Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 188 (24.4.1931)
- Date
- 1931-04-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 188 DIE NEUE WELT Seite 5 Bei zahlreichen Beschwerden des weiblichen Ge» sehlechts bewirkt das natürliche „Franz«Josef"*Bitter* w&sser die allerbeste Erleichterung. In Apoth. erhältlich. völlig katholischem Geist durch* Gegenständen tränkt ist. Die italienischen Juden haben wiederholt, bis jetzt aber vergeblich, Maßnahmen der Regierung zuf Aenäefüng dieses Züatandes verlangt. Wo es möglich war, wurden eigene Schulen für die jüdischen Kinder errichtet, die zwar den allgemeinen Lehrplan der Regie« rungsschulen übernommen, die katholischen religiösen Ideen des Unterrichts aber durch jüdische ersetzt haben. Bisher werden diese jüdischen Schulen vom Staate nicht subventioniert, obwohl sie eine Erziehungsarbeit leisten, zu der der Staat verpflichtet ist, und obwohl im Jahre 1925 Unterrichtsminister Gentile dem im Jahre 1926 verstorbenen jüdischen Senator Polacco die Gewährung eines Zuschusses aus Staatsmitteln für die jüdischen Schulen versprochen hatte. Senator Polacco hat seinerzeit auch in der Rede vor dem Senat die Verhältnisse im italienischen Unterrichtswesen erörtert. Rund um die Parlamenfsgefahr in Palästina« Ein Parlament in Palästina — die einzige Ausnahme in der britischen Kofonialpolitik« Von J. M a c h o w e r (London). auch die Araber in Palästina nationakkortstitutionelle Regieruhgsformen bekommen. Sehen wir nun, wie es um das KeniasProblem be* stellt ist, auf das sich Lord Islington beruft. Innerhalb Das Weißbuch von 1930 erklärt, daß jetzt die Zeit gekommen sei, wo man unmöglich die Einführung eines parlamentärischen Regimes in Palästina hinausschieben könne. Auch von jüdischer Seite pflegt man öfters zu hören, wan könne von England nicht fordern, in Pa* lästina eine andere Politik zu machen als es überall führt: Allerorts, so wird behauptet, wo England regiert, führt es parlamentarische Verwaltungsformen ein, indem es die Regierung in die Hände der örtlichen Bevölkerung legt, und man kann nicht verlangen, es solle für Palästina eine Ausnahme machen. Wenn auch diese Behauptung oft wiederholt wird, so daß sie in gewissem Sinn banal geworden ist, so ist sie doch faktisch nicht richtig. Vor allem muß festgestellt werden, daß überall, wo England in seinen Kolonien und abhängigen Territorien Vertretungskörperschaften einzuführen pflegt, die ein* heimische Bevölkerung gewöhnlich ebenso vom aktiven wie vom passiven Wahlrecht ausgeschlossen ist. Das Recht zu wählen und gewählt zu werden, haben durchwegs ausschließlich die Eingewanderten, aber auch nicht alle, sondern bloß deren europäischer T e i 1, d. h. das kolonisierende Element. So ist es bisher gewesen, und so ist es in der englischen Verwaltungs* praxis bis auf den heutigen Tag geblieben. Selbstverständ* lieh klingt dies für das jüdische Ohr sehr paradox, liegt aber dennoch so, wie wir es dargestellt haben. Gehen wir zu den Tatsachen über. I. Von allen in englischen Händen befindlichen Ländern wird uns wohl in dieser Hinsicht am meisten Afrika interessieren, wo die rassischen und nationalen Probleme eine so große Rolle spielen. Am 27. Juni 1923 hat Lord Islington bei der Be*; handlung'' der Palästina*Prage im Oberhaus darauf, hinge* wiesen, daß vor Sr. Majestät Regierung zwei,schwere Pro*, bleme stehen, die im allgemeinen einander ähnlich sind: Das ist einerseits das Problem Kenia (Ostafrika) und andererseits