Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 187 (17.4.1931)
- Date
- 1931-04-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 1 DH? NEUE WELT Nr. m 'nntinnimmn rmtmtmrmni SIEGM. KORNMEHL II GROSSFLEISCHHAUEßEl |f Zentrale IX.. Bergga«se 19, Telephon 17-3-9V u. 16-9-34 j| Lieferanür Heilanstalten i| Abteilungen für ■vuv?»Fie3sch j| unter Aufsteht des Ehrwürdigen Rabbmat* der Isr. Kol* jj tusgemeind« Wien Autotu«t«lluna ko«t«nlo* IX. Berggasse IS / XVIII., Witirlitgeritr. %1 « wtwiiwwmiitiiimimwwm: Orthodoxie ist blind mit der Regierung gegangen. Sie hat auf diese Weise die Stoßkraft der jüdischen Opposition stark herabgemindert. Die Regierung hat in der Agudah ein treffliches Instrument für ihre Zwecke erkannt Um die Agudah. zu stärken- und. zu belohnen, sollen ilir die Judengcmeinden ausgeliefert und solcherart zu politischen Stützpunkten der Regierung ausgestaltet werden. Das Gesetz, welches die Ausstoßung von jüdischen „Ketzern" ermöglicht, schien das beste Mittel Iriefür. Die Regierung hat auch dafür gesorgt, daß in den meisten Städten agüdistische Wahlk'ommissionen eingesetzt wurden, denen das Recht der Erstellung der Wälilerlisten und Ausschaltung der „Ungläubigen" zusteht. Wie diese jüdischen Inquisitionsgerichte arbeiten, geht aus den folgenden Meldungen hervor. Aus Lodz wird berichtet: Die Wahlkommission der jüdischen Gemeinde, in welchen die Agudisten die Mehrheit haben, hat, gestützt auf § 20 der neuen Wahlordnung, s ü m 11 i c -h e n b u n d i s t i s c h e n u n d p o a 1 e z i o n i s i i s c h e n Mitgliedern der j ü d ischen G e m ei nd e r e p r äs e n ta n z und des Stad t rät eis das Wahl r e'ch t e rt tz o g-e n mit dem Hinweis darauf, daß sie bei verschiedenen Gelegenbeiten gegen die Religion aufgetreten waren. Aus Warschau wird gemeldet: Die Warschauer Agudah-Organisation wandte sich an die Gemeindewahlkommission mit dem schriftlichen Ersuchen, auf Grund des neuen Gemeindegesetzes, wonach Personen, die öffentlich gegen die Religion auftreten, des Wählrechtes verlustig gehen können, vier Mitgliedern der jetzigen Ge m ei hd e r e p r äs e n ta ri z, und zwar dem Führer des „Bund", Stadtrat Ehrlich und den Führern der Poale Zion in Polen Jacob Witkin, Zerubowel und Stadtrat Jizchak Lew, das aktive und passive Wahlrecht abzusprechen.' Der Brief war von den Agudah-Führern I. M. Lewin, S. Friedmann und E. B. Eckermann unterschrieben; Nach mehrstündiger Beratung lehnte die Wahlkommission diese Forderung der Agudah mit v i e r gegen dr e i Stimmen ab. Die Agudah hat gegen diesen Beschluß Revision beim ' Regierltngskemmissär erhoben und dürfte natürlich recht, behalten. Beim jüdischen Nationalrat in Warschau sind jetzt schon Tausende von Beschwerden gestrichener jüdischer Wähler .eingelaufen: In den kleinen' Städtchen arbeitet man natürlich freier, ohne Berufung auf „Programm" und „Weltanschauungen". Da werden Wähler gestrichen, weil sie einer Fraudie H'and gereicht, weil sie eich über den Rabbiner abfällig geäußert, weil sie ohne Kopfbedeckung eine jüdische oder hebräische Zeitung gelesen haben etc. Kurz, es ist ein Skandal. Wenn die Regierung dieses Treiben weiter duldet und fördert, wird das, die Zertrümmerung der Judengemeinden zur Folge haben. Die Judenischaft wird sich, erbittert und angeekelt, von diesen Gemeinden abwenden und sie werden zu völliger Bedeutungslosigkeit herabsinken. Der Kamp! gegen die Wahlordnimg für die jüdischen Gemeinden in Polen. Warschan, 12. April. Der Kampf gegen die neue Wahlordnung für die jüdischen Gemeinden, insbesondere gegen den § 20, der die Möglichkeit vorsieht, a religiöse Gemeindemitglieder