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Die neue Welt · 1931-04-17 · Heft 187 (17.4.1931) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 187 (17.4.1931)
Date
1931-04-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 187 DIE NEUE WELT Seite I it Unten dar Zionisten-Revisionlsten Oetterreiohs 1 s H, Obere DonauttraBe 101/103 1 Montag, cum 30. April 1931, _ I Vo9 Uhr abends, Caf6 „Produkten* I | börso", II., Taborstraße 10 (Versammlung 1 GEGENSTAND: | „Bericht Uber die Weltkonfarwiz | 1 des Brlth Trumpeldor in Danzig" | | REFERENT: | Dr. Leo Koeppel I Allgemein zugänglich 1 Freie Diskussion! I I Pünktlich«!» Boginn! zähem, unermüdlichem Ringen Zionisten in stattlicher Zahl ein. Das Ziel, die Umwandlung der seelenlosen Verwaltungsmaschine in ein lebendiges Zentrum, schien fast erreicht. Da erfolgte der Rückschlag. Der seelische und geistige Niedergang im allgemeinen Zionismus fand seinen Niederschlag im Vorstände. Die zionistischen Vertreter stellten den Kampf ein. Die Parole: „Friedliche Zusammenarbeit zum Zwecke der Erhaltung der ehrwürdigen Gemeinde!" wurde die herrschende und alles blieb beim Alten. Kein allgemeines Wahlrecht, keine Reform der jüdischen Jugenderziehung, keine großzügige soziale Tätigkeit, kein belebender Kontakt mit der jüdischen Bevölkerung. Die alte, flache Selbstzufriedenheit, wortreiche Genügsamkeit, angesichts garnz, ganz kleiner oharitativer Aktionen. Nichts Neues geschaffen, das Alte kaum erhalten. Ein Vergelich: Wien zählt 210.000 Juden, Berlin 175.000. In Wien 45.000 Wahlberechtigte, ' in Berlin 110.000. Wien gibt für seine einzige jüdische Mittelschule unter Stöhnen und ständigem Widerstande 36.000 Schilling aus, Berlin für seine Knaben- und seine Mädchenmirtelsohule 407.000 Mark, also das Zwanzigfache. In Berlin gelben viermal soviel Wähler zur Wahl als in Wien. * Die im Verlauf der letzten Woche abgehaltenen Kultursratssitzungen beschäftigten sich zunächst mit den Fragen des Budgets. Der Finanzreferent Dr. H. O p p e n h e i m. wies in seinem Referat auf die Verschlechterung der finanziellen Lage der Kultusgemeinde hin, die darin zum Ausdruck kommt, daß sich zu Ende des Jahres 1931 ein Defizit von rund S 750.000 ergeben dürfte. Für das laufende Jahr werden Einnahmen von S 5,905.000 und Ausgaben von S 6,435.000 erwartet. Die bisherigen Versuche, die Einnahmen durch Erhöhung der Gebühren, Taxen und Gebeteitzpreise zu vergrößern, haben mit einem Mißerfolg geendet, daher können nur Ersparungsmaßnahmen die GemeindewSrtschaft retten. Amtsdirektor Reg.-Rayt Fuchs gelb hält eine Ersparnis von S 400.000 für möglich und schlägt ein dreigliedriges Ersparungskomitee mit weitgehendsten Vollmachten vor. In der Budgetdebatte ergriff als erster Redner Dr. - Desider Fried mann (Zionist) das Wort. . Er tritt für die Steuererhebungin den höheren und höchsten Stufen ein, plädiert für die Meldepflicht, die von der Bundesregierung. im Wege einer Verordnung! zu verlangen ist,; damit man durch Anlegung eines Katasters alle Steuerpflichtigen erfassen könne. Der Redner verlangt weiters das energische Betreiben einer Beitragsledstüng durch den Bund, der seit vielen Jahren seinen Verpflichtungen gegenüber der Kultusgemeinde nicht nachkommt. Er wendet eich gegen