das Problem Palästina. Die Lösung dieser heiden schweren Probleme, sagt Lord Islingtqn, ist nur möglich, wenn man sich an ein kardinales Prinzip halten wird: Genau so wie in Kenia die Afrikaner, so müssen der sieben Jahre, da sich Lord Islington im Oberhaus zu* gunsten der Kenia —• „örtlichen Bevölkerung" eingesetzt hat, ist seine Forderung verwirklicht worden: im Jahre 1927 hat Kenia bereits einen gesetzgebenden Rat besessen. Nichtsdestoweniger besteht immer noch der Konflikt zwischen der englischen Regierung und der „örtlichen Bc* völkerung" in Kenia, zudem noch in schärferer Form als früher. Die „Bevölkerung" fordert von der Regierung ein verantwortliches Ministerium und die Regierung geht darauf nicht ein. Wenn aber der Leser meint, daß unter der „örtlichen Bevölkerung" wirklich die Mehrheit der Landeseinwohner verstanden": wird, begeht er einen bitteren Irrtum. Laut der Statistik von 1922 'wohnen in Kenia: Eingeborene 2,736.517 1 Hindus ,, ... , „ ., , 30.583 Europäer (Engländer)...... . 12.529 .. Araber , . 10.557 , Totale 2,790.186 Also: von den 2,790.186 Einwohnern haben die <f^> ÜFA-TONr KINO y£r ll„ Taborsträße 8, Tel. R-41-2-41 .tt^" ^t-i' '.,r™:~~ - ' Oer doppelte Moritz DERVERTAUSCHTE EflEMAWT" : is <.•;,$..•{;•<:<. '..v'vn ■ 'f" Ein TonfDImschwank der Ufa; r--;,fV>Mi« >.iW:'-ö^ mit ' JohannesAiemann, Maria PaudlertJesa:eVirogh, Gustav Waldau, Tibor v. Halmay 2.736.517 Eingeborene überhaupt kein Wahlrecht, weder passives, noch aktives. Die 38 Mitglieder des gesetz* gebenden Rates setzen sich so zusammen: 20 von der Regierung ri ö m i n i e r t e Europäer, 11 gewählte Europäer, 5 Hindus, 1 Araber und 1 englischer Missionär, cler die 2,736.517 Eingeborenen zu repräsentieren hat. Der gegenwärtig bestehende Konflikt zwischen Kenia und London besteht darin, daß die rund 12.000 Engländer in ihren Händen nicht nur die gesetzgebende, sondern auch die ausübende Gewalt haben wollen.. Die englische Re* gierung will dem nicht zustimmen, indem sie erklärt, es Sei unmöglich, das Schicksal von ungefähr 3 Millionen Eingeborenen in die Hände von 12.000 europäischen Emi* granten zu legen. Das Schicksal der eingeborenen Bevöl« feerung in ihre eigenen Hände zu legen, ihr selbst die Verwaltung zu überlassen, das kommt der Regierung gar nicht in den Sinn, das ist für sie völlig indiskutabel. Mehr noch. Sogar die eingewanderten Araber und Hindus, die zusammen dreieinhalbmal so stark sind wie die Europäer, können es zu einer stärkeren Vertretung im gesetzgeben* den Rat nicht bringen. Schon seit Jahren kämpfen sie dafür, daß sie zusammen mit den Europäern und nicht auf Kurienlisten zur Wahl zugelassen werden. Es hilft ihnen nicht einmal der Verzicht auf proportionelle Ver* tretung und die Bereitschaft, den Europäern die Mehrheit in der gesetzgebenden Vertretung zu überlassen. 2. Dasselbe, wenn auch in etwas anderer Form, sehen wir in S ü d a f r i k a. Im südafrikanischen Verband lebten nach der Zählung des Jahres 1921 Europäer 1,519.488 Eingeborene und Hindus 5,409.092 Totale 6,928.580 Ins Parlament können nach der Konstitution nur Weiße gewählt werden, im Lande geborene oder naturali* sierte englische Bürger. Bezüglich des aktiven Wahlrechtes haben in Wirklichkeit die Eingeborenen von den vier Bestandteilen des Verbandes nur in einem einzigen, im Kapland, Wahlrecht, und auch hier ist der ökonomische und kulturelle Wahlzensus so hoch, daß praktisch nur ein ganz geringer Teil an den Wahlen teilnehmen kann. Noch