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Die neue Welt · 1931-06-26 · Heft 197 (26.6.1931) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 197 (26.6.1931)
Date
1931-06-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Nr. 197! In Heiratsangelegenhei'fen wenden Sie sich mit Vertrauen an M. L. Schlesinger, Wien, II., Gr, Mohrengasse 26/27 Seriös, diskret, Beziehungen zu den besten Kreisen. gebilligt, die Wahrnehmung berechtigter In* teressen anerkannt und dazu folgendes in der Urteils* begründung ausgeführt: „Unter diesen Umständen konnte der Angeklagte glauben, daß die Versammlungsteilnehmer ein berechtigtes Interesse daTan hätten, zu erfahren, wem sie die Angriffe gegen ihre Person und die Behelligung ihrer Versammlung verdanken, und daß er dadurch seiner Partei nützen werde. Als Leiter der Versammlung war daher der Angeklagte derjenige, der dieses Interesse der Versammlungsteilneh« mer wahrzunehmen hatte. Außerdem lag die M i t* teilung des Gerüchts aber auch im Inter* esse der Partei des Angeklagten. Als Leiter der Ortsgruppe Glatz der nationalsozialistischen Arbeiter* partei war der Angeklagte berechtigt, die Interessen seiner Partei wahrzunehmen. Diese steht im offenen Kampf gegen alles Jüdische. In diesem Kampfe lieferte der Angeklagte eine neue Waffe, indem er über einen Juden ein Gerücht verbreitete, wonach dieser sich einer schändlichen und straff baren Handlung schuldig gemacht habe. Freilich schädigte er durch die Aeußerung einen ange* sehenen jüdischen Kaufmann moralisch und geschäftlich. Letzteres war aber nicht Alleinzweck seiner Aeußerung. Es muß daher dahingestellt bleiben, ob der Angeklagte insoweit berechtigte Interessen wahrnahm und nicht der Wahrnehmung dieser Interessen die guten Sitten entgegenstanden. Die guten Sitten standen dem Angeklagten insoweit entgegen, als er im Wahlkampfe — es war die letzte Woche vor der Wahl — seiner Partei neue Anhänger für die bevorstehenden Wahlen zuführen wollte, indem er durch diese Aeußerung den Versamm* lungsteilnehmern vor Augen führte, wie berechtigt und begründet der von seiner Partei gegen das Judentum ge# führte Kampf sei. Das war der Hauptzweck seiner Aeußerung. Nicht aber war es Hauptzweck, den Privat» kläger lediglich herabzuwürdigen. Die Kundgabe des Gerüchts, an das er glaubte, entsprach daher den berechtigten Interessen der Partei des Angeklagten, zu deren Wahrnehmung er ab Ortsgruppenvertreter befugt war. Dem Ange* klagten war daher der Schutz des § 193 Str. G. B. zuzu* billigen. Er hat sich mithin durch die von ihm über den Privatkläger verbreitete, nicht erweislich wahre, ehren* kränkende Tatsache nicht strafbar gemacht." Ehlen Juden grundlos beleidigen ist also nach An« sieht deutscher Richter Erfüllung einer Ehrenpflicht. Der braunschweigische Landtag beschließt ein Schächtverbot. Braunschweig, 19. Juni. (J. T. A.) Der Landtag Braunschweigs, des einzigen deutschen Landes, in welchem ein Nationalsozialist, Herr Franaen, ein Ministeramt bekleidet und maßgebenden Einfluß auf die Regierung hat, hat am 18. Juni eine Gesetzesvorlage angenommen, nach der das Schächten nach jüdischem Iiitue verboten ist. Das Gesetz tritt am 1. Juli 1931 in Kraft. Von , diesem Zeitpunkt an darf im Lande Braunschweig das Schlachten sämtlichen Viehes, einschließlich des Federviehes, nur nach vorheriger Betäubung stattfinden. Es ist dies der erste Fall in einem Lande, daß auch das S ch ä eh t« n von Geflügel verboten ist. -> - Jüdische Abstammung wird im Neuen Brockhaus verschwiegen Wien, r9. Juni. (J. T. A-) Der Jüdische Schriftsteller Marcus Silberschatz lenkt in einer Zuschrift an die Jüdische Telegraphenagentur die