Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 195 (12.6.1931)
- Date
- 1931-06-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 195 DIE NEUE WELT Seit« 3 der furchtbarsten Belagerung der jüdischen Volksexistenz nichts anderes zu tun haben, als den Juden den Frieden zu predigen, den diese nie brechen, und von ihnen zu ver* langen, daß ausgerechnet sie, die Juden, ihn jetzt und hier und a tempo den Völkern einbläuen. Es ist ein Unterfangen, den Juden für Ehrenpräsi* dien und Ausschüsse Geld aus der Tasche ziehen um vermeintliche Friedenszwecke. Die deutschen Zionisten sollten wissen, daß eine Mark für Palästina ein größeres Friedenswerk ist als für einen pazifistischen Wirbel, um den sie kein Volk gebeten hat. Sie haben anscheinend gründlich jenen Pazifismus, vergessen, der sich darin manifestiert, die Anormafttät einer Volksexistenz zu be* heben, den Krankheitsherd der jüdischen Galuth aus der;Welt zu schaffen und so sich und der Welt zu dienen, wie es Herzl lehrte. Das wäre der echte) jüdische Pazifismus, der Pazi* fismus des Judenstaatsgedankens, der mit dem abge« griffehen Missionartum eines blutleeren Israelitentums aufzuräumen gebietet. o. r. Wer ist sdiuld am Tod Trumpeldors und seiner Genossen? Von Vladimir iabotinsky Am 11. Adar (1920) ist Trumpeldor in TeUChaj in Obergaliläa gefallen. Fünf Tage vorher, am 6. Adar, schloß in Tel«Awiw jene Plenarsitzung des Waad Has« mani (so hieß damals der Waad Leumi), in welcher die Resolution angenommen wurde, Verstärkungen nach Tel* Chaj zu schicken. Man hatte also fünf Tage Zeit, um den edlen Beschluß durchzuführen, zumindest mit seiner Durchführung zu beginnen, das Verstärkungskorps aus Tel*Awiw und Haifa hinauszuschicken, wenn es diesem vielleicht auch nicht beschieden gewesen wäre, Tel«Chaj zu erreichen, bevor das Unglück geschah. Wie jeder weiß, wurde das nicht getan. Von den sehr zahlreichen Freiwilligen, die sich schon lange vor der Sitzung des Waad Husmani gemeldet hatten, um nach Galiläa zu gehen und TehChaj und Kfar Giladi zu be« schützen, wurde im Verlauf der fünf Tage keinem ein« zigen der Befehl oder die Möglichkeit gegeben, sich vom Ort zu rühren. Warum? Das ist die Hauptfrage im ganzen Problem der Ver* antwortlichkeit für jenen Tag des Mordens in TeUChaj. Ich würde mich mit dieser Seite des tragischen und er* habenen Ereignisses nicht beschäftigen. Was geschehen ist, ist geschehen. Eines der schönsten Kapitel unserer Weltgeschichte ist Trumpeldors Heldentum, besiegelt von jungem Blut. Wir verbeugen uns und ehren das Andenken der Gefallenen von TeloChaj, und das müßte genug sein. Wozu daran rühren, wer schuld habe, daß es zur Tra* gödie kam? Andere sind anderer Ansicht. Aus einem Haufen von Zeitungsausschnitten ersehe ich, daß die „linke" zio« nistische Presse sich schon einigemal auf die Rede be« rufen hat, die ich in jener Sitzung des Waad Hasmani hielt. Wiewohl ich schon seit 15 Jahren und mehr keine Artikel, die gegen mich und meine Partei gerichtet sind, lese, machte ich diesmal eine Ausnahme und bat meine Freunde, die entsprechende Literatur zu sammeln. Wie ich voraussah, ist die Literatur unehrlich. Antworten werde ich also nicht, aber beschuldigen schon. In den fünf Tagen zwischen dem 6. und 11. Adar hatte man Zeit und Pflicht, eines von beiden zu tun: Verstärkung zu schicken oder Trumpeldor und seinen Ge« nossen den Befehl zu erteilen, das belagerte Gebiet zu evakuieren. Wenn das nicht geschehen ist, wenn ein Häuflein junger Männer und Mädchen in einer kleinen Farm einsam, von einigen tausenden stark bewaffneten Beduinen umzingelt, zurückgelassen wurde, so muß doch jemand an diesem unerhörten Leichtsinn schuld tragen, Wer war der Schuldige? Zunächst muß man eines klar festhalten. Die Be* Schützer TekChajs wandten sich nicht an den Waad Hasmani und nicht einmal an den Waad Hazirim (so hieß damals die Zionistische Exekutive in Palästina) um Hilfe. Sie wandten sich ausschließlich an ihre nächsten Freunde, an die Arbeiterschaft. Die Arbeiter selbst ver* standen