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Die neue Welt · 1931-04-17 · Heft 187 (17.4.1931) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 187 (17.4.1931)
Date
1931-04-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seife 8 ort tfitii wät ISRAELITIN 30 Jährige geschiedene Frau 1.72 groß, mit lOjährieem, intelligentem Knaben, sucht zwecks baldiger Ehe Bekannschaft eines besseren Herrn gesetzten A'ters, selbständig oder gesicherte Stellung. Zeitgemäße Mitsift und Ausstatune, Zuschriften eroeten nur von so'chen, die Interesse für das Kind haben (Witwer mit Kind nicht ausgeschlossen i unter „Gegenseitige Achtung" an die Verwaltung des Blattes. hat das jüdische Volk wirklich wenig Gelegenheit zur politr.chen Schulung gehabt, so daß man immerhin eine Entschuldigung dafür haben mag, daß unsere Politik keineswegs gerade nach den Gesetzen höchster efficienc? geführt wird. Aber was immer man von den Juden sagen mag, Wirtschaft verstehen sie und wirt* schaftliche Fachleute haben sie geradezu im Ueberfluß. Daß die zionistische Wirtschaft in Palästina so m i ß r a t e n ist, dafür gibt es schlechterdings keine Entschuldigung, es sei denn die, daß sie von unsern „Realpolitikern" realisiert worden ist. Es war gar nichts anderes nötig, als dafür zu sorgen, daß unsere Juden ihre wirtschaftlichen Fähigkeiten und Er« fahrungen zum Ausdruck bringen konnten, daß wir ihnen die erste wirtschaftliche Hilfe leisteten, die in einem fremden Lande unentbehrlich ist. Damit wäre dem jüdi* sehen Kaufmann, dem jüdischen Unternehmer, dem Handwerker, und Fabrikanten die Möglichkeit eröffnet gewesen, seine Kräfte dem Aufbau von Erez Israel zu widmen und hier ein blühendes und wirt» schaftlich gesundes Gemeinwesen zu schaffen, das dann wirklich eine politische Realität allerersten Ranges dargestellt hätte. Aber was geschah? An Stelle der Wirklich» keit trat die Phantastik, an.Stelle der Erfah» rung das Experiment. Wir haben den tiefsten Respekt vor den Strömungen, die bei einem Neuaufbau von der Art des zionistischen in Palästina Experimente, wirtschaftliche, und soziale, verlangen. Sie sind antrei» bende und aufbauende Faktoren von, höchster Bedeutung. Aber deswegen darf doch nicht gleich all es zu einem einzigen Experiment werden, müssen sich die Reformversuche den allgemeinen Gesetzen der Aufgabe unterordnen. Wir möchten stark bezweifeln, daß unsere „Realpolitiker" wirklich so fest davon überzeugt sind, daß es unsere politische Aufgabe erleichtert hat, wenn wir unsere Wirtschaften und: Siedlungen ausgerechnet auf dem Boden utopistischer Ideen aufbauten. Vom Standpunkte realer Wirtschaft war es ein barer Unsinn. Wenn der Jude eine so starke wirtschaftliche Position in der Welt einnimmt, so vor allem wegen seines Dranges nach wirtschaftlicher Selbständigkeit, wegen seiner natürlichen positiven) Einstellung zUm Besitz. Diese Kraft dem Aufbau eines jüdischen Unternehmens prin» zipiell nicht nutzbar zu machen, beweist allerdings eine Einstellung zur Realpolitik, die man kaum noch für real halten sollte. Zu dem sozialen Experiment trat die wirt» schaftliche Romantik. Die „Rückkehr zur Scholle" in ihrer sentimentalsten, wirklichkeitsent» ferntesten Form wurde zum Schlagwort, das unsere Siedlungspolitik beherrschte Und uns eine so teure, un* produktive und politisch wirkungslose Siedlungsform auf» drängte, wie sie sich überhaupt nur denken läßt. Aber als die Verkehrtheit dieses Experimentes schon ganz klar er» sichtlich geworden war, als man sich genötigt sah, die Meinung von Dutzenden der besten und demgemäß teuersten Sachverständigen der Welt eirizuholen, die sich samt und sonders, samt und sonders gegen das Experi» ment aussprachen, da waren es gerade jene „Realpoli» tiker", deren Nüchternheit gar nicht weit genug