Aufmerksamkeit der jüdischen Oeffentlichkeit darauf, daß die neueste Aufläge des Brockhaus-Lexikons den Eindruck erweckt, als ob der Verlag bemüht wäre, die jüdische Abstammung sehr vieler Geistesgrößen zu verschweigen; nicht nur mit jüdischen Berühmtheiten, die in der 15. Auflage des Brockhaus zum ersten Male genannt werden, wird so verfahren, sondern auch mit gar manchen, die in früheren Auflagen als Juden angeführt erscheinen. So wird zum Beispiel die jüdische Abkunft von Georg Brandes, Sarah Bernhardt, Jacques Fromental Halevy, Justizreformer Julius Glaser, Michael und Wilhelm Beer in der 14. Auflage erwähnt, in der 15. jedoch nicht mehr. Von sonstigen Personen, deren Zugehörigkeit zum i Judentum oder deren jüdische Abstammung der Brodchans nicht angibt, seien herausgegriffen; die Nobelpreisträger Asser, Barany, Bergsoh, Ehrlich, Einstein, Frandc, Fried, Haber. In einer Zeit, in der die Juden durch gewisse Kreise systematisch herabgesetzt werden, wäre es doppelte Aufgabe eines wirklich unparteiischen Lexikonverlages, den Anteil der Juden an der Kultur nicht zu verheimlichen. Ueber die Bedeutung des Konversationslexikons wird sich niemand im unklaren sein; der Brockhaus-Verlag nennt es „eine unentbehrliche Buchgattung der Kulturw e 1t". Für den Fall, daß jemand der Meinung sein sollte, der Verlag setze sich über Abstaramungsfragen überhaupt hinweg, seien folgende Beispiele als Gegenbeweis genannt: Im Artikel über Hoover heißt es diesbeaögMcb; „ , , > aas einer kleinen Quäker- . f ami 1 ie von ehemals (t) deutscher Herkunft . . ."; über Becquer findet man: „spanischer Dichter, von deutscher Abstammung". Noch ist es möglich, das an den Juden begangene Unrecht teilweise wiedergutzumachen: Der mit I beginnende 9. Band, der auch den Buchstaben J enthalten wird, ist noch nicht erschienen; in einem Artikel „Jüdische Geistesgrößen" ließe sich eine entsprechende ergänzende Liste anführen. Daß in den Bänden, die erst erscheinen werden, eine Schmälerung der jüdischen kulturellen Leistungen vermieden werden müßte, ist eine selbstverständliche Forderung. Die Synagogenschänder in Posen nach zwei Jahren vor Gericht. Posen, 24. Juni. Vor dem Kreisgericht in Posen hatten sich vier bekannte Antisemiten, Stefan Bonaczik, Viotor Liczak, Vladimir Bogadarski und Vincent] Romajczik, unter der Beschuldigung zu verantworten, daß sie am B. Juni 1929 antisemitische Unruhen organisiert und in der Posener Altstadt die Fensterscheiben zweier Synagogen und einer großen Zahl jüdischer Ge* schäfte eingeschlagen haben. Der Schaden betrug viele Tausende Zloty. Der Hanptorganisator des Pogroms, Stefan Bonaczik, wurde für schuldig erkannt und zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Die übrigen drei Angeklagten wurden freigesprochen. Der Oberrabbiner Aegyptens in den ägyptischen Senat berufen. ■ Kairo, IS. Juni. Der Oberrabbiner von Aegypten Chaim Nahum Efendi wurde von Kernig Fuad zum Mitglied des ägyptischen Senats ernannt. Rabbi Nahum Efendi, der seinerzeit als türkischer Oberrabbiner im jüdischen und allgemeinen öffentlichen Leben der Türkei eine hervorragende Rolle gespielt hat und anläßlich der Friedenskonferenz in Versailles von der türkischen Regierung mit wichtigen Missionen betraut war, lebte nach dem Friedensschluß eine Zeitlang in Paris. Im Jahre 1925 wurde er zum Oberabbiner von Kairo gewählt. Mortimer Schiff hinterläßt 1 Million Dollar für Wohlfahrtszwecke. New York, 18. Juni. Der vor kurzem verstorbene Mitchef des Bankhauses Kuhn, Loeb & Co., Mortimer Schiff, hat eine Million Dollar für Wohlfahrtszwecke — meist für jüdische — hinterlassen. Der New Torker Verband jüdischer Wohlfahrtsvereine