Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 190 (8.5.1931)
- Date
- 1931-05-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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♦ 'M, r Saite! * ___ _ Genug der Beispiele! Den vollen Stoff können wir doch nicht erschöpfen, und der Praktiker des Gerichts« saales wird sich längst gesagt haben, daß man offenbar vor mehr als 2000 Jahren schon dieselben Register zog wie heute noch. Was 'wir zeigen wollten, ist hoffentlich erreicht: es ist möglich, den ungefähren Hergang der Rechtsgemeinde zu rekonstruieren, und sein Einfluß auf die Formensprache der Literatur,, worüber freilich noeh manches sagen wäre, ist augenscheinlich. Vielleicht sollten, ehe wir uns anderen Betrach* tungen zuwenden, noch zwei Fragen rasch beantwortet werden. Einmal die nach dem Einfluß der Priester auf die Rechtspflege. Er ist wohl viel geringer, als man nach de-» ersten Eindruck, den das Alte Testament macht, an* nehmen möchte. Weil das Priestertum erblich ist, sitzt natürlich in den Priesterfamilien die Ueberlieferung über frühere Entscheidungen besonders fest, und als Glied, der Rechtsgemeinde, ab Bürger, nicht als Priester, nehmen sie deshalb an der Rechtsgemeinde lebhaften und be* deutungsvollen Anteil. Das Bild aber, welches man sich gewöhnlich von den kulturellen Zuständen, der Hebräer ir^acht, ist kultisch überlagert, weil das Alte Testament seine letzte Fassung nicht im hebräischen Stftat, sondern in der jüdischen Kultgemeinde gewonnen hat. Freilich, es wird Fälle gegeben haben, wo die Rechtsgemeinde mit den Mitteln des Parteistreites, des Zeugenbeweises, der Schuldfeststellung und der Rechtsfindung nach deh Regeln der Ueberlieferung oder des freien Ermessens nicht weiter* kam. Dann blieb der letzte Ausweg, das Orakel entscheiden zu lassen, und seine Verwaltung ist das ursprüngliche Hauptgeschäft des Priesters. Dann kommt er zu Wort und Einfluß. Aber darüber haben wir wenig Wissen, und die Vermutung geht dahin, daß dies als Ausnahme und selten geschah. Eine zweite Frage geht nach der Möglichkeit, von der Rechtsgemeinde an eine höhere Stelle Berufung ein« zulegen. Darüber sind wir gut unterrichtet. Zu David kommt eine Witwe, deren einzige zwei Söhne so heftig in Streit geraten, daß der eine am andern zum Bruder* mörder geworden. Darauf greift die Familie des verstor« beata V«t#rs ein und will an dem Mörder die Blutrache DIE NEUE WELT j vollziehen. Aber das hätte zur Folge, daß die 'direkte Nachkommenschaft des verstorbenen -Gatten der Frau ausstürbe, und um dies abzuwenden, zieht sie die Rechts« Sache an den König. So wird uns auch erzählt, daß Absalon sich morgens früh ins Tor stellt, um die Judäer abzufangen, die ihre Rechtshändel vor den König tragen wollen. So kommt der Prophet Nathan vor David und legt ihm einen Rechtsfall vor. Man kann also gegen die Rechtsgemeinde und wohl auch'über sie hinweg eine Sache vor den König tragen. Und umgekehrt wird der König die Freiheit besitzen, jeden beliebigen Rechtsfall' in'seine Entscheidung zu ziehen, wenn'er das begehrt. Hier bahnt sich eine höhere Art von Gericht an. Die Rechtspflege wird Königsstiche. Sie könnte bei folgerichtiger E'ntwick* lung Staatssache werden. Aber diese folgerichtige Entwick* lung hat sich nie vollzogen. Von dem höheren Gerichts* recht des Königs, ist nichts zu spüren, vielmehr wird ein anderer Weg beschritten. Doch war diese Möglichkeit den Hebräern bewußt, denn als das Volk gegen den Willen Samuels einen König begehrt (der Bericht ist jung und den Tatsachen fern), da sagt, es; „Auch wir wollen sein wie die andern Völker: unser König soll unsere Rechts« fälle entscheiden und vor uns ausziehen und unsere Kriege führen" (1; Samuel 8, 20); der König ist Gerichtsherr und Herzog. Er hat darin Vorganger, wenn es geschichtlich ist, daß Samuel und