirtschaftsrates bei der Jewish Agency. 4. Förderung des Exports durch Exportprämien. 5. Langfristige Darlehen zwecks Konsolidierung der bestehenden Industrien. 6. Bemühung um Wiederherstellung des Industrie* departements bei der Regierung, das vor mehreren Jahren bestand. 7. Forderung nach Reform eines Zollsystems im Sinne einer Protektion der Palästina*Industrie. 8. Forderung nach einem Vorzugsrecht für die Palästina*Industrie.. , Nur diese Schwedenklinge macht Rasieren zum Vergnügen Die führende schwedische Weltmarke 9. Förderung ,der Bildung neuer Industriezweige durch entsprechend, e Propaganda der Galuth. 10. Erlassung eines Aufrufes an das jüdische Volk, in dem zur Verbreitung der jüdischen Palästina-Produk* tion (Tozereth ha*Jischuw) aufgefordert wird. Zur Frage des hebräischen Schulwerks Am 3. Juni fand in TekAwiw eine Zusammenkunft aller Kongreßdelegierten Palästinas statt, auf der M. M. Wir liquidieren! Ausverkauf! Die allerfeinsten Damen-u. Herrenschuhe von S 5.50 bis S 19.50 Wir vermieten unsere Lokalitäten u. verkaufen unsere Inneneinrichtung SCHUHFABRIK LISSIANSKY VII., Kalserstr. 46 (Linie 5,15,49) Ussischkin zur Frage der Finanzteung ds hebrä» ischen Schulwesens, das sich zurzeit in einer schweren Krise befindet, folgendes ausführte: „Drei Faktoren sind in jedem Erziehungswerk aus* schlaggebend: die pädagogische Frage, die Admi* nistration und das Budget. Es ist selbstverständ* lieh, daß die beiden ersten von der Budgetfrage abhängig sind. Die verschiedenen Vorschläge zur Uebertragung der Administration unseres Schulwesens von der Exekutive an den Waad Leumi sind nicht dazu angetan, das Problem und die Krise zu lösen, wenn nicht das Budget garantiert ist. Die Uebertragung des Schulwesens an den Waad Leumi war wohl mehr als Mittel gedacht, dem Waad Leumi einen Inhalt zu geben, denn als Weg zur Lösung der Schulkrise. Ein anderes Motiv für die Uebertragung des Schulwesens an den Waad Leumi ist die Tendenz, die Exekutive von allen nicht mit der Kolonisation direkt zusammenhängenden Sorgen zu befreien. Es ist bezeichnend, daß man das Schulwesen zu=> erst opfern will. Aber es darf nicht zugelassen werden, daß dieses sorgfältig im Laufe von Jahrzehnten aufge« baute Werk einem gestrichenen Budgetposten zum Opfer fallen soll. Auch der Vorschlag, das Schulwesen der Regierung zu übertragen, ist unannehmbar« Die Re» gierung wird uns höchstens 20 Prozent ihres Schul» budgets, nämlich entsprechend dem Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung, gewähren. Es gibt nur einen Ausweg: die Bildung eines be* sonderen Erziehungsfonds (Keren Hachinuch)« Der Einwand, er werde dem Keren Hajessod schaden, ist nichtstichhältig., Ich schlage daher vor, der Kongreß möge das volle Erziehungsbudget im Betrag von 74.000 Pfund beschließen, von denen 56.000 Pfund durch den Keren Hajessod garantiert werden sollten." Misrachi Palästinas gegen den . Leiter des Erziehungswesens Der beratende Ausschuß der misrachistischen Schu» len in Palästina hat eine Resolution angenommen, in der der Rücktritt Dr. Berks ons, des Direktors der Erziehungsabteilung der Jewish Agency, gefordert wird. Diese Forderung .wird damit begründet, daß der neue von Dr. Berkson entworfene Plan für die Führung des palästinensischen Schulwesens die Autonomie der MisrachisSchulen ver* nic'htet und eine Autokratie' des Direktoriums des Zwischen Mensdienzähnen Ein Odessaer Film aus den Jahren 1919/20 ' Von Avigdor H a m e i r i. Eifer. > Ich gehe über die Straße, in der Nähe des Waisenhauses. Die Fenster sind offen und an den Fensterrahmen sitzen Kinder eng gedrängt. Plötzlidi höre ich einige Stimmen rufen: „Onkel, he, Onkel! Gibt es einen Gott oder gibt es keinen?!" Ich wurde einen Augenblick lang verlegen, fand keine Antwort. Einer von ihnen machte sich meine Verlegenheit zunutze und wandte sidi an seinen Gefährten: „Siehst