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Die neue Welt · 1931-06-26 · Heft 197 (26.6.1931) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 197 (26.6.1931)
Date
1931-06-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. m DIE NEUE WELT Seite 5 prompt den entsprechenden Reflex. Kaum war das Urteil erflossen, als auch schon diese geistige Tat an der Rampe ihren Niederschlag fand. Es waren die Haken* k reu zier, die nur auf ein Stichwort gewartet haben, um die Heldentat der Assirnilantenpresse mit ihren Heldentaten zu beantworten, mit ihren bekannten Helden« taten, die sich im „Juden hinaus!", im Herumschlagen mit Stöcken und Knüppeln, mit Attacken von hundert deutschen Recken gegen einen wehrlosen Juden, mit Zertrümmerung von Anschlagkästen usw. äußern. Und hier zeigte sich das andere charakteristische Besicht, das Gesicht der akademischen Behörde, hrend der Jüdische Hochschulausschuß bei gesperrten .11 der Universität eine telephonische Intervention beim Aektor Prof. Uebersberger versuchte, hetzte dieser im gleichen Augenblick die krawal« lierenden Studenten gegen den Spruch des Verfassungsgerichtshofes auf. Wie wird doch die Weltordnung auf den Kopf gestellt, wenn es um jüdische Dinge geht. Denn daß die blutigen Angriffe ausschließlich den Juden galten, kann höchstens die linke und linksschillernde Israelitenpresse leugnen. Und die jüdisch bewußte Studentenschaft? Sie hat es immer noch nicht verstanden, sich diesem Hexenkessel der Verwirrung und Vermischung zu entziehen. Mitunter übel beraten, haben die jüdischen Studenten im Laufe der Jahre organisatorisch noch nicht den kräftigen Trennungsstrich gezogen zwischen sich und all jenen As* similanten, die im liberal*demokratischen und sozialisti* sehen Lager zu Hause sind. Gerade die Frage der Studentennation mit all ihren Begleiterscheinungen hat (liest organisatorische Unent* schlossenheit und Laxheit neuerlich bewiesen. Uebel beraten. Der Sinn der Kongreßwahlen Von Vladimir Jabolmsky Drei Länder hält man bezüglich der jüdischen Massenstimmung für maßgebend: Palästina, Arne* rika und Polen. In Amerika hat es Kongreßwahlen überhaupt nicht gegeben. Anhänger und Gegner des alten Regimes sind damit unzufrieden und sagen, daß die Zusammensetzung der amerikanischen Delegation nicht der wirkfichen Lage entspreche; aus dem Resultat in Amerika kann man also diesmal nichts folgern. Auch von Palästina kann man sehr wenig ableiten. Kongreß* wählen sind bei uns leider eine fast ausschließliche Geld* sache geworden, und das zeigt sich nirgends so klar wie in Palästina. Man beschuldigt die dortige Arbeiterpartei, daß sie Schekalim automatisch an die Genossen der Histadruth Haowdim (Gewerkschaft) verteilt und für diese Schekalim nicht mit Bargeld, sondern mit „Ueber* Weisungen" an allerlei Arbeiterinstitutionen zahlt. Die anderen Parteien können das nicht nachmachen, sie müssen Schekalim von Mann zu Mann für Bargeld an* bringen, das jetzt sehr rar ist. Ich spreche hier nicht darüber, ob das gut oder schlecht ist. Eines aber ist klar: Wahlen unter solchen Bedingungen sind charaktc* ristisch für die Organisiertheit und geschäftliche Tüchtig* keit der Histradruth und ihres politischen Organs, das Arbeiterpartei heißt. Aber für die kollektive Stimmung der Judenheit K Streng rituelles, bestgefUhrtes Ferienheim Ständige Srztllohe Kontrolle, gediegene . .„, pädagogische Führung, Turnen» Sport, zwanglose Pflege von Fremdsprachen. In SCHLOSS MIT HERRLICHEM PARK In sohSner, gesunder Gegend nflohst Mfidllng. Besohr. Kinderzahl, mfiBIger Preis Auskunft und Prospekte II., Czerning. 7/22, täglich von 2 bis 4 Uhr. Tel. Nr. R-40-0 42 Palästinas sind die Wahlen nicht charakteristisch. Man kann darüber diskutieren, wie lang man will, für wen die tausende Handwerker, Kaufleute, Sephardim, Yemcni* ten, die dieses Jahr nicht gestimmt haben weil sie keine Schekalim besitzen, gestimmt hätten. Der eine wird sagen: für die Revisionisten. Der andere: für Misrachi oder Allgemeine Zionisten. Aber jeder weiß, daß dieses Element nicht für die Linke gestimmt hätte. Den Sinn der diesjährigen Kongreßwahlen in Palästina kann man also nicht errechnen. Es bleibt nur eines der drei maßgebenden Länder: Polen, wo es wirkliche Wahlen gab. Das ist der Grund, warum die polnischen Wahlen zum 17. Kongreß einen so großen Eindruck in ganz Europa hervorgerufen