Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 190 (8.5.1931)
- Date
- 1931-05-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIB HEUE WELT Nr. 190 [iitnirtm*imntmmttiMmtiii SIEGM. KORNMEHL GROSSFLEISCHHAUEAEI Zentrale IX., Bergga<se 19. Telephon 17-3-99 u. 16-9-34 Lieferant ilir Heilanstalten Abteilungen für «^-HtlicH unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinata der Isr. Kultusgemeinde Wien Atitoauittllung koftUnlo* IX. BerggasialS ✓ XVIII., WlhrlnflCPtlr. VI rHHiiiiiftinimmmiititiiiHitiiii(iiiirtM „RilualmordbeschttldlgMiig — Feafefellntttf historischer Tatsachen". Das Schöffengericht Berlin-Charlotteflbülf hat bekanntlich den Berliner Gattführer der Nationalsodalisten Dr. Goebbels wegen Beleidigung von Ministem und hohen Beamten zu oinem Monat Gefängnis lind ©hier höheren Geldstrafe verurteilt, ihn ober von der Anklage des Vergehens gegen § 166 durch Beschimpfung der jüdischen Religionsgemeinschaft freigesprochen. In der Urteilsbegründung führte Landesgerichtsdirektor Rambke aus, daß der Angeklagte von der Anklage nach § 166 freigesprochen worden sei, weil nach Ansicht des Gerichtes in dem inkriminierten Artikel des „Angriffs" nicht er* keimbar war, daß die Beschimpfung sich gegen die jüdische Religionsgemeinschaft als solche richtete, sondern weil offenbar der Artikel lediglich deren Mitglieder, bzw. Vertreter treffen sollte, die in dem Artikel als Fanatiker bezeichnet worden waren. A u ß e rdem sei der Hinweis darauf, dafl es Ritualmorde gegeben habe» keine Beschimpfung, sondern eine Feststellung historischer Tatsachen. Es sei hur darauf hingewiesen, daß es in Deutschland und in Oesterreich mehrere Kirchen gebe, die Heiligen gewteiht Beten, welche durch Reli* giionÄgegner ermordet und deshalb heiliggesprochen worden seien. Es J*t nrfcht bekannt, ob der Staatsanwalt gegen diesen Freispruch, insbesondere auch im Hinblick auf dessen Begründung durch das Gericht, Berufung eingelegt hat. Tel'Awiw und Jerusalem oder Europa ante porlas Von Julius Berger (TeUAwiw). „Im Hauptbüro des Keren Hajessod hat man mich vor Tel*A\viw gewarnt", erzählte mir neulich ein Tourist aus Wien. „Tel'Awiw liege nicht in Palästina, hat man mir gesagt; TeUAwiw sei ein Land für sich, und was ich in TebAwiw zu sehen und zu hören bekäme, habe nichts zu tun mit dem Lande selbst." „TebAwiw ist nicht nur das jüdische Palästina, Tel* Awiw ist das europäische Palästina, TebAwiw ist das zu* künftige Palästina", sagte mir ein paaü Tage später ein anderer Tourist, ein Großkaufmann aus Warschau. Beide Reisende waren von TebAwiw begeistert. Jener denkwürdige Ausspruch, der im Hauptbüro des Keren Hajessod getan wurde, und jene Meinung des Juden aus Warschau bezeichnen die beiden Pole, zwischen denen sich die Entwicklung von Eress Israel vollzieht. Da ist Jerusalem, die „heilige. Stadt", Erhaben und groß liegt sie da, voll von den Schauern ihrer wechseb vollen Vergangenheit, jeder Stein vieltausendjährige Geschichte. Die Stadt des Tempels und des Kotel Maarivi, der Königsgräber und des jüdischen Weltfried« hofes auf d,em Oelberge, die Stadt der Synagogen und Jeschiwoth, der Waisenhäuser und der Altersheime. Die Stadt der Omarmoschee und der Stadtmauer, der Nascha* schibis und der Husseinis, die Stadt des „Zikr". Die Stadt der Kirchen und der Klöster, der Hospize und Missionen, der Priester und Mönche. Die Stadt ,(dest High Comniis* sioner, der Zionistischen Exekutive, des, Mufti, der Kon* suln. Die Stadt der englischen . Beamten, die Stadt der jüdischen Beamten, die Stadt der arabischen Beamten. Und die Stadt des Militärs. Ein. getreues Bild von Palästina, wie es -war in alten Zeiten, wie ,es ist in unseren Tagen und wie es nach der Meinung von allerlei Leuten in der Regierung und im arabischen Natidnalrat und im Hauptbüro des Keren Hajessod bleiben soll bis in alle Ewigkeit. Ist das Bild vollständig?