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Die neue Welt · 1931-04-01 · Heft 185 (1.4.1931) · page 7

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 185 (1.4.1931)
Date
1931-04-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nf. 18?_ Entlastung der bürgerlichen Mitte« Von Dr. Oskar Karbach. Die Tatsache der fortschreitenden Radikalisierung der bürgerlichen Wählermassen in nahezu sämtlichen Ländern des Kontinents und die Auswirkungen dieser Erscheinung auf die Judenfrage sind bekannt. Das Verständnis für die Dynamik der politischen Kräfte ist in jüdischen Kreisen in letzter Zeit unter dem Eindruck der krisenhaften Ereignisse in Palästina und Europa derart gewachsen/ daß eine objektive Betrachtung der neuen Situation am Platz ist, die — natürlich in bedeutendem Maß auch das Ergebnis anderer Faktoren — durch die Judenfrage zweifelsohne verschärft wird. Festzuhalten ist, daß die Vereinheitlichung der Abwehraktionen gegen den radikalen Antisemitismus eine Voraussetzung sachlicher Arbeit bedeutet, ohne jedoch schon Garantien für deren Erfolg zu geben; was mit Leichtigkeit aus der Entwicklung in anderen Ländern erwiesen werden kann. Während heute noch das Judentum der Ansicht ist, sich den Luxus innerer Streitigkeiten zwischen gesinnungsmäßig differenzierten Parteien gestatten zu können, mangelt ihm jede schöpferische Originalität bei der Beurteilung der vollkommen veränderten europäischen Situation und besonders ihrer Konsequenzen. Die gewaltige reaktionäre Welle, die über unseren Erdteil hinwegbraust, wird so bald nicht zum Stillstand kommen. Wasser auf die antisemitischen Mühlen des Rechtsradikalismus ist überall der nicht abzuleugnende Mangel eines modus vivendi der Juden im konservativen Staate. Wo das Zurückgreifen auf die Tradition Staatsprinzip werden soll, muß der Unterschied zwischen jüdischer und nichtjüdischer Tradition manifest werden, wo man an eine Zurückdrängung des allgemeinen Wahlrechtes zugunsten eines privilegierten der „oberen" Klassen oder gar an den Ständestaat denkt, muß als Folge derartiger Reformen in Ländern mit größerer jüdischer Bevölkerung mit einer Verstärkung des jüdischen Einflusses gerechnet werden, soferne diese Systeme nicht auch gleichzeitig Ausnahmsgesetze gegen die Juden einschließen. Diesen beiden Tatsachen wird von uns viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, obschon sie weit beachtenswerter wären als das so lebhaft kommentierte gebräuchliche antisemitische Agitationsmaterial. Da hier bis heute wirklich keine sachliche Antwort gegeben werden kann, da wir ja selbst keine wissen,.so ist es nicht verwunderlich, daß die Rechtskieise darauf eine demagogische parat haben. Mit allem Ernst ist heute zu fragen, ob ein System von Abwehrmaßnahmen, das ausschließlich auf juristischer Basis aufgebaut ist (also die Ausschaltung von Rechtsbeugungen, die richtige Interpretation der Gesetze und die Verhinderung ihres Ersatzes durch Ausnahmsbestimmungen zum Inhalt hat), realpolitisch möglich ist, beziehungsweise eine Gewähr bieten kann, eine judenfeindliche Entwicklung auf die Dauer hintanzulialtcu oder auch nur wesentlich zu verzögern, wenn der Rechtsradikalismus auf legalem oder illegalem Wege zur Herrschaft gelangt. Selbst in Ländern» in denen der Schutz der Minderheiten durch internationale Verträge sichergestellt ist, kann bekanntlich deren faktische Ignorierung Tatsache werden, wenn außenpolitische Gründe diese Taktik erfordern oder gestatten, wobei festzuhalten ist, daß Ausnahmsgesetze immer den Schlußpunkt hinter eine antisemitische Periode setzen. Allen jüdischen Gruppen, so sehr sich ihre Ansichten über die Zukunft der Judenfrage voneinander unterscheiden, ist die maßlose Ueberschätzung des juristischen Formalismus gemeinsam, der das Um und Auf jeder