es wenigstens so. In jener Sitzung drückte das Herr Sch. Hefter deutlich aus: „Ich komme soeben aus Obergaliläa; ich sehe, daß es notwendig ist, euch klar zu machen, daß man mich nicht zu Herrn Scheinkin und seinesgleichen schickte, sondern zu unseren eigenen Freunden von der Arbeiterschaft. Denn die, die dort sitzen und Obergaliläa beschützen, glauben nicht daran, daß Hilfe von anderen kommen könne." Mit anderen Wor« ten drückte das auch Herr Tabenkin aus: „Ungeachtet unseres Klassenbewußtseins wollen wir doch wissen, was ihr, der Waad Hasmani, zur Lage zu sagen habt; ob man Obergaliläa beschützen soll oder nicht. Aber das be« deutet nicht, daß wir verpflichtet sind, uns euren Be» Schlüssen zu unterwerfen.".. Im vollen Einklang mit dieser Auffassung wandte ich mich mit meiner Rede an die Vertreter der Arbeiter* schaft, die in der Versammlung des Waad Hasmani an« wesend waren. Das Verhältnis zwischen uns war damals noch ein ziemlich freundliches und sogar ein persönlich herzliches. Einige von ihnen trugen noch die Legions« uniform und ich hatte deshalb vor ihnen besondere Ach« tung. Ich selbst war nicht Mitglied des Waad Hasmani und schon lange nicht mehr Mitglied des Waad Hazirim. Einfach ein Gast, den man einlud, dabei zu sein und seine Meinung zu sagen. Meine Rede schrieb ich am nächsten Tag kurz in mein Tagebuch, das ich damals noch führte. Und mit denselben Worten des Tagebuches druckte ich sie vor sechs Jahren im Pariser „Rasswjet (Nr. 11 vom 15. März 1925, Seite 5 und 6) ab. Ich übersetze hier wörtlich: „VI. J. wendet sich an die Arbeiterorganisation mit der dringenden Bitte: Trumpeldor und seine Genossen sind sofort aus TeLChaj in das Gebiet der englischen Okkupation zurückzuziehen. Ein wirklicher Schutz der Nordkoloriien ist unter ' .den bestehenden Verhältnissen unmöglich. Wir haben in "Tel*Chaj ein halbes hundert Menschen, darunter auch Frauen. Die Zahl der Araber wird auf Tausende geschätzt, und sie sind gut bewaffnet. Es ist daher zweifelhaft, ob es einem Hilfskorps möglich sein wird, dorthin zu gelangen, wenn es auch nicht mit Proviantwagen belastet sein sollte. Aber das ist nicht die größte Schwierigkeit, wie Herr Ussischkin hier ganz rieh« tig bemerkte. Es gibt ein Axiom für die Kriegspraxis: nicht vorwärtsgehen, wenn, man sich der Kommunika« tionslinien nicht versichert hat. Auf andere Weise ist die Organisierung einer regulären Proviantzufuhr unmöglich. Wenn sich auch ein leicht belastetes Korps durch die arabischen Banden durchschlängeln sollte, was zweifelhaft ist, so ist es unmöglich für Wagen mit Proviantsäcken, die man jede Woche wird schicken müssen. Es muß also mit einer Tragödie enden oder bestenfalls damit, daß die Araber die Verteidiger der Nordkolonie gefangen« nehmen und an ihnen Schändliches verüben. Der Redner gibt den Arbeitern den Rat, in diesem Falle weder die ekstatische Stimmung der Jugend noch die Stimmung der heutigen Versammlung in Betracht zu ziehen. Alle Hoff« nungen auf rasche Hilfe seitens der Regierung sind pro« URLAUB? Kamera nicht versetseit! Ein Blick in das Album eines guten Bekannten genügt und Sie denken beim Packen Ihres Reisegepäcks zunächst an die Kamera und dann erst an die anderen Sachen Die VOIGTLÄNDER-BESSA, die automatische und billige 6X9 Schnellkamera wäre für Sie das richtige Modell. 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Aber jene Sitzung des Waad Hasmani hat sich nicht damit beschäftigt, wie man eine Tragödie mit tiefem Sinn arrangiere. Im Gegenteil. Die Versammlung erwog, wie man die Tragödie verhindern könne, und das war ihre Pflicht. Der Untergang des „Titanic" war auch eine jener Tragödien, in der dank der heldenhaften Haltung der Beteiligten ein edler Sinn ruht. Das gleiche kann gesagt werden von vielen großen Bränden und von jedem Krieg. Aber Pflicht der Gesellschaft ist es, darauf zu achten, daß Schiffe nicht sinken, Häuser nicht brennen und Kriege nicht ausbrechen. Tragödien sind fast immer schön und lehrreich und edel. Aber das darf man erst posthum