gehen kann, sobald es sich um Politik und politische Leiden» schaft handelt, die sich für die unbedingte Fortsetzung dieses unmöglichen Experimentes einsetzten und heute ' noch einsetzen. Inzwischen ist die Entwicklung über jene real* politische Romantik hinweggeschritten. Die wirt» schaftliche Gegen war t und vor-allem die Zu» kunft der jüdischen Siedelung in Erez Israel beruht heute sozusagen fast ausschließlich' auf der Privat» Wirtschaft, die - trotz aller offiziellen zionistischen Vernachlässigung stark genug geworden ist, um auch über die kaum noch zu Verhüllende-Krise des zionistischen Wirtschafts» und < Siedelungsexperiments durchzuhalten. Aber natürlich leidet die Privatwirtschaft unter dieser Vernachlässigung, die manchmal offene Feindschaft wurde, hat sie ihre schweren Probleme, die in der ganzen Welt heute mehr als je als zum Auf» gabenkreis der Regierung und der öffentlichen Körper« schaften gehörig betrachtet werden/ Zinssenküng, Syste» matisierung der Kreditpolitik, Hebung der privaten Bau* tätigkeit durch Schaffung eines gesunden Hypotheken» marktes, Heranziehung des jüdischen: Privatkapitals und von jüdischen Prjvatkapitalisten von: außerhalb Palästina, Schaffun gnormaler Bezieh un gen «wischen Kapital und Arbeit, Förderung■ des Kleinsiede» lungswesens neben der Stadt und den Kolonien — wir könnten die Liste beliebig erweitern und immer noch neue Möglichkeiten finden, wo die Kräfte und die Mittel der Zionistischer^ Organisation eingesetzt werden müßten, um mit verhpltnjamMßjg verschwindendem Aufwand »ehi große SVirlertngen, d. h. aber Siedelung zu ersteh». AÄ das muß heute Not leiden, bleibt unberücksichtigt. Aber zur selben Zeit wird nach wie vor mit Nach» druck das uferlose Projekt der „An Siedlung der Tausend" betrieben, von dem ein Sachverständiger von dem Range eines Smiliansky erst neulich festgestellt hat, daß es sinnlos aufgebaut, verkehrt berech» net und zum Untergang verurteilt ist. Und wieder sehen wir die „Realpolitiker" hinter dieser neuen Phantastik, sie, die sich nicht genug brüsten können, daß die Gesetze der Physik und der Chemie ihr Handeln be* stimmen. So rundet sich das Bild: Sie kleben am Boden, wo politischer Weitblick gefordert wird, sie schweben im siebenten Himmel, wenn sie wirtschaften sollen. Und das alles zusammen nennt sich: Zionistische Realpolitik. Vit. w Von den „Gottlosen". Aus 'Modkau wird berichtet: Auf dem vom Apiko reim-Verbände (Verband der jüdischen „Gottlosen") einberufenen ersten antireligiösen jüdischen Kongreß wurde über die von den religiösen Juden zur Erhaltung des jüdischen Glaubens in Rußland ergriffenen Maßnahmen berichtet. Diese bestehen vor allem in einer weitgehenden religiösen Reform. In den Leningrad er Synagogen wurden g cjnis chte Chöre eingeführt und die bisherige gesonderte Sitzordnung für Frauen und Männer a u fg e h o 1) e n. Die Frauen erhielten aktives nnd p a ss i v e s Wahlrecht in die Synagogenvorstönde. Iii den Kleinstädten wurden allgemein und unentgeltlich zugängliche Chedarim (Volksschulen) eröffnet. Den jüdischen Kolonisten folgen wandernde Prediger, Schäohter und andere religiöse Funktionäre in ihre neuen Niederlassungen und richten transportable Synagogen ein. Alle Rabbiner der Sowjetunion sind bereit, im Interesse der Erhaltung der jüdischen Religion eine Reihe von Vorschriften und Riten zu opfern. ■' ■' Nach Annahme* einer Resolution, in der die Entschlossenheit zur Fortführung einer rastlosen Kampagne gegen die jüdischen Kleriker und alle jüdischen religiösen I n s t i t u t i o n e n zum -Ausdruck gebracht wird, wurde der erste1 antireligiöse jüdische, Kongreß geschlossen. Antisemitismus in Sowjetrußland. Moskau, 10. April. (J. T? A.) In der Pflugfabrik zu Ch e Ii ab.in s k haben, zwei erst jüngst in den