Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 193 (29.5.1931)
- Date
- 1931-05-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Antisemitisches Neuland Die vorwiegend von deutschen Kaufleuten, Aerzten und Ingenieuren in Mexiko inszenierte Judenhetze nimmt leider immer schlimmere Formen an. Nicht zuletzt zufolge des Umstandes, daß sich de* Präsident der Republik Mexiko, wie die „Neue Welt" be* reits berichtete, offen auf die antisemitische Seite geschlagen hat. Dadurch ist die Haltung der Behörden einseitig festgelegt. Katastrophale Lage des mexikanischen Judentums. New York, 22. Mai. Die jiddische Tageszeitung „Der Tog" veröffentlicht einen Bericht ihres Korrespon* denten aus Mexiko City, aus dem hervorgeht, daß nicht nur die 500 jüdischen MarkthEndler, denen die weitere Ausübung ihres Gewerbes verboten wurde, unter dieser Maßnahme zu leiden haben, sondern daß durch sie auch Tausende andere Juden schwer betroffen sind. Schweren Schaden erleiden vor allem die Fabrikanten und Importeure, von denen die jüdischen Straßenhändler ihre Waren auf Kredit bezogen haben, indirekt betroffen sind aber auch die Angestellten der jüdischen Institutionen und Organisationen, die infolge der Wirtschaftskrise gezwungen sein werden, ihre Tätigkeit einzustellen. Es sei, wird in dem Artikel weiter ausgeführt, ganz wie ein Pogrom gewesen, als die jüdi* achen Markthändler am Morgen des 30. April von den mexikanischen Marktleuten, deren Stände festlich beflaggt waren, mit Hilfe eines starken Polizeiaufgebots vertrieben wurden. Ein jüdischer Standbesitzer namens Israel Liebermann wurde, als er versuchte, seine Waren einzupacken, von der tobenden Menge-solange geschlagen, bis er blutüberströmt zusammenbrach. Der Sekretär der jüdischen Hilfsorganisation in ^iexiko,' Moses Glikow'ski, hat dem Korrespondenten des „Tog" gegenüber erklärt, er sehe keinen Ausweg aus den Schwierigkeiten. Die Mittel der Organisation seien erschöpft und jene Personen, auf die sich die Ver* einigung bisher gestützt habe, seien nun selbst auf Hilfe angewiesen. Das ganze jüdische Gemeindeleben in Mexiko mit all seinen in den letzten zehn Jahren von den jüdi* sehen Immigranten mühsam aufgebauten Institutionen stehe vor der Gefahr des Zusammenbruchs. Die jüdische Hilfsorganisation besitze keinerlei Reserven mehr. Auch die jüdischen Kreditgenossenschaften und die anderen jüdischen Institutionen seien aller Mittel entblößt. Die einzige jüdische Schule in Mexiko werde geschlossen werden müssen, da diejenigen, die bisher für ihre Erhaltung sorgten, nicht in der Lage sind, weitere Zuwendungen zu gewähren. Trauer- und Fasttag der mexikanischen Sephardini» Mexiko. City, 23. Mai. Die sephardischen Juden von Mexiko City haben am 17. Mai einen Trauer* und Fasttag wegen der Judenverfolgungen in Mexiko ab* gehalten. Die Synagogen waren überfüllt. Es wurden den ganzen Tag über Bittgebete um Beendigung der Juden* Verfolgungen und insbesondere um Wiederherstellung des Rechtes der Juden auf Beteiligung an den Märkten abge* halten. Der Tag war als „zweiter Jörn Kippur" proklamiert worden, in allen Synagogen wurde der Schofar geblasen. Die sephardischen Markthändler haben in einer Arkade einen kooperativen Laden eröffnet; die aschkenasischen Händler hingegen, die nicht so gut organisiert sind wie die Sephardim, konnten die Mittel zu einem ähnlichen Unternehmen nicht aufbringen und befinden sich auch weiterhin in verzweifelter Lage. Entsendung eines Sonderdelegierten der amerikanischen Bnei Brith nach Mexiko. New York, 23. Mai. Wie der Präsident der Bnei Brith Alfred A. Cohen, der bekanntlich das State Department in Washington um eine Intervention in Mexiko ersucht hatte, der Jüdischen Telegraphen* Agentur mitteilt, wird in dem Bericht des amerikanischen Gesandten in Mexiko erklärt, daß die antisemitischen Zwischenfälle auf die schwierige ökonomische Lage in Mexiko zurückzuführen seien und daß den Juden keine