so einschätzen und nie vorher. Nie dürfen Men* sehen in eine Lage gebracht werden, die mit einer Tra« gödie enden muß. Nie darf man sie einer solchen Lage überlassen. Daß nieine Argumente richtig waren, wird niemand bezweifeln. In jener Versammlung versuchte auch nie« mand, das zu tun, wiewohl fast alle gegen meinen Vor« schlag sprachen. Denn es gibt ja keinen Zweifel darüber, daß 2 mal 2 4 ist. Man dachte, nach Obergaliläa .200 bis 300 Menschen zu schicken. Zusammen mit Trumpeldors Genossen wären es 250 bis 350 Menschen gewesen. Ein Soldat, der sich durch eine dichte Belagerung hindurch« stehlen oder hindurchschlagen muß, kann vielleicht für eine knappe Woche Proviant mitnehmen, obwohl auch das zweifelhaft ist, aber was dann? Ich war Soldat und weiß, was das heißt, jeden Tag ein paar hundert Men* sehen Proviant zuzustellen. Wie erst bei einer Belage« rung? Der ganze Plan war mehr leichtsinnig als helden« miitig. Ich war immer der Ansicht, daß man sich in sol* chen Dingen nicht auf Heldenmut, auf die edle Bereit« Zwischen Mensdienzähnen Bin Odessaer Film aus den Jahren 1919/20. Von Avigdor Hameiri. Glück, Ein schöner Tag. Auf dem Gehsteig gehen Menschen spazieren. Größtenteils Juden. Mitten in der Straße bummeln Kosaken. In Gruppen und einzeln. Einer hinter dem andern. Nun ist auch die letzte Schar vorüber. Die auf dem Gehsteig spazieren, schauen ihnen nach. Und da — ein einzelner Kosak, sprengt zu Pferd heran. Plötzlich bleibt er stehen. Winkt einem der Fuß* gängsr. „Komm her!" Der Gerufene eilt raschen Schrittes her. Es ist ein Jude in schweren Winterkleidern, eine teure Astrachan« mutze auf dem Kopf. Der Kosak reißt die teure Mütze vom Kopf des Juden, spornt das Pferd und jagt davon. Der Jude blickt ihm mit aufgerissenen Augen nach und — lächelt. Er ist glücklich, daß er ihm nicht den Kopf »fcgwchlagon bat. Ein Russe. Auf dem Gehsteig. Juden, alte und junge, verkaufen Zigaretten. Die Stadt — ein Kessel. Vor kaum einigen Stunden wurde die Stadt erobert — und sie verkaufen Zigaretten. Ein Soldat geht vorüber, will kaufen. „Was kosten sie? Zehn Stück?" .Hundert Rubel. Sie sind sehr gut." „Hundert Rubel? Saujud! Da hast du zehn Rubel." Der Jude lächelt gezwungen. „Unmöglich." Sie handeln. Schreien, Fluchen, Schimpfen. Der Jude steckt die Zigaretten wieder in die Schachtel zurück. Der Soldat zieht den Revolver und — schießt. Der Jude fällt tot zu Boden. Der Soldat zieht zehn Rubel aus der Manteltasche, legt sie auf die Schachtel, entnimmt ihr zehn Zigaretten und — geht. Alltag. Gestern früh drangen die siegreichen Truppen in die Stadt. Kavallerie. Kanonen. Lastwagen. Kosaken, Ein breiter Lastwagen, von bewaffneten Soldaten voll besetzt, zieht lärmend vorüber. Am Straßenrand spazieren einige Juden. Plötzlich ein Schuß; einer und noch einer; ein Sol* dat, der im Lastwagen saß, schoß auf einen Juden und dessen Frau. Beide brechen tot zusammen. Die vaderen am Straßewaod wthiecken für einen Augenblick, schauen auf die Leichen und setzen ihren Weg fort. Und auch der Lastwagen rollt weiter. Frieden. Ein Jude verkauft Backwerk. Steht bei seinem Tisch* chen am Gehsteig und verkauft. Ein Soldat und ein zweiter kommt auf ihn zu. Sie reden etwas miteinander und nehmen das Geld aus des Juden kleiner Tischlade heraus; ganz einfach, nehmen das Geld und gehen davon. Der Jude öffnet den Mund. Er will etwas sagen, flehen um etwas — bereut es aber schon. Er macht eine verzweifelte Handbewegung: hol' sie der Teufel und die Hölle. Er beginnt seine Ware einzupacken, um nach Hause zu gehen. Plötzlich ein Ruf: „Judl Jud! Stehl' Des Juden Gesicht leuchtet auf: Sie haben nur Spaß getrieben, wollen ihm das Geld zurückgehen. Ja, gewiß, er sieht es doch — Geldnoten in ihrer Hand. Er bleibt stehen, macht einen Schritt zurück, ihnen entgegen. Die Soldaten kommen näher und zeigen ihm das geraubte Geld. „Saujud, dein Geld ist gefälscht'." Und fordern an« deres Geld. e Der Jude zieht anderes Geld aus der Tasche und tauscht es ihnen um. Sie verabschieden sieh m Friede«.