ihres Wahlrechtes zu berauben, wird dauernd verschärft. Je näher die Wahlzeit, die für Ende Mai festgesetzt ist, heranrückt, um so mehr zeigt es sich, daß der § 20 tatsächlich die Möglichkeit zu parteiischer Handhabung bietet. So hat in Czenstochow der Bezitksvorsteher völlig unmotiviert den bisherigen Vorsteher der Jüdischen Gemeinde, den Misrachisten Samuel. G o 1 d s t e i n, der auch Mitglied des Stadtrats und 'Präsident vieler philanthropischer Institutionen ist. aus der Liste der Mitglieder der Wahlkommission, die die Wählerlisten für die jüdische Gemeindewahl vorzubereiten hat, gestrichen. Es wird vermutet, daß die Streichung erfolgte, weil Goldstein ein Gegner der Agudah ist. Fortschrittliche Elemente haben unter dem Namen „Vereinigter Block unparteiischer p o 1 n i; scher j u d e n" eine neue Organisation geschaffen. Das Programm der neuen Partei, die extrem p61h ischpatriotisch und p i 1 s u d s k y f r e u n d 1 i c h orientiert ist, umfaßt alle jüdischen Probleme, wie Kampf um das Recht der Juden auf Arbeit, Bekämpfung der Zwangssonntagsruhe, der Unbersteuerung, Kampf um den Ausbau des 'jüdischen Schulwesens, Förderung des Palästina-Werkes usw. Die Partei wird sich bestreben, die fortschrittlichen'Elemente im Judentum, die der orthodoxen Agudah nicht Gefolgschaft leisten wollen, für eine regierungsfreundliche Politik zxi gewinnen und. durch diese Bestrebungen sich die Förderung der Regierung zu sichern. Die. Warschauer Agudah- Organisation hat beim Vorstand der Jüdischen Gemeinde gegen den Ber, Schluß der Wahlkommission, den Führer des „Bund", Henrik Ehrlich, sowie die pöale-zionistischen Führer Zerubawel und Low nicht aus der Wählerliste zu i streichen, P r öt es t,- erhöben; In dem Protest; weist die « Agudah darauf hin. .daß diese, jüdischen Arbeiterführer sich öffentlich als könfessipn|'lbs bekannt.hätten.^ Pogrom-Agitation''' iii den .ehemalsdeutschen <|ebieteh Polens. 1 Warschau;-; 10; Aprils (J; vT^.'.A.) Die ehemals, ldeutschen Gebiete? ^olens'^erden gegenwärtig/voneiner ) heftigen Welle a itt i s eda i Mvs'/c h e r Propaganda über, fülltet. In den Stallten der ehemaligen Provinz Posen : und' der vöri '"Deutsehl^ \on Pommern werden Flugschriften .verteilt, in denen offen zu Judenpogromen aufgefordert wird, Besonders heftig ist die Boykottbewegting g.egen Juden aus- Kongreßpolen. Der Z e ntralver b an d christlicher Kauf leu te in Pommern und Posen. hat sich an die Zentralbehörden in Warschau mit dem Ersuchen gewandt, den Handel der aus> Kongreßpolen kommenden Hausierer (die zum überwiegenden Teile Juden sind) zu IfleeBMBlBOBDIBMBnMKSBBniBHRMU Pension .Austria* Kinderheim Vöslau OLGA KADIfiCH) ISgerm»v«rMraB« 1$ - Telephon Hr. 141 Für Dauef and Erholungsaufenthalt Jcdei Unterricht!m Hause, auch Nachhilfe für öffentliche Schulen besuchende Kinder. - Pädagogisch einwandfreie Leitung durch staatlich geprüfte Lehrerin Erstklassige Vefköstlgüng. - Mütterliche Pflege. - MMBIge Preise verbieten. Sollte die Regierung diesem Ansuchen entsprechen, so würde' das den wirtschaftlichen Ruin weiterer lausender jüdischer Familien zur Folge haben. Indessen ist, wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, nicht damit zu rechnen, daß die Regierung eine den Wünschen des Zentralverbandes entsprechende Verordnung. erlassen wird, da dies zu der verfassungsgemäß gewährleisteten Freizügigkeit aller Bürger im Gesamtgebiete der Republik in Widerspruch stünde. In allen Teilen von Posen und Polnisch-Pommern finden Massenversammlungen statt, in denen die Bevölkerung aufgefordert wird, jüdische Handwerker, Kaufleute,. Hausierer, Aerzte. Rechtsanwälte