du, siehst du? Auch er sägt, dafl es keinen Gott gibt!" „Lüge! Er sagt, es gibt einen." „Lüge!" sagte der erste Knabe und wendete sich wieder an mich, „nicht wahr, es gibt keinen Gott!" Neugierde packte mich. Ich wollte die Ursache dieses Streites ergründen. Ich schüttelte den Kopf und sagte: „Es gibt einen Gott!" nAhI" triumphierte der zweite, „ah, es gibt einen Gott!" Da sich der erste besiegt sah, rief er aus: „Auch er weiß nichts. Es* gibt keinen Gott. Die Lehrerin versteht es besser als er!" „Die Lehrerin versteht", erwiderte der zweite, „aber mein Vater versteht auch, mehr nodi als die Lehrerin, und er sagt, es gibt einen Gott." „So", sagte der erste und stieg zornig vom Fenster herunter, „so, dann geh' ich's der Lehrerin erzählen! Ich geh' hin und erzähl' es!" Sprach's, tat einige Schritte, drehte sich dann um imk2 Mgte; „Idi erzähl* es der Lehrerin und du bekommst heute kein Naditmahl!" Der zweite erschrak, sein Gesidit wurde blaß, er sah dem weggehenden Knaben midi, und als dieser sdion verschwunden war; wandte 'er sich an ein kleines Mädel, das. neben ihm .stand, zog die Schulter hodi und sagte gleichgültig: . . „Soll er nur gehen. Soll er erzählen. Ich hab' keine Angst Morgen ist dödi" Jörn Kippur und heute Abend darf man kein Nachtmahl essen! Soll er uur gehen und erzählen! Nicht wahr, Deborah? Es gibt einen Gott!" Der Glückliche. Vorabends. Kinder in der Nähe der Alice. Im ganzen drei. Sie stöbern in etwas. Ein Misthaufen ist's. Die Kinder — abgerissen, zerschlissen, eingetrocknet und blaß — sie stöbern, stieren, suchen, finden etwas. Die Abfallstierer geraten allmählich in Wettstreit miteinander. Indessen schließt sich auch ein Hündchen ihuen au. Es tut nichts zur Sache. Sie suchen gemeinsam mit ihm und finden. Bisweilen wird , das Herausgestöberte auch gleich verzehrt, mandimal in ein Gefäß beiseite gelegt: Erdäpfelschäler und andere Schäler, Zigarettenstummel, Papierschnitzel zum Einheizen, Holzstückchen, Späne —: alles wird aufgelesen. Plötzlich — ein großer Hund. Er springt her, knirscht mit den Zähnen, verjagt die Kinder mitsamt dem Hündchen. Die Kinder weichen und blicken neiderfüllt auf den großeu Hund zurück. „Kommt", sagt verzweifelt ein Kind, „gehen wir weg! Es ist Jaschas Hund, ich kenn' ihn. Gehen wir, er wird uns nicht heranlassen, wird alles selber herausstobern!" Da kommt auch schon ein Junge daher, mit einem Sack in der Hand. Er geht auf den Hund zu und steckt in den Sack alles, was der Hund herausgefischt hat. Es ist Jascha, der Glückliche. Eine Proletarierin. Die Angst vor der Tscheka schnürt das Leben in der Stadt ein. Wieder eine Liste der zum Tod Verurteilten, wieder einige hingerichtete Bekannte, wieder eine Anzahl verhafteter Gesinnungsgenossen. Es macht nichts aus: Die Leute der „Zeire Zion" versammeln sich im geheimen, arbeiten im geheimen, lesen Neuigkeiten aus der fernen Heimat vor, die aus unendlichen Generationen und Weiten zu uns herüberglänzt. Und wieder strenge, strenge Kontrollen und Visitationen und wieder Schauergerüchte. Es macht nichts aus: Die Jungen- und Mädels, die es nach Brot hungert, kennen kein Innehalten. Und stärker als der Hunger nach Brot ist der Durst nach einem hebräischen Buch. Ohne Unterlaß kommen sie zu uns, dem unglücklichen Häuflein hebräischer Schriftsteller, und bitten, fordern, flehen: „Wann wird wieder ein .Mündliches Sammelbuch* stattfinden?" „Wann wird mau wieder etwas Hebräisches vortragen?" „Bitte, diesen Samstag, bitte!" Und wir organisieren ein „Mündliches Sammelbuch". Im Hause der Jeschiwa. Der Saal ist übervoll. Jedes vorgetragene Wort wird verschlungen — mit heiligem Ernst und kindlich-naiver Begeisterung. Plötzlich, während des Lesens, mitten im Satz ■■— erscheint ein bewaffneter Mann in der Tür. „Sch . . . sch . . . I" hört man von aJien Seiten. Und auch yoa der Tftr her, vernimmt man; „Stob.,, sch^,!"