Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 188 (24.4.1931)
- Date
- 1931-04-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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DIt NEUE WELT Kr. III SIEGM. KOMM EMI QrtMtfMMCMIliMfilltl Zentrale 1X„ B»rfrt»«t« 19, Telephon u> ffrfrflft Lieferant ' ü r Heilanstalt e tt JnSiiSSI^ 1 unter Auf licht du EbrwCbr<li#ttJ Rabbtnats der lsr. Kultotre»«{MNi Wim ^■Uia^lttwit H—fwlo« ^. . IX., BarggesMlS ✓ ttm«, Wahrlftejerslr.ff iwmliinffliiumtmi rührung mit allen nationalen Kulturen der Welt, so daß wir von dem zionistischen Experiment nicht nur für Palästina, sondern für alle Länder, nicht nur für die Kinder Israels, sonders für alle Menschenkinder Großes erwarten können" Ein christlicher Freund def zionistischen Sache spricht da über den Zionismus, warm und stolz. Die offiziellen zionistischen Reden wirken daneben gheftöhaft." Das hat leider aufgehört, eine merkwürdige Sache zu sein, es ist eine Selbstverständlichkeit geworden. Der Mordfiberfall bei Zweierlei Maß. r» r Jearasalea, 19. April- Von den bei dein Üeberfäll bei Haifa, bei welchem drei Juden erschossen wurden, verwundeten jüdischen Arbeitern und Arbeiterinnen sind Israel Isakowitz und Kreina Perszuk bereit soweit wiederhergestellt, daß sie aus dem Spital entlassen werden konnten. Auch der Zustand der beiden anderen Verwundeten, der Arbeiterinnen Braila Hellmann und Breina Halperin, bessert 6ich zusehends. * Die hebräische Tageszeitung „Haarez" erklärt, die als Prämie für die Ergreifung der Mörder.ausgesetzte Summe von 200 Pfund sei zu niedrig bemessen, um der Bevölkerung einen Anreiz zur Unterstützung der Polizei bei der Suche nach den Mördern zu bieten. Das Blatt bringt seih Bedauern darüber zum Ausdruck, daß die Polizei bei ihren Nachforschungen zu langsam zu Werke gehe, und bemerkt: Chaluzim sind eben nicht dasselbe wie ein e n g l i s c h e r Bischof, und Kugeln, die das Herz von Juden durchbohren, die ihr Heimatland aufbauen, sind nicht dasselbe wie Kugeln, die auf einen englischen Steinbruchsleiter abgefeuert werden. : ' *'•■!'.' - Der Fall, den die Zeitung als Beispiel für die lässige Art anführt, in welcher die Polizei" vorgeht, wenn es 6ich um jüdische Opfer handelt, bezieht sich auf Vorgänge in den Steinbrüchen von Athlith bei Haifa. Dort spielten sich zwei Vorfälle ab; die ein eigenartiges Licht auf die politische Lag e der J uö en werfen. Auf einen englischen Beamten wurde.ein Schuß abgegeben, der ihn jedoch nicht traf. Nach einiger Zeit kamen Polizisten von der Station Athlith, suchten ein wenig, fanden niemanden und zogen wieder ab. Genauer wurde der Fall nicht untersucht. JEs war schon einmal ein ähnlicher Fall in Athlith gewesen. Damais wurde auf den Leiter der Steinbrüche, gleichfalls einen Engländer, geschossen. Es folgten sofort energische Durchsuchungen aller umliegenden Dörfer, es wurde eine Belohnung ton 100 p, Pfund ausgesetzt. 