Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 195 (12.6.1931)
- Date
- 1931-06-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE NEWS WEtT Nr. m schaff, für eine heilige Sache zu sterben, verlassen darf. Das ist nebenbei das Hauptmotiv der Forderung, daß das schwere Werk des Selbstschutzes gelernt und vorbereitet werde, mit Verstand, Erziehung und Geld,.nicht improvi* siert mit nackten Händen und Heldenmut. Mit diesen Worten wandte ich mich ausdrücklich an die Arbeiterorganisationen und nicht an den Waad Has* mani, der damals noch weniger Einfluß und weniger Macht besaß als der Waad Leumi heute, und schon gar nicht an den Waad Hazirim, den ich damals täglich in der Zei* tung „Haarez" bekiimpfte. Die Vertreter der Arbeiter* schaff in dieser Versammlung wollten meinen Rat nicht annehmen. Sie antworteten höflich und vornehm. Denn das Verhältnis wnr noch nicht so vergiftet, um nicht die Ehrlichkeit und Durchdachtheit des andern Standpunkts anzuerkennen. Aber meinen Rat, sofort die Verteidiger TeUGhajs abzuberufen, da man nicht helfen kann und nicht helfen wird, lehnten sie ab. Die Versammlung be* schloß, Trumpeldor und seine Genossen in Tel«Chaj zu belassen und Verstärkungen zu schicken. * Spät nachts auf dem Heimweg nach der Versamm* lung dachte ich mir also, daß jetzt augenblicklich die Hilfsarbeit beginnt. Ich war dessen sicher, daß noch in derselben Nacht alle Freiwilligen mobilisiert würden, die sich zum Marsch gemeldet hatten; daß man sie noch bei Morgengrauen mit allem Nötigen versehen wird (der Waad Hazirim hatte doch dem Beschluß zugestimmt und hatte damals — uns heute gesagt — eine hochgestrichene Summe in der Kassa) und daß am Tage die ersten Ab« teilungen nach dem Norden abgehen würden. Denn über eines herrschte bei mir kein Zweifel: die Führer der Ar« eeiterschaft verstehen, daß Warten gefährlich ist, daß das Unglück jede Minute eintreten könne, und daß sie, die Führer der Arbeiterschaft, sie, alte Genossen und Freunde Trumpeldors und Chana Tschischiks, es nicht zulassen werden, daß nach einem solchen Beschluß Zeit verloren werde. Ich wohnte damals bei Bezalel Jaffe s. A. in einem Haus auf dem RothschildsBoulevard, dem Zentrum des damals kleinen Tel*Awiw. Frühmorgens trat ich auf die Herzl*Straße, um die Mobilisation anzusehen, aber die Gassen waren leer. Mittags — dasselbe. Und das einzige, das an jenem Tag geschah, war das: es versammelte sich im Haus des Bezalel Jaffe eine Kommission — und be* schloß vorläufig, zwei „Meraglim" auszuschicken, um die Lage auszuforschen; auszuschicken, versteht sich, nicht nach TeUChaj, sondern nach Elath Haschachar, das da* mals die äußerste Nordgrenze der englischen Okkupation war, 20 Kilometer von Tel*Chaj entfernt. Und die zwei „Meraglim" (ich habe noch ihre Namen im Gedächtnis), fuhren am selben Tag wirklich und .wahrhaftig ab, in einem Auto des Waad Hazirim. Wie war das möglich geworden? Wie, verstand man nicht, daß man da nicht eine Stunde verlieren darf? Was war auszuforschen? Das wichtigste war ja bekannt: in« mitten eines wilden Gebietes, das die Franzosen eva* kuiert und die Engländer nicht okkupiert hatten, steht unter einem Berg ein zweistöckiges Häuschen mit einer Mauer um den Hof, und das heißt TeUChaj. Im Häus* chen halten sich einige Dutzend Chaluzim und Chaluzoth auf und rings um die Mauer lagern einige tausend Be* duinen, bewaffnet entweder mit deutschen Gewehren, die sie von den Türken bei deren Flucht gestohlen haben, oder mit englischen Gewehren, mit denen England den Hedschas und