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Die neue Welt · 1931-06-26 · Heft 197 (26.6.1931) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 197 (26.6.1931)
Date
1931-06-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seit« 4 DIE NEUE WELT Nr. m EISSCHRÜNKE Marke „FrlgofOi»", «issparend, eigene Erzeugung, Zailungserletchterung »flPMOHA« f I. Oomlnlkanarbastel Hr. gg. Telephon R»24-4.|B „Plattformen" oberflächlich, so Ist der eYSte Eindruck nahezu harmonisch — „alle wollen doch dasselbe", oder fast alle. Sieht man aber näher hin, bezweifelt man das. Gut. Alle sind für „Demokratisierung" der erweiterten Agency und viele sogar dafür, daß die Nichtzionisten sich in die rein politischen Angelegenheiten des Zionismus nicht einmischen sollen. Gut. Aber was wird geschehen, wenn die andere Fifty dieser Reform nicht zustimmen will? Was dann? Soll man in einem solchen Fall die Agency so belassen, wie sie ist, oder soll man sich dann anders behelfen? Darin sieht man noch keine volle Ueberein* Stimmung, und das ist doch die Hauptfrage des ganzen Komplexes der erweiterten Jewish Agency. Oder die Frage des Schutzes. Alle Plattformen oder fast alle wollen, daß der Schub und die Sicherheit in Palästina verstärkt werden. Aber wie? Welche Forde« rungen, welche konkreten Maßnahmen zur Verstärkung des Schutzes sollen der Regierung unterbreitet werden? Es ist noch gar nicht klar, daß in diesen und noch in einigen anderen wichtigen Punkten ein genügendes Maß von Harmonie sogar unter jenen Gruppen besteht, die für eine Aenderung des alten Regimes sind. Auch in der Frage der Zusammenstellung der neuen Exekutive sieht man keine Klarheit. Eine Sache ist für alle unzufriedenen Parteien gewiß: Sie wollen eine „neue" Leitung. Aber worin soll die Neuheit be* stehen? Hier setzt der Wirrwarr ein. Eine Gruppe schlägt vor, sie soll aus einem Kollegium ohne Präsidenten be* stehen. Sehr schön. Aber nach den Statuten war die Zionistische Exekutive auch schon bisher ein Kollegium, in dem jedes Mitglied gleiches Recht hatte. Nur folgten alle Mitglieder einem; nicht weil man es ihnen so befahl, sondern weil sie ihm vertrauten. Wo ist die Garantie, daß es im neuen Kollegium nicht auch so sein werde? Und aus wem soll das neue Kollegium bestehen? Ein Kollegium mit nicht geeigneten Personen kann genau so schlecht sein und noch schlimmer als ein Präsident. Andere Gruppen wieder suchen nach einem passenden Präsidenten. Man nennt James de Rothschild, Herrn Sokolow, Herrn Harry Sächer. Manche rufen nach einer Koalition. Dabei ver* gißt man, daß das wohl alles sehr gut sein mag — ich diskutiere heute nicht darüber — äbef nicht neu ist und keine Aenderung bedeutet. Sokolow und Sacher sind schon seht lange nahe Mitarbeiter des alten Regimes. James -de Rothschild war stets ein Anhänger der, Politik Dr. Weiz* manns. Und Koalition? Sie hat ja immer existiert. Erst in den letzten Monaten sind die Misrachi*Vertreter aus. der Exekutive ausgetreten, jahrelang aber bestand die Exeku* tive aus Allgemeinen Zionisten, Linken und Misraehisten. Von den größeren Parteien fehlten nur die Revisionisten. Die einzige Aenderung am alten Gedanken der Koalition ist das Hinzuziehen der. Revisio» nisten. * Eigentlich besteht der Sinn der Wahlen in dieser Fordttung; Der unzufriedene Schekeltfahler hat füreinen nicht befolgte, wollte et nicht mehr dessen Wohnung betreten. ' Er hatte stets eine Schwäche für Kinder urtd konnte nicht gleichgültig an ihnen Vorbeigehen. Erblickte er Kindel' in der Gasse, machte er Halt, kniff sie irt dl« Wangen ttnd fragte sie, was sie lernen* Machte er eine Visite» drängte es ihn, in einem das Kind zu verhören, das sich im' Zimmer befand, was es denn schon wisse, und wenn ein Kind krank wurde, nahm er sich das so zu Herzen, als ob es sein eigenes wäre, und kam sogar mitten in der Nacht, nachzuschauen, was es macht: nahm seinen Zwicker herunter