58 Araber wurden verhaftet, de* Leiter cfct'Ätfetta*b*iten fotderte von der Polizei, den Schuldigen ttttfindig zu machen, sonst müsse er sieh nach London wenden, 9 Polizisten blieben ständig in den Steinbrüchen, die Leitung der Steinbrüche e n 11 i e ß e t w a 10 0 A r b e 11 e f, drohte mit noch mehr Entlassungen» der TÄter'Wtirde gefttttdett ttlnd eine Reihe von Arabern zu mehrjährigem Kerker verurteilt. Der Unterschied tift ih die Augen «»ringend, aber er Wird verständliÖh, wenn Vir bedenken, daß es lieh damals um einen „echten" Engländer, diesmal „fl u r" n m e i n e n englischen J u dß Ü handelte Vor den Warschauer KulfatwAhlen. ■ -V-' Atts Wewehtttt wird uns berichtet: Nicht weniger als'15 Listen werden diesmal kam Kampf in die Wahlen zur Kuttuspemeinde antreten; Nach den zahlreichen, im Entstehen begriffenen Wahlkomitees dürfte die inzahl der Kandidatenlisten noch weiter steigen. Obwohl der letzte Termin für die Anmeldung der Kandidaturen der 27. April ist, sind die Listen, auch die der Z i o n i s t e n, noch nicht fertig. , ftingegen kam zwischen den drei Gruppen El Hamischmar, Et Liwnoth und Revisionisten eine Einigung dahin zustande, daß* der bisherige Vizepräsident def Warschauer Gemeinde, Mosche Feldstein, als Spitzenführer aufgestellt wird. In der A g u d a ist es bisher noch zu keiner Einigung gekommen. Der Kampf zwischen den einzelnen Kandidaten verschärft sich von Tag und Tag, wodurch die Stimmung in den Agudakreisen eine sehr gedrückte geworden ist Eine große Rolle bei den diesmaligen Gemeindewahlen schreibt man dem „Demokratischen W a h 1 k o m i t e e" zu, das, vom nichtzionistischen Mitglied der Jewish Agency, Dr. G o 1 d f 1 a m, ins Leben gerufen, bestrebt ist, alle unparteiischen nationalen Juden bei sich zu konzentrieren, die sich der reaktionären Aguda entgegenstellen wollen. Bedeutende Anstrengungen .. macht auch der „Misrachi", deren Listenführer der Präsident der Warschauer Gemeinde F a r b s t e i h ist. Die „Hitachdut" dürfte diesmal wieder; mit den Zipnisien zusammengehen. •!y Von den neuen Gruppen, die diesmal in den Wahlkaihpf gehen werden, fliegen bisher.keinerlei definitive Listen vor. f,,y....>-.• ... , - RESTÄUR^IittjStM KINDERHEIM-PARADIES VIUA »ÄRSCpHIO WD ■ ~SEEBAD GRÄDO Näcnst dem Strande, senö^e. ryhige Liaoe, rffodöVnef emgerichteti alier Komfort. 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Oberrabbiner Dr. S a* c e r d o t i führte beim Ministerpräsidenten Mussolini Beschwerde darüber, daß in den in den italienischen Volksschulen eingeführten Lesebüchern Stücke enthalten sind, die sich mit den Lehren der katholischen Kirche befassen, was dazu führe, daß den jüdischen Schulkindern katholische Gla'ibensvorstellungen einge* pflanzt werden. Ministerpräsident Mussolini versprach, daß für die jüdischen Schulkinder besondere Ausgaben der Lesebücher geschaffen werden sollten, um die Gefahr katholischer Beeinflussung von den Kindern abzuwenden. In dem Gespräch mit dem Ministerpräsidenten Mussolini, das etwa drei Viertelstunden währte, erörterte der Oberrabbiner auch die Frage der Kuppel der großen römisohen Synagoge, deren Abtragung die Stadtregulierungskommission beantragt hat. Der Ministerpräsident versprach dem Oberrabbiner, daß die Kuppel nicht abgetragen, sondern nur zum Zwecke einer Verschönerung der Sfadtsilhuette abgeändert werden würde. Bei der Abänderung werde darauf Rücksicht gc* nommen werden, daß hiedurch die religiösen Gefühle der jüdischen Bevölkerung nicht verletzt werden. Schon vor Jahren haben jüdische Vertreter darüber Klage; geführt, daß