seine Söhnet,, wohl als Bevollmächtigte der Eidgenossenschaft, die man neuestens als Vorstufe des Königtums bei den Hebräern annimmt, im lande umher» ziehen und Recht sprechen. Indessen ist von diesem höhe« ren Gericht nicht viel zu verspüren. So tagt denn Jahrhunderte hindurch in den Ort« schaften und Landschaften Palästinas die Rechtsgemeinde der Freien und waltet des Rechts, Um große Dinge ging es dabei selten. Ein Wegreght, ein Brunnenrecht, Eingriffe in die Habe des anderen an Vieh, eine Tätlichkeit mit schlimmem Ausgang, ein Totschlag, ein Erbanspruch, das werden die Fragen gewesen sein, um welche die Rechts« süssen sich mühten, und ihre Mühe war längst dadurch gemindert, daß das Herkommen sichere Geleise geschaffen, in denen man bei der Entscheidung fuhr. Aber tchll«ft« _ ffr. i* 1 Jahren, nach den Unruhen in Palästina, Herr Grünbaum plötzlich entdeckt, daß Dr. Weizmann zunächst gehalten werden müsse, wenn man ihn auch weiterhin theoretisch zu bekämpfen habe. So handelten die Radikalen in Jena, wo sie Dr. Weizmann gegen den deutschen Brith Schalom« Zionismus ausspielen wollten und damit kläglich herein* fielen, so ist auf der vorigen AC.«Sitzung Herr Dr. Gold* mann in die politische Kommission gegangen. Er hat dadurch das Verbleiben der jetzigen Exekutive erleichtert ünd für seine Grüppie die Mitverantwortung für die höchst zweifelhaften Resülteite der bisherigen politischen Ver* handlungen übernommen./ ' Als jetzt wegen' der- VerSchiebung des Kon* gres.se8 sogar.die .Vertreter des. Misrachi zunächst aus der Exekutive abbefufen wurden,, hat Dr. Goldmann sich gegen .alle Erwartungen geweigert, sein Amt in der poli« tischen Kommission niederzulegen. Ja, diese radikale Opposition verhalf der jetzigen Leitung sogar zu einer weiteren Verstärkung ihrer Basis, indem sie auch Herrn Grünbaum in die Politische Kommission entsandte und seine Wahl in die künftige Exekutive vorbereitete. Es ist, bekannt, daß das Verhalten der Herren Grün bäum und Goldmann auf der letzten AG.» Sitzung in den leitenden Kreisen der radikalen Gruppe heftig kritisiert wurde, doch wird es den wenigen auf« : richtig . oppositionell gestimmten. Radikalen, die noch übriggeblieben sind, kaum gelingen, die Herren Goldmann und Grünbaum aus ihrer neuen Koalitionspolitik mit; Dr. Weizmann und seinen. Anhängern herauszuziehen und sie wieder auf die oppositionelle Linie zu bringen. Wir haben es bisher vermieden, uns über diese Vor« gänge bei den Radikalen öffentlich zu äußern. Nachdem ein Teil der Radikalen, unter Führung des Herrn Gold« mann, es jedoch für angebracht hält, den Uebertritt zur Regierungskoalition, mit heftigen Angriffen gegen den Revisionismus- -zu verbinden, sehen wir uns genötigt, in aller Oeffentlichkeit zu erklären, daß wir die Radikalen keineswegs mehr als Bundesgenossen in dem Kampf gegen das bisherige System betrachten können. Es ist nichts dagegen zu sagen, wenn eine ehemals oppositionelle Gruppe aus ernsten Gründen ihre Opposi* tion aufgibt und sich mit ihren bisherigen politischen Gegnern verständigt. Dergleichen kann in. der Politik vor« kommen. Nur 'sollte dann die betreffende Gruppe den Mut und die Ehrlichkeit haben, die von ihr vollzogene Wendung einzugestehen. Das aber wollen die Radikalen nicht tun, weil sie sich dadurch als Sonderpartei über« flüssig machen würden. Ehrliche Anhänger Dr. Weizmanns und>. seines Systems »können sich ja linderen Parteien*an* schließen, wenn sie die bisherige Leitung weiter unter* stützen: undäli der0 Mächt 'erhalten - wollen. Herr 'Gold* mann hingegen,'dessen inniges Bestreben'.