Aktivität auf diesem Gebiete, da3 Allheilmittel und den eigentlichen Programminhalt für die Abwehrbewegung bildet. Die gewaltige Arbeitsmenge, die im Verlaufe des letzten Jahrzehntes von einzelnen und von Organisationen hier geleistet wurde, ist nun zwar sicherlich nicht ohne Effekt geblieben, hat manches Gute in konkreten Füllen bewirkt, jedoch begreiflicherweise den Lauf der Dinge nicht abändern können. Die Situation der Parteien der Mitte ist nirgends eine rosige: dort, wo sie in Zentral- und Osteuropa überhaupt noch erhalten sind, laufen sie immer Gefahr, zwischen dem Links- und Rechtsradikalismus zerrieben zu w«rden; eine beklagenswerte Entwicklung, die den Kontinent nicht zur Ruhe kommen läßt und die Weltgeltung Europas ernstlich bedroht. Für diese ohnehin schon schwer kämpfenden Parteien, deren Lebensfähigkeit für die Juden von höchster Wichtigkeit ist, bedeutet fast überall der heutige Stand der Juden frage eine arge Belastung. Programmatisch gebunden, den Traditionen des eigenen Volkstums, die ja durchwegs mit christlichen eng verknüpft sind, Raum im öffentlichen Leben zu schaffen oder zu erhalten, zumindest sie nicht zu ignorieren, können sie hier natürlich nicht die Nivellierung aller nationalen oder religiösen Unterschiede gutheißen, die den Sozialisten zumindest theoretisch offensteht; ebenso pflegen sie auf die strikte Bewahrung der. Rechtsordnung, und demokratischer Grundsätze verpflichtet zu sein, __Die mm welt ' wozu noch in manchen Fällen Rücksichtnahme auf eigene jüdische Wähler kommt Selbst wo Neigung hlezu vorhanden sein sollte, ist sohin eine Konkurrenzierung oder Uebertrumpfung des rechtsradikalen, äußerst konsequenten Antisemitismus nicht in Frage. Sie sehen wohl die Existenz eines Sonder* Problems, sind aber außerstande, irgendwie selbst die Initiative zu ergreifen, da jeder noch so sachliche und amikale Versuch, auch nur darüber zu reden, nicht nur die einmütige Ablehnung aller jüdischen Gruppen finden, sondern ihnen selbst unwiderruflich die antisemitische, das heißt also ausgesprochen reaktionäre Etikette aufprägen würde. Sie können also, sehr zu ihrem Schaden, auch nichts anderes tun, als die Augen vor den Tatsachen zu verschließen und, nach dem Vorbild der Juden selbst, sich in der Judenfrage an den rein formalen Standpunkt zu klammern, d. h. also, eine Vogel- Strauß-Politik betreiben, die sich auf die Dauer immer rächen, in diesem Fall ihren gefährlichsten Gegnern von rechts demagogisch bestens zu verwertendes Agitationsmaterial liefern muß. Das wäre nun gar nicht nötig; denn der Rechtsradikalismus in allen seinen Spielarten in den verschiedenen betroffenen Ländern gebärdet sich wohl in der Praxis des Alltags sehr aggressiv-antisemitisch, ist aber — eingestandenermaßen — seinem Wesen nach defens i v, gibt vor, das eigene Volkstum vor Gefahren, die von jüdischer Seite her drohen, verteidigen zu müssen. Ein positives Programm hat er auch in der Judenfrage nicht, es wäre denn, daß man die vollständige Eliminierung des jüdischen Elements in größerem Maßstabe als praktisch durchführbar und als positive Leistung betrachten würde. Die Zeit steht bevor, die seine gewichtigste Verurteilung in seiner nie, auch in der Judenfrage nicht, zu praktischen Lösungen führenden Unsachlichkeit erblicken wird. Vorläufig ist also alles ins Paragraphendickicht des juristischen Formalismus verstrickt: Antisemiten und „Neutrale", liberale Juden und Jüdischnationale; alles dreht sich um die Papierform, um den Buchstaben, Schlachten werden geschlagen um leere Begriffe, die das Leben erst mit einem stets wechselnden Inhalt erfüllen muß, die „Preisgabe von Rechten" wird jüdischerseits mannhaft verweigert, als ob man Kollektivrechte nach Hause tragen und im Kühlschrank aufbewahren könnte, wie eine gekaufte WurstI