Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 193 (29.5.1931)
- Date
- 1931-05-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 195 die neue WELT Seile t ) ECKSTEIN'S FAMILIEN-PENSION Ratlaurallen, Kattaahaua / Tätlich S'Uhr.TM SEMMERING ISWSS.'.VP.Ä»0»43 Mäßige Preise, vorzügliche Küche, Zimmer mit Pension S 12.— aufwärts. Zentralheizung, fließendes Warm¬ und Kaltwasser in jedem Zimmer. / Auskunft unter Telephon U-27-6-24 leisteten Arbeit. Für viele Juden hat der alte Glaube seine religiöse Anziehungskraft verloren. Viele Juden haben die Synagoge verlassen, einige sind irreligiös geworden, andere haben sich einem philosophischen Atheismus zugewandt, die übrigen sind noch auf der Suche nach einem Weg zur Befriedigung ihrer seelischen Bedürfnisse. Die führenden Rabbiner von New York treten diesem Bericht entgegen und erklären, die angegebene Zahl von 2000 Bekehrten sei ungeheuer übera trieben. Die Missionstätigkeit der christlichen Kirchen unter den Juden sei erfolglos, das Geld, das von den Kirchen zur Bekehrung von Juden ausgegeben werde, sei nutzlos vergeudet. Schwere Bestrafung antisemitischer Exzedenten in Rußland Moskau, 20. Mai. Der Oberste Gerichtshof Weiß* rußlands hat am Donnerstag, den 14. Mai das Urteil gegen die drei antisemitischen Arbeiter ge* fällt, die vor einiger Zeit das jüdische Mitglied der indu* striellen Stoßbrigade Newelewsky in der Fabrik Izpolit in Ossopowitsch gefoltert und zu h e n k e n versucht haben. Der Arbeiter Stefanow wurde zu acht Jahren Zwangsarbeit und Entzug der Bürgerrechte für fünf Jahre, der Arbeiter Statowinow zu sechs Jahren Demnächst erscheint im Josef Brenner- Verlag eine Schrift „Der Antisemitismus in der Deutschen Republik" von Dr. Fritz Marburg. Die Schrift befaßt sich im wesentlichen mit einer Darstellung der Entwicklung des politischen Antisemitismus bis auf die heute besonders hochgehenden Wellen des gewalttätigen Judenhasses in der Deutschen Republik. Einzelne Kapitel sind den Leistungen der deutsehen Juden in Wirtschaft und Kultur Deutschlands gewidmet Der Schlußteil gibt eine zusammenfassende Uebersicht über Propaganda und Exzessedes Häkenkreuzferituanis. Wir veröffentlichen im nachstehenden den Abschnitt, der sich mit den Leistungen der Juden im deutschen Wirtschaftsleben und der Krise der heutigen sozialen Lage in Deutschland beschäftigt. Der Antisemitismus unterdrückte'- und mordete nicht nur jene Juden, die zur politischen Macht und Geltung Deutschlands dihr gut Teil beigetragen haben, sondern vergiftete auch das Leben jenen Juden, welche als Pioniere des deutschen Wirtschaftslebens wirkten. Als die Mauern des Ghettos fielen und Freiheit der Niederlassung und des Gewerbes eingeführt war, hörten die Juden bald auf, Makler und Geldverleiher zu sein, und rückten in die Reihen der produktiven und aufbauenden Elemente des deutschen Volkes ein. Auf allen Gebieten der Wirtschaft tätig, erwarben sich die Juden Verdienste von historischer Bedeutung nicht nur in Bankwesen und Handel, sondern auch in den verschiedensten Gebieten der Industrie und der Erfindungen. Im Rahmen dieser Arbeit ist bloß ein kurzer, oberflächlicher und lückenhafter Ueberblick über das Wirken hervorragender jüdischer Männer der Wirtschaft möglich, die in bedeutendem Maße dazu beitrugen, daß dag Volkseinkommen Deutschlands von 10 Milliarden Mark im Jahre 1850 auf 40. Milliarden Mark im Jahre 1914 anwuchs. Meier Amschel Rothschild und seine fünf Söhne waren es, welche das System langfristiger Staatsanleihen