körperliche Uinibill zugefügt' wurde. Der Orden Bnei Brith hat einen Sonderdelegierten zur Untersuchung der Vor* fälle nach Mexiko entsandt. Intervention der polnischen Regierung. Warschau, 24. Mai. Das polnische Ministerium des Aeußern übergab der Jüdischen Telegraphen*Agentur das folgende Kommunique^ „Im Verlauf der letzten Monate wird auf dem Territorium der Republik Mexiko eine scharfe Ak* tion gegen Ausländer, in Wirklichkeit gegen Juden jeder Staatsangehörigkeit, also auch gegen polnische Juden, geführt. Hintergrund dieser Aktion ist der Kon* kurrenz kämpf des ausländis chen Großhandels gegen die jüdischen Kleinhändler und In du* s t r i e 11 e n, die sich mit einem nur geringen Ge* w i n n zufriedengeben und — da sie auch noch kleinere Produktions* und Verwalturigskosten haben -— die gleichen Waren zu weit: niedrigere^ Preisen als selbst der Groß*, hahdel abgeben 'können. Da nun diese Aktion in der letzten Zeit einen beunruhigenden Umfang — sei es in der Presse oder in Flugblättern und Plakaten, die über die ganze Stadt verbreitet werden — angenommen hat, und da durch diese Aktion zahlreiche polnische Bürger be* troffen wurden, hat der polnische Konsul in Mexiko, Herr M er ding er, in i dieser Angelegenheit beim Außen* minister Mexikos interessiert. Der Außenminister hat die Intervention entgegengenommen und dabei mitgeteilt, daß diese Angelegenheit seit längerer Zeit einer eingehenden Betrachtung seitens der Ministe* rien des Innern und des Aeußern unterzogen wird. End* gültig wird der Fall durch eine speziell hierfür geschaffene Kommission einer Erledigung zugeführt werden. Sollte aber diese Kommission nicht in der Lage sein, die Stand* punkte der beiden Ministerien miteinander in Einklang zu bringen, so wird die Angelegenheit der Entscheidung durch den Präsidenten der Republik überlassen werden. (Aber der Präsident ist Antisemit!) Antwort des Staatspräsidenten. Mexiko City, 24. Mai, Staatspräsident R u b i o hat in Beantwortung des ihm von den Vertretern der jüdi* sehen Bevölkerung Mexikos übersandten Memorandums erklärt, die Ausweisung der jüdischen Händler aus den von ihnen bisher auf den öffentlichen Märkten Mexikos innegehabten Ständen sei erfolgt, weil sie ihr Ge* werb e unb efugt ausgeübt hätten. Die ihm überreichte Petition habe er dem Innenministerium zur weiteren Prüfung zugewiesen. Im Hinblick auf die unter den vertriebenen jüdi* sehen Marktleuten herrschende große Not wurde eine Konferenz von Vertretern aller jüdischen Vereinigungen von Mexiko City einberufen, in der die Einleitung von Geldsammlungen zugunsten der notleidenden jüdi» sehen Händler beschlossen wurde. Um den Numerus clausus in Ungarn Keiner will's gewesen sein — Ein feiner Herr Minister Budapest, 22. Mai. Im Verlauf der Generaldebatte über den Etat des Kultus* und Unterrichtsministeriums führte Abg. Dr. Rassay u. a. aus: Wie heikel auch das Thema vom Numerus*clausus*Gesetz sein mag, so bin ich bemüßigt, diese Frage dem Herrn Kultusminister gegenüber auf zuwerfen, der einerseits von der kulturellen Ueberlegenheit spricht, die Universitäten entwickelt und vermehrt, andererseits aber durch künstliche Mittel der lernenden Jugend den Zutritt zu den Hochschulen zu erschweren bestrebt ist. Wohl hat der Herr Kultusminister dieses Gesetz modi* fiziert, aber in der Vergangenheit war er, aufrichtig ge* sprochen, kein Gegner dieses Gesetzes. Kultusminister Graf Klebelsberg erhob sich sofort und rief Dr. Rassay zu: IchwarmehrGegner des Gesetzes als Sie, Herr Abgeordneter, denn Sie haben einen darauf bezüglichen Beschlußantrag unter* fertigt! Aus Gründen der Delikatesse habe ich niemals darüber gesprochen, jetzt aber muß ich sagen, daß Sie einer der Antragsteller gewesen sind. Ich habe das Gesetz über den Numerus clausus nicht votiert. (Große Be* wegung.) Abg. Dr. Rassay: Das ist eine sehr kühne Behauptung, Herr Minister. Sie haben das Gesetz über den Numerus clauses auch zu Agitationszwecken