Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 187 (17.4.1931)
- Date
- 1931-04-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 18? DIE NEUE WELT Wfc 1 bestritten wird, daß es den Juden benommen ist, Mitglieder der Y. M. C. A. zu werden. „Es geht", hieß es in dieser Erklärung, „nur darum, daß ordentliche Mitglieder mit aktivem und passivem Wahlrecht nur solche werden können, die die christlichen Grundsätze der Y. M. C. A. akzeptieren, wie sie im all weltlichen Moralprogramm der Y. M. C. A. enthalten sind. Dabei wird auf niemanden ein Druck ausgeübt und die Annahme der obenerwähnten Grundsätze ist eine freiwillige." In einem Gespräch mit dem Direktor der Prager Y. M. C. A., Ing. P r i b i k, der den offiziellen Charakter dieser Erklärung bestätigte, stellte der J. T. A.-Vertreter die Frage, wie die faktische Stellung der Juden in der Y. M. C. A. sei. Jng. Pribik erklärte, daß die Juden ausgezeichnete Arbeiter seien, daß aber in der Prager Y. M. C. A. kein Jude Funktionär sei. Den Kern der Y. M. G A. bilde die ordentliche Mitgliedschaft, die die Grundsätze christlicher Weltanschauung akzeptiert habe, d. h. Ehrlichkeit und ein sittliches und gerechtes Leben. Auf die Frage, welches der Unterschied zwischen christlicher und jüdischer Weltanschauung sei. gab der Y. M. C. A.-Direktor eine ausweichende Antwort, indem er erklärte, daß es sich nur um jene Grundsätze handle, die man Christus zuschreibe und die deshalb christliche Weltanschauung genannt würden; in Wirklichkeit aber betonte er nachdrücklich, daß die Y. M. C. A. interkonfessionell und in politischer und nationaler Beziehung tolerant sei. Es bleibt demnach die Tatsache bestehen, daß als ordentliche Mitglieder mit aktivem und passivem VV a Ii 1 r e c h t J u d e n i n d i e Y. M. C. A. nicht a u f g e n o in m e n w erde n, insofern sie nicht die schriftliche Verpflichtung auf sich nehmen, die „christlichen" Grundsätze zu beachten. Andererseits sind zahlreiche Juden, besonders in der Slowakei, Geldgeber und aktive Mitarbeiter des Y. M. C. A.-Werkes. * Eine bescheidene Frage: Was haben Juden bei einer Vereinigung christlicher junger Menschen zu suchen? Jüdische Keipergeridtte* In PoSeit können «Ungläubige» und «Läslerer9 aus der Judengemeinde ausgestoßen werden« Die ums jüdische Seelenheil besorgte Regierung« — Die Kerjertribunale an der Arbeit* Die Juden in Polen sind, was die rechtliche Gleichstellung mit den anderen Bürgern des Staates anbelangt, nicht gerade verwöhnt. Im Gegenteil. Jetzt erst, zwölf Jahre nach der Schaffung der freien, demokratischen Polen-Republik, sind die Judengesetze aus der Zarenzeit nach Ueberwindung harten Widerstandes abgeschafft worden. Die papierenen, geschriebenen Gesetze. Die ungeschriebenen aber sind in Kraft geblieben. Kein Jude erhält eine Anstellung bei Behörden, staat- I Verband demokratischer Zionistcn | S Mittwoch, 22. April 1931, um v„9 Uhr abends im Herzl-Saal des Verbandsheims, II. Untere 5 E Augartenstraße 38 S I Vortrag | S Gegenstand: s § KONGRESS FRAGEN | E Referent: S | Dv. S. Wolf | niiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiifiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiifitiiiiifiiiii? liehen Betrieben, bei den Gemeinden und ihren Unternehmungen, Konzessionen etc., trotzdem ihm schöne, geschriebene Gesetze vollen Anspruch einräumen. Um so überraschender muß also die Nachricht wirken, daß der polnische Staat seiner Judenschaft ein Vorrecht erteilt hat, ein besonderes Recht, das keine andere nationale oder konfessionelle Gemeinschaft im Lande besitzt. Die Regierung hat nämlich bestimmt, daß die Judengemeinden alle Personen, welche öffentlich gegen die Religion auftreten, des Wahlrechtes verlustig erklären, also aus der jüdischen Gemeinschaft ausstoßen können. Während für. alle vom Staate anerkannten, öffentlichen Körperschaften der Grundsatz gilt, daß nur gerichtliche Abstrafung den Verlust des Wahlrechtes begründet, wird die Judengemeinde befugt, über die Gesinnung und Gesdnnungsäußerungen, über die Weltanschauung des Wahlberechtigten zu