Abstriche auf dem Gebiete der' Fürsorge, des Kultur- und des Unterriehtswesene und fordert weiters die Einführung des" allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts, deren' Verschiebung zum großen Teil an dem aufscheinenden Defizit Schuld trage. Nach Wolf Pappenheim, der für die Schiffschul-Orthodoxie sprach, erhob Mendel Singer (Poale Zion) eine Reihe von Forderungen, die sich in wesentlichen mit denen der Zionisten decken und bezeichnet die vorgeschlagene Ersparungskommission als die Absicht, das Plenum auszuschalten. Für die nichtzionistischen Sozialdemokraten sprach Gustav MoritZj der sonderbarerweise ein national-* jüdisches Bekenntnis ablegte. Im Schlußwort lehnte Dr. H. Op p e n h ei m die Forderung nach einem demokratischen Wahlrecht und nach der Erhöhung der Einnahmen ab und beschäftigte sich mit der Frage des Bundeszuschusses, über den die Kultusgemeinde bei der kompetenten Stelle vorgesprochen habe. Nach dem Referate über das Unterrichtswesen der Kultusgemeinde durch Dr. Josef Ticho und d«sn Kultus durch Viktor Bauminger entwickelte sich eine leibhafte Debatte über die Methoden des jüdischen Unterrichts durch die Kultusgemeinde. Scharfe Kritik übt Prof. Moses Rath, indem er die Schulpolitik der Gemeinde als unzulänglich bezeichnet und ihr die Lehrerfolge an den vom zionistischen Geist erfüllten Anstalten entgegenhält. Nach Mendel Singer, Gustav Moritz un4 Dr. Glantz hielt das Schlußwort Dr. Ticho, der sich geigen das Eindringen des ajationaljüdiechen, Geistes in die Schule wendete. * Das Budgetprovißorium wurde bis Ende April verlängert. Die Debatte über Spezialfragen fand Dienstag,' den 14. April, ihre Fortsetzung. Vom jüdi§dien Nationalfonds« Chnjes-Wald. für den Chajes-Wald sind bisher 6900 Bäume gestiftet worden. Zur Komplettierung fehlen somit noch 3100 Bäume. Leerung an Sabbaten und jüdischen Feiertagen. Die K. K. L.-Mitarbeiter werden daran neuerlich erinnert, daß die Leerung an Sabbaten und jüdischen Feiertagen sovMe an den späten Nachmittagen der Vortage von Sabbaten und Feiertagen absolut unzulässig ist. Auf den Leerungsbogen haben wir speziell eine Anmerkung, die dieses Verbot enthält, angebracht. Die Mitarbeiter werden daher im Interesse des Keren Kajemeth nochmals ersucht, sich strenge an dieses Verbot zu halten. Bei Gallen« und Leberleiden, Gallensteinen und Gelbsucht regelt das natürliche „Franz-Josef"«Bitter* wasser die Verdauung in geradezu vollkommener Weise. Keren-Kajemeth-Sammlungen bei Familienfeierlichkeiten (Hochzeiten, Brith Miloth, Bar Mizwah u. dgl.). Diese Familienfeierlichkeiten bieten beste Gelegenheit, um Sammlungen für den Keren Kajemeth zu veranstalten. Eine Reihe von Gg. hat sich freiwillig in den Dienst dieser Tätigkeit gestellt. Damit diese Gelegenheiten gehörig ausgenützt werden können, werden alle Gg. und Freunde des Keren Kajemeth gebeten, dem Keren-Kajemeth-Büro alle diese Gelegenheiten mit genauer Angabe der Adresse der Veranstalter bekanntzugeben. Realpolitik und Wirtfdiaftsphantastik Von Julius Ber Eine besondere Rolle in dem Sprachschatz der 1 zionistischen Verzichtpolitiker spielt der Begriff der „Realpolitik". In Deutschland hat sich sogar ein J besonderer Bund für zionistische Realpolitik gebildet. Realpolitik nieint nach