interessanter ist die Lage der Provinz ,N a t a 1. Nach der Statistik von 1911 setzt sich die Bevölkerung zusammen: Europäer 98.114 Hindus 142.491. Eingeborene * 953.398 Totale 1,194.003 Die Zahl der Eingeborenen ist ungefähr zehnmal so groß wie die der Europäer. Aber weder die Hindus noch die Eingeborenen besitzen Wahlrecht, passives oder ak* tives. Die ganze Macht befindet sich in den Händen der ganz geringen europäischen Minderheit. Das rein formelle, auf dem Papier stehende Recht des Kaplandes befindet sich unmittelbar vor der Abschaffung. Wird doch jetzt im südafrikanischen Parlament eine leidenschaftliche Kampagne gegen dieses rein illusorische Recht geführt. 3; Aehnliche Entwicklung vollzieht sich in Süd* und Nordrhodesien. für diese Reise. Aber für mich war die ganze Geschichte nicht ganz unverdächtig. Und vielleicht will jetzt mein Schwiegervater mich vor ihm: anklagen. Vielleicht will er, daß der Rebbe niir Ungehöriges 'vor Augen halte. Ich war in einem Irrtum befangen gewesen. Mein Schwiegervater lobte mich sogar vor dem Rehben in den Tag hinein, hingegen ergriff mich Erstaunen über eine ganz andere Geschichte. Mein zu Hause allzu schweigsamer Schwiegervater schüttete vor dem Rebben sein ganzes verbittertes Herz aus —' eine furchtbare Verleumdung laste auf ihm, er sei Gott die; Seele schuldig. Um die Scjinapsbrennerei kümmere er,sich nie. Außer daß er sich in diesem Geschäft ziemlich wenig auskenne, kann er sich ja auf den Brennereileiter gut verlassen. Der Leiter ist ein Fachmann und ein' vertrauenswürdiger Mensch. Da ereignete sich vor einigen Monaten in der Brennerei ein Unfall. Ein Arbeiter verbrühte sich beim siedenden Kessel . . . Korahs Schätze habe das schon gekostet. Bezahlt für Schmerzen, für Heilmittel, für Wochen- und Feiertage; « . Zunächst das Spital für den Kranken und für des Kranken Familie zum Unterhalt; dann schleppt sich ein Advokat nach und tagtäglich wiederum Wohltäter, die oben bei den Herrschaften gut angeschrieben sind, alle, wollen sie was haben. Aber wenn es nur um« Geld ginge I Für übermorgen, Dienstag vormittag habe er einen Terioin beim Tarnopoler Strafgericht . . . nach deren Recht und Satzung sei er verantwortlich dafür. Es bestehe eine große Gefahr, daß man ihn, bewahre, zq Gefängnis verurteile. Der Rebbe stöhnt. Seine Augen verglasen sich und er schlängelt mit halbweinerlicher Stimme die Worte hervor: „Mit des Allmächtigen Hilfe, gesegnet sei er. Ihr fahrt mit Gott morgen mit der Postkutsche nach Tarnopol. Gott, gesegnet sei er, wird helfen!" „Rebbe", bringt aus gepreßtem Kehlkopf mein Schwiegervater hervor, „Rebbe, wir sind hier mit unserem eigenen Gespann . , »Na, ick hab' es schon gesagt", schlängelte der Rebbe mit derselben Stimme wie früher hervor. „Mit de« Allmächtigen Hilfe,' gesegnet sei er. Ihr fahrt;rn$^Gtttt morgen' mit der Postkutsche nach Tarnopol. Gott, ge-' segnet sei er, wird helfen!" . . '• - SV, *• >>'• f, .• : •■'.'.;.< ■ '■ •.«■•. ■•'..!.">;"•.',! . . ... 