urteilen. Also veri table Ketzergerichte! * Was hat die Regierung zu dieser ungewöhnlichen, in ganz Europa einzig dastehenden Maßregel veranlaßt? Diese Frage hat der Chef der Jüdischen Telegraphen- Agentur an den polnischen Kultus- und Unterrichtsminister Dr. Slawomir Tschwerwinski gerichtet und folgende Antwort erhalten: Was die Vorschrift der Wahlordnung für die jüdischen Gemeinden anbelangt, auf Grund deren Personen, die öffentlich gegen die Religion Stellung nehmen, aus den Gemeinden aufigesch Jossen werden können, so hat die Regierung durch diese Bestimmungen die Umwandlung der jüdischen Religionsgemeinden in „politisierende Faktoren" verhüten wollen. Zur Erreichung dieses Zieles, isagte Minister Tscherwinski, standen uns zwe Wege offen: Entweder das Tätigkeitsgebiet der Gemeinden von vornherein möglichst einzuschräqr ken und sie selbst einer weitgehenden Aufsicht vqjß Kontrolle zu unterwerfen, oder ihnen unter Wahrung größter Betätigungsfreiheit die Möglichkeit zu geben, sich selbst gegen politische Zersetzung zu schützen. Wir haben die zweite Alternative gewählt. Selbstverständlich werden durch die neue Wahlordnung nicht alle Momente politischen Kampfes aus den jüdischen Gemeinden, in denen ja Orthodoxe, Zionisten und Bundisten vertreten sind, verbannt. Ks werden aber durch diese Ordnung jene Elemente ausgeschaltet, deren Programm oder Ideologie die Losung des Kampfes gegen die Religion enthält. Es wäre ja auch grotesk) wenn in Religionsgemeinden Leute vertreten wären, die den Kampf gegen die Religion als eine ihrer Hauptaufgaben betrachten. Für die Regierung ist diese Bestimmung deswegen von Bedeutung, weil durch sie verhindert wird, daß staatsfeindliche Faktoren und Organisationen, die keine legale Betätigungsmöglichkeit besitzen, auf dem Boden der jüdischen Gemeinden ihre Aktionen durchführen. Hierbei handelt es sich natürlich nur um kommunistische Organisationen und nicht etwa um den „Bund" und verwandte Gruppen, deren Programm die Parole des Kampfes gegen die Religion nicht enthält. Diese Erklärung des Herrn Ministers hat natürlich mit der Wirklichkeit gar nichts gemein. Die Bolschewiken nennt man und ganz andere Gruppen meint man. Bei den letzten beiden Wahlen in das polnische Parlament haben alle jüdischen Gruppen oppositionell gearbeitet und gestimmt, mit einer Ausnahme. Die in der „Agudah" organisierte starre Buchstaben- Schwungrad der Zeit* Von Ludwig Bato. Ufer nur sind wir, tief in uns rinnt Blut von Gewesenen, — zu Kommenden rollt's, Blut unsrer Väter, voll Unruh' und Stolz. In uns sind alle. Richard Beer-Hofmann. I. Am Südihamge der Karpathen, zwischen den ßobneegekrünten Höhen der Tatra, rauscht eilig ein blondes Flüßohen dahin: die Arva. In ihr schmales Tal gebettet, von Fichten und Tannen umrankt, streckt und reckt sich Kubin, unser Städtchen. Hier, am Fuße wildromantischer Berge, im Angesicht der weithin schimmernden blauen Firne, überkommt den Menschen eine bange, gläubige Ahnung von Gottes unermeßlicher Natur. Unter dem armen Slowakenvolke, das das Städtchen bewohnt, siedelt eine kleine jüdische Gemeinschaft, zu der die Altvordern, die vor etwa zweihundert Jaihren aus dem benachbarten Mähren herüberkamen, den Grund gelegt hatten. Wae drückte ihnen den Wanderstab in die Hand, was trieb sie an, Haus und Hof au verlassen, um in die Fremde zu ziehen? Vor allem die wirtschaftliche Not der überfüllten Ghetti and dann etwas, was einem Alpdruck gleich auf den Gemütern lastete: die Härte des Familiantengesetzes. Diese vom glorreichen Kaiser Karl VI. für die Sudetenländer erriahtete famose Judenordnung verßtattete nämlich das Heiraten in jeglicher jüdischer Familie nur einem einzigen Sohne. Die braven jüdisolien Väter und Mütter in Mähren hatten aber — wie seit altersber Brauch in Israel — noch einen zweiten, einen dritten und einen vierten Sohn, die sie allesamt für ihr Leiben gern unter dem Trauhimmel gesehen hätten. Und dann hub die große Sorge um die Töchter an, denen die gestrengen Satzungen die Freier vorwegnahmen. So hieß ea denn nach einer neuen Heimat