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Die neue Welt · 1931-04-24 · Heft 188 (24.4.1931) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 188 (24.4.1931)
Date
1931-04-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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N*. 188 fl^A^M AA^Adft^^^ ^fc^^^rfh DflB NEUE WELT 1: §i'r Herberl Samuel spricht« In der Vorwoche fand in London efa FestäfcWd zu Ehren des Führers der Liberalen David Lloyd George, unter dessen Ministerpräsidentschaft die Balfour*Deklaration erlassen wurde, statt. Die Gründung der landwirtschaftlichen Kolonie „Kfar David" in Palästina, die ihren Namen nach dem Gefeierten trägt, wurde proklamiert. Merkwürdige Reden wurden gehalten. Professor Weizmann sagte als Vorsitzender u. a.: „Im Verlauf der letzten zwei Jahre sind über Palästina und die zionistische Politik eine Reihe viel« farbiger Bücher herausgegeben worden. Wir wurden geprüft und analysiert, wie kaum jemals ein Volk geprüft und analysiert wurde. Ich komme soeben aus Palästina, wo ich mich davon überzeugen konnte, daß außerhalb des Landes die Probleme viel sctiwe* rer genommen werden ata in Palästina selb s t. Die nächste und wichtigste Aufgabe ist, die politischen Diskussionen auf ein geringeres Maß zu reduzieren und größeres Gewicht auf die praktische Arbeit zu legen." Es scheint, daß die fürchterlichen Schläge, welche der Zionismus in den letzten zwei Jahren erlitten hat, den Humor des Führers nicht beeinträchtigt haben. Shaw* Bericht, Simpson^Bericht, Weißbuch 1930, Dokumente, welche in der zionistischen und jüdischen Welt Entsetzen, ja Verzweiflung hervorgerufen haben, weil sie den Mord an Juden beschönigen, die Juden der Bedrückung und Ausbeutung der Araber beschuldigen und das jüdische Recht auf Palästina negieren, diese Schreckensdokumente nennt er „vielfarbige" Büchel. Witzbüchel vielleicht? Er spricht so, als ob diese Büchel längst im Papierkorb lägen. Tatsache ist, daß vorderhand diese „vielfarbigen" Büchel auf dem Tisch liegen und das jüdische Recht im Papier* korb. Auch was er vom „sorgenfreieren" Palästina sagt, klingt lustig. Eine merkwürdige Rede . . , * Dann sprach Sir Herbert Samuel, der erste Gouverneur Palästinas, unseligen Andenkens. Es ist nicht übertrieben, wenn man sagt, daß dieser Mann, dieser vielbejubelte „jüdische Fürst", die größten Verbrechen am Zionismus begangen hat. Er war es, der nach den Unruhen 1921 die Pogromhetzer und Mörder aus den Kerkern geholt und zu hohen Staats« beamten gemacht hat, so den Mufti und viele andere. Er war es, der eine antisemitische Verwaltung in Palästina installiert hat. Er ist der Verfasser des ersten der „viel* farbigen" Büchel, des Weißbuches 1922, das den ersten Riß im Vertrag mit dem jüdischen Volke darstellt. Held Samuel sagte: „Bei der Anwendung der vor nunmehr 13 Jahren von der Regierung unter Lloyd George erlassenen B a 1 f o ur D e k 1 a r a t i o n haben sich Schwierig« keiten ergeben. Man hat Sätze geprägt, wie:. „Das Land ohne Volk dem Volk ohne Land." Man e^v cQ'as Vasdurüüßl (kr MILLIONEN! war sich dessen nicht völlig bewußt, daß in Palästina bereits eine Bevölkerung von einer halben Millionen Menschen, Angehörigen einer stolzen und alten Rasse, lebte, deren Rechte in Uebereinstimmung mit dem Grundprinzip der britischen Verwaltung im Wortlaut der Balfour*Deklaration ebenso klar an* erkannt wurde wie das Recht der Juden auf Wiederherstellung ihres National* heims. Die auf meinen Rat im Jahre 1922 von der Regierung verlautbarte Erklärung über ihre Palästina* Politik wurde seither von jeder Regierung bekräftigt. Wenn die Juden in Wort und Tat den ara* bischen Standpunkt würdigen und respek* t i e r e n, werden auch die Araber mit der Zeit zu einer Würdigung und Respektierung des jüdischen Standpunktes gelangen." Sir Samuel fordert Respektierung des arabischen Standpunktes, der heute bedeutet: Die Juden haben in Palästina nichts zu suchen. Die Balfour*Deklaration be* deutet eben ein unter irrigen Voraussetzungen zustande gekommenes