erhält allein 500.000 Dollar. ■ il * :i •, - •\ Nicht ein Cent für das jüdische Nationalheim, für den Palästinaaufbau! Resultat der vielgerühmten Erweiterung der Jewish Agency durch Nichtzionisten. Um dieses Resultats willen hat man die zionistische Organisation erniedrigt und geschwächt, Stück für Stück des zionistischen Programms und seines nationalen Inhalts preisgegeben! Feier des fünfjährigen Bestehens der jüdischen Kulturautonomie in Estland Reval, 22. Juni. Das fünfjährige Bestehen der j ü d i* sehen Kulturselbstverwaltung wurde durch eine Festyersammlung des Jüdischen Kulturrates he« gangen. Aus den zu diesem Anlaß verlesenen Berichten geht hervor, daß für den Unterhalt der jüdischen Schulen im Laufe von fünf Jahren vom Staat und den Kommunal* Verwaltungen Subventionen im Betrage von 143.000 Kr. bewilligt worden sind, welcher Summe die Kulturverwal« tung von sich aus noch 50.800 Kr. zugefügt hat. Die Kül* tursteuern ergaben zur selben Zeit 98.000 Kr. Jüdische Schulen bestehen in Reval, D o r p a t. und Walk. Der Orden „Polonia Restituta" für einen jüdischen Journalisten. Warschau, 20. Juni. Der Warschauer Wojwode Herr Jaroszewicz überreichte dem jüdischen Journalisten Dok« tor J. G o 111 i e b persönlich das ihm vom Präsidenten der polnischen Republik Prof. Mosoicki vor kurzem verliehene Offizierszeichen des Ordens „Polonia restituta" (wiedererstandenes Polen)» Dt. J. Gottlieb dankte für die Auszeichnung und führte dabei aus: „Ich bin mir dessen bewußt, daß die Regierung durch meine Auszeichnung unterstreichen wollte, daß diejüdische Publizistik und Presse gleich der übrigen republikanischen Presse an dem Staatsaufbau mitwirken könne." Dt. J. Gotttieb ist einer der bekanntesten Führer des polnischen Zionismus. " * ■* ■ i ' 1 Professor Piccard jüdische? Abstammung? Wiesbaden, 23. Juni. Das in Wiesbaden erscheinende „Jüdische Wochenblatt für Nassau" weiß zu melden, daß Professor Piccard, der den erfolgreichen Flug in die Stratosphäre durchgeführt hat und zu Weltberükmtheit gelangt ist, jüdischerAbstammung ist. Sein Großvater war ein jüdischer Metzgermeister in der schweizerischen Stadt Vevey. Sein Yater trat zum Christentum über. Nach den Ermittlungen des Blattes ist Professor Piccard bereits «4s Christ geboren. Piccard war an der Züricher Technischen Hochschule ein bevorzugter Schüler Einsteins, der auch seine Doktorarbeit begutachtete. Eine schwere Niederlage der A$si'miIati'on§judeii* Vom rumänischen Parlament. — Sieg des füdlschnationalen Gedankens. — Niederlage der Assimilationsjuden. Am 15. Juni trat das neugewählte rumänische Parlament zusammen, um die Thronrede des Königs zu hören. Die Thronrede enthält eine Anerkennung des Prinzips der nationalen Minderheit. Der König weist in seiner Botschaft auf die zum ersten Male in der rumänischen Geschichte erfolgte Einrichtung eines speziellen Sekretariats für die Angelegen« heiten der Minderheiten hin. Die erste Sitzung des Parlaments leitete als Alters« Präsident der berüchtigte Radau«Antisemit Professor Cuza. Obwohl Cuzas Alterspräsidentschaft nur eine geschäftsordnungsmäßige Maßnahme war, hat die Tatsache, daß der Mann, an dessen Namen so viel Un* glück der rumänischen Judenschaft geknüpft ist, das Landesparlament leitet, dennoch auf die. Judenschaft einen erschütternden Eindruck gemacht. Die auf den Listen der Jüdischnationalen Partei gewählten Dr. Theodor Fischer und Dr. Mayer Ebner haben gemäß einem noch vor der Wahl getroffenen Abkommen auf ihre Mandate zugunsten Dr. Michael Landaus und Dr. Singers verzichtet. Theo« dor Fischer wird weiterhin Vorsitzender der Partei sein. Er und Dr. Ebner werden Mitglieder des Jüdischen