So lange der Jurist allein das Feld behauptet, kann sich dieser Zustand nicht ändern, da er es grundsätzlich ablehnt, Machtverschie- Bei DARMST0RUNGEN FETTANSATZ BLÄHUNGEN besonders in den Wachte IJahtan, haben die klinisch erprobten, abführenden Kräutertabletten, ZET 26" sich hervorrasend bewahrt. Aus reinen Pflanzendrogen ohne chemische Beimengung hergestellt, wirken sie langsam und mild, sind wind- und barntreibend, regen die Drüsensekretlon an, entgiften so den ganzen Organismus und schaden Wohlbehagen. In allen Apotheken (90 K. S 3.70). Depot: Apoth. Hantier, Wien. XXI. bungen zur Kenntnis zu nehmen und ohne deren Berücksichtigung praktisch nicht gearbeitet werden kann. Dieser Weg führt zu nichts und es hat den Anschein, als ob er unter dem Zwange der Notwendigkeit, bald verlassen werden wird: Die neue Trennungslinie dürfte wohl dann anfangs eine Zeitlang durch die bisher bestehenden jüdischen Gruppen hindurchgehen. Sie wird bei allen diejenigen voneinander scheiden, die das bisherige System durch Rechtschutz, Proteststurm und Hilfeleistung nichtradikalisierter politischer Parteien im heutigen Ausmaße erhalten zu können glauben und jene, die aus realpolitischen Erwägungen heraus an ein baldiges Versagen dieses Apparates denken; das wird immerhin einen Fortschritt bedeuten, denn wir werden so aus uferlosen Debatten über den Wert von Gesinnungen zu einer sachlichen Diskussion gelangen. Die Entlastung der Mittelparteien kann nur von den Juden selbst ausgehen, aus deren Mitte ein positives „Sofortprogramm" präsentiert werden muß, das Aussicht hat, auch wirklich von den breiten jüdischen Schichten akzeptiert zu werden: Denn wir dürfen nie vergessen, daß organisatorisch die Uberwiegende Mehrzahl der Juden nicht erfaßt ist und jedes Programm Utopie bleibt, wenn mau die Rechnung ohne den Wirt, die Juden, macht. Dieses Programm, das für jedes Land gesondert aufzustellen ist, muß derart beschaffen sein, daß es die Mittelparteien sich zu eigen machen und fortan als ihre Formel für den modus vivendi in der Judenfrage vertreten können, was ja nun keine Schwierigkeiten macht, da durch diese Taktik der Vorwurf des Reaktionären ausgeschaltet erscheint Es darf keine juristischen Postulate enthalten, da die jüdische Oeffentlichkeit in diesem Punkte noch lange äußerst empfindlich und nervös bleiben und daher ihre Zustimmung verweigern wird, sondern lediglich volkserziehendq und demonstrative, die geeignet erscheinen, die Situation zu klären. Vielfach wird es genügen, den heute schon faktisch bestehenden Zustand zu unterstreichen, anderseits wird das Prinzip der Nichteinmischung in organisch fremde Materien ~- z. B. Kulturkämpfe intern christlichen Charakters — manchmal zu betonen sein. Absage an den Formalismus der Taktik, richtige Seite I IPtnsion ,Austrla' Kinderheim Vöslau idLOA KAOliCH) jag*rmay«r*traie 18 - Telephon ffr. 141 Für Dauer* and Erholungsaufenthalt Jeder Unterricht Im Hause, auch Nachhilfe für öffentliche Schulen besuchende Kinder. - Pädagogisch einwandfreie Leitung durch staatlich geprüfte Lehrerin - Erstklassige Verköstigung. - Mutterliche Pflege. - Matilge Preise Einschätzung des zweifelhaften Wertes kodifizierter Normen bei Macht Verschiebungen im Staate, Entlastung der Mittelparteien durch eigene Initiative, Anerkennung der Notwendigkeit, die Judenfrage nicht als alleinigen Tummelplatz den Rechtsradikalen zu überlassen, ist das Gebot der Stunde. Nur so kann verhindert werden, daß die Mittelparteien eines schönen Tages aus taktischen Gründen gezwungen erscheinen, korporativ ins militantantisemitische Lager abzumarschieren. Ob dann überhaupt noch von der Möglichkeit eines Abwehrkampfes der Juden gesprochen werden könnte, ist rinc offene Frage. Jahreskonferenz der judisdhoi Bauern Palästinas* Korrespondenz aus