Schriftstück. Auf „sein" Weißbuch ist er stolz. Daß Sir Samuel so spricht, ist nicht merkwürdig. Merkwürdig ist nur, daß er solche Reden nicht auf arabi* sehen Festen hält, sondern auf zionistischen. Noch merk* würdiger, daß die anwesenden offiziellen Zionisten schweigen oder mit ihm'Trinksprüche tauschen. jyutf*' Die führende schwedische Weltmarke Nur diese Schwedenklinge macht Rasieren zum Vergnügen Der gefeierte Lloyd George sagte: „Oberste Pflicht einer Regierung ist es, Leben und Eigentum allerBürger ohne Unter« schied von Rasse oder Glauben zu schützen. Versagt sie in der Erfüllung dieser elementaren Pflicht, so hat sie nicht das Recht, den Platz einer Re* gierung einzunehmen. Der Jude in Tel*Awiw hat ebenso viel Anspruch auf Schutz wie der Moham* medaner in Cawnpore. Die Palästina «Regierung (Die von Sir Samuel geschaffene. Red.) hat sich anläßt lieh der letzten Unruhen damit entschuldigt, daß sie überrascht worden sei. Die größte Uebtu raschung ist wohl die, daß" eine solche Entschuldigung vorgebracht werden konnte. Das Ueberraschungsmoment darf nicht länger zur Entschuldigung für ein Versagen bei dieser pri* mären Aufgabe einer Regierung herangezogen werden. Niemals war die Rede von einer Ungerechtig* keit gegenüber Mohammedanern oder Christen. In Pa* lästina ist genügend Raum für ein jüdisches National* heim, ohne daß irgendeiner seiner jetzigen Bewohner oder dessen Kinder heimatlos gemacht werden müssen. Lange bevor die Wissenschaft die Möglichkeiten der Entwicklung unoe* grenzt vermehrt hatte, hat Palästina das Fünffache seiner jetzigen Bevölkerung ernährt. Die Juden haben zweifellos einen besonderen An* spruch auf Kanaan. Sie sind die einzigen, die in dem Lande während der letzten 3000 Jahre erfolgreich gearbeitet haben. Und sie haben als Volk nie eine andere Heimat gehabt. Die Menschen, die der Zionismus in Palästina sammelt, kommen aus allen Tei* len der Welt, sie kommen, bereichert durch die Be« Am Schwungrad der Zeil« Von Ludwig Bato. II. Meine Ekern wohnten schon lange nicht mehr im Städtchen, da kam doli einmal im Hochsommer als zwölfjähriger Junge in Begleitung meiner Mutter zu den Großeltern. Als ich am Sabbatvormittag mit dem Großvater gemächlich zur Schul* ging, winkte uns auf dier Straße aus der Ferne ein alter Herr, ein bekannter Rechtsanwalt. Und als er auf uns zukam, begrüßte er herzlichst meinen Großvater. „Good moroing, Sir! How do you do?" Und damit begann auch schon ein englisches Gespräch, das kein Ende nehmen wollte. Während aber der Anwalt oft um den entsprechenden Ausdruck rangen mußte, sprach mein Großvater ruhig und fließend. Ich war unerhört stolz auf ihn — von meinen Kameraden hatte niemand einen Großvater, der Englisch gekonnt hätte — und wie dann das Mussafgebet zu Ende war, drang ich so lange in ihn, bis er mir wieder einmal die merkwürdige Gesohichte von sedner Auswanderung nach England und seiner Rückkehr erzählte. Denn lange Jahre wohnten meine Großeltern in London und das kam so: Im Jahre 1848 erhob sich Ungarn gegen die Wiener Kamarilla. Wie alle Kriege, brachte auch die Revolution einen Auftrieb des Wirtschaftslebens, es kam Geld unter die Leute, wenn es auch nur Banknoten waren, die die Pester Regierung drucken ließ und die man nach dem Führer der Aufständischen „Kossuth-Noten" nannte. Mein Großvater, der das ehrsame Handwerk eines Kürschners und Kappenmachers betrieb, erhielt Aufträge von allen Seiten, arbeitete fleißig bis in die tiefe Nacht hinein, ließ trotz der großen Strapazen der Reise keinen Markt aus, hatte wohl auch Lieferungen für die Aufständischen und so war es nacht zu verwundern, wenn sich in seiner Schublade die neuen Noten immer mehr anhäufteu. Er war noch jung, eben hatte er das dreißigste Jahr vollendet, man sprach viel von Freiheit, die allen, auch den Juden, die Afflue en^pegenstreokte, und sein Herz Mag an der Sache. Sein Eifer und sein Glaube gingen so weit, daß er es ablehnte, von den Kunden an Zohlungssiatt kaiserliche Gelder anzunehmen. Für ihn gab es nur ein Zahlungsmittel: Kossuth-Noten. Ein Jahr ging um und mein Großvater konnte eitlen für das Städtchen und die damaligen Verhältnisse ansehnlichen Betrag sein eigen nennen. Die Schublade barg viele Tausende Gulden. Alber wie das im Leben schon ist: mit dem Geld rücken die Sorgen heran. Mein Großvater begann darüber nachzudenken, wie er sein Geld anlegen solle. Die Kossuth-Noten können doch nicht ewig in der Schublade bleiben und was tut man, wenn ein großer Brand durch die Straße fegt und alles in Asche aufgehen läßt? In seiner Nachbarschaft wohnte die reiche Familie Duschnitz, eine angesehene Sippschaft, die aus Amsterdam kam und mit dem hochgelehrten Rabbi Schelomo Duschnitz in Mikulasch verwandt war. Auch sie kam zu Geld und kaufte an der letzten Zeit ein Haus nach dem anderen. Wie wäre es, wenn er dasselbe täte? Der Erwerb von Haus und Hof war wohl den Juden von Gesetzes wegen verboten, aber in den stf rmischen Zeitläuften sah man durch die Finger und wenn man den Beamten etwas kräftiger die Hand drückte, so waren alle Verbote aufgehoben und vergessen. Es ist aber doch ein großer Entschluß, ein Haus oder gar ihrer zwei zu kaufen, da wird es wohl am besten eeon, sich mit dem Vater, Reb Jaakow, zu beraten. Das patriarchalische Verhältnis, das damals in den jüdischen Familien herrschte, ließ selbst einen dreißigjährigen Familienvater, wie es mein Großvater war, in wichtdigen Angelegenheiten nicht allein entscheiden. Da mußte man zunächst den Vater befragen und eo ging mein Großvater eines schönen Tages — es war im Frühjahr 1849 — zu Reb Jaakow. Mein Urgroßvater war eine prachtvolle Figur. Nach dem, was ich von ihm hörte, kam er mir in meiner jugendlichen Vorstellung wie ein jüdischer Kämpfer vor, der auf den Zinnen von Jerusalem oder einer anderen Festung des jüdischen Landes im Kampfe gegen die Römer heldenhaft standhielt und dann von den Siegern in die Gefangenschaft geführt wurde. Achtzehn Jahrhunderte der Verbannung konnten ihm nichts an-, haben, sie glitten an ihm ab, — seine jüdische Seele blieb unberührt. Seine Familie entstammte nicht dem mährischen Lande, er selbst kam aus der Kaschauer Gegend, aus Pecs-Neudorf, nach dem Städtchen. Aber all die Orte: Kubin und Neudorf, Wien und Pest, .all die Länder: Oesterreich und Ungarn, der Aufstand des Jahres 1848 und all die politischen Ereignisse und Umwälzungen, die er in seinem langen Leben gleichsam eis Zaungast mitauigeselien hatte, sie alle waren nur Fiktionen für ihn. Für Reb Jaakow gab es nur eine große, faßbare Realität: Erez Jisroel. Das war ein Land, das diesen Namen auch wirklich verdiente, und es gab nur eine Stadt: Jeruscholajim. Wenn er am Ausgang des Versöhnupgsfestes und an den Sederabenden ausrief: „Uebers Jahr in Jeruscholajim!", so war es nicht nur inbrünstig gesagt, es war ihm auch tiefernst um die Sache. Die Juden, die den Golus mit all dem, was drum und dran hing, ernst nahmen, waren für ihn komische, unernste Gestalien. Er selbst kam sich vor wie ein Mann, der mit realen Dingen rechnet, die anderen — es war ja zum Lachen — erschienen ihm als armselige Träumer, bedauernswerte Phantasten! Mein Großvater hat sich auf die Aussprache gut vorbereitet und legte in knappen, wohlüberiegtftn Worten seine Absicht dar. Er schilderte die großen Vorteile, die er als Familienvater und Handwerker daraus ziehen würde, wenn er ein Haus sein eigen nennen oder gar noch ein zweites erwerben kömnie. Und dann als Jude im eigenen Hause, was würde das an Ansehen und Geltung in der Gemeinde bedeuten! Dann sprach er noch von der Familie Duschnatz, die ja mit gutem Beispiel vorangehe. Reb Jaakow saß beim Eintritt seines Sohnes über ein Buch gebeugt und tat so, als ob er weiter lesen wollte. Je länger aber sein Sohn sprach, um so aufmerksamer wurde er. Endlich schloß er das Buch* erhob den Kopf und blickte durchdringend den Sohn an. Da sah mein Großvater, daß der Vater im Gesicht ganz rot wurde und daß ihm die Adern an der Schläfe anschwollen. Reb Jaakow schien so zornentbrannt, daß

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