Par* lamentsklubs bleiben. Die formelle Mandatsniederlegung erfolgt nach Bestätigung der jüdischen Mandate durch die Kammer. * Berlin, 18. Juni. Während der Parteikämpfe an« läßlich der Parlamentswahlen in Rumänien kamen die alten Gegensätze zwischen der assimilatorischen „Union rumänischer Juden" und der national«jüdi« sehen Strömung wie noch nie bisher zum Austrag. Die national«jüdische Strömung fand ihren politischen Niederschlag in der kurz vor den Parlamentswahlen be« gründeten Jüdischen Reichspartei, die zu den Wahlen in allen Bezirken eigene Kandidatenlisten aufge« stellt hat. Die „Union", deren Wahlbündnis mit der Iorga« Regierung in die Brüche ging, hat wiederholt in öffent? liehen Erklärungen gegen die Jüdische Reichs« partei in schärfster Form Stellung genom« men und die jüdischen Wähler davor gewarnt, für die Listen dieser Partei zu stimmen. Der Vorsitzende der Union, Herr Dr. W. Fildermann, hat in zwei Er« klärungen an die Jüdische Telegraphen*Agentur — die eine vor, die andere nach den Wahlen abgegeben — schärfste Angriffe gegen die Führer der Jüdischen Partei gerichtet, in der zweiten Erklärung u. a. auch der An* sieht Ausdruck gegeben, daß der Wahlausgang eigentlich einen Mißerfolg (?) für die Jüdische Partei bedeutet, mag diese auch 6 5.0 0 0 Stimmen auf ihre Liste ver« einigt und vier Parlamentsmandate errungen haben. Zu diesen Ausführungen nimmt nun -auf Ersuchen der J. T. A. Herr A. L. Z i s s u, der auch in Deutschland bekannte rumänische Schriftsteller und Wirtschaftsführer, Stellung. Herr Zissu führte aus: „Meines Erachtens war das Ergebnis der Wahlen zum rumänischen Parlament ein durchschlagender Erfolg für die junge jüdischnationale Partei und ihre Ideen. In Rumänien gäbe es höchstens 120.000 jüdische Wähler, vorausgesetzt, daß die Juden bis zum ^letzten Marin zur Urne gehen. Wenn man zu den 65.000 Stimmen, die sich für die Liste der Jüdischen Partei er» geben haben, noch die in Beiice infolge der (wegen eine3 angeblichen Formfehlers erfolgten) Annullierung der Jüdischen Liste verlorengegangenen mindestens -5000 Stimmen hinzufügt, so kann man ruhig von 70.000 Stimmen sprechen. Wenn man die unzähligen An« nullierungen von jüdischen Stimmen auch in i den anderen Wahlkreisen und ferner den Wahlterror, über den "sich ausnahmslos alle Parteien beklagen und der ganz besonders gegen die Juden wütete, in Rücksicht zieht, ist bestimmt anzunehmen, daß die auf die jüdische Liste abgegebenen Stimmen die Ziffer 65.000 weit übersteigen. Man kann getrost sagen, daß sich das innerlich freie Judentum Großrumäniens, indem es für die Listen der Jüdischen Partei stimmte und sich dadurch unzweideutig gegen die schwer zu verurteilende Taktik der „Union rumänischer Juden" aussprach, als natio« nale Minderheit bekannt hat. Im rumänischen Judentum ist der Grundsatz durchgedrungen: Klar und wahr. Taktiken wie die bisher von der Union ge« übten werden in der Zukunft nicht mehr verfangen. Herr Fildermann bleibt ewig mit dem Odium belastet, d i e Juden gegen ihre eigene Partei in uner« hörter Weise gehetzt zu haben, indem,, er die jüdische Wählerschaft in seinen Wahlmanifesten aufge« fordert hat, nur ja nicht für die jüdischen Kandidaten zu stimmen. Es spricht für den ge« raden Sinn der rumänischen Juden, daß sie in einer von Dr. Fildermann nicht erwarteten Weise auf seine Moni* feste reagiert haben. Die JüdischePar t ei glaubt, es sei, unbeschadet; dessen, wie sich Nichtjuden dazu stelle^ Sache der elementaren Würde, der eiementaaren Sauberkeit, offen jüdische Farbe zu bekennen. Die „Union rumänischer Juden" aber fragt: Weshalb be*

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