^ fehlt etwas. Es fehlt das neue Jerusalem, diese Menge neuer Viertel, jüdb scher und arabischer, die schönsteh; Läden des Landes, Es fehlt auch noch die Verwaltung der Stadt, eine Sine* kure arabischer Familien, die es zustande gebracht hat, Jerusalem ohne zureichende Wasserversorgung zu lassen^ die einzige Regierungshauptstadt der Welt mit dauernder> Wassernot. Und es fehlt nicht zum wehigsten das Bild der Stadt am Nebi*Musa*Fest, wenn Jerusalem wie unter Belagerungszustand steht, wenn Truppen1 die Straßen um* säumen, Gewehr bei Fuß, Maschinengewehr im Anschlag, Kanonen gerichtet, und zwischen ihnen ein Zug von Tau» senden fanatisierter Araber, Schwerter schwingend und Schreie gellend! 1 Da ist TebAwiw, „das Wunder des Mittelmeeres". 1904 eine Sanddüne, 1931 eine Stadt von 45.000 Einwoh* nern. Asphaltierte Straßen, Wasserleitung, elektrisches, Licht. Die Stadt der Läden und Gasosbuden, die Stadt mit 26 Banken. Die Stadt mit dem Familienbad (neun Monate im Jahr), mit dem Opernhaus, mit den Tonfilm* theatern. Die Stadt der Industrie. Die Stadt der Plantagen* besitzer. Die Stadt der schönsten Straße des Landes. Die Stadt der Barackenviertel. Die Stadt der Zeitungen und des Museums für moderne , Kunst. Das Zentrum der Orangenindustrie. Die Stadt der Jungen Leute und des Industrieproletariats. „Klein*Warschau am Mittelmeer", „KleimNew York in Palästina'1. Die Stadt mit der gerin* gen Kindersterblichkeit. Die. Stadt mit den . verfallenen Häusern. Die Stadt mit den,guten Wohnvierteln,. Pension* opolis der amerikanischen Juden. Die Stadt der jüdischen Schutzleute und der jüdischen Feuerwehr. Die Stadt der arabischen Käuferschaft. Die Stadt der Volksversamm* hingen und der politischen Kämpfe. Die Stadt des Purim. Karnevals. Der wirtschaftlich solideste Punkt des Landes. Stadt der jüdischen Gegenwart, Stadt der palästinen* sischen Zukunft. Die offizielle zionistische ^Gesellschaft'* hat Tel. Awiw nie als ganz fein betrachtet. Die Stadt war zu sehr businesslike, zu wenig orientalisch, zu jüdisch oder vieb leicht besser zu „jiddisch". Sie hat nichts von dem Traum* haften in sich, das Jerusalem verklärt, von den Bergen Judas bis zu den Mlnarets. Dazu kommt die Offizialität Jerusalems. Alle zionistischen Institutionen haben dort ihr Zentrum, Vor allem die Exekutive und die Fond9. Aus ihnen strömt tagtäglich eine Fülle von Stimmung auf die Straße, offizielle Stimmung natürlich. Und wie die Berge rund um die Stadt, so steht , jeden Tag vor dem Zionisten/der ltt Jerusalem lebt,-.'.dtte" Aufgabe. Die. Aufgabe, wie alles Offizielle, wandelte sich längst in Moral, in Predigt, in Literatur. In Jerusalem spricht und schreibt man über die Aufgabe, deren man in TebAwiw.ftfast yer* •" i " Radio Grammophone - Schallplätten Neueste Marken, atich Unitauach älterer Apparate, Zahlungserlelchterung Radlonaus „ELPflORA", l, DominiKtine«! 22 . Ecke Franz-Josef-Kai 7/9, Tel. R-24-4-16 . ".. gessen hat, wo man sie täglich und stündlich lebt. Aber in Jerusalem werden die Forderungen formuliert, werden die Aufrufe gedichtet. In Te1*Äwiw lebt man sozusagen in Hemdärmeln, aber in Jerusalem muß alles Niveau haben, dor.t wird: alles ernst ^genommen. Wenn In Tel* Awiw ein Kaufmann bankerott macht, redet man darüber in der Kfedltoreftv.ersammlungVwenn es in Jerusalem dem öinen oder andern Fonds schlecht geht, reden Hunderte von Beamtenfamilien von nichts als von dem drohenden Zusammenbruch des Landes. Jerusalem. ist vergangene Geschichte und gegenwärtige Literatur, und wenn man hin und wieder einmal sich nach TebAwiw amüsterW fährt, schämt man sich fast der Ausschweifung. In Jerusalem nickt man mit dem Kopf und schüttelt das Haupt und schreibt Über'die .