schufen und Staatspapiere auf der Börse einführten. Ihrem Beispiel folgten die Bankleute Mendelssohn, Bleichröder, Salomonsohn. Als in den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts Aktienbanken entstanden, wirkten viele Juden an diesen Neuschöpfungen mit. Neben den Christen Hansemann, Siemens, Koch usw. haben auf dem deutschen Geldmarkt jüdische Namen, wie Steinthal, Wallich, Guttmann und Fürstenberg ihren guten Klang. Von den heute noch tätigen hervorragenden Bankiers nennen wir bloß Jakob Goldschmidt, Oskar Wassermann, Kurt Soberstein und Wilhelm Kleemann. Auf dem Gebiete des Verkehrswesens waren es vier Juden, welche, in hervorragender Weise zu Wasser und zu Lande neue Werte schufen. Albert Ballin baute binnen 14 Jahren die Hamburg-Amerikanische Paketfahrt-Gesellschaft (Hapag) zu einem Unternehmen aus, das im Jahre 1900 — 113 Schiffe von zu¬ Zwangsarbeit und Entzug der Bürgerrechte für fünf Jahre, der Arbeiter Sossinowski zu fünf Jahren Zwangsarbeit und Entzug der Bürgerrechte für dieselbe Zeit verurteilt. Widerstand der jüdischen Bevölkerung Weißrußlands gegen die Einführung der Schweinezucht in jüdischen Kolonien Moskau, 21. Mai. Die jüdische Bevölkerung in B o r i s o w und anderen Städten Weißrußlands setzt den Bemühungen der jüdischen Kolonisationsbe* hörden, die Schweinezucht als Zweig der jüdi« sehen Landwirtschaft einzuführen, entschlossenen Wi d e r« stand entgegen. Anläßlich der Umwandlung der Tech* nischen Hochschule für Getreidebau in Borisow in eine auf Schweinezucht spezialisierte Lehr* anstatt für Viehzucht haben zahlreiche jüdische Hörer die Erklärung abgegeben, mit Schweinezucht nichts zu tun haben zu wollen, und ihre Absicht, das Studium nicht weiter fortzusetzen, geäußert. An anderen Orten haben Leiter jüdischer Kollektive, als sie aufgefordert wurden, ihre Betriebe auf Schweinezucht umzustellen, ihre Demission eins gereicht. Auch viele Arbeiter haben aus demselben Grund ihr Ausscheiden aus den Betrieben angedroht. Im Ge* biete von Kojdanow, wo ejh eigenes jüdisches Schweine« zuchtkollektiv gebildet wurde, hat sich die Schweinezucht als unproduktiv erwiesen. Etwa 97 Prozent der Ferkel gingen ein. Die jiddischxkommunistische Zeitung „O k t i a b r" in Minsk führt dagegen im Rahmen einer Uebersicht über die Schweinezucht in Weißrußland eine Reihe von Kollek» tiven in rein jüdischen Gebieten an, wo eine nach wissen» schaftlichen Grundsätzen geleitete Schweinezucht erfolg* reich durchgeführt wird. So gibt es z. B. in Sluzk zwei ausgezeichnet arbeitende Schweinezuchtkollektive, deren jüdische Mitglieder sich mit starkem Interesse dem neuen Betriebszweig widmen sammen 600.000 Tonnen besaß, während es zur Zeit, als Ballin in die Gesellschaft eintrat» bloß über 22 Schiffe von zusammen 60.000 Tonnen verfügt hatte. Man nannte ihn in Deutschland, denVl,,Admiral(. der Meere", gemäß seiner Devise „Mein Feld. ist die Welt". Der größte. Einzelunternehmer in der deutschen Handelsschiffahrt,, der Jude Wilhelm Kunstmann in Stettin, war schon vor. dem Krieg der größte Einzelreeder Deutschlands. Nach dem Kriege mußte er daran gehen, sein Werk zum größten Teil nur aus eigenen Mitteln, von neuem aufzubauen: heute verfügt er bereits wieder über eine eigene Handelsflotte von 50.000 Tonnen. Bei DARMSTOR UN GEN FETTANSATZ BLÄHUNGEN besonders in den Wachteljahren, haben die klinisch erprobten, abführenden Kräutertabletten „ZET26" sieh hervorragend bewahrt. Aus reinen Pflanzendroßen ohne chemische Beimenguns hergestellt. . wirken sie