die jüdischen Kinder in den italieni* sehen .Schulen.' ,u,?i.t e r„. k a t-h o 1 i s c h * r,e Hgi ö s; e.n Einfluß g e b r a c h t werden. Die italienischen Schulen wurden im Jahre 1923 durch ein vom damaligen faschistischen Unterrichtsminister Professor Gentile erlas» senes Unterrichtsreformgesetz in katholische Institutionen umgewandelt. Artikel 3 dieses Gesetzes bestimmt,, daß die christliche Lehre in der Form der katholischen TradU tion die Grundlage und das Ziel des Elementarunterrichts darstellt. Die Befreiung der jüdischen Schüler vom Besuch der der religiösen Unterweisung im besonderen gewid» meten Schulstunden genügt nicht, um sie dem Bekehrungs* eihflüß zu entziehen, da der Unterricht in sämtlichen sein Sohn erschrocken innehieJt in der Anpreisung seiner Plänei , Da sprang der alte Herr auf, stellte sich vor seinen Sphn und rief ihm ins Gesicht: „Mendel, Mendel, auch du. bist also unter die Phantasten gegangen, auch du beginnet,den Golus ernst zu nehmen? Was du mir da von Duschnitz erzählst, kann mich nicht irre macheu. Nein und tausendanal uednl Mer-k's dir, wenn du es noch njicht wissen. solltest: Chuzloorez, außerhalb von Erez Jisroel soll sich ein Jude kein Haus erwerben! Kehren wir einmal in unser Land, dann erst werden wir Häuser bauen und kaufen, — im Crom« niemals 1," Mein1 Großvater erhob keinen Widerspruch. Er wußte nur zu gut, es wäre vergebens gewesen. Und so ging er traurig und enttäuscht nach Hause, wo meine Großinu/tter ihre liebe Müh' hatte, ihn zu trösten. Drei Monate später, im August 1849, wurden die Aufständischen mit Hilfe der russischen Truppen besiegt. Einige Tage später verloren diie Kossuth-Noten. jeglichen Wert, ja noch mehr: ihren Besitzern wurde die Todesstrafe angedroht. Und so saß mein Großvater auf den Trümmern seines Vermögens, das zunichte geworden war und tauschte seine zahlreichen schönen Noten hol einem unerschrockenen slowakischen Bauern' gegen — ein Zicklein ein . . . Num wer er wieder ganz arm und hätte von: neuem beginnen sollen. Er konnte es aber nicht Uber sieb bringen, im Städtchen zu bleiben, wo er schon zu den Wohlhabenden gezählt hatte. Ueberdies schien eich auch die Behörde für ihn, den Freund der Aufständischen, zu interessieren. Und so entschloß er sich kurzer-1 band mit Kind und Kegel auszuwandern. Damals begann die jüdisohe Auswanderung nach England und Amerika. England war in Ungarn die große Mode, es gel* als Hort der Freiheit, wohin auch die ungarischen AufständiÄchen flohen. Dies mag auch bei meinem Großvater be«rimmend gewesen sein und so kam er eine« schönen Tages in London an, wo er natürlich ins Judenviertel, i Whitechapel, Quartier nah». Nun verbrachten meine Großeltern zwölf Jahre in der englischen Metropole." Eis ging ihnen nicht schlecht, mein Großvater hatte immer und gut bezahlte Arbeit, die Kinder wuchsen heran, mein Vater kam zur Welt und es schien, daß sie ein glückliches Leben führten. Es schien aber nur, denn iii' Wirklichkeit war dem nicht so. Mein Großvater litt unendlich. Nicht da« verlorene Vermögen war daran schuld, er war eine viel zu wenig materiell veranlagte Natur, als daß er sich aus Geld etwas gemacht hatte. Nein: mein Großvater wurde gemütskrank, weil er das Leben in denl