Transjordanien noch in den Tagen des Krieges so reichlich versorgt hat. Was bleibt da noch um Gottes willen auszuforschen? Nun gut. Schickt „Mera* glim", mögen sie gesunderheit fahren 1 Aber gleichzeitig muß man sofort das Verstärkungskorps ausschicken, we* EI8SCHRHNKE Marke „Frfgofor", eissparend, eigene Erzeugung, Zahlungserleichterung „1LPHORA" I. 0ominlk«nerba«>tel Hr. 22, Telephon R«94-4*IB nigstens bis nach Elat Haschachar, auf daß es zum Marsch nach Tel*Chaj bereitstehe, wenn die „Meraglim" die For* schung beendet haben. Wie konnte man es zulassen, daß die Kommission sich mit der Entsendung der zwei For* scher begnüge, daß kein weiterer Schritt gemacht werde, daß nicht einmal ein Vortrupp wenigstens nach Haifa oder Tiberias abgehe? Nichts. Ein Tag nach dem andern verging — nichts. Bis zu jenem Tag (wenn ich nicht irre, noch bevor die „Meraglim" zurückkamen), als nach Tel*Awiw die Nach* rieht einlangte, daß Trumpeldor und sechs andere fielen und TeUChaj evakuiert sei. * In meinem Leben habe ich kein schlimmeres Bei* spiel unverantwortlichen Leichtsinns gesehen, und dessen beschuldige ich die damaligen Führer der Arbeiterschaft, die wichtigsten, unter denen bis auf den heutigen Tag sich manche noch als Führer der Arbeiterschaft befinden. Meinen Rat wollten sie flicht annehmen. Gut. Aber eines von beiden. Entweder schickt man in einem solchen Fall ein paar Abgesandte nach Etat Haschachar, auf daß sie sich nach TeUChaj durchschlagen und dort die Auf* forderung übergeben: Geht weg, wir können euch nicht helfen! Oder man beeilt sich mit Hilfe. Es war eigentlich schon Leichtsinn genug, daß man auf die Versammlung des Waad Hasmani wartete. (Und ich sehe aus dem offi» ziellen Protokoll, das man mir aus Jerusalem Hebens* würdigerweise zugestellt hat, daß die Sitzung nicht einen Tag, sondern drei dauerte, und daß man erst am letzten Tag zur Angelegenheit TcbChaj kam. Aber wenn schon Waad Hasmani, so durfte man nach seiner Zustimmung nicht fünf Tage warten, ohne sich zu rühren. In der Kom* mission, die die „Meraglim" ausschickte und sich damit begnügte, saßen zwei Vertreter der Arbeiter. Warum schwiegen sie? Warum schwieg,.die große Gemeinde der Arbeiterschaft, schon damals einige tausend Seelen? Ich weiß es nicht. Man frage sie. Wenn unsere „Linken" den Brith Trumpeldor oder den Tel*Chaj kritisieren, so. fragen sie: Welches Recht habt ihr auf diese Namen, wenn euer Führer damals vor* schlug, Trumpeldor von TeUChaj. abzuziehen? Er forderte das, meine Herren, weil er voraussah, daß. ihr Hilfe nicht abschicken werdet — ■...nicht schicken .werdet, ungeachtet aller heldischen Worte. Und; das» wissend, hielt er dafür, daß man keinen Menschen dern ßicbieren Tod aussetzen darf, wenn man ihm;nicht , selbst,.• beispringt. Aber'nicht einmal er sah voraus,, daß ke|ne Spur eines ernsten Ver* suches (aber schon gar keine) zur Hilfeleistung gemacht werden würde. S Sie fragen uns? Man frage s i e. Was habt ihr ge» tan zwischen dem 6t und 11, , Adar des Jahres... S Augartenstraße 38 Repatriierung der spaniolisclien Juden? Madrid, 5. Juni. (J. T. Ä.) Der Präsident der pro . _ visordschen republikanischen..Regierung Spaniens, Herr j 55 (xfOJ^C Z a m o r a, empfing am Donnerstag, den 4. Juni, den argentinisch-jüdischen Rechtsanwalt K i b r i c k, mit dem er die Frage der Repatriierung vongephardischen Juden nach Spanien besprach. Alle republikanischen politischen Parteien j Spaniens, erklärte Präsident Zamora, treten für die I Wdedereinverleibung der sephardischen Juden j in die