langsam und mild, sind wind- 'und harntreibend, regen die DrUscnsekrctlon an, entsitten so den ganzen Organismus und schaffen Wohlbehalten In allen Apotheken (90 x. S 3.70). Depot: Apotli.'Montier. Wien. XXI. FQrC. S. R. i Adler-Apotheke. Relohenbers Im d e u t s c h e n < E i s e n b a h n w e s e n schuf der Jude Bethel Henry Strousberg eine ganze Reihe von Eisenbahnlinien nicht nur in Deutschland, sondern auch in Ungarn, Rumänien und anderen Ländern. Julius Berger entwickelte sein bescheidenes Transportunternehmen zu einer Aktiengesellschaft, welche 300 Ingenieure und Techniker und Über 30.000 Arbeiter beschäftigt. Die Julius Berger- Tiefbau- A.-G. verbreitete den Ruhm deutscher Verkehrstechnik im Orient, wo die Firma in Kleinasien und Persien neue Eisenbahnlinien legt. Andere Zweige der deutschen Wirtschaft seien bloß gestreift: Im Jahre 1^3? gründeten die Brüder Mannheimer das erste Kleiderkonfektionsunternehmen. An der Spitze der größten Bierbrauerei Euro paß, des „Schultheiß-Patzenhofer-Konzerns" stehen zwei Juden: Walter Sobernheim und Ludwig Katzenellenbogen (letzterer ist getauft). Hervorragenden Anteil nahmen die Juden an der Entwicklung der oberschlesischen Industrie: Wir nennen bloß Moritz Friedländer, den Gründer der ersten Eisenhütte „Minerva", seinen Sohn Otto (Julienhütte), Fritz v. Friedländer, Fuld und Arnhold, welche oberschlesischen Erzeugnissen den Weg nach Deutschland und ins Ausland bahnten. Im Jahre 1805 gründet Aron Hirsch ein Handelsunternehmen für B e r g b a u p r o d u k t e, im Jahre 1820 baut er bereits das erste Kupferhammerwerk;, im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelt sich das Unternehmen zu einer Weltfirma, das heute über 50 Industrieunternehmen umfaßt (Hirsch-Konzern). Neben dem Christen Werner von Siemens ist der Bai Stuhlveratopfung, Verdauungsstörungen, Magen* brennen, Wallungen, Kopfschmerzen, allgemeinem Unbe« hagen nehme man früh nüchtern ein Glas natürliches „FranzJosef"*Bitterwasser. In Apotheken erhältlich. £ Jude Emil Rathenau Schöpfer der deutschen Elektrowirtschaft. Die von ihm im Jahre 1887 gegründete „Allgemeine Elcktrizitäts-Gesellschaft" — AEG — beschäftigt heute über 66.000 Menschen und stellt einen Wert von 2 Milliarden Mark dar. Auf dem Gebiet der chemischen Produktion seien genannt: Der Gründer der ersten Holzessigfabrik in Berlin (1826) Samuel Hirsch Kunheim; Artur und Karl v. Weinberg, jüdischer Abstammung, sind Mitbegründer der I. G. Farbenindustrie A. G.; Maximilian Krempner reorganisiert die deutsche Kaliindustrie; Heinrich Brückmann betätigt sich hervorragend auf dem Gebiet der Kohleverflüssigung; der aus Polen stammende Jude Nikolaus Caro ist Erfinder des Kalkstickstoffes und Mitbegründer der Stickstoffindustrie; er hat Deutschland vom Chilisalpeter unabhängig gemacht. Die deutsche Aluminiumindustrie entstand dank der Initiative eines Mannes jüdischer Abkunft, Moritz von der Porten; zum Weltruhm der deutschen Porzellanindustrie hat Philipp Rosenthal, ebenfalls jüdischer Abstammung, wesentlich beigetragen. Bedeutend sind die Verdienste der Juden an der Entwicklung des Kunstgewerbes, der Papierindustrie, Tabakindustrie, endlich der Filmindustrie und des Verlagswesens — wir nennen nur Firmen von solchem Weltruf, wie: der Ullstein-Verlag und das Rudolf-Mosse-Unternehmen. Die Inflation hat, nach den Berechnungen von Prof. Julius Hirsch, das deutsche Judentum schwer getroffen. Die wirtschaftliche Rationalisierung, die Gründung von Kartellen und Konzernen trifft