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Die neue Welt · 1931-06-26 · Heft 197 (26.6.1931) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 197 (26.6.1931)
Date
1931-06-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 197 DIE NEUE WELT Seil» 9 Einige jüdische Läden wurden demoliert, im Kolonialladen des Salomen Hansberg in der Zerömskistraße 30 wurde die gesamte Ware weggeraubt. In der Zeromski-, Lubelska, Szeroka-, Godnastraße und am Kosziuszko-park wurden ßämtliche Fensterscheiben an den jüdischen Wohnungen und Läden eingeschlagen. Das Büro der Zionistischen Organisation und das jüdische Gymnasium waren besondere Ziele der Zerstörungswut des Mobs. Den ganzen Nachmittag bis spät in die Nacht hinein wagten die jüdischen Einwohner nicht, ihre Wohnungen zu verlassen, der Stadtteil war wie ausgestorben. Gegen Mitternacht brachen die Huligans wieder in das Stadtviertel ein, und der Terror begann von neuem. Die Polizei von Radom, die sich während des Tages als zu schwach erwies, um dem Wüten Einhalt zu tun, und die nur einige wenige Exzedenten verhaften konnte, wurde jetzt überwältigt und entwaffnet, dann wurden die verhafteten Huligans gewaltsam befreit. Auch der Polizeikommandant wurde entwaffnet. Bis drei Uhr morgens dauerten die Ausschreitungen. Erst als berittene Polizei von auswärts eintraf, kehrte Ruhe ein. Mehrere Huligans wurden verhaftet. Wie es heißt, war der Angriff auf die jüdische Bevölkerung schon eine Woche vorher beschlossen worden, als bei einem Fußballkampf zwischen der Bar Kochba und einer polnischen Mannschaft z wei polnische Schüler im Spiel, wie dies bei Fußballkämpfen nicht selten vorkommt, verletzt wurden. * Warschau, 20. Juni. Wie „Nasz Glos" mitteilt, wurden während der antisemitischen Exzesse in Radom über tausend Fensterscheiben zertrümmert. Im Krankenhaus wurden zahlreiche verletzte Juden behandelt, die Verletzungen von zehn sind schwererer Natur. Der Znstand des schwer verletzten jüdischen Schülers Litwak gibt zu schwersten Besorgnissen Anlaß. Während der Panik beim Ueberfall im Stadtpark wurde ein k 1 ei nes jüdisches Kind totgetreten. Die Polizei schritt nach Erhalt von Verstärkungen energisch gegen die Exzedenten ein. Gegenwärtig herrscht in Radom vollkommene Ruhe. Warschau, 20. Juni. Am Montag, den (5. Juni, 9 Uhr abends, habcu sich in Radom — wie die Zeitungen von dort melden — die? antisemitischen Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung wiederholt. Einige jüdische Einwohner wurden schwer mißhandelt und verletzt. In der Eisengießerei von Rubinstein wurden mehr als 100 Scheiben eingeschlagen. Die Fensterscheiben im Hause der Zionistischen Organisation und des jüdischen Gymnasiums wurden zum zweiten Male eingeworfen. Die Polizei war rechtzeitig zur Stelle, verhaftete einige Exzedenten und stellte die Ruhe wieder her. Das Kuratorium des Lodzer Schuldistrikts hat im Zusammenhang mit den antisemitischen Ausschreitungen in Radom, an denen sich in Erster Reihe die Schuljugend beteiligt hat, eine Untersuchung eingeleitet. Die Direktoren der Radomer Schulen wurden aufgefordert, zu berichten, was sie gegen die schuldigen Schüler veranlaßt haben. Der Radomer Korrespondent der Tageszeitung „Haynt" teilt seinem Blatte mit, daß die nationaldemokratisch organisierte Schuljugend den Hauptteil der Schuld an den Exzessen frage. Es stellt sich heraus, daß die Exzesse vom Samstag abend von langer Hand organisiert und auf ein bestimmtes Signal hin ausgebrochen waren. Einige hundert Schüler, mit dicken Knütteln, Gummiknüppeln und Messern bewaffnet, drangen in den Stadtpark und in das von Juden bewohnte Viertel ein und schlugen auf die jüdischen Passanten los. Eine ungeheure Panik bemächtigte sich der jüdischen Bevölkerung, die sich noch steigerte, als in Hunderten von Häusern mit wildem Gejohle die Fensterscheiben eingeschlagen