usw. zu boykottieren. In großen Mengen gelangen Exemplare der berüchtigten Hetzschrift „Die Protokolle der Weisen von Zion" sowie Broschüren unter dem Titel „Die Juden — die Feinde Polens", „Der Kampf gegen die Schechita" u. ö. zur Verteilung. Verband demokratischer Zwirnten Oesterreichs* Anschluß an die Weltunion der Zionisten-Revisionisten. Die am 15. April 1931 abgehaltene Plenarversammlung des Verbandes demokratischer Zionisten Oesterreichs hat den Autrag auf Anschluß des Verbandes an die Weltuuion der Zionisten-Revisionisten angenommen. Mderagoiaaeaffsde* Budgetdebatte. — Es bleibt alles beim Alten und Schlechten. Unter größter' 'Teilnahmslosigkeit der jüdischen Bevölkerung Wiens wickelt sich im Gemeinde vorstände die Budgedebatt^ - 'dift Aussprache Mi ü ber den; Arbeitsurtd 'Finan'zpiaii der1 Gemeinde; der1 Repräsentanz :vb'u mehr als 200.000 'Juden, ab. Jahrzehnte Hindurch war die Judengemeinde eine von einem engen Kreise geleitete Gesellschaft für Besteuerung, Veranstaltung von Begräbnissen, Hochzeiten und sonstigen ' Festivitäten, welche Taxen''abwerfen. Nebenher eine ebenso wichtig tuende als unbedeutende „charitalive" Tätigkeit. Dann kam der Weckruf Theodor Herzls an die national fühlende Judenschaft: „Erobert die Judengeineinden!" Der zionistische Kampf setzte ein, mit dem Ziele, aus der Kultusgemeinde die Volks gemeinde zu machen. In den Wüener Gemeindevorstand zogen nach Erzählte man mir etwas aus der früheren Zeit der Gemeinde, so konnte idh davon nicht genug bekommen. Immer wieder wollte ich Neues hören. Besonders ergriff mich die Geschichte von der Tarnte der kleinen Rabbinerstoesbter. Es warzur Zeit als Kaiser Josef das Szepter das Reiches führte. Da wurde die Gemeinde Kuibin und darüber hinaus alle Juden der Umgebung durch die Nachricht erschreckt, die Tochter ihres gelehrten und frommen Rabbi Epliraim. Kubinsky, ein vierjähriges zartes Mädchen, sei getauft worden. Sie war ihm arm so mehr ans Hera gewaclisen, als ein Kind nach dem anderen, die seiner Ehe entsprossen, im frühen Alter verstorben, endlich kam die kleine Dusohena zur Walt und sie blieb a.m Leiben. Als sie nniin vier Jahre alt geworden war, erhob - die katholische Kirche Anspruch auf sie. Rabbi Ephraim erbitterte vor Schreck: Wieso, es ist doch mein Kind! Da gab die christliche Hebamme, die bei der Geburt in Abwesenheit der jüdischen herangezogen, wurde, zu Protokoll, sie hätte selbst das Kind getauft, aus Angst, der kleine Wurm würde in ähnlicher Weise enden wie die im zarten Alter verstorbenen Geschwister. Rabbi Ephraim war trostlos, vertagte aber nicht und fuhr nach .Mikuiasoh. zu Rabbi Löb Kunitz hinüber, mit dem ihn die Erinnerung an gemeinsame .Studienjahre an der Jcscbiwa zu Nik, Olsburg verband, um sich Rats zu erholen. Es fehlte weder in Kuibin, noch in Mikiulasoh am ängstlichen Stimmen, die dem vergrämten Rabbi Ephraim rieten, die Sache, so bedauerlich sie auch sei, auf sich benuhen zu lassen. Er könnte, durch seine Rechthaberei die Juden und das Judentum in die größte Gefahr bringen. Aber Rabbi Ephraim gab nicht nach. Er wollte seine Tochter wiedererlangen, fiir sich und für das Judentum. Und wenn ich bis zum Kaiser gehen muß, sagte er, und trat denn auch die lange, schwierige Reise nach Wien au. Wochenlang mußte er in Wien umherlaufen, bis es ihm endlich mit dem Beistand einflußreicher Wiener Juden gelang, dem Kaiser selbst sein Bittgesuch zu überreichen. Nach endlosen drei Monaten, die Rabbi Ephraim in Hangen und Bangen verbrachte, langte dann, die kaiserliche Entscheidung herab, die ,da besagte, daß puschena, Tochter des Judenraibbi Ephraim Kubinsky, von min