benutzt. Ich leugne nicht, daß ich mich im Jahre 1920 der christlichen Politik angeschlossen habe und daß Der Lädier Von Tunkeier Müde vom Nichtstun setze ich mich auf eine Bank, um auszuruhen. In einem der Stadtgärten. Sitze. Hart am Rand der Bank sitzt ein Patron* den Rücken mir zugekehrt. Sitzt. Ein Rücken, ganz normal, halbrund, neutral, nichtssagend. Ich Micke auf den Rücken (und versuche zu erraten, womit sich der Patron beschäftigt, der diesen Rücken hat. Was ist er? "Ein Intelligenzler oder ein Handwerker? Ein ausgehalteher Schwiegersohn? Ein Bäcker? Ein Anarchist? Ein Bettler? Ein Mwsiklbeiliessener? Ein Buchhalter? Ein Fleischesser oder ein Vegetarier? Ein Lottokollektant? Oder gar ein Pessimist? Von Zeit zu Zeit ließ er einen sonderbaren Laut los mit Nebengeräuschen, keuchte gepreßtes Lachen oder brachte in ersticktem Baß hervor: Qhoohoohp! Ruhte aus, verstummte, um bald wieder aufs neue zu beginnen. Die Geschichte brachte mich ein wenig in Er» stauneu: eiu sonderbarer Patron, lacht und keucht vor Lachen. Was ist das für Freude, die ihn mitten am hellen Tag befallen hat? Was, zum Teufel, diese Lustigkeit? Oder ist's am Ende eine solche Krankheit gottwibeiuM, «in Tickj eine Art Irrtiun? Ich wurde neugierig. Ich schob mich näher an meinen Bankkompagnon heran und gab ein kleines Hüsteln von mir. Der Rücken bewegte sich, der Patron wandte mir seinen Kopf zu und ich bekam ein Gesicht zu sehen, das noch nichtssagender war als der Rüfcken. Das Dutzendgesicht eines, jungen Menschen, Spitzbärtchen, blond, unausgegorene Nase, steifes Hütchen, schlanken Hals mit großem Adamsapfel, der im Bedarfsfalle als Kragenknopf dienen kann. Das einzige, was allerdings in die Augen sprang, war die tiefe ungewöhnliche Traurigkeit, die auf seinem Gesicht lag, und die tiefe Melancholie, die aus seinen Augen sprach. Und ein solcher Mensch mit einem solchen Gesicht lacht?! Ich wurde noch neugieriger und entschloß mich, eine Frage zu stellen, „Entschuldigen Sie", begann ich, „Sie leiden wahrscheinlich an irgend einer Nervenschwäche oder einem solchen . . . Tick, daß Sie so sonderbar lachen!" „Ah, Sie haben es bemerkt", erwiderte er und seine unausgegorene Nase überzog sich mit leichter Schamröte, als hätte ich ihn plötzlich bei einem Diebstahl erwischt. „Hm . . , nichts, nur so . , , ich probiere." „Sie probieren?" Ich sah ihn mit einem Blick von einem ganzen Dutzend Fragezeichen an. „Sie wundern sich?" sagte er. „Kommen Sie mit mir in. das Kaffeehaus vis-ä-vis, spendieren sie einen Kaifee, wir werden uns erwärmen und ich werde Ihnen erzählen." Wir taten das. Mein Patron tat einen Schluck Stifte und tftft* „Na, meinetwegen. Ein Mensch darf das Geheimnis wissen. Sie werden es doch niemand erzählen, nicht wahr?" „Niemandem." „Gut ... ich . * . ich bin ein Lacher. Ich' lebe davon. Es ist meine Profession. Und von Zeit zu Zeit mache ich Repetitionen, verstehen Sie?" Ich verstand nichts. loh sah ihn mit dem gleichen fragenden Blick an und ließ ihn weiterreden. „Ich seh, daß Sie's noch immer nicht versteh'n. Ich werd' es Ihnen erklären, damit Sie es begreifen. Sagen Sie, bitte, liebem Sie das Theater? G&hen Sie manchmal ins Kino, ins Kabarett?" „No gewiß. Aber wie gehört das hierher?" „Warten Sie . . , lieben Sie Komödien?" „Selbstverständlich liebe ich Komödien." „Nicht nur Sie, alle lieben heute die Komödie", fuhr er fort. „Alle lieben heute Lustiges. Man will sich ein bißchen zerstreuen, unterhalten, Tragödien hat jeder genug zu Hause. Jeder hat sein Bündel Sorgen, will ein wenig vergessen. Nicht wahr?" „Natürlich." „Deshalb laufen heute die Leute zur Komödie. Zu einer Farce ins Kabarett, um einen Witz zu hören. Allerdings, wenn die Komödie eine Komödie ist, die Farce eine Farce, der Witz ein Witz. Was aber, wenn die Komödie von jenen heutigen Komödien ist, derentwegen man bittere Tränen vergießen müßte, wenn die Faroe von jenen Farcen urt, daß man ohnmächtig s&t*