der Auffassung dieser — soll man sagen? — Schule eine Politik, die ganz oder hauptsächlich auf reale, greifbare Machtfaktoren auf* gebaut ist. Sie hält wenig oder gar nichts von dem, was nach Idee und Bewegung schmeckt, um so mehr aber von materiellen Interessen, handgreiflichen Unter* lagen: Petroleum, Rüstungsindustrie, Landweg nach Indien usw. Alle diese Interessen sind, so wird behauptet, gegen den Zionismus und ein jüdisches Palästina. Insoweit man überhaupt geneigt ist, ideelle Momente in Betracht zu ziehen, legt man ihnen einen aktiven Wert nur bei, wenn sie sich auf der anderen Seite finden: die arabische Nationalbewegung und der Panislamismus z. B. Das sind Kräfte von Belang, mit ihnen muß man rechnen. pMMMUiUM^ WIENER KINDERHEIM GR ADO (VILLA SEZESS ON) direkt am Strande, im eigenen Haus, ärztliche Leitung, geschultes Personal. Saisonbeginn 1. Juni 1931. Auskünfte und Prospekte;, , Dr. Erna Spitzer, VI, Webgasse 25. Tel. B-2Ö-705 (3 bis 5 Uhr;; Frau Prof. Templer, IX, Mariannengasse 23, Tel. B-43-8-98 m i s ffijiimiiMi^^ < Die jüdische N a t i o nal b e weg u n g, der Zionismus — Gott, ja, man will ihren politischen Wert nicht ganz bestreiten, aber wir — unter uns — wir wissen doch, was ernsthaft davon zu halten ist. Zwar gibt es Sachverständige von anerkanntem Weltruf, wie z. B. den Orientalisten und ehemaligen preußischen •Unteifrichtsministcr Prof. Becker, der, gestützt auf seine profunde Quellen» und Sprachenkenntnis, die arabische Be* wegung als nicht vorhanden bezeichnet, j offenbar allerdings das bekannte Werk des Journalisten Hans Kohn nicht gelesen hat und sich darum rnjit Recht den Tadel der „Jüdischen Rundschau" zuzieht. ■i ■ Andererseits hat man zwar in der Geld auf« bringungs*Propaganda immer gerne die Aus* «»PRifphe aller möglichen internationalen Staatsmänner, Gelehrten und Politiker angeführt, die gerade in dem % i vÄx eitsdrange des jüdischen Volkes, seinem ur* alten und umwandelbaren messianischen Verlangen, Ex« porien'ten von höchster politischer Bedeutung und in seiner unzerstörbaren Forderung nach Gerechtig* a PENSION WEISS UBAmii Streng orthodox! Neueröffnet! Vornehmes Haus, am Südstrand gelegen. Nahe dem Hafen und Seebade. Zimmer mit Balkon und Meeresäussicht. Schöner Speisesaal mit Terrasse. Schattiger Garten. 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Man gibt zu, daß „Nation" eine Willens* gemeinsebaft darstellt, aber eben darum hat man wenig Zutrauen zur jüdischen Nation. Haben wir ( ger (Tel'Awiw)« I nicht ununterbrochen das jüdische Volk zu einer Willens« kundgebung aufgerufen? Haben wir nicht, um ihm die Antwort ja recht leicht zu machen, die Aufgabe immer kleiner und kleiner gestellt, immer mehr auf das Glän* zende, Utopische, auf alles, was an Herz und Seele rührt, verzichtet und uns auf ganz nüchterne und darum leicht erreichbare Ziele beschränkt, wie sie dem nüchternen Verstand der Juden liegen? Und war trotz alledem nicht die Antwort klein und nüchtern? Wir behaupten, daß eben dieses der grundlegende Fehler gewesen ist. Daß jede Politik, gewiß aber jede Realpolitik, vor allem mit dem Irrealen zu rechnen hat, das hinter jeder Masse stehen muß, um sie in Bewegung zu setzen. Wir sagen, daß z. B. Bismarck, der ja wohl der Erfinder des