Palästina, Ende März. Am 8. März wurde in T e 1 * A w i w die Jahres« konferenz des Verbandes jüdischer Bauern (Hitachduth haJkkarim) eröffnet. Die Konferenz war von Vertretern der jüdischen, auf P r i v a t i n i t i a ti v e aufgebauten Kolonien Südpalästinas, J u d ä a s und .des Schomron beschickt. Die Kolonisten von Nordpalästina, Unter« und Obergaliläa, bilden einen eigenen Verband, der an der TehAwiwer Konferenz nicht teilnahm. Die jüdischen Landwirte in Palästina sind nicht nur nach geographischen Gesichtspunkten geson* dert, sondern auch nach s oz i a 1 e n und historischen. Bis zur größeren Einwanderung jüdischer Arbeiter, die nach dem Kriege einsetzte und zu einem großen Teil zum Objekt der zionistischen Siedlungstätigkeit wurde, gab es in Palästina nur zwei Bauernverbände, die des Südens (Judäa und Schomron) und die des Nordens (Unter- und Obergaliläa). Der Mangel an Kontakt zwischen diesen zwei Verbänden war wohl vor allem eine Folge des v e r* schieden artigen Charakters der Landwirt* schaft in diesen zwei Regionen: Im Süden war und ist eine vorwiegend vom Export lebende Pflanzungs* Wirtschaft (Orangen, Wein), Im Norden Getreide und zum Teil Oliven. Doch der Aufschwung, den der Jischuw nach dem Kriege nahm, die auf den natio* nalen Effekt hinzielende Intensivierung aller Wirtschaftszweige, das damit verbundene Streben zur Abkehr vom Getreide- und Futterbau brachte es mit sich, daß auch der isolierte Norden allmählich zur Export? Produktion überzugehen beginnt, wobei dem Tabakbau eine besondere Rolle zukommt. Es ist dahe die Hoffnung nicht unberechtigt, daß die Angleichung des Charakters der jüdischen Ländwirtschaft im Süden und Norden des Landes allmählich auch zu einem Organisationellen Zusammenschluß der beiden Bauernver* bände führen wird. Eine tiefere und schwerer zu überbrückende Kluft besteht zwischen den Bauernverbänden und dem landwirtschaftlichen Verband der Arbeiter, welch letzterer die von den zionistischen Fonds geschaffenen und subventionierten Siedlungen umfaßt. Diese Siedlungen, die infolge ihres sozialen Charakters sich auch in der Produktion und ihren Problemen wesentlich von den alten Kolonien unterscheiden — schon infolge ihrer ständigen Abhängigkeit von den Fonds — lassen sich schwer mit den Bauernverbänden in einen organisationellen Rahmen zwingen. Aber die Arbeitereinwanderung und die durch sie immer lauter gewordene nationale Forderung nach ausschließlicher Verwendung jüdi* scher Arbeiter hatte noch eine Spaltung inne rh a l b des Bauernverbandes im Süden zur Folge. Einige Bauern traten vor mehreren Jahren aus dem alk: meinen „Verband nationaler Bauern" (Hitachduth Ikkarjm Le'umiim), der alle jene umfaßte, die auf der Platform ausschließlich jüdischer Arbeit standen. In dieser Differenzierung zeigte sich ein historisches Moment. Während die „alten", von Rothschild und der P. J. C. A. angesiedelten Pflanzer, für welche die Palä« stina>Siedlung philanthropische Leistung für den e i n* zelnen Juden und weniger zionistische Leistung für die Gesamtnation bedeutete, in ihrer Mehrzahl dem Prinzip der hundertprozentigen jüdischen Arbeit ab» lehnend gegenübestanden, schlössen sich die meisten neuen, nach dem Kriege unter der Leitidee des Zionismus nach Palästina eingewanderten Kolonisten dem „Verband nationaler Bauern" an. Doch das wirtschaftliche Leben zwang beide Ver» bände zu einem Zusammenschluß auf der sachlichen Grundlage der gemeinsamen landwirtschaftlichen Interessen. Der „Verband nationaler, Bauern" war auf 4er Tel»Awiwer Jahreskonferenz der Kolonisten vertreten und entsandte auch seine Vertreter in die neugewählte Leitung. * Die Jahreskonferenz jüdischer Bauern wurde unter Teilnahme von 8q Delegierten aus Judäa, dem Scharon

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