-Erlösung. Urid hat ein aus Angst und Verachtung gemischtes Gefühl gegenüber dem Juden von TebAwiw, der weniger an Erlösung der andern, aber mehr an seine eigene Existenz denkt. •' ' Das beste an der zionistischen Bewegung von „damals" war ihre Romantik. Das Verlangen nach Wieder» aufriehtüng alter Größe, der Wiedergeburt des jüdischen Reiches. Das war der Weg, alte Träume und neue Not*1 wendigkeiten zu einer harmonischen Lösung zu bringen, real genug und glanzvoll genug, um Hirn und Herz des Juden ' gefangenzunehmen. Die ■ Europamüdigkeit der Nachkriegszeit'und der Mangel an konstruktiver1 Führung haben dieser Romantik ihre schöpferische Kraft genommen und' sie in ein schwächliches Gestammel nach Annäherung an den Orient verwandelt.'Assimilationstendenzen, denen das nicht einmal bekannt ist, an Was sie sich assimilieren wollen... Sie. berauschen sichrari dem Araber Im wallen* den Gewände,.— jeder ein verkleideter'Harun al Raschid oder mindestens ein König Ali — und von den Schatten des Oelbergs lassen sie sich zu mystischen Kontempla» tionen verführen. Kein Wunder, daß dieser ganz im Ver* gangenen wurzelnden Scholastik TebAwiw als etwas Minderes, Landfremdes, zu Jüdisch*werktägliches erscheint. Zu viel Maschinenzentrum, zu .wenig Geistzentrum. Zu wenig Zionismus ä la Jerusalem. Und zu viel, Zionismus ä la. Herzl. Aus hundert Stellen kann man belegen, daß Herzl unter dem. Aufbau des Judenlandes das Hineintragen von Europa naph Palästina begriff. Herzl hat es SP verstanden, und die Juden haben es verstanden, Der Chaluz hat es so verstanden, der sehr bald eingesehen hat,; daß Landwirtschaft & la Mohammed sinnlos gerworden ist und den Traktor, und die Mähmaschine ins Land gebracht hat. Der jüdische Bauer hat es verstanden, der von der arabischen Getreide» Wirtschaft zum modernen Orangenbau übergegangen ist Und zur Bewässerung nach klaifornischem System Und der nach dem Schachrithgebet des Morgens die Marktberichte von Liverpool studiert. Der Jüdische Fabrikant hat es ver» standen, der Maschinen aufstellt, damit er' mit Deutschland [ und England konkurrieren kann und der — zögernd noch und ungeschickt noch, aber dennoch — sich neue Märkte auf dem Weltmarkt sucht. Und sogar der jüdische Händler hat es verstanden, dieser traditionellste aller jüdischen Berufe, Immer noch gebunden an die Ueberlieferung von Schnipischnock, und schon beginnt er, sich moderne Läden einzurichten, nicht mehr ä la „Gewelb" und Basar, aber ä la Berlin und Wien. Europa klopft an die Pforte von Palästina, und die Pforte heißt TebAwiw. Und der Araber hat es so verstanden. Es soll uns keiner mehr weismachen, daß der Araber von heute die Zukunft Palästinas im Rauche der Nargileh sieht. Wir gehen durch die Straßen Jerusalems. Wir sehen einen Neubau nach dem andern, große stattliche Häuser mit allen modernen Bequemlichkeiten, elegante Läden, präch* tige Cafes. Araber sind die Besitzer und für die Juden bauen sie sie. Noch zehn Jahre und die Araber — leider die Araber mehr als die Juden — haben aus Jerusalem eine vollkommen moderne Stadt gemacht. Und wenn jüdi* sehe Banken das Geld geben und einige Notabein genug Bakschich bekommen, wird Jerusalem dann auch eine moderne Wasserversorgung haben. Und die Altstadt, jener Wundertraum aus tausendundeiner Nacht, wird dann das sein, wozu sie bestimmt ist, ein Freiluftmuseum, in! dem alljährlich