oder leine goldene Uhr aus der Tasche und gab sie dem Kind zum Spielen. Es war ganz merkwürdig, zu sehen, wie der lange, ausgedörrte, alte Doktor vornübergebeugt über dem Bettchen eines kleinen Kindes stand und komische Grimassen mit seinem knöcherigen Gesicht machte, um ein Lächeln auf des Kindes Gesicht hervorzurufen, und wenn ihm das gelang, war er der glücklichste Mensch auf der Welt. Die Juden des Städtchens waren von ihrem Arzt über alle Mafien eingenommen. Ein Doktor, der ein Blatt Gemarah zu lernen versteht, das ist nur das Kunststück eines Litwak. Man erzählte 6ich von ihm einen ganzen Pack voll Wunder, zum Beispiel, daß er in der Jugend ein hochbegabter Talmudjünger war, in der Woloschiner Jeschi^a lernte und ein Buch über „Jore deah" geschrieben hat, das er erst nach seinem Tode veröffentlicht haben wollte. Zeigte er sich am Feiertag in der Schul, entstand ein Gedränge unter den Leuten, ein Geflüster, so daß der Chasen für einige Minuten mitten drin unterbrechen mußte, und die Bürger an der Ostwand boten ihm ihren „Platz" an. Das Beten war schon ein wenig gestört. Die Leute hörten nicht auf, dorthin su ichauen, wo er stand, und ztt Hause bei Tisch fing nun so das Gespräch: „Nu, was sagt ihr dazu, unser Doktor war doch heute in de* Schul!" »Wir brauchen im« mit ihm nicht zu schämen." .XiOf febtn soll er!" „Wm bat er aber schon von leinem Leben? Ein revisionistischen Einfluß in der Leitung ge» stimmt. Ich sage das wirklich nicht deshalb, weil ich Revisionist bin. Ein Mensch mit meinen zionistischen Er» lebnissen lernt nicht nur Objektivität, sondern sogar Gleichgültigkeit. Es ist klar: Keine Kombination ohne Revisionisten wird als neu, als Aenderung gelten. Jeder hat das Recht, zu sagen: Wenn dem so ist, so will ich die Stimmung der Massen nicht in Betracht ziehen. Das ist jedenfalls richtig, und ich diskutiere hier wiederum nicht, ob das gut oder schlecht ist. Ich spreche hier nur über den Sinn der Wahlen, über den konkreten Gedanken, der sich in der Abstimmung der Massen ausgedruckt hat, besonders in der Wahlmanifestation Polens. Dieser Sinn scheint mir klar zu sein, und ich habe von Gegnern ge« hört, daß auch sie ihn so verstehen. Die Massen haben der Forderung Ausdruck gegeben, daß die Erneuerung des Zionismus sich in der Aufrichtung des revisio* nistischen Einflusses ausdrücke. Ob diese Manifestation den anderen Parteien Irgend welche Pflichten auferlegt, ist ihre Sache, nicht meine. Sie werden selbst bestimmen,; ob sie mit dem Willen der Massen zu rechnen haben öder nicht, und ich will ihnen deswegen keine Ratschläge geben. Aber die Manifestation des Massenwählers in Osteuropa legt vor allem uns Revisionisten Verpflichtungen auf, und diese Verpflich* tungen werden wir ehrlich erfüllen. Die Verpflichtung >'»ts Ehrlich die Möglichkeit zu suchen, daß unser Einfluß auch wirklich den Zionismus erneuere. Ich unterstreiche ehrlich und auch wirklich er» neuern. Ehrlich heißt ehrlich. Wenn du siehst, daß du in der Kombination, die man dir vorschlägt, imstande sein wird, jene Aenderungen durchzusetzen, derentwegen die Wähler für dich gestimmt haben, dann bist du verpflichtet, die Kombination anzunehmen und den Karren zu ziehen, wie schwer und unangenehm das auch sein mag. Selbst wenn du vor deinen Augen die Erbschaft siehst, die in gewal» tigen Schulden besteht, ohne, die Aussicht, sie zu bezahlen, selbst wenn du die politische Erbschaft siehst, die in.N i e d e r 1 a g e n besteht und obendrein in der zionistischen Sanktion des MacDonaldsBriefes, ein Brief, in dem ausdrücklich steht, daß die Einwände» r u n g's b e g r e n z ung.en bleiben müssen, B o* d e n v e r k a u f b e g r e n z u n g e n eingeführt werden müssen und die Araber, gegen jeden Punkt des Mandats das Vetorecht haben, — es ist das schlimmste Erbe, das man sich denken,!kann, Aber es ist unsere Pflicht, jede Kombination: .anzunehmen, von der wir innerlich die .... Ueberzeugung haben, daß wir. itnstande sein werden, unseren Einfluß geltend ..zu macheft ttrid-.'