a:n gleichzeitig in den Lehren der katholischen und der jüdischen Religion zu unterweisen sei. Nach Vollendung ihres -achtzehnten Lebensjahres habe sie da im vor dem Stuhirieihteraimt -in 'Anwesenheit von Christen uüd Judeu seilest zu erkilär.en, ob sie sich für das Christen tum ,oder das Judentum entscheide. Und so wuchs Duschena kraft der kaiserlichen Order in zwei Bekenntnissen auf, was sie jedoch nicht hinderte, nachdem di^;Zedt erfüllt war, unerschrocken das Haus Ja|cöb zu erwählen, und ließ sich ein Jahr später von einem braven jüdische.n Kaufmauin heimführen. Aber das Taufwasser läßt sich nicht ganz verwischen. Nach der Tochter wurden Rabbi Ephraim noch zwei Söhne geboren, vou..denen einer nach Prag zog, min am der Jeschiwa des ' berühmten Rabbi Ezechiel Landau zu »tudiere».. Er ließ sich später .dn der böhmischen Hauptstadt dauernd nieder. Seiiie Naclikommea ßiiid' die* heute noch blühende f. reih er r Ii che Familie derer von K'ubinsky, dip längst votin Judentum abgefallen ist, und deren Mitglieder oft bestrebt sind, durch judenfeindliche Allüren ihre jüdische Abstammung vergessen .zu madhen. Mein Vater nahm mich oft auf den Schoß und erzählte mir an langen Winterabende« ganz wunderliche Geschichten aus der guten alten Zeit, in der es in unseren Tälern noch lange keine Eisenbahn gab, in der die Straßen noch von Baiuernfuhrwerken und bestenfalls Postwagen befahren wurden und man sich nur mit Müh und Not z-uin Sukkotfeste Essrog und Lulow beschaffen kennte. Da taten sich einige Gemeinden zusammen, schickten einen Böten nach dem fernen Hafen am blauen Meer, nach Triest, um dort die traditionellen Pflanzen und Früchte für das Fest zu beschaffen. Die Reise kostete ein Heidengeld, und die Beförderung erwies sich als sehr beschwerlich, so daß die Komitate Area und Liptau insgesamt nur einen Ludow und einen Essrog bezagen. Und als das Laubhüttenfest heraufkam, da benützten in den ersten Tagen die Mikulascher Juden den Feststrauß, um ihn darin für die lezten Tage den Kubinern zu überlassen. Wie einen König bei, seinem Einzug begrüßte man in unserem Städtchen die freudig erwarteten Sinnbilder des Festes und alles eilte herbei, um den Segen zu sprechen. In meiner jugendlichen Phantasie begleitete ich den Boten auf seiner heiligen Mission bis zum großen Meer, von dem ich mir ganz abenteuerliche Vorstelluingen machte. Langsam drang die Aufklärung in unser Städtchen. Neben der althergebrachten Fi-ömmigkeit begann deutsche Bildung die Gemüter zu gewinnen und die Erziehung der Kinder nach dem althergebrachten Ideal der Judengasse einigermaßen zu beeinflussen. Jüdische Kaufleute, die ziUim Brünner Markt fuhren, sahen und hörten dort manches, was ihnen neu und fremdartig war. Sie kehrten mit neuen Ideen, die aus Berlin herülberdrangan, «.nd die sie vielleicht gar nicht recht verstanden, ins Städtchen zurück und brachten als greifbaren Ausdruck der neuen Zeit die Mendelsohnsche Bibelübersetzung heiin.. In Kaibin gab es keine große talmiidisohe Gelehrsamkeit, wie drüben in Mikulasch, das lange Zeit eine. „Stadt voller Weisen und Scbriftgelehvien" war, und so kam es auch nicht zu geistigen Turnieren wischen den. Anhängern der alten und der neuen Richtung, aber die Zeit tat ihr Uebriges. Oft, wenn ich nur diese und viele andere Geschichten, die ich damals als Kind gar nicht recht verstand, durch den Kopf gehen ließ und dann vom Arvauifer auf den Friedhof am Berge hioiaufblickte, da kam e* mir vor, al« ob die aus;dem Grün hervorfolÄnkewten weißen Steine der Väter und Mütter zu mir hinunterwinkten und mir einen Gruß, entboten aus alten, vergangenen Tagen. (Schluß folgt.)