1 * ..... Von der Czortkower Gastwirtsichaft zurückgekehrt, ist mein Schwiegervater wie , vor den Kopf gestoßen. Der Rebbe hat ihm einei} dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Er wollte mit de.ni eigenen Gespann, morgen, Montag, gegen 8 Uhr früh von Czortkow abfahren, um gegen 1 Uhr mittagsin Tarnopol einzutreffen. Ein ganzer Nachmittag wäre Zeit zur Besprechung mit seinem Advokaten und die zu „sehen", die „man sehen soll und muß . . ." Die Postkutsche fährt aber erst um 1 Uhr nachmittags ab und schleppt sich nach Tarnopol bis gegen 9 Uhr abends. r . ' Mein Schwiegervater wälzt sich die ganze Nacht hindurch im Bett, kann kein Auge schließen. Am nächsten Morgen, in aller Früh, schickt er das leere Ge- * spann nach Tarnopol und gibt dem Kutscher einen Brief an den Advokaten mit, in dem er ihn bittet, ijjn um 9 Ubr abend« zu erwarten, da er „aus einem bestimmten Grund mit der Postkutsche nach Tarnopol fahren müsse". Nach dem großen Mincha-Gebet kriechen wir beide, mein Schwiegervater und ich, in den Postwagen. Der Postwagen ist eine Art gedeckten Wagens in Gestalt eines länglichen Kastens mit einer Tür und zwei großen Scheiben an den Seiten wänden. Zwei Bänke für vier •Pqrsonen gibt es da, eine Bank für zwei Personen an der Vorderfront, eine zweite in der Mitte. Und, als wir dort hineinkrochen, saß oben irgend eine Dame in einem teure» Pelz, mit einem gekrausten Krimmerpetekjagen,- auf dem Kopf eine flachrunde Zobelmütze, das Gesicht;mit einem dünnen Seidenschleier verhüllt. Mein Schwiegervater hatte keine Lust, sich dort oben hinzusetzen. Ein Jude mit einem Bauch, nicht zu versündigen. Obendrein noch in einem dicken Landpelz. Es wäre zu eng , . . Nichts für ihn und nichts fijr die iDame. Er verzichtet auf die Ehre. Für ihn ist es bequemer, allein auf der Mittelbank zu sitzen. . : Der Postwagen rumpelt los. Ich sitze ofeen in meinem Winkel, mit dem halben Gesicht zur Scheibe, und schaue in ein frommes Buch hinein. Und die. Dame, sitzt, in ihrem Winkel, ..^uch.init halbem Gesicht zur Scheibe, und liest'irgend eine Schrift. Wir fahren kaum eine Stunde, und mein Schwiegervater liegt schon auf der Mittelbank, den Kopf vergraben in den hohen aufgestellten Pelzkragen und schnarcht saftig. Hatte er doch die ganze Nacht nicht geschlafen, der Arme! Ich wende unwillkürlich mein Gesicht zum schlafenden Schwiegervater und sehe, duß auch meine Nachbarin auf ihn starrt. Ihr Schleier ist bereits bis zur Zobelmütze hinauf gelüftet. Eine nicht ganz junge Dame, so über Vierzig anscheinend. Aber ein gutgenührtes Gesicht und gemütlich lachende Augen. Ein dünnes Lächeln breitet sich über ihre dicken Lippen aus, sie wendet sich an mich und fragt mit sanfter Stimme: „Entschuldigen, Sie, geehrter Nachbar, wer ist der Herr, dem es sich so gut schläft?" „Das ist der Herr, der Besitzer des Dorfes AI.*', antworte ich ziemlich stolz. „Und ich bin sein Eidam." „So, der Besitzer des Dorfes AI.!" sagte sie ehrfurchtsvoll. Und schon liegt mein Buch zugemacht in meinem Schoß und ihr Bändchen in ihrem. Sie sieht mich mit großem Respekt an. Des Herrn Eidam! .Geehrter Nachbar' ist für mich bereits ein zu geringer Titel, Ich bin für sie schon ein sehr geehrter Nachbar, noch mehr, ein großmächtiger Herr. Meine Nachbariu öffnet ihre lederne Handtasche, entnimmt ihr eine kleine Schachtel mit dünnen Zigaretten, zündet eine an. Ich sehe zum erstenmal im Leben ein weibliches Wesen rauchen. Ich werde ganz verwirrt. Zuviel Zügellosigkeit! Alsbald reicht sie mir die Schachtel, bittet süß den sehr geehrten Nachbar, den großmächtigen Herrn, sich eine Zigarette zu nehmen. Anfangs ist mir die ganze Geschichte nicht gerade angenehm. Zuviel Freundschaft! Aber für des Herrn Eidam ziemt es sich nicht, einer solchen Dame abzulehnen. Des Herrn Eidam muß natürlich auch bald zeigen, daß er nicht von gestern ist, auch nicht irgendwer . , . Ich mache einen unserer Körbe auf, nehme ein Fläschchen Slibowitz heraus, die zwei kleinen Gläschen und