.den.Zionismus wwirklich zu. erneuern. Das ist die -eine Seite'des Begriffs „ehrlich".; - - Er hat aber noch, eine zweite Seite. Siehst du, daß du bei der Kombination, die mandir vorschlägt, nicht imstande sein wirst, deinen Einfluß g.el* tend zu machen, dann ist es unehrlich, sie an zu*, nehmen. Unehrlich. Denn nicht darin besteht der Sinn der Wahlermanifestation in Osteuropa, daß die revisionistische Anteilnahme mit nichts' und Wieder nichts endet, nicht darin, daß die letzte Hoffnung jener Wähler mit einer i Enttäuschung endet, nicht darin, daß die Revisionisten Mensch, der ausstudierthat, und der ärmste Familienvater lebt besser als'er." Wäre er frömmef, Würde man ihn für einen heimlichen Zaddik halten und zu ihm mit Bittschriften fahren. In der Stadt gab es außer ihm zwei christliche Aerzte. Trotzdem liefen sogar/die 'Nichtjüden nur zü ihm. Sein "Vorzimmer war immer voll von armen Kran* ken» Er war im kleinen Städtchen Spezialist für alle Krankheiten: Geburtshelfer, Chirurg und sogar; Dentist zum. Zähneziehen. '• Er war für die Stadt wie ein Vater, man rühmte sich seiner wie eines überaus gottesfurchtigen Menschen und in der ganzen Umgebung beneidete man das Städtchen um ihn. Das Städtchen schlief ruhig, wissend, daß zuerst Gott und dann Dr, Rabinowitseh die Juden bewache und behüte und; wenn etwas hereinbrechen sollte, jemand da ist, der die Leiden lindert und . böse Krankheiten heilt.; " . So verwurzelte sich Dr, Rabinowitsch in der Stadt. Zwei Generationen gingen durch »eine Hand. Bei der ganzen alten Generation stand er am Bett, wenn es ans Sterben und auf den Weg zur ewigen Ruhe gingt und bei der neuen stand er, wenn sie ankam, oder an der Wiege. Wenn die neue Generation die Augen öffnete und den Höhten Schein der Welt erblickte, traf sie den Dr, Rabinowitseh schon vor, Ununterbrochen kroch er in die Kellerlöcher und Bodenstübchen der Armen im abgeschabten Mantel und die hohen schweren Galoschen über den langen Füßen, und im Sommer im langen,' dunklen Rock und steifen Hut auf dem schmalen Kopf. Kam es vor, daß der Doktor nicht gesund war oder sich aus irgend einem' anderen Grunde nicht auf der Gasse, zeigte, war es so unverständlich, wie wenn die Sonne nicht aufginge, wie wenn in der Schöpfung eine Aenderung eingetreten wäre. Es dauerte aber nicht lange und er zeigte sich wieder und die Welt bekam wieder ihr gewöhnliches Gesioht, Mit der Zeit wurde sein Rücken noch krümmer, die Haare weiß: wie Silber, das Bärtchen spitz und das Gesicht eiüfeicbrumpft. Beim Treppensteigen atmete er schwer. sich selbst verstricken, daß sie Kräfte verbrauchen für nutzlose Debatten mit verbissenen Gegnern am Tisch der Exekutive. Nicht darin besteht das Mandat, das uns jene Massen gegeben haben. Es wäre die größte Unehrlichkeit, wollten wir eine Funktion übernehmen, die wir unter den gegebenen Umständen nicht erfüllen könnten. Es wird dann viel ehrlicher sein, nach dem Kongreß zu unseren Wählern zu kommen und ihnen zu sagen: Wir waren bereit, mit Menschen zusammen2uarbei* ten, die nicht zu unserer Gruppe gehören, aber die Auf* gäbe der Erneuerung des Zionismus habt ihr uns anver* traut und nicht den anderen. Und deshalb haben wir Be* dingungen verlangt, programmatische und menschliche, die uns die konkrete Möglichkeit ge« geben hätten, einen Auftrag zu „erfüllen, Solche Be* dingungen wollte man nicht schaffen. Wir kommen nun zu euch und sagen, daß alles wie früher bleibt, keine Er* neuerung, keine Aenderung. Dieselben Parteien, die den Zionismus bis heute geführt und ihn zu seinem heutigen Zustand gebracht haben, haben beschlossen, ihn weiter* zuführen. Vielleicht in anderer Proposition, vielleicht mit Herrn X statt mit Herrn Y, aber dieselben Gruppen mit derselben Psychologie, denselben Anschauungen und