Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 196 (19.6.1931)
- Date
- 1931-06-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 1 $ao.- S24.- sat.- VII., Kaiserstraße 123 IX., Alserstmfle 6 hielten sich einige Autos und machten Studien- und Kunstreisen in der ganzen Welt. Kurz: sie führten da« Lehen von Grandseigneurs. Sie haben es aber auf der andern Seite ängstlich vermieden, eich jemals an irgend einer jüdischen Sache zu beteiligen; man hat nie gehört, dafl irgendeiner von den Gesellschaftern auch nur mit einem halbwegs nennenswerten Beirage eine edle jüdische oder allgemein menschliche Angelegenheit unterstützt oder gar mit ihrer Person gefördert hätte. Sie waren — was man so nennt — seriöse Bankiers, welche verstanden, , mit sorgfältig gewählten und geschmeidigen Worten Geld- und Erwerbsgeschäfte auseinanderzusetzend Sie selbst waren ihrer eigenen Meinung nach viel zu eifnst und zu bedeutend, um sich mit solchen Bagatellen und Phantastereien, wie es etwa unsere Freiheit s- und Selbständigkeitsbewegung ist, abzugeben. Ihr Interesse lag lediglich in der Abwicklung ihrer Geschäfte und noch mehr in der Führung eines vornehmen abgeschlossenen Lebens. Ihre Kinder sind mit christlichen Aristokraten verheiratet, mit Nasenrümpfen, mit einer noblen Geste wird die alte jüdische Vergangenheit abgestreift . und eine überall zur Schau getragene kosmopolitische, Mentalität verhinderte jede jüdische Regung. Die Bankiers hatten aber übersehen, daß der wahre Adel in der Tradition liegt und daß alle Großen anderer Völker treu auf ihrem nationalen und religiösen Herkommen fußen. Auch die großen Geschäftsleute anderer Völker, die Ypsilantis, Sternbergs. Windischgrätz' und Astors, aber auch die Krupps, die Wolfs, Fords, Avarows sind nach jeder. Hinsicht treue Diener ihres Volkes, für welches sie denken, schaffen und opfern. Diese Großen verwechseln eben nichts Geschäft und Privatsache. In geschäftlichen Dingen sind sie international, persönlich fühlen sie sich als tätiges Glied ihres Volkes; Nun, die Seriosität der Auspitze und Lieben hat sich bewährt. Sie haben spekuliert, bis ihre Mittel nicht mehr reichten, haben fremde Depots •angegriffen, haben im Bewußtsein, insolvent zu sein, Verpflichtungen übernommen und haben das alles im Großen gemacht, was sie an dem von ihnen so sehr verachteten polnischen Juden ausstellen zu können glaubten. So haben wieder einmal Leute Schande und Spott über das Judentum gebracht, die niemals innerlich dems e l b e n angehörten und für das sie nie etwas empfunden und getan haben. Das ist die Tragödie unseres Volkes! Ben Hug. Numerus clausus auch in Paris Der Herr Dekan hat ös sich Uberlegt Vor einigen Wochen veröffentlichte das rumänische Außeriministerium ein Schreiben des Dekans der Pariser medizinischen Fakultät Prof. Balthazard an die Bukarester. Regierung, in welchem die in Frankreich, studierenden jüdischen Studenten aus Rumänien als lästige, unwillkommene Gäste bezeichnet wurden, welche man in Hinkunft nicht zulassen wird. Die S^che erregte großes Aufsehen. Als dann Prof. Balthazard ableugnete, den Brief in dieser Form geschrieben zu haben, beschuldigte man die rumänische Regierung der antisemitischen' Fälschung. Nun berichtet die Jüdische Telegraphen» Agentur: Paris, 14. Juni. Vor etwa drei Monaten wurde in der rumänischen Presse mitgeteilt, der Dekan der medi« zinischen Fakultät in Paris, Prof. Balthazard, habe in einem an den rumänischen Unterrichtsmjnister gerich» teten Schreiben die Einführung eines - Numerus clausus gegen Juden und Ausländer an der Pariser medizinischen Fakultät angekündigt Auf eine Anfrage der Jüdischen Telegraphen«Agentur hatte damals Profes* sor Balthazard die Authentizität dieser Meldung in Ab« rede gestellt und erklärt, es sei niemals die Rede davon gewesen, an der Pariser Universität einen Unterschied zwischen jüdischen und nicht« jüdischen Studenten zu machen. In einem Korn* muniqu6 der Bukarester französische» Gesandtschaft wurde vor einiger Zeit mitgeteilt, die französische Regle« rung habe die Aufhebung der für rumänische Studenten, die den ärztlichen Beruf in Frankreich auszuüben ge* denken, bestehenden Begünstigung nicht'ins Auge gefaßt. DIE NEUE WELT In der Zeitschrift „Echos de la Mediaine" tom 1. Juni 1931 Veröffentlicht nunmehr Prof. Balthazard mter dem Tftil *Dle Ueberfüllung des medi« c I n i s c h e n 1« fttf s" einen Artikel, in dem Unter« •uchungea