-es!ist, alle Seelen in seiner Brust zu verschmelzen, will gleichzeitig Führer der Opposition, politischer Vertrauensmann Dr. Weiz* manns und überparteilicher Anwalt der zionistischen Ge* samtinteressen sein. Das ist ein bißchen zuviel auf einmal; Herr Dr. Goldmann sucht zu leugnen, daß er seinen Uebertritt zur Regierungskoalition vollzogen und damit den Kampf gegen das System Weizmann eingestellt hat. Aber was nützt eine theoretische Gegnerschaft, wenn er lieh: es gibt im Recht nichts Kleines, sondern es geht immer um das Höchste, um die Sicherung der Gemein* Schaft und um die Gerechtigkeit; und die Würde des Richters ist, unabhängig vom äußeren Werte des Streit* gegenständes, immer eine höchste und letzte. Man wird fragen, ob sich ein Urteil über den letzten Wert der hebräischen Rechtsgemeinde wagen läßt; Wir brauchen es nicht zu wagen. Es liegt vor. Die Propheten geben es laut und deutlich. Es lautet ungünstig. „So sagt Jahwe: ~ , Wegen der drei Freveltaten von Israel Und wegen der vier1 nehm* ich's nicht zurück. Deswegen, weil sie den Rechtlichen um Geld verhandeln Und den Armen um ein paar Sohlen. Sie gieren nach dem Staub auf dem Haupte der , , Geringen Und beugen das Recht der Armen." (3, 6—7.) So tönt es bei Arnos, und dieser Klang der Klage und des Einspruches geht von Prophet zu Prophet. Die Rechtsgemeinde ist vollkommen, solange sie die Ver« Sammlung freier, unabhängiger und an Besitz ungefähr gleichstehender Bauern ist, deren Anliegen sie in billigen, gemeinschafterhaltenden Ausgleich zu bringen hat. Aber das achte Jahrhundert, eben die Zeit des Arnos, zeigt uns eine starke Verschiebung der Besitzverhältnisse und den Beginn einer spürbaren Schichtung der hebräischen Ge« Seilschaft. Neben den Besitzenden tritt der Besitzlose, neben den Unabhängigen der Abhängige; und jetzt ver* sagt die Rechtsgemeinde. Die Mündigkeit und Oeffent« lichkeit ihres Verfahrens setzt voraus, daß jeder Rechts« sasse unabhängig vom anderen Recht spreche; aber die Furcht vor den wirtschaftlich Mächtigen, die im engen dörflichen Zusammenleben empfindlichschaden können, macht hörig und unfrei. Jeder, der ländliche Verhältnisse kennt, weiß» welchen Segen es bedeutet, daß die Stimm« abgäbe schriftlich und geheim ist. Die Leidtragenden dieser sozialen Schichtung der hebräischen Gesellschaft sind gerade die. deren Schutz und Rechtswahrung die höchste Ehre der, Rechtsgemeinde, das Zeichen wahrer Stärke, und Freiheit wäre: die Schwachen, die Witwen, der unmündige Vaterlose, der nicht im Bürgerrecht ste» bende „Frtndling in dtn Tor««" Nationale und wirtschaftliche Forde- \ rungen. Die jüdischen Parlamentarier gaben auf Grund der letzten Kundgebungen des Ministerpräsidenten der Auffassung Ausdruck, daß es der Autorität und der Energie des Ministerpräsidenten gelingen werde, die bisher von allen Regierungen mit größerer oder geringerer Nachsicht behandelten antisemitischen Ausscheitungen zu unterdrücken. Der Ministerpräsident bestätigte diese Auffassung und teilte mit, daft einige Organisationen ihm die Versicherung gegeben hKtteh, daß sie fortab sich nur im Kähmen der Legalität bewegen werden. ' •; . -.' Die jüdischen Parlamentarier entwickelten sodann ihre Konzeption von d.0r e t h n i sc h - j ü d i s e h e n Minorität und .erklärten,. daß d i e tt b e rw Ml t igende Mehrheit de>r Juden, der «Ür'eJ geschlossenen Provinzen und auch weite Kreise der Juden hei.t des alten Königreiches sich als ethnische Minderheit betrachten. Auf die Erklärung der jüdischen Parlamentarier, daß auch die Juden Gewicht darauf legen, in einem Staatssekretariat für Minderheiten vertreten zu sein, erwiderte Ministerpräsident J o r g a, er habe mit der Ernennung des Herrn Brandsch zum Unterstaatssekretär für die Minderheiten erst einen Anfang gemacht. Eingehend erörterten die jüdischen Parlamentarier auch die Frage der S t a a t s b ü r g e r s c h a f t. Der Ministerpräsident erwiderte, es. gäbe Leute, die zu unrecht das Staatsbürgerschaftsrecht genießen, andererseits gäbe es auch solche, die begründeten Anspruch auf die Staatsbürgerschaft