haben und, wie ich glaube, auch in Amerika. Hier ist die wirkliche Stimmung, die wert ist, in ihrem wirklichen Sinn betrachtet zu werden. Als Revisionist und als einer der Kandidaten der Wahlliste bin ich dem polnischen Wähler tief d a n ks bar. Nicht nur für die Ehre und das Vertrauen, mehr noch für die Lehre, die Mahnung, die Summe Moral, die er, der polnische Schekelzahler, mich gezwungen hat, zu übernehmen. In den langen Jahren des Kampfes für die Wiedererstehung des Zionismus hatte ich fast ganz den Glauben an die Volksmassen verloren. Eine Wahl nach der andern, 1925, 1927, 1929, brachte mir den Beweis, daß zum Volksgewissen zu reden nutzlos sei: Ich sehe jetzt meinenirrt um e in. Ich bin glücklich, meinen Irrtum einbekennen zu, können. Natur« lieh ist das, was sich bei den polnischen Wahlen gezeigt hat, noch lange nicht genügend, um den Zionismus zu retten. Aber es ist ein Beweis, daß zwischen den „psycho* logischen Rassen", über die ich kürzlich geschrieben habe, der Abgrund vielleicht nicht so tief sei; daß der Jude noch Vernunft, Logik, Bewußtsein und sogar Mut besitzt und die Offenheit, einen Irrtum einzubekennen und eine radi« kale Aenderung zu verlangen. Aber der Sinn dieser Kongreßwahlen hat auch eine praktische Seite. S \f •™'r*v URLAUB? Kamera nicht vergessen! 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Zumindest die Hälfte aller jener, die unter dem Titel „Stam.«Zionisten" (allgemeine Zionisten) gewählt wurden, besteht aus scharfen Gegnern des alten Regimes. Die Wahlplattformen des Misrachi sind auch mit wenigen Ausnahmen in diesem Sinn revidiert worden. Die einzige Gruppe, die unbedingt für das alte Regime einsteht, sind die Arbeit erfraktionen. Sie wird ohne Zweifel bei dem Kongreß eine starke Kraft darstellen, aber bei weitem keine Mehrheit. Die Mehrheit ist für dSe Aenderung des Regimes. Als erfahrene Menschen verstehen wir alle, daß es manchmal vorkommt, daß Menschen, die bei den Wahlen als Gegner des alten Regimes auftreten, auf dem Kongreß ihre Stimmung ändern und mit demselben alten Regime Frieden schließen. Es gibt viele, die lioffen, daß sich das auf dem 17. Kongreß wiederholen werde. Vielleicht. Aber ich spreche hier nicht über den Sinn des 17. Kongresses, sondern über den Sinn der Wahlen. Der Sinn der Wahlen ist klar. Der Wähler hat sich mit großer Mehrheit für die Aenderung des Regimes ausgesprochen. Es bleibt uns noch die Definition dessen, was „Aenderung" bedeutet. Darüber habe ich in der jüdischen Presse keine be* sondere Klarheit vorgefunden, nicht einmal in rein pro* grammatischem Sinne. Liest man die verschiedenen Doktor Rabinowitsdi Erzählung von J. Warschawski. Gute fünfzig Jahre praktizierte er im Städtchen als Arzt. Er war mit dem Boden des Städtchen so verwurzelt wie beispielsweise inmitten des Marktes der Brunnen, aus dem das ganze Städtchen von altersher Wasser schöpft, oder wie die hohe Stadtuhr auf dem Turme des Ratsgebäudes, nach der alle Uhren und das ganze Leben hier reguliert werden. Man konnte sich das Leben im Städtchen gar nicht vorstellen ohne ihn, den Doktor, der dort beim Gärtchen wohnt, im ersten Stock eines weißgestrichenen Hauses, und gab es wo ein Leiden, Gott schütze davor, irgend ein Unglück, so ist man zu ihm gelaufen. Selbstverständlich zuerst Gott, darnach der Doktor. Und wenn er schon nicht helfen konnte, lief man hin zum Rebben, der in einem benachbarten Städtchen wohnte, ein paar Meilen entfernt. Wer ist er, der Dr. Rabino witsch? Woher und wann ist er gekommen? Diese Frage hat sich niemals einer gestellt. Geh' und frag' dich zum Beispiel, durch wen und wann die alte Schul aufgebaut worden ist. Er mußte ja hier sein; ohne ihn hätte doch das Städtchen nicht das Gesicht gehabt, das es jetzt hat. Er ist doch da gewachsen, zusammen mit dem Städtchen. Gar, gar alte Leute, die in den Winter-Vorabenden» zwischen dem Nachmittags- und Abendgebet, beim warmen Ofen im Beth Midrasch von dem ersten Aufstand erzählten, vom Rabbi Raw Bunes aus Pschisucha, der hier auf der Reise nach Danzig durchgefahren war, und von der ersten Petroleumlampe, die sich in den hiesigen Gegenden gezeigt hat, diese Leute wissen auch zu erzählen, von wo und wann der Doktor hierhergekommen ist: Ein Zufall hat ihn da hergeschlagen. Auf der Fahrt vom Ausland, wo er studiert und seinen Doktor gemacht hat — gegen Rußland zu — hat man ihn an der Grenze festgehalten und hiehergebracht, ins nächste Städtchen. Und im Augenblick, da des alten Groadberca Frau, auf dessen Boden das Städtchen steht, plötzlich aufs Krankenbett geworfen wurde und ein anderer Doktor gerade nicht zur Stelle war, bemühte sich der Grundherr, seine Freilassung zu erwirken. Und so ist er schon hier geblieben und hat niemals das Städtchen verlassen, wenn er auch seitens anderer, größerer Orte gebeten wurde, sich bei ihnen niederzulassen. Er war hier so festgebunden, daß es ihn anderswo gar nicht halten konnte. Er war im ganzen ein eigenartiger Mensch: ein hochgewachsener, hagerer, mit schiefgewachsener Schulter und kurzsichtigen Augen, einem goldenen Zwicker mit blankgeputzten Gläsern, der von seiner knochiglangen Nase herunterhing und allweil die unangenehme Neigung hatte, herabzufallen, und' er selbst hielt ihn durch fortwährendes Aufsetzen fest; ein schmales Gesicht mit auffallend breitem Mund, der rasch und hastig und just jiddisch, mit hartem litauischen Akzent sprach, wobei er den scharfen Zungenlaut als Zischlaut aussprach, so daß man Schwierigkeit hatte, ihn zu verstehen; er ging nicht, sondern lief mit seinen hohen, langen Beinen, wie von einem Wind gejagt; stets voller Arbeit und Geschäftigkeit; den ganzen hindurch bis spät in die Nacht hinein von einem Kranken zum zweiten gerast; keine Zeit gehabt, in den Ehestand zu treten, und einsam gelebt in zwei geräumigen, leeren Stuben, betreut von einer alten Frau, einer Litauerin, vermutlich einer Verwandten, die ihm die Wirtschaft führte. War fromm in seiner Art, stürzte am Feiertag in die Schul herein, sein Gebet abzufertigen, fastete am Jörn Kippur vom Abend bis zum Abend, fuhr am Sabbat nicht und stellte sogar auch keine Rezepte aus, sondern lief allein in die Apotheke, um zu sagen, was zu machen sei, es sei denn bei Lebensgefahr, wo die Uebertretung der Sabbatgebote bekanntlich erlaubt ist.; Bisweilen sah man ihn vor der aufgeschlagenen Gemarah sitzen, bei sich zu Hause und wie zum Trotz barhaupt. Geld hatte bei ihm keinen Wert. Er blickte niemals in seine Hand, um nachzuzählen, wieviel man ihm hineuigedrückt hatte. Es genügte, sich bei ihm mit einem Segensspruch zu bedanken. Oftmals erschien er unberufen bei einem Kranket*, «ad bei Armen fiflegte er sogar hinter dem Kissen eine Geldmünze zurückzulassen oder um eine Erfrischung für den armen Kranken zu schicken — und nichtsdestoweniger karg auf einen Groschen, und beim Einkaufen im Preis geizend. Er ging mürrisch einher, mißmutig die Welt besehend, selten, daß er ein Lächeln tat, und war immer voll brummiger Verbitterung gegen die Umgebung der Kranken und schrie sie an: warum das und warum jenes? Aber niemand verübelte ihm dies. Niemand fühlte sich da roh beleidigt. Man wußte, daß das nicht einem bösen Charakter entstammt, sondern daß das schon* seine Art sei. % Und wenn er auch den ganzen Tag von Arbeit in Anspruch genommen war und zu den Grundherren in die Umgebung berufen wurde, war er doch ndchts- ' destoweniger ein armer Teufel, der in einem einfachen, abgewetzten Paletot herumging und mit einer Kopfbedeckung, die ihre einstige Farbe schon verloren hat. Selbst in den größten Frösten trug er keinen gefütterten Rock; nachlässig, mit zerknüllten Hosen und verstaubten Schuhen, über die oft ein Stück Unterhose fiel. Seine Stuben wurden niemals geheizt und auf dem Boden lagen immer ein paar alte Stiefel herum. Zigarettenrauchen tat er ohne Unterlaß, und den Kranken gegenüber war er gerade das Gegenteil: ordn«te an, nicht zu rauchen, und ärgerte sich über die schlechte Luft im Zimmer. Kaum hatte er die Schwelle zum Krankenzimmer betreten, hieß er auch schon die Fenster öffnen, sogar bei kühlem Wetter, und jagte die Weiber und die Nachbarn hinaus, die zu Krankenbesuch gekommen waren und warnte immer wieder davor, Reinlichkeit außer acht zu lassen. Von Rezepten hielt er nichts. Verschrieb auch oft gar nichts, befahl nur Reinlichkeit und Zimmerlüften, sich gründlieh mit Seife zu waschen und sonst nichts. Wenn er zu einem Armen hereinkam, wendete er sich zuallernäcbst mit Eifer den Kindern zu, schaute ihnen in die Augen hinein, in die Ohren, unter die Nägel, und schalt die Eltern, wenn das Naschen naß und das Köpf, oben mmu .war. Und wena jemaod m&o An<wd»aög<*»

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