Begriffs Realpolitik ist, sich niemals nur auf „Blut und Eisen" verlassen hat, wie ihm von seinen Epigonen nachgesagt wird, sondern gerade im Gegenteil die Imponderabilien, die trieb* haften Momente, vor allen anderen in Rechnung gestellt hat. Weil er an das Einh ei tsverlangen der Deutschen glaubte, vermochte er aus dem amorphen Gebilde des deutschen Volkes, das zu seinen Zeiten noch in über 50 Dynastien, Stämme und Inter* essengebiete geschieden war, das Deutsche Reich zu schmieden. Trotz aller „realen" Widerstände, die gerade die allerstärksten Mächte seiner Zeit dieser Idee entgegensetzten.; . > . Weil unsere politische Leitung zugegebenermaßen den Glauben an das jüdische Volk ver* loren hat, wagt sie es nicht, es als Faktor in ihr poli* tisches Kalkül einzusetzen. Weil dem Volke kein großes Ziel gesetzt wird, vermag es nicht, sich zu b e* geistern. Abgesehen davon, daß die Existenz als nationale.Minorität in einem großa-rabischen Reiche gerade dem nüchtern denkenden Juden alles andere als eine zu erstrebende politische Realität darstellt. Realpolitik, das würde im Falle der jüdischen Politik bedeuten, den immanenten, nationalen Potenzen des jüdischen Volkes da? Ziel zu setzen, das groß und erhaben genug wäre, sie zu einer politischen Macht zu* sammenzuschließen, und real genug, ihren politischen Be* dürfnissen zu entsprechen. (Herzl verstand das und ver* langte den Judenstaat.) Es bedeutet alles andere als Realpolitik, wenn man unter bewußtem Verzicht auf diese „realen Irrealitäten" sich politisch ausschließlich auf den Status quo stützt, besonders wenn man ihn zu* dem noch falsch einschätzt. * Ein Gebiet gibt es allerdings, auf dem die greif* baren Faktoren, die sichtbaren Machtverhältnisse, die „facts and figures" gar nicht scharf genug einkalkuliert werden können. Das ist das Gebiet der Wirt* schaft. Auch Wirtschaft bedarf natürlich zu ihrer Fruchtbarmachung der Phantasie, und was wir unseren Wirtschaftsleitern in Palästina vorwerfen, ist nicht zum wenigsten ihr Mangel an schöpferischer Vor* aussieht. Aber wirtschaftliche Phantasie muß sich im Rahmen der Gesetze entfalten, die für die Wirtschaft gelten und gerade den Juden wohl vertraut sind. Der Politiker darf, nein muß, versuchen, die Gesetze der Entwicklung in andere Richtung zu zwingen. Der Wirtschaftler muß sich von ihnen tragen lassen. Nichts wäre also natürlicher, als daß unsere „Realpolitiker", die nicht genug von den Realitäten als den Grundlagen unserer Politik sprechen können, diese Realitäten zunächst einmall bei dem Aufbau unserer Wirtschaft anwendeten. Hier könnte sich ihr realer Sinn austoben, hier könnte ihre nüchterne Sachlichkeit Triumphe feiern. Weit gefehlt. Gerade da, wo nun wirklich berechenbare Mo* mente in allererster Linie in Betracht gezogen werden müssen, erleben wir eine wilde Phantastik, verübt ausgerechnet von den Verfechtern der sogenann* ten Realpolitik. Alle die Phantasie und Romantik, die ihnen bei der politischen Konzeption mangelt, schütten sie restlos auf uns aus auf dem Gebiete der Wirtschaft, das heißt, gerade da, wo nun wirklich die „Gesetze der Physik und Chemie" herrschen, die uns Pro* fessor Weizmann so beredt in Nahalal erläutert hat. Nun

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