den* selben Methoden. # Dann werden wir uns mit jenen Wählern beraten, was weiter. Jetzt aber genügt es, das zu sagen, was ich gesagt habe. Und ich habe es natürlich gesagt als privater Publizist, der seine private und individuelle Ansicht aus* drückt. Pogrom in Radom Rache für einen jüdischen Sportsieg Ritualmordmürchen. Warschau, 19. Juni. Die jüdische Oeffentlichkeft in Polen, die sich noch nicht ganz Über die ungeheuerlichen Vorgänge in Z1 ö c z o w bei L o d z beruhigt hat, ist nun durch ähnliche Vorgänge in Radom in Aufregung versetzt worden. Auf dem Sportplatz außerhalb der Stadt Radom fand ein Fußballmatch zwischen einer polnischen und einer jüdischen Mannschaft statt, in dem die: Juden den Sieg, davo n t ru gen. In dem Augenblick, als der Sieg der jüdischen Mannschaft verkündet wurde, stürzten sich, von den Zuschauerplätzen Huligäns auf die. jüdischen Sportler und griffen sie an. Gleichzeitig überfielen andere Huligäns jüdische Züßchauer auf den Zuschauerplätzen/Es entstand ein ungeheurer Wirrwarr, Aber schön hatten äioh die jüdischen Sportler und die übrige jüdische Jugend gesämmtelt und setzten den'. Huligäns einen organisierten Widerstand entgegen. Darauf waren die Hüligans'aber nicht gefaßt. Sie ergrifferi die Flucht in die Richtung der Stadt. Dort drangen sie in die hauptsächlich von Juden bewöhnten.Stadtteil« ein und schlugen, auf Männer, Frauen und Kinder mit Stöcken und Elsenstäben ein. Es brach eine f ur ch tb a r e Panik aus» Di* jüdischen Einwohner flüchteten in die Häuser. Die Huligäns begannen mit Stöcken und Steinen die Fensterscheiben in „den Wohnungen, und . Geschäftsläden einzuwerfen. Aber macht nichts — er ging weiter zu Kra&keni so Gott den Tag gab, bis spät in die Naeht. Man wußte, daß man, wie beim Morgengfaüen die Sonne aufgeht und beim Abenddämmern untergeht, genau so den Doktor jeden Tag über den Markt schreiten sehen müsse, wo Jüden an der Schwelle ihrer Läden stehen und nach, einem Kunden Ausschau halten. Er war einer, der höher steht, über allen Gesetzen; über den die Zeit keine Macht Hat. Einmal verbreitete sich die Nachricht, daß der Doktor ernstlich kränk geworden sei, und man machte sich darauf gefaßt, ihn zwei, drei Tage nicht zü sehen.. In dieser Hinsicht legte man dem keine große Bedeutung bei. Man wüßte, daß er sich nach ein paar Tagen wieder auf der .Gasse zeigen' werde. Sollte das nicht geschehen — nein,, das wäre ein Ding der Unmöglichkeit. Deswegen ging einem das nicht nah zum Herzen. Es gingen aber noch etliche Tage vorüber, ohne daß er sich blicken ließ. Bei detri einen ward ein Kind krank, bei dem zweiten wurde es kritisch, bei dem dritten gäbs eine andere Krank* heit und, wie gewöhnlich, lief man gleich zum Dök* tor. Aber als man zu ihm kam, fand man ihn Im Bett liegen und auf dem Tisch standen farbige Fläschehen mit Flüssig* keiten. Und es war etwas sonderbar. Der Doktor Rabino* witsch, ein Patient, Hegt, wie ein gewöhnliches Wesen aus Fleisch und Blut, im Bett, kann nicht aufstehen und nimmt selbst all die Arzneien, die er sein Lebtag anderen ver« Schrieben hat . . . Und die Kranken mußten mit leeren Händen abziehen, kratzten sich hinter dem Kragen und gaben sich zum erstenmal im Leben der Betrachtung hin, zu welchem der zwei christlichen Aerzte sie gehen sollten. Das gab ihnen irgendwie einen Stich Ins Hetz und sie be* ganhen vor der eigenen Krankheit eine Tracht Angst zu bekommen. Bisher war man in solch einem Fall nicht gar sehr besorgt. Man nahm an, daß der Dr. Rabinowitseh schon Rat wissen werde. Aber Jetzt, da alles aus seinem gewöhnlichen Geleise heraus war, begann man überaus zu zittern. ■ Die erste Zeit ging noch ein Gerede auf dem Markt zwischen den Krämern und im Beth Hamidrasch darüber, Ob der Doktor sioh allein kuriere öder ob andere Aerzte ihn behandeln; ob die Aerzte von ihm Geld nehmen; ob

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