haben. Die. Regierung werde sich' mit dieser Frage eingehend befassen. ' Das Gespräch bewegte sich, weiter in der Richtung der wirtschaftlichen Probleme. Die jüdischen Parlamentarier erklärten, die Judenschaft wolle gern ihre Erfahrungen auf wirtschaftlichem Gebiete in den Dienst der Allgemeinheit stellen. Ministerpräsident Jorga nahm diese Erklärung mit besonderer Befriedigung zur Kenntnis. Jüdische religiöse Sozialisien. Warschau; Der;,B u ii d r e:l igiöse r Sozi-alisten" O e s t e r r e i c h s, -dtfr' die Idee zur Einberufung eines Weltkongresses religiöser Sozialisten: zwecks Schaffung einer religiössozialistischen (vierten) Internationale gegeben hat, hat das Zentralkomitee der polnischjüdischeh;-religiös-'sözialis'tischen Parteir JDath waawodah" (Religion und Arbeit) eingeladen, an den Vorberatungen zur Organisierung des- Kongresses teilzunehmen. Religiös-sozialistische Verbände existieren heute außer in Oesterreich auch in der Schweiz, in Holland, Deutschland, Amerika und in anderen Ländern. Religiös-sozialistische Gruppen bestehen in China, Japan, Aegypten1 und Indien. An die in Polen bestehende religiös-sozialistische Partei „Dath wättwödah" lehnen sich jüdische.religiös-sozialistische Gruppen in Deutschland, wo »in kurzem eine Konferenz jüdischer religiöser Sozialisten stattfinden wird, und in anderen Ländern an. RBHH WIENER KINDERHEIM G R A DO ■■■■■■1 (VILLA StZtSSlON) direkt am Strande, im eigenen Haus, ärztliche Leitung, geschultes Personal. Saisonbeginn 1, Juni 1931. Auskünfte und Prospekte: Dr. Erna Spitzer, VI, Webgasse 25. Tel. B-29-705 (3 bis 5 Uhr); Prau Prof* Templer, IX, Mariannengasse 23,! TeL B-43-8-98 > Bat fthafbergbad/ unbestritten das schönst gelegene Famiiienbad Wiens, ist seit 25. April d. J. eröffnet Mit Rücksicht auf die allgemeine gedrückte wirtschaftliche Lage wurden die Eintrittspreise weitestgehend ermäßigt, so daß dieses Eldorado der Wiener Iii* das! Wochenende, für den Urlaub oder die Ferien tausenden Familien die angenehmste und billigste Erholungsstätte bietet. E Radikaler Umfall. Von Riehard Lichtheim (Berlin). Die auf der letsten AC.<Sitzung beschlossene Kon* greßverschiebung bedeutet nichts anderes als den Versuch der jetzt im Zionismus herrschenden Gruppen, sich weiter in der Führung zu behaupten. Was den Anhängern Dok*' tor Weizmanns erlaubt ist, sollte einer sogenannten Oppositionsgruppe nicht erlaubt sein, die in immer wachsendem Maße mit der Gutgläubigkeit ihres Publikums Schindluder treibt. Wir sprechen von den sogenannten Radikalen, die nunmehr endgültig aufgehört haben, eine eirnst zu nehmende Opposition darzustellen. Das Ver* halten dieser Gruppe trägt nicht dazu bei, eine Gesundung ih der Organisation zu bewirken, sondern verhindert nur die nötige Klärung. - - '• » \ Die Radikalen haben im Verlaufe des letzten Jahres in geradezu unheilvoller Weise durch ihre Zwischen« trägereien und ihr Doppelspiel die Auseinandersetzung zwischen der Exekutive und der Opposition erschwert. Für ihr Publikum spielten sie Opposition,, hielten große Anklagereden gegen das Weizmannsche System und forderten seine Beseitigung, um im nächsten Augenblick durch jhr Verhalten im AC. und anderen leitenden Instanzen idieses System zu befestigen und sein Verbleiben zu ermöglichen. So hat schon vor anderthalb Wiener Kinderheim in Lignano . . Villa „EMlLIA" am Strande / Mückenfrei / Heillträftig- Iter Sandstrand /. Ständige ärztlich« Aufsicht / Wiener .....>. tfücne / Billigste #reYe*V OemeinSänre Ato-imd"Rückfahrt' Erstftr Turnus: ${, Mal - 14 Tage Lignano bei Venedig uo S Schonttor Url«ub»aufenthalt für erwachsene firand Hotel „D'lAfLIAu, fließendes Wasser/Vier 1 Mahlzeiten / Wiener Küthe / Bahnfahrt» Strand und Abgaben inbegriffen/ Gemeinsame Abreise alle 1* Tage ab 21, Mal flüSkflflftB BflltPfOSPCRtS! rlffR^^qäl' 'Vo^i^bte^lJhr