über Zthi und Zusammensetzung der an den medizinischen Fakultäten Frankreichs inskribierten Hörerschaft «rigetteflt werden. Von den jüdischen Studen« ten wird in dem Artikel in üngefähr der gleichen Weise gesptochen, wie — nach den Meldungen der rumänis ftpit-"•— m dem $ ohreiben' Bali* hazards an den rumänischen Unterrichts* minister, fcrof. Baithawd erklärt in diesem Artikel, er habe die Dokumente der 436 an der Pariser medlzini« sehen Fakultät inskribierten Studenten aus Rumänien durchgesehen und festgestellt, daß von diesen 377, oder 85,2 Prozent, J u de ff sind. Auf j e drei jüdische Studenten aus Rumänien komme also an der Pariser medizinischen Fakultät nur ein christlicher Rumäne. An diese Feststellung knüpft Prof. Balthazard nachstehende Bemerkungen: „Existieren etwa in Rumänien Vorschriften über Ausschluß derJuden vom höheren Studium? Werden die Juden etwa von Pogromen bedroht? Keines» wegs. Aber man hat in Bukarest einen Numerus clausus Wie immer man den Ausgang der Kongreß- Wahlen betrachten mag, eines ist sicher: der Wahlkampf vollzog sich diesmal in der Grundtendenz des Generalangriffe des Revisionismus. Au« der Buntheit der zionistischen Gruppierungen schälten ßich diesmal zwei klare Richtungen heraus, die diesem Wahlkampf Sinn und Gepräge gaben. Auf der einen Seite stand die nahezu homogen gewordene, das gegenwärtige System im Zionismus Verteidigende weizmannistische alte Majorität, auf der anderen Seite die junge revisionistische Bewegung, die kräftig gegen die Bollwerke der Majorität anrannte. Es würde diesmal ganz klar, daß die fraktionellen und sonstigen Unterschiede aller jener, die das alte System aufgerichtet haben, sich völlig verflüchtigten und über ihre sogenannten Ideologien hinweg eine einheitliche Verteidigungsfront g e gen den Revisionismus bildeten. Während man in früheren Wahlkämpfen noch ziemlich heftige Polemiken zwischen Zentrum und Linken z. B. konstatieren, konnte, marschierten diesmal beide einti$cj*iigr;j:uüd v einaadsri ,helferid. Kurz, die ehemaligen 90 Prozent Thronstützen des letzten Kongresses bildeten eine kompakte Masse, die sich den 10 Prozent cter revisionistischen Opposition entgegenstellten. Ehemalige Oppositionelle, die sogenannten Radikalen, machten diesmal eine Schwenkung von 90 Grad und reihten 6ich diesmal dem Troß der Revisionistenbekampfer an. Diese Erscheinung ist als taktisches Vorzeichen zum Kongreß zu werten. Es ist von um so größerem Wert, als es auch das ideologische Vorzeichen in sich schließt. Nun wurde es ganz klar, um Was es geht: um den reinen Herzl-Zionismus oder um einen Zionismus, der die grundlegende Idee vom Judenstaat in dieser oder jener Form, verhüllt oder offen, eliminiert. So ist es also natürlich, daß der Wahlkampf selbst, die in ihm angewandten Methoden, im Zeichen dieser großen Auseinandersetzung stand. Darüber hinaus gab er ein anschauliches Bild von der Mentalität der zwei herausprofilierten Kongreßrichtungen. Nichts! beleuchtet besser die Unsicherheit, mit welcher, die W e i z m a n n-R i c ht u n g ihren Kampf führte, als die Versuche, den politischen Gegner, den Revisionismus, um jeden Preis vor den Augen der jüdischen Massen und der nicht jüdischen Oeffentlichkeit zu diffamieren. Es ist zur Gentige bekannt und es erübrigt sich, eingehender darauf hinzuweisen, daß die Verketzerung de6 Revisionismus als nationalen Chauvinismus, als einer jüdischen Spielart faschistischer Reaktion, moralisch und praktisch das Gesicht jener zeichnet, die den erborgten Phrasenschwall von Fortschritt und Ethik im Munde f ührten. Man ging zu den Wählern ohne einen positiven Gedanken, ohne eine Idee, die den Ausweg aus der katastrophalen zionistischen Lage zu zeigen imstande gewesen wäre, nur mit der Hoffnung und dem brennenden Wunsch, jene niederzuhalten, die eben Gedanken und Ideen zur Rettung des Zionismus propagierten. Der Revisionismus hat bei diesen Kongreßwahlen einen gewaltigen Schritt vorwärts getan. Man kann ruhig sagen, daß die Festung des antiherzlst-hen Teils des Kongresses gründlich unterminiert ist. Und was noch wichtiger ist:; die labilen schwankenden Elemente in allen nichtrevieionietfschen Lagern werden diesmal Kraft des Vorstoßes, den die mächtige revisionistische Opposition nun' zu führen imstande ist, zu einer Entscheidung gezwungen werden. ' ' ■- - _ _Nr. 196 dekretiert. Es wurde beschlossen, in diesem Jahre nur 150 Studenden in den ersten