das Judentum empfindlich in den verschiedensten Wirtschaftsgebieten. Die jüdischen Massen verarmen aber nicht nur infolge der Entwicklung, welche das Wirtschaftsleben nimmt; sie verarmen ebenfalls in bedeutendem Maße infolge des Boykotts, welchem jüdische Arbeit immer stärker und allgemeiner ausgesetzt ist. Prof. Dr. Silbergleit berechnet, daß im Jahre 1912 in Deutschland von 100 Juden in Handel und Industrie 55,2 tätig waren; im Jahre 1925 waren es nur mehr 49,7. Im Jahre 1907 entfielen in Preußen von 100 Juden auf geistige Arbeiter 16,5, im Jahre 1925 waren es bereits 33,8. Die Ausschaltung der Juden aus verschiedenen Wirtschaftszweigen hat bereits bedeutende Fortschritte gemacht. Die Zahl der Metallhandelsfirmen ist in Deutschland von 1913 bis 1930 um 6,5 Prozent gewachsen, die Zahl der jüdischen Firmen in diesem 'Handelszweig.ist in demselben Zeitraum um 13,3 gesunken. Im Bankwesen können wir ähnliche Erscheinungen beobachten. Vom 1. April 1928 bis 1. April 1930 ist die Zahl der nichtjüdischen Banken um 8,6 Prozent, dagegen die der jüdischen Banken Um 19,7 Prozent gesunken. Von den Mitgliedern der Verwaltungen der A.-G.-Banken in Deutschland waren in derselben Zeit 89,1 Prozent Nichtjuden und 10,1 Prozent Juden — zwei Jahre später, 1930, war die Zahl der Nichtjuden auf 92,9 Prozent gestiegen — die der Juden auf 7,1 Prozent gesunken. Die Behauptung ist gewiß nicht übertrieben, daß die Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben eich auf alle Zweige des Handels und der Industrie erstreckt. Die Reihen unselbständiger und arbeitsloser Juden wachsen in außerordentlicher Schnelligkeit:' in demselben Maße verarmt der jüdische Mittelstand, Die Stimmungen, welche diesen Niedergang des deutschen Judentums begleiten, schildert Kurt Zieleriziger („Die Juden in der deutschen Wirtschaft"). Er schreibt darüber: „In vielen Unternehmungen, die durch jüdische Männer ins Leben gerufen worden sind, findet sich heute kaum noch ein jüdischer Ingenieur oder eine jüdische Stenotypistin. Diese Bewegung führt auch zu einer Eliminierung der Juden in den Staatsbetrieben. Wo sind die jüdischen Kaufleute in den Bergbaubetrieben des preußischen Staates, den Elektrizitätswerken des Reiches, den Staats- oder Stadtbanken, wo finden wir sie bei den großen Verkehrsmitteln, den Ejsen- oder Straßenbahnen? „Diese Verdrängungsbestrebungen werden von der Boykottbewegung unterstützt, mit denen die antisemitischen Hetzapostel die angebliche Herrschaft der deutschen Juden über die deutsche Wirtschaft bekämpfen wollen. Sie raubt vielen jüdischen Erwerbstätigen im Lande ihre Existenz und zwingt sie, in die Städte abzuwandern. So vermehrt sie die Zahl der Abhängigen." Deutsche Wirtschaftsforscher, welche die gegenwärtige wirtschaftliche Lage der deutschen Juden untersuchen, prophezeien ihnen ein traurige» Lost Einerseits trifft sie die scharfe Schneide der modernen Wirtschaftsrationalisierung, anderseits der immer stärker anwachsende antisemitische Boykott. Antisemitische Ausschreitungen und Boykotthetze in Danzig. Danzig, 22. Maa, (J. T. A.) Ann Soointag, deai; 17. Mai, wurden in dm Damaliger Straßen jüdische Passanten vom Nation^sozklasten übeitfaüileji und zum Teil blutiggeschlagen. Die jüdischen Kaufleute Markewistoi, Biloch umd Frankel wtuurden leicht verletet, der: Schusterinoistei' Tennenziweig aber wurde so angerichtet, daß mau, i'hui ins Hospital traiasporfciereai; Die Juden im deutschen Wirtsdiafts? leben und der Antisemitismus Von D*. ¥wit% Marburg (Berlin) . :