spanische Natäou ein. Die spanischen J Konsuln im Auslände werden Instruktionen zur Erleich* j 3BHWWWWWWWWBBW»WaWW»roiW^^ terung der Repatriierung der sephardischen Juden erhalten. Das spanische Parlament wird das Edikt vom Jahre 149Q, durch das dde Juden aus Spanien vertrieben wurden, feierlich widerrufen. Es is* beschämend ♦ ♦ ♦ Der Wahlkampf zum XVII. Zionislenkongreß stand im Zeichen des Sturmes gegen den Revisionismus. In aller Welt fanden sich Allgemeine Zionisten, Linke und Radikale, an manchen Orten auch Misrachisten, zusammen und richteten ihre ganze Kraft gegen die revisionistischen Kandidaturen. Alle Differenzen waren vergessen, man dachte nur daran, wie die revisionistische Opposition niederzuhalten wäre. Man mochte meinen, daß eine so gewaltige Koalition sich hätte darauf beschränken können, ihre programmatischen und organisatorischen Mittel wirken zu lassen. In Wirklichkeit aber lief die Sache darauf hinaus, die Revisionisten und ihre Führer in einer Flut von persönlichen Beschimpfungen ertränken zu wollen. Das Mittel hat versagt, die Zahl der revisionistischen Stimmen hat sich vervielfacht, ist enorm gewachsen. Persönliche Verunglimpfungen sind eben kein Mittel, um den Kampf der Geister zu entscheiden. Wohl aber sind sie geeignet, eine Stimmung zu erzeugen, welche den Bestand der Organisation schwer erschüttert. * Besonders beschämend spielte sich die Sache in Oesterreich ab. Die Vertreter der revisionistischen Liste hatten es sorgsam vermieden, von der programmatischen Linie abzugehen. Weder in ihren Reden, noch in Artikeln und Aufrufen waren persönliche Angriffe zu finden, oder gar Verunglimpfungen. Dafür wußten sich die Vertreter der „Allgemeinen" und Linken, welche ihre Listen verbunden hatten, in Auslassungen persönlicher. Art nicht genug zu tun. Und die Sache erhielt noch dadurch ihr Gepräge, daß diese Angriffe nicht von unverantwortlicher Außenseite, sondern vollverantwortlicher ausgingen. Der Präsident der Landesorganisation, Herr Dr. O. Grünbaum, zog in Wien und in der Provinz von Versammlung zu Versammlung und beschäftigte sich eingehend und fast ausschließlich damit, „Geschichten" von dem und jenem zu erzählen. Und einen Rekord stellte das unter seiner Oberleitung befindliche offizielle Organ der Landesleitung „Die Stimme" auf. In diesem Organ herrschte ein Geist, der sonst nur auf der Gasse, bei unreifen Jungen zu finden ist. In „Gedichten", Aphorismen wurden die revisionistischen Führer in platter Art verhöhnt, in Artikeln wurden Schauermärchen über sie erzählt, und immer Persönliches, > Es hatte den Anschein, als ob der Herr Präsident und das „Zentralorgan", aller sachlichen; Argumente bar,, (zur ^iiiiiiiiiiiiiiifiiiiiiiiaiiiiiiiiiBiiiijiiiiiiJiiiiiiiiiiiuiiiiJiJiiiiii^ | Verband demokratischer Zionisten | Mittwoch, 17. Juni 1931, um '/,9 Uhr abends s 5 im Herzl.Saat des Verbandshelmi,. II. Untere 5 Gegenstand: | Das Ergebnis der Kongreflwahlett f 5 Referent: | Robert Stricker | TiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiimiimiimuimiimiiniiHiiiis Kinder. Zwei Kinder spielen auf dem Gehsteig. Und wäh* rend des Spielens verlassen sie den Gehsteig und kommen auf die Straße. Längs der Straße ist eine lange Reihe von Bluts* tropfen zu sehen. In der Nacht wurden die Leichen der erschossenen Verurteilten auf den Friedhof gebracht und ihr Blut tropfte aus dem Auto, auf die Straße. Die beiden Kinder sehen die Blutpfützen und be* trachten sie. „Blut", sagte der eine. „Blut", sagte der zweite. „Menschenblut", sagte der erste