wurden. Später teilten sich die Exzedenten in Gruppen von je zwei und drei Mann, die sich an den Straßenecken postierten und jeden vorbeigehenden Juden niederschlugen. Vertrieb die Polizei eine Gruppe, trat gleich eine andere an ihre Stelle. An den Exzessen beteiligte sich auch der Straßenmob, d/ * ' ter viele Betrunkene und Elemente der Unterwelt, in der vorangegangenen Hetze gegen die Juden hatten sich nationaldemokratisch organisierte Lehrer beteiligt; diese verbreiteten das falsche Gerücht, daß die Juden einen polnischen Schüler erstochen hätten und daß man diese Bluttat an den Juden rächen müsse. Die jüdische Bevölkerung Radoms hofft, daß es den Behörden endlich gelingen werde, die verhetzte Jugend zu beruhigen und die Ordnung wieder herzustellen. Warschau, 21. Juni. Die jüdische Bevölkerung der Stadt Radom, die durch wiederholte antisemitische Massenangriffe Schwerstes erdulden mußte, ist gestern durch ein neues Ereignis in Panik versetzt worden. Das fünfjährige Söhnchen der christlichen Familie W i d r o in der Koszenitzer Gasse hatte sich verlaufen. Sofort entstand das Gerücht, daß die Juden aus Rache für die antisemitischen Angriffe das Kind getötet haben. Die'Polizei machte ßich auf die Suche nach dem Kind und konnte dasselbe nach wenigen Stunden den Eltern unversehrt zurückgeben. Inzwischen war die Stimmung in der Stadt sehr nervös geworden, der Pöbel rottete sich zusammen, und nur der Umsicht der Polizei war es zu danken, daß nicht neue Exzesse ausbrachen.— In der Lubliner Gasse entstand das Gerücht, daß der Jude Fuchs aus Rache für die antisemitischen Angriffe einer c h ristlichen Frau den Schädel eingeschlagen hat. Es stellte sich heraus, daß Fuchs an der übrigens geringfügigen Verletzung der Frau nicht im geringsten Schuld trägt. Indessen müßte die Polizei größte Anstrengungen machen, um den erregten Mob in-Schach zu halten. Die Polizeipatrouillen in der Stadt sind durch Heranziehung von Polizeikräften aus anderen Städten verstärkt worden, der Bevölkerung ist verboten, nach 9 Uhr abends die Wohnungen zu verlassen. Vier Arbeiter, die wegen Teilnahme an den Exzessen von den jüdischen Eisenfabrikanten Diamant und Rosenberg gekündigt worden sind, betreiben antisemitische Propaganda unter der Arbeiterschaft, wodurch die unruhige Stimmung sich verstärkt. Bei stockendem Stuhlgang und überschüssiger Magensäure leitet das sehr milde, natürliche „Fran«» Josef-Bitterwasser die im Magen und Darm angesam* melten Rückstände der Verdauung ab und verhütet in vielen Fällen die Entstehung von Blinddarmentzündungen. Gegen die Verächtlichmachung des Alten Testaments. München, 20. Juni (J. T. A.) Im bayerisch*katholi* sehen Kirchenorgan schreibt P. Tharc. Paffrath über eine dringende Aufgabe der Seelsorgc: „Wer mit jungen Leuten in Berührung kommt und in ihr Denken Einblick gewinnt, findet nicht selten eine heillose Verwirrung bezüglich der Offenbarung und des Wertes des Alten Testamentes. Mit der Verwerfung des Alten Testamentes ist aber die Verwerfung der gesamten Offenbarung gegeben. Schlecht unterrichtete Christen wollen in Nachahmung sinnloser Schlagworte um des reinen Christentums willen das Alte Testament verwerfen. Das Alte Testament ist ihnen infolge ständiger Schmähung und Verdrehung der Inbegriff jüdischer Falschheitund Gemein* h e i t, die ein rechter „Arie r" und Christ und Edel* mensch mit Verachtung von sich wirft. Die ungeheure Ge* dankenlosigkeit, die darin steckt, kommt ihnen nicht zum Bewußtsein . . . Diese gewaltige religiöse Gefahr liegt für den, der nicht Augen und Ohren verschließt, so klar zutage, daß es wundernimmt, daß sie nicht längst mehr hervorgehoben und insbesondere, daß sie nicht längst viel energischer bekämpft wurde." Grundlose öffentliche Verleumdung eines Juden ist gleichbedeutend mit Wahrnehmung öffentlicher Interessen. Berlin, 19. Juni. Ein Urteil der