Umschau zu halten, und man sandte Kundschafter ins nahegelegene Ungarische, die bald mit günstigen Nachrichten heimkehrten. Und nun wanderten die von der Enge der Judengasse gedrängten und mit dem gesetzgewollten mönchischen Einsohichtdasein durchaus nicht einverstandenen Juden in die Fremde. Der Ueb ergang wurde ihnen leicht gemacht, denn die Kundschafter behielten recht: die adeligen Gutsherren naduhen die tüchtigen' jüdisolien Handelsleute freundlich auf und hatten gar bald Grund, ihnen volles Vertrauen zu schenken. Auch die slowakische Landbevölkerung sah die neuangekommenen Juden, die sich mit ihr in dem aus der mährischen Heimat gewohnten „KuohelbÖihmisch" recht gut verständigen konnten, gerne in ihrer Mitte. So kamen die Juden in die Täler der Arva und der Waag, diese schöne, einsame Gegend, deren eintönige Stille nur durch das Knarren der Fuhrwerke, begleitet vom Klange der GlÖcklcin an den vorgespannten kleinen Pferden, aufgescheucht wurde — heute werden die Täler von dahin- . flitzenden, mit lufthungrigen Prägern und Berlinern besetzten Schnellzügen durchbraust. In diesem idyllischen Städtchen verbrachte ich meine erste und glücklichste Kindheit. Hier spielte iah an der sandigen Uferböschung der Arva, hier baiigte ich mit meinem Gespielen, hier riß ich einmal, ein Dreikäsehoch von zweieinihalfb Jahren, vom Elternhause aius und lief schnurstracks zu den Großeltern. „Allein bin iob. gekommen", rief ich ihnen stolz und beglückt ziu. liier bewunderten wir Kinder die schiefe Spitze des hohen KLriwan, die wie eine Mulde aussah und auf uns spöttisch heraibzusohaiuen schien, hier zeigten wir uns den am grünenden Hang in der Bergeinsamkcit gleichsam dahinträumenden jüdischen Friedhof, und hier hatten wir unsere ersten jüdischen Erlebnisse. Hier, in dieser vorgeschobenen mährisch-jüdischen Kolonie erinnerte zu meiner Zeit das jüdische Leben noch in manchen Zügen an die Großväterzeit. Die jüdischen Kaufleute — bis auf einen einzigen — hielten ihre Läden am Sabbat geschlossen, zum Sukkotfeste wurden in den jüdischen Häusern — unter dem Jubel der Kindersohar — noch überall Laubihütten gebaut, welch fromme Handlung bereits am Ausgang des Versöhnungstages begann. Zu den hohen Feiertagen trafen wir sehr bald die Vorbereitungen: im Monat EM, nachdem am Neumond tage der erste Sohofarklang ertönt war, pilgerte man zu den Gräbern, und in der Woche vor den Neujahrstagen, da stand man Vortags auf und wanderte im Frühnebel beim flackernden Scheine einer Handlaterne zur Synagoge, wo wehmutsvolle Biußlieder ertönten. Eine Bösohneidung und eine Hochzeit galten hier als große Feste, an denen die ganze Gemeinde wie eine Familie teilnahm. Aber es war nur fast wie einst, viele« war schon abgebröckelt, das Schwungrad der Zeit ließ einen Brauch nach dem andern in der Luft zerflatlern. Zu den Hochzeiten kamen keine „Marschaliks" mehr, wie die berufsmäßigen Spaßmacher hießen, von denen mir mein Vater so viel Lustiges zu erzählen wußte,« und die die beim Hochzeitsmaihl Versammelten durch allerhand schnurrige Einfälle erheiterten. Ich kannte noch den greisen Rabbiner in seinem langen, bis zur Erde reichenden altmodischen Rock und erinnere mich ganz deutlich, . wie ich einmal meine warnende Stimme erhob: „Herr Raibbiner, passen Sie nur auf, Sie werden noch einmal über Ihren Rock, stolpern!" Alles lachte, worüber ich sehr verstimmt war, ich hab's ja nur gut gemeint. Da war noch ein anderer Zeuge der alten Zeit: Reb Jizohok Herzog, ein Nachbar meines Großvaters. An die vierzig Jahre sind es her, daß ich ihn das letzemal sah, wenn ich aber die Augen schließe, ist mir, als ob vor mir stände eine Patriardhengestalt von fast hundert Jahren, mit erloschenem Augenlicht und herabwallendem langem sclineaweißem Bart. Man erzählte sich, daß er die ganze Thora wortgetreu auswendig kenne und noch zu einer Zeit in der Schmie den Wooheuabsühnitt verlas, als er eigentlich kein geschriebenes Zeichen mehr unterscheiden konnte. Er kennt die ganze Thora auewendig — das jagte mir einen tiefen Respekt vor dem alten Manne ein.