zu Ostern das große Oberammergau* Schaustück des Nebi*Musa*Festes stattfinden wird, zu dem die Fremden aus aller Welt strömen und das die amerb kanlschen Reisebüros finanzieren werden. Niemand besser als die Araber von Jerusalem wissen, daß die Zukunft des Landes in der Richtung nach Europa und Amerika liegt. Und wenn sie aus der Tech* nik orientalischer Verhandlungsmethoden vormittags Boykottbeschlüsse gegen die Juden fassen, so bieten sie ihnen nachmittags Boden zum Kaufe und vor allem Häuser zur Miete an. (Was nicht ausschließt, daß eine kleine Und noch einflußreiche Gruppe bedenkenlos alle Minen springen läßt, um die Kluft zu erweitern und sich an der Macht zu halten.) Sie wissen ganz gut und besser als unsere Propagandisten, daß das alte Jerusalem gewiß einmal etwas bedeutete und in gewisser Hinsicht auch heute noch bedeutet, aber daß ein veraltetes Jerusalem zum Bankerott verurteilt wäre. Auch sie wollen mit Europa gehen und. sie wissen, daß der Weg nach Europa über die Zionisten geht. Und das nie mehr als jetzt. Die Welt ist nicht reicher geworden seit dem Kriege und das Kapital nicht sehr lüstern auf Anlage in exotischen Ländern. Aber es sind gerade die Juden, deren Kapital in Bewegung geraten ist. Sie sind es, an denen sich die Welt für die Ent* täuschungen rächt, die der Krieg hinterlassen hat, und sie haben de facto den Krieg zu bezahlen. Der Boden unter ihren Füßen ist ins Wanken geraten und verlangender als je lugen sie nach neuen-Grundlagen ihrer Existenz, Noch schauen, ihre europagewöhnten Augen etwas zweifelnd auf, das Palästina orientalischer Primitivität,, auf das Jerusalem ohne genügend Wasser, auf den. Anachronismus des Nebi«Musa»Festes, Aber um, so mehr lockt sie Tel». Awiw mit seiner europäisch orientierten Bevölkerung, seiner - geordneten /Stadtverwaltung, seiner Sicherheit und seiner Chance. Und seinen Pardessim als Hinterland. Tel*. Awiw, das dem Hauptbüro des Palästina*Gründungsfonds nicht palästinensisch genug dünkt, scheint ihnen, gerade, genügend europäisch zu sein, um das Risiko der Ueber*. Siedlung nach Palästina tragbar zu machen. Hier liegt die Aufgabe und hier, liegt die Chance, Europa steht vor unseren Türen.» Und wird zu uns kom* inen, wenn Wir ihm entgegenkommen. Noch ist .vielerlei dazu zu tun. Noch ist das Land im allgemeinen und Tel* Awiw im besonderen viel'zu»,viel- Kleinstadt, viel zu sehr Nalewki und viel zu wenig Fifth Avenue. Aber man hat schon begonneh, moderne Läden statt „Kletlach" zu bauen, mit Qualität statt mit Ramsch zu handeln, die Schaufenster zu dekorieren, statt sie zu einem Teil des Warenlagers zu machen. Aber das ist erst ein zager Be* ginn, der energisch fortgesetzt Werden muß. Es fehlt moderne Wohnkultur, man muß sie in die Häuser bringen.. Man muß den Strand ausbauen, die Hotels modernisieren, den Kunstgeschmack heben. Weniger Geschäfte machen und mehr Geschäft, weniger Geräusch und mehr Tjii. Und die Verständigung mit den Arabern suchen auf dem Wege des Verständnisses für Europa. Möchten die Bankert es begreifen und die Fonds es verstehen 1 Unser Land bietet gerade der jüdischen Welt von heute ausgezeichnete Chancen. Europäisch angefaßt, können sie Palästina zu einem Land für Europäer machen. Lassen wir uns nicht von der Fiktion eines. Jerusalem ver*. führen, die schon längst der Vergangenheit angehört und nur noch in den Büros unserer Fonds fortlebt. Und be* sinnen wir uns darauf, daß für Herzl der Zionismus das Geschenk Europas an das Judentum war. <• , SEEBAD GR ADO .nao PENSION CONTINENTAL KOMFORTABLES HAUS FLIESSENDES WASSER WARME SÜSSWASSER-BÄDER WIENER KÜCHE/MÄSSIGE PREISE VERLANGEN SIE PROSPEKTE! 1