großen, traurigen Ghetto'mit seinen verrußten Ziuskaserncn und den monströsen Werkstätten und Fabriken nicht ertragen konnte. Er war an die freie Natur, au seine schönen Berge gewohnt, an die frische würzige Luft, die da vom Kriwan herunterwehte, an seine kleine Kehiila, in der er geboren und groß geworden. * Meine Großmutter erschrak, nahm ihn an der Hand und führte ihn zum Arzt, einem alten, mürrischen Doktor, der ihn genau untersuchte und nachher eingehend auefragte. Eine Weile sann er nach und stellte dann die Diagnose: Heimwehl Mein Großvater sah ihn an, die Augen leuchteten ihm auf. Meine tüchtige energische Großmutter löste den Haushalt auf, verkaufte alles — nur - eine große Wanduhr behielt sie, die ich noch in späteren Jahren bewundert habe ~r verließ mit Mann und Kindern die große- Stadt und schiffte sich in Southampton auf einem Hamburger Dampfer nach der Heimat ein. Kaum war mein.< Großvater an Bord, den er krank betreten hatte, da löste sich der Bann. Meine Großmu-tter konnte mit Träaien in den Augen feststellen, daß Mendel, ihr geliebter Mendel gesund war. Und daun ging es wieder in das Städtchen, wo sie noch zwei und vierzig jaluo glücklich miteinander gelebt hoben, — bis zum Tode meines Großvaters. Vier Jahre spüler folgte ihm die Großmutter in den Tod. Sie waren immer zufrieden-mit! Ihrem Auteil am Leben und sehnten sich niemals nach London zurück. Sie waren die letzten Vertreter des jildjsohen Städtchen«, mit ihrem Heimgang schließt auch seine Geschichte, Ein gepfeffertes Wunder« Von D. J. Silberbusch. » Aus der Feder D. J. SilberbuschV des in Wien lebeuden, bekannten, hebräischen und jiddischen Schriftstellers, ist soeben im Verlag Literaturfreunde, Wien, XX., Wallensteinstraße 25, ein Buch in jiddischer Sprache erschienen, das den Titel „Menschen und Geschehnis s e" fUhrt.: Das Buch enthält in seinen Hauptteilen autobiographisches Material, das der Autor zu interessanter epischer Schilderung, verarbeitet hat. Silberbusch, dar der ältesten Generation des. neuhebräischen Schrifttums — an der Schwelle zwischen Haskala und Renaissancebewegung angehört, läßt in seinem Buch eine Reihe von für jene Zeit charakteristischen Gestalten plastisch hervortreten, wodurch die Zeit seihst, in die er sich hineingestellt sah» retrospektiv vor unser Auge tritt Dies und die meisterhafte und eigenartige Diktion, seiner Schilderung, macht das Buch zu einem der lesenswertesten. Wir geben in deutscher Uebersetzung einen Abschnitt wieder, der durch kurze Teile anderer Abschnitte eingeleitet ist, damit für den Leser die Kontinuität der Erzählung dieses Abschnittes hergestellt sei. * Es ruft mich, mein Schwiegervater am selben Abend — Sabbatausgang nach Hawdala in ein anderes Zimmer hinein, und sagt mir, indem: er jedes Wort betont, solcherlei: „Mit Gottes. Hilfe, morgen nachmittag,, fahr' ich nach Czortkow hinein. In Czortkow wercl' ich übernachteu. Ich will abends beim Bebben sein ... Mit Gottes Hilfe Montag, früh fahr ich von dort nach Tamopol. Mein Wille ist, duß du mit mir fährst , .." So ist der ganze „Hof* voll der Fahrt des „Herrn" und des Schwiegersohns des „Herrn". Meine Ehegattin hält den Kopf hoch. Sie ist voller Stolz, daß von allen Söhnen und Eidamen der Vater ihren Mann erwählt hat