fachmännisch. ,;Nein", sagte der zweite, ,das ist nicht Menschen» blut. Tierblut ist es." •' » „Du kannst nicht unterscheiden zwisohen Men* schenblut und Tierblut. Ich kann es." „Mein Väter ist Fleischhauer. Tierblut sieht anders aus. Menschenblut ist es." „Und mein Vater", sagte der zweite, „mein Vater ist Schächter. Und das ist Vogelblut — Tauben* oder Hahnblut." „Lüge! Dein Vater ist kein Schächter. Gemeine Lüge. Menschenblut!" „Auch du bist Lüge! Auch dein Vater i«t kein Fleischhauer. Tierblut!" „So", sagte der erste, „so, dann sollst du wissen, daß ich das Blut sogar erkenne. Ich weiß: dieses Blut ist Menschenblut, denn es ist das Blut meines Onkels. Mein Onkel, der Bruder meiner Mutter, ist es, Jakob Isjawicz, der Bruder meiner Mutter, den man vorgestern erschossen bat. Man hat ihn verhaftet und erschossen. Dann wurde er im Auto zum Friedhof gebracht, und das ist sein Blut. Daß du es weißtl So, und jetzt kannst du zerspringen." Der zweite Knabe wird rot vor Wut und Ohn* macht. Er denkt eine Weile nach, stottert etwas und sagt dann entschlossen: „Auch ich", stottert er, „auch ich..." „Was? Was? Was du? Willst du lügen?" Der zweite platzt fast vor Leid. Plötzlich erblickt er eine andere Blutpfütze und sein Gesicht wird strahlend. Mit einem Sprung ist er bei der Blutpfütze und sagt: „Und das ist das Blut meiner Mutter." „Ich habe gewußt, daß du lügen wirst, Ich hab's gewußt. Deine Mutter ist doch schon längst tot. Hast doch gestern erzählt, daß deine Mutter in der Stadt... im Dorf Siluanka gestorben ist... ermordet worden ist. Du hast nicht einmal eine Mutter... und das ist Men* schenblut! Und du hast keine Mutter!" „Stimmt. Ich hab* keine Mutter. Wenn ich aber eine hätte", versucht der zweite sich aus der Schlinge zu ziehen, „wenn ich eine Mutter hätte, wäre sie gewiß auch gestern getötet worden/ genau wie dein Onkel! Daß du es weißt!" „Lügel Dein Vater ist kein Händler und mein Onkel war ein Händler. Meinen Onkel hat jeder als Händler gekannt und deinen Vater kennt man nicht. Ah! Und das ist Menschenblut, das Blut meines Onkels 1" Der zweite Knabe fühlt sich besiegt. Er denkt nach und reckt sich wie eine Giftschlange: „Und ich werde hingehen und erzählen, daß auch mein Vater ein Händler ist! Daß du es weißtl Ich geh' hin und erzähl' es!" Und er ging. Ein Jude. Bewegung in der , Gasse. Revision in Bialiks Druckerei. Das Papier wird konfisziert. Die Tür in die Druckerei steht weit offen. Inmitten des Zimmers Bialik, der versucht, auf die Regierungsbeamten einzuwirken, die alles als ihr Eigentum betrachten. Aber seine Worte fruchten nichts. In der Druckerei — ein Chaos. Die Revisoren suchen, stöbern, beauftragen, ordnen, notieren und vernichten. Nicht alle tun das: nur einer von ihnen. Insgesamt sind es vier einfache Soldaten und ein jüdischer Kom* missär. Und der Kommissär ist's, der all das treibt. Er registriert das Papier, das in der Druckerei ein* gelagert ist, mit Energie, Lust, Tempo und mit ganz be* sonderem Vergnügen. Plötzlich geht er auf einen Stoß feinsten Papiers zu, schaut es an und bemerkt, daß es schon bedruckt ist: Die Gedichte des Schlomo Ibn Gäbirol. *) Der Kommissär betraqhtet die bedruckten Bogen und wendet sich dann an die einfachen Soldaten, die still und primitiv dastehen: „Genossen, seht her, wie die das Papier besudelt haben! Schade!" (Autorisierte Uebertragung aus dem Hebräisofeen von S. Dv *) Neben Jehuda Halevy der bedeutendste hebräi* sehe Dichter des Mittelalters. Bialik hat seine Gedichte Mi hwrtwygebwB. Aaw. d. Übersetzers.