Strafkammer des Landgerichts in Glatz hat der Abgeord* nete Dr. Hamburger zum Gegenstand einer kleinen Anfrage im Landtag gemacht. Der nationalsozialistische Stadtrat Köhler in Glatz hatt als Vorsitzender in einer öffentlichen Wahlver* Sammlung der nationalsozialistischen Partei behauptet, die Zusammenrottung einer lärmenden Menge vor dem Ver* sammlunglokal sei auf Anstiften des jüdischen Glatzer Kaufmanns Ellgut her erfolgt, der „dem Mob 200 Mark gegeben habe, um die national* sozialistische Versammlung zu sprengen". Das Amtsgericht in Glatz hatte Köhler daraufhin zu 70 Mark Geldstrafe verurteilt, die erwähnte Strafkammer aber das Urteil im Berufungsverfahren aufgehoben und den Angeklagten freigesprochen. Aus der Urteilsbegründung geht hervor, daß auch die Strafkammer die Aeußerung des Angeklagten als eine üble Nachrede im Sinne des § 186 Str. G. B. an* erkennt. Es heißt darin: „Die von dem Angeklagten ver* breitete Tatsache istauchnichterweislich w ah r. Sein von ihm angetretener Wahrheitsbeweis ist völlig mißglückt. Der Angeklagte war sich auch nach der Ueberzeugung des Gerichts bei seiner Gewandtheit und politischen Erfahrung des ehrenkränkenden Charakters der von ihm über Ellguther verbreiteten Tatsache bewußt, so daß sämtliche Tatbestandsmerkmale des § 186' Str. G. B. vorliegen." Das Gericht hat dem Angeklagten dennoch für seine Aeußerung den Schutz des § 193 Str. G. B. zu* man: ihm dieselben- Rezepte verschreibt wie anderen Kränken. Aber später, als die Sache sich hinzog, schnitt man plötzlich das Gerede ab und die Gemüter gerieten in schwere Besorgnis. Inzwischen traf es sich, daß des Orts« millionärs Tochter in schwerer Entbindung von ihrem Erst* Iing lag und man nicht wußte, was zu tun und welchen Arzt zu rufen, was schon wirklich keine Kleinigkeit war, und da war schon eine Woche Zeit vergangen und der Doktor war noch immer nicht zu sehen. Und es war, als hätte sich die Welt auf den Kopf gestellt. Und das brachte zum Nachdenken über das Leben und ähnliche Dinge, zum Insichgehen wie beim Ausbruch einer Pest, Gott schütze vor ihr, oder eines Krieges. Die Augen zwinkerten nervös und erschrocken. Die Gesichter wurden lang und blaß. Der Seufzer, die jeder Jude den ganzen Tag über so in die Welt schickt, war nun einer mehr: Um des Arztes Krankheit willen. Beim Segensspruoh im „Schcmone Essre": „Der Herr möge heilen", verweilte man. länger und inniger, sagte das Gebet mit andächtiger Betonung und verstand erst jetzt seinen tiefen Sinn. Jedem lag es auf der Zunge, man sollte Kerzen anzünden im Beth Hamidrasch und Psalmen sagen wie für einen großen Zaddik. Man brachte es aber nicht über die Lippen. ":! Aber im Herzen bat man Gott um rasche und volle Genesung. Aber die Genesung kam nicht. Die Krankheit schleppte sich hin. Menschen standen tagelang unter den Fenstern und waren bereit, meilenweit zu laufen und alles zu tun, wenn man es brauchte. Einmal begann man davon zu sprechen, daß es ihm besser gehe, und man erlaubte dann und wann, zu ihm hineinzugehen und ihn um Rat zu fragen. Die Stadt begann wieder zu hoffen, ■ " > Aber plötzlich, an einem trüben Herbstmorgen, als die Juden mit Talles und Tefillm unter dem Arm zum Beten schritten, vernahm man eine schreckliche Botschaft: Der Doktor ist vortags gestorben. Im Städtchen ging es drunter und drüber, als wäre ein großer Brand ausgebrochen. Der Gedanke wollte nicht ins-Hirn. Wie das? Dr. Rabinowitsch tot? Wie kann das sein? Der. Boden erbebte unter den Füßen, vor den Augen wurde es finster: Unwillkürlich dachte man über den Sinn des Menschenlebens nach. Man ergründete auf einmal ein großes Geheimnis. Wenn so, dann ist ja niemand des Lebens sicher. Wozu dann das Rennen und Hasten nach Erwerb? Das Beten fertigte man rasch ab, die Läden über* ließ man dem Schutz Gottes und lief noch vor dem Morgenbrot zum Haus des Doktors. Dort erfuhr man, daß er sich in der Nacht etwas wohler gefühlt und ein paar Weintrauben sich habe geben lassen, und mitten drin, für alle unerwartet, drehte er sich zur Wand um und schlief für immer ein in schweigendem Tod, wie ein großer Zaddik. Und alle verstanden, daß er so habe sterben müssen, stili und in ein Geheimnis gehüllt, wie sein ganzes Leben still und in ein Geheimnis gehüllt war. Er, wuchs in ihren Augen empor zum guten Engel, den Gott dem Städtchen gesandt und wieder genommen hatte. Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen ... Den ganzen Tag über kamen Menschen, klein und groß, Männer und Frauen, zu ihm ins Zimmer wie zu einem nahen Verwandten, blickten auf den Leichnam, der, mit einem Tuch überdeckt, auf dem Fußboden lag, und verstanden nicht, was. eigentlich geschehen sei. Zur Bestattung bereiteten sich die vornehmsten Bürger der Chewra Kadischa vor. Jeder erwog, ob er nicht vorher ins Tauchbad gehen solle wie bei der Bestattung eines heiligen Mannes. Denn auch der Tote war ein Heiliger in seiner Art, aber man legte diesen Gedanken scheu zurück. Es entstand sogar ein kleiner Streit unter den Leuten, wer am Grab den Kaddisch sagen soll, denn der Doktor war ja Junggeseile. Zum Leichenbegängnis kam die ganze Stadt. Die Krämer sperrten ihre Geschäfte, die Handwerker legten Schere und Eisen weg, die Lehrer schickten die Kinder nach Hause und alles folgte dem Sarg. Man sah auch viele Christen. Der Weg, der zum Friedhof führt, war schwarz von Menschen. Der Tag war trüb, die Luft wie ein feuchter Fetzen. Man ging Schritt für Schritt; blickte auf die Bahre und konnte immer noch nicht , den Gedanken fassen, daß man den Doktor hier trage. Manchmal tauchte die sonderbare. Idee auf, daß man da gleich unter den Leuten den Doktor sehen werde, wie er mit den langen Beinen und dem abgeschabten Mäntel einhergeht; den goldenen'Zwicker auf" der knochi* gen Nase befestigt. Alles war so eigentümlich. „Na, auch Dr. Rabinowitsch nicht mehr", sagt einer der Mitgehenden zu seinem Nachbarn, ohne die Augen zu erheben, „alles hat ein Ende." „Was denn", antwortet der andere, „se söf kol adam!" „Trotzdem war es ein wenig unglaublich, daß auch er sterben werde wie jeder andere und nichts . . ." „Ja, wenn er gestorben ist, ist man wirklich des Lebens nicht sicher." „Wer konnte das erwarten! War er doch ein Zaddik seiner Zeit." „Was redet ihr Zaddik, ein Engel war er, ein Engel Rafael und vielleicht einer der 36 Gerechten." „Und ich sage euch", wirft ein dritter ein, ohne die anderen anzusehen, „und ich sage euch, daß es trotzdem ein klein wenig Gerechtigkeit gibt auf der Welt." „Was meint ihr damit?", erwiderten die ersten zwei. „Na, ich meine auch deshalb, ja, deswegen, daß wenigstens in einem alle Menschen gleich sind ... Es gibt keine Ausnahme." Die ersten zwei erhoben da erst ihre Köpfe und warfen dem dritten einen scharfen, fragenden Blick zu. Der aber antwortete nicht, senkte die Augen tiefer zu Boden, verkrampfte den Hals im Nacken und sann für sich hin. Er dachte daran, daß der Doktor mit kalten, scharfen Nadeln erbarmungslos hineinzustechen pflegte, mit dem Messer eine Wunde aufzureißen, wie man ein Stück Holz ritzt, daß man vor Schmerzen in Ohnmacht fiel; darüber, daß man den Eindruck hatte, als wäre aller Schmerz nur für andere und nicht für ihn geschaffen, für solche, die leiden, und als wäre einer da, der höher , und über ihnen ist, der die Heilung bringt, den selbst, aber nichts treffen kann ... No, jetzt ist der gerechte Rieht* spruch da, daß alle Menschen gleich sind ... Es ist Gerechtigkeit, wenn auch der Doktor krank war und litt wie jeder andere, und es ist auch Gerechtigkeit, daß im schwarzen Schrein, den man dort vorne sieht, nicht wie bisher immer ein anderer liegt, sondern auch wirklich er selbst, der Doktor Rabinowitsch.

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