Betrieb eingestellte Ar^eit^r,^d^.a Teilen des Landes auf Grund des Fünf jahresplanes in die Fabrik beordert worden Waren, einige ihrer jü d ischen Arbeitsgenossen tätlich' angegriffen. Auf Verlangen der gesamten Arbeiterschaft des Betriebes wurde ein gerichtliches Verfahren 'gegen' die antisemitischen EXzedenteu eingeleitet/Der eine wurde zu zwei Jahren, der andere zu eineinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Daß sich die antisemitische Stimmung-unter den russischen Arbeitern immer mehr ausbreitet, ist auch aus folgendem Vorfall zu ersehen, über den im Organ der jüdischen Hilfsgesellschaft Ozet, >,T r i b u n a", berichtet wird: Seit längerer Zeit hatte der Vertreter von Ozef, Wortmann, um die Erlaubnis angesucht, an die Arbeiter der Fabrik „Tregorka" in Moskau eine Ansprache über die Bestrebungen von Ozet zu halten und die Einstellung von Mitgliedern von Ozet in die Fabrik beantragt. Obwohl „Tregorka" ein Betrieb mit ausgesprochen revolutionärer Vergangenheit ist, wurde Wortmann lange Zeit hindurch die Erlaubnis zu einer Ansprache verweigert. Endlich kam die gewünschte Versammlung infolge behördlichen Drucks doch zustande. Sobald aber der Vorsitzende angekündigt hatte, daß der Genosse Wortmann beabsichtige, über die auf dem Lande arbeitenden Juden zu sprechen,, riefen zahlreiche Zuhörer: „Wir wollen von den .Zhides' n i c h t s w i s s e n, Sie haben nie gearbeitet und werden nie arbeiten." Unter den Teilnehmern an dieser, judenfeindlichen Kundgebung befanden sich auch organisierte. Kommunisten. Die Versammlung wurde gesprengt. Gegen die Schuldigen wurde bisher noch kein Verfahren eingeleitet. Nationalsozialisten und jüdisches Handwerk« Frankfurt a. M., 10. April. Vor einiger Zeit fand im Frankfurter Hand werk'er haus eine a n t ise mitisohe Hetzversammlung der Nationalsozialisten statt. Eine Anzahl' Frankfurter Handwerker wandte sich daraufhin an die Leitung des Handwerkerhauses mit dem Ersuchen, im Interesse des konfessionellen Friedens und mit RUcksi^hf darauf, daß auch die jüdischen Handwerker zum Bau des Hauses beigesteuert haben, den Saal künftig Nationalsozialisten nicht mehr zu überlassen. Da die Leitung diesed Ersuchen nicht entsprach, haben sich die Beschwerdeführer, die auf dem Standpunkt steheny daß im Handwerkerhaus konfessionelle Hetze nicht geduldet werden darf, an die Handwerkskammer in Wiesbaden gewandt. Fremdenfeindliche Kundgebungen in Kauada. Montreal, 10. April. In Montreal sind in der letzten Zeit fremden feindliche Kundgebungen an der Tagesordnung, Vor einigen Tagen zogen etwa 800. aiv beitsio.se Frauko-Kanadier vor das Gebäude , einer Montrealer Tabakfabriksgesellschaft und forderten die sofortige Entlassung aller ausländischen Arbeiter und die Einstellung von französischen Kanadiern an ihrer Stelle. Es wurden auch Versuche gemacht, die Anstellung von Ausländern in anderen Betrieben zu verhindern. Im Laufe einer dieser Demonstrationen wurde ein ausländischer Arbeiter so schwer verletzt, daß er ins Spital gebracht werden mußte. Unter den fremdenfeindlichen Kundgebungen haben natürlich auch die jüdischen Arbeiter und Angestellten stark zu leiden. Durch Verstärkung der Polizei-Patrouillen ist Vorsorge getroffen worden, damit eine Wiederholung der Ausschreitungen vermieden wird. Der rechtliche Status der jüdischen Schulen in der Türkei. Konstantinopel, 10. April Die Regierung hat im Zusammenhang mit dem jüngst erlassenen Gesetz, das türkischen Untertanen den Besuch ausländischer Schulen verbietet, eine Durchführungsverordnung veröffentlicht, derzufolge die Schulen der Minoritäten in der Türkei den türkischen Schulen gleichgestellt werden. Die Verordnung wird in jüdischen Kreisen mit großer Befriedigung begrüßt, da durch sie verhütet wird, daß jüdische Kinder