Jährgang des Medizin* Studiums aufzunehmen. Man hat die Bewerber nach den hei der Reifeprüfung erzielten Resultaten klassifiziert und die 150 bestqualifizierten, unter ihnen 17 Juden, aufgenommen. Die Abgewiesenen orthodoxen Glaubens haben sieh anderen Berufen zugewandt; dagegen scheinen alle Juden sich um die Inskription an den medizinischen Fakultäten Frank« reichs zu bewerben. Hat denn die französische Regierung zugunsten dieser Legion von Joden in den Jahren 1857 und 1886 den Rumänen das Privileg erteilt, in Frankreich den ärztlichen Beruf ausüben zu können, ohne den für andere Ausländer vorgesehenen besonderen Prüfungen unterworfen zu sein?" Schließlich empfiehlt der Dekan der Pariser media zinlschen Fakultät die Abschaffung aller Pri« v i 1 e g i e n, die bisher den rumänischen Studenten, die den ärztlichen Beruf in Frankreich auszuüben beabsichti* gen, zustanden. Im Uebergangsstadium sollen jedoch diese Privilegien einer bestimmten Zahl rumänischer Studenten, deren Auswahl einer gemischten französisch* rumänischen Kommission überlassen werden soll, gewährt beiben. Das ist der Triumph, den der revisionistische Elan im Angesicht des Wahlausganges zu feiern berechtigt ist. Der Triumph ist um so erhebender, als ihn gerade die jüdischen Massensiedlungen herbeigeführt haben. Nur die anämischen Teile des Volkes waren diesmal noch in den Karren eines ebenso blutleeren „Zionismus" einzufangen. Der revisionistische Triumph ruht auf den Schultern der jüdischen Massen Polens, Lettlands, Karpathorußlands, Bulgariens, des unabhängigen Erez Israels, des russischen Judentums in Paris und — warum «ollen wir nicht auch einmal unsere heimischen Juden loben? — Oesterreichs. Wie weit der revisionistische Gedanke reicht, beweist die Elitscheidung unserer Brüder in jenen Ländern, die der Great Russeische Machtapparat niemals einfangen konnte: die Zionisten in China, Tunis und Aegypten. In diesen drei Landern (zusammen mit Paris) wird der Zionismus ausschließlich von Revisionisten vertreten. In Bulgarien, Belgien und Oester r e i c h stellen wir die übervolle Hälfte aller Stimmeai. In Lettland hat sich der Revisionismus fast drei Viertel aller zionistischen Wähler erobert- Die Schweiz brachte dem Revisionismus zwar kein Mandat, aber einen Zuwachs von 440 Stimmen (483 gegen 43 vom letzten Kongreß), die Bukowina 657 Stimmen, der jugoslawische Revisionismus wurde durch ein Manöver der offiziellen Wahlkommission um rund 1000 Stimmen geschädigt, da hier die revisionistische Liste annulliert wurde. Amerika brachte der revisionistischen Liste bloß 2 Mandate. Hier gab es keinen Wahlkainpf, sondern einen Machtspruch der Organisation, die unmögliche Geldforderungen, als Bedingung für eine Wahlkampagne sstellte. Jedesfalls fallt aus allen Ländern der revisionistischen Weltwahlliste eine stattliche Anzahl von Reststimmen zu, die geeignet sind, die Gesamtzahl der Mandate nicht unwesentlich zu erhöhen. Ganz grandios war die HaktHig der Zionfeten in Polen. Während es in Kongreßpolen bisher kein einziges revisionistisches Mandat gab, konnte diesmal die revisionistische Liste fast zwei Drittel aller allgemein-zionistischen Stimmen auf sich vereinen und 10 Mandate erringen. Der Revisionismus ist die stärkste zionistische Kraft Polens. West- und Ostgalizien lieferte noch weitere 6 Mandate, so daß ganz Polen zum Kongreß 16 Revisionisten entsendet. Weit über 30.000 Stimmen fielen in Polen der revisionistischen Liste zu. Ein beispielloser Erfolg, der der prachtvollen Disziplin der revisionistischen Jugend Polens, die immer stärker und mächtiger vom Revisionismus erfaßt wird, zuzuschreiben ißt. Polen, die größte jüdische Massensiedlung Europas, hat eindeutig kundgetan, daß es die zionistische Politik im Herzischen Sinne geführt wissen will, ein deutlicher, eindrucksvoller Mahnruf an den Kongreß. Soweit wir das Wahlresultat bis jetzt übersehen können, werden rund 50 Delegierte den Revisionismus auf dem Baseler Kongreß vertreten. Die allgemeine Konstellation ist zurzeit noch nicht ganz ausgeprägt. Die letzten zwei Wochen bis zum Kongreß werden noch gewisse Strömungen herauskristallisieren, die das Kongreßprofil wahrscheinlich anders gestalten werden, als es sich in Zürich 1929 darbot. Allein schon der mächtige Aufmarsch der Revisionisten ist imstande, dem 17. Kongreß ein wesentlich anderes Gepräge zu verleihen. Auf dem Weg zum XVII* Kongreß Der Wahlkampf und sein Resultat