die Missionsschulen besuchen. Sie werden nunmehr nur jüdische oder türkische Schulen besuchen können. Auszeichnung eines Wiener jüdischen Gelehrten. Bundespräsident Miklas hat dem Hof rat Professor Dr. Salomon Frankfurter in Anerkennung seiner Verdienste um das österreichische Bildungswesen das silberne Ehrenzeichen der österreichischen Republik verliehen. Hof rat Dr. Frankfurter war bis zu seiner Versetzung in den Ruhestand Direktor der Wiener Universitätsbibliothek. Er ist ein naher Verwandter des verstorbenen Oberrabbiners Dr. Cha jes und hat sich in den letzten Jahren auf den Gebieten des jüdisch-politischen Lebens und des jüdischen Erziehungswesens in hervorragender Weise betätigt. Hofrat Frankfurter erfreut sich infolge seines lauteren Charakters, seines umfangreichen humanistischen Wissens und der. offenen Betätigung seiner jüdischen Gesinnung höchster Wertschätzung seitens der jüdischen und nichtjüdischen wissenschaftlichen Kreise. Die jüdische Wirtschäftsnot in Deutschland fordert drei Opfer. Berlin, 10. April. Die 75jährige Anna Goldschmidt hat gemeinsam mit ihren beiden Töchtern, der 55jährigen Martha Valentin und der.52jähr^en.Ton|^eiffanann, aus Furcht vor wirtschaftlichem Ruin Selbstmord durch Einatmen von Leuchtgas verübt. Die drei Lebensmüden waren Witwen, angesehener jüdischer Kaufleute Berlins. Der dreifache Selbstmord wird allgemein als ein Zeichen der wachsenden jüdischen Wirtschaftsnot in Deutschland angesehen. Von den Juden in Tripolis. Tripolis, 8. April. Der Turiner Rabbiner Dr. Dario Disegni, der von der italienischen Regierung zum Regierungskommissär für die jüdischen Gemeinden in Tripolis ernannt wurde, hat nach mehrmonatigem Aufenthalt in Tripolitanien dem Gouverneur General Badoglio eine ausführliche Denkschrift über die Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung in Tripolis, über die Organisation des dortigen jüdischen Schulwesens und der jüdischen Gemeinden überreicht. General Badoglio hat Dr. Disegni in einem Schreiben den Dank der tripolitanischen Verwaltung für die von ihm durchgeführte Mission ausgesprochen und versichert, daß die Regierung die in der Denkschrift enthaltenen Vorschläge einer wohlwollenden Prüfungt .unterziehen werde. Auf seiner Rückreise aus Tripolis hat Rabbiner Dr. Disegni dem JTA.-Vertreter in Rom folgende Mitteilungen über seine Arbeit in Tripolis und die Lage der dortigen jüdischen Bevölkerung gemacht: , '] Die materielle Lage der jüdischen Bevölkerung?in Tripolis, erklärte Dr. Disegni, ist .sehr un- 1 günstig. Daher leben die dortigen Juden auch unter äußerst schlechten sanitären Verhältnissen. Iii, den ^Trachom-Ambulatorien der Regierung stellen | die Juden den größten Teil der Erkrankten, Annähernd |9ö Prozent aller jüdischen Kinder in der jf italienischen Kolonie in Tripolitanien leiden an dieser fürchterlichen Augenkrankheit. Während meines Aufenthalts in Tripolis habe ich die Gründling eines 1 eigenen jüdischen Spitals und die Errichtung einer f Trachom-Klinik für jüdische Kranke auf Kosten der Stadtverwaltung angeregt. Seitens der. Regierung habe ich die Zusicherung erhalten, daß in dem neuen großen Spital, das gegenwärtig in Tripolis .er- , richtet wird und den. Namen des Königs Viktor Emanuel III. tragen soll, eine jüdische Abteilung errichtet werden wird, an der die Kranken rituelle Kost erhalten und von jüdischen Aerzten behandelt werden sollen. In meinem, dem General Badoglio vorgelegten Memorandum habe ich auf die Notwendigkeit der Errichtung eines großen jüdischen Elementarschulgebäudes in Tripolis das für 1000 Schüler berechnet werden soll, hingewiesen. Drei junge Tripdlitaner Juden sind mit mir mitgekommen und sollen am Florentiner Rabbjnerserainar zu Lehrern

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