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Die neue Welt · 1931-03-27 · Heft 184 (27.3.1931) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 184 (27.3.1931)
Date
1931-03-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Kr, 18* DIE NEUE WELT Seite S denrhabe ihn als Privatperson aufgefordert, an der wissenschaftlichen Forsohungsaribeit für poetische und juristische Zwecke teilzunehmen. Dies habe er auf Grumf seines ablehnenden Standpunktes gegenüber dem ganzen Verfahren nicht tun können. Zionistischem Idealismus ist der Gedanke von der hebräischen Universität entsprungen, zionistischen Bemühungen ist ihr Aufbau zu danken. Ohne Zionismus gäbe es keine Universität in Jerusalem. Jetzt sind dort;Leute eingezogen, welche dem Zionismus, in diesem Falle auch den Gefühlen des ganzen jüdischen Volkes — der Kampf um die Klagemauer ist ja kein spezifisch zionistischer Kampif —, kak und feindlich gegenüberstehen. Traurig ist dieser Verrat. Aber noch trauriger der Umstand, daß das zionistische Volk in Palästina und in der ganzen Welt, nicht die Kraft/findet, ihm entsprechend zu begegnen. Was für ein Schicksal würde dem französischen, d e.ra .englischen, dem deutschen Professor blühen, der A e h n 1 i c h e s seinem Volke gegenüber wagte! Der es wagen würde, ihm zu Gebote'* stehende Mittel seinem Volk in Not Vorzuenthalten. Der Mut des Herrn Dr. Gerson Scholen und die Energielosigkeit des palästinensischen Judentums finden ihre Erklärung an der Unlerihöhlung des Zionismus, welchem man den Glauben an das große Ziel, an die Souveränität des jüdischen Volkes, an den Judenßtaat geraubt und damit auch die Kraft zum Kampfe gegen äußere und innere Feinde. An leitenden, zionistischen Stellen sitzen intime Gesinnungsfreunde des Dr. Gerson Scholem. Darum ist er so „mutig''. Nur darum. Chaplins Judentum — eine Legende? Durch die verelendeten Gäßcben des Londoner Whiteähapel schleppt sich ein armer alter Jude. Die Füße/ die in unförmigen, schlappigen Schuhen stecken, sind auswärts gerichtet, so daß die Figur wackelt; um den Körper ist ein enger, altmodischer Jackettrock gelegt,- dem man die Mühsal der Jahre ansieht, indes breite knittrige Hosen sich unten an den Schuhen nicht wohl fühlen. Dort oben über dem etwas zu hohen Hemdkragen geistert ein blasses Gesicht mit dunklen melancholischen Augen und zwei kleinen Bartstümpchen unter der ein wenig vorspringenden Nase. Und damit der Kopf auch'etwas zum Prestige beitrage, sitzt auf ihm der schwarze Halbzylinder, unter dessen Rändern das krause Haar rebellier^ In-der Hand baumelt ihm ein Stöctchen, das unentbehrliche Requisit des geschäftigen Maklers, »V Diese Figur geht seit Jahren über die flimmernde Leinwand» Der stumme Filni verdankt ihr seine gewaltige Geltung und Wirkung. Sie hat den Film zu einer Kunstgattung gemacht, die sich GleichwertigJceit neben den anderen erzwang. Alle,, Wei$ lacht über, diese Figur,, über diesen sonderbaren -Ritter von der traurigen Gestalt. Sie lachte und weinte . und lachte und wußte nicht recht, wohin und woher mit ihr. Kein Vorbild war da, kein Maßstab für. eine Xlassifizieruug. Alle Welt fühlte das unheimlich Fremde,, das unheimlich Anziehende, das Grotesk- Tragische,,.. das. . Ewige dieser Figur. Denn die Welt kannte nicht die bereits dichterisch gestalteten Bezirke, in, denen solche Figuren heimisch sind: das gestaltete Reichf;Schalpni; Aleahems., Wer dieses. Reich kennt, weiß, daB Charlie Chaplins Gestalt die Gestalt des „Schlimasl" ist, jener Scbalom Alecbem-Typ3, dem es, was immer er beginnt, schief gebt tfnd der au« der Inkongruen« «eirtea utopischen Seins und der hartkantigett Materie der Wirklichkeit sein gleichzeitiges Komisch- und; Tragisch - sein bezieht. Und die Welt-bekommt erst durch ihn das. was sie in der fealität ausmacht. Ohne ihn, den „Schlimasl" wäre die* W#ffr- »fcht zu erfa&W, wie er nicht zu erfassen ist, wenn er nicht hineingestellt wäre* in die Antithese/ Charlie Chaplin ist entsprungen der Welt Scbalom Alechems/ i^ me mimische Verk&jperttrig von Typen ans Kas«riluwke und Jehupez. * ' Die Kunst Charlie-Chaplms mutet an-als-jüdische Ghettoexpression. Ist er selbst Jude? Er kommt, das wissen wir, aus dem Londoner Elendsviertel Whitechapel, jener Gegend der Weltstadt, das seit Jahrzehnten seinen Zuzug an Menschen aus den jüdischen Ghettls des Ostens bezog. Dort sah er, wie er selbst bekennt, dos, was für seine mimischen Gestal-, hingen bestimmend wurde: den ..Schlimasl". Ist Charlie Chaplin Jude? Er selbst will es nicht sein. Als der verstorbene englisch-jüdische Dichter Israel Zangwill von Chaplins Judentum sprach, leugnete dieser und Zangwill blieb nichts übrig, als bei seiner Behauptung . zu verharren und sich bedauernd mit dem mangelnden Bekennermut Chaplins abzufinden. Seit damals verstummten die Vermutungen nicht, daß Chaplin Jude sei. Und Chaplin selbst gab dem Zweifel Nahrung. . In seinem Buche „Meine Reisen" sagte er zwar: „Nein, ich bin kein Jude", schließt aber mit der Bemerkung ab: „Alle großen Genies hatten jüdisches Blut. Nein, ich bin kein Jude, aber ich bin gewiß, daß irgend etwas in, mir jüdisch, ist. Ich hoffe es auf alle Fälle." * Der „Hajnt" erzählt etwas anderes. Er will wissen, daß in; den: Ächziger jähren der russische Jude , Kaplan Blutwallungen,, Herzbeklemmung, Atemnot, Angstgefühl, Nervenreizbarkeit, Migräne, Schwermut, Schlaf* losigkeit. können durch/denl-Gebrauch des natürlichen ,iFrähz*Josel'^Bitterwassers öf^'beseitigt1 werden. E nach. London gekommen sei und sich im Whitechapel nls Vari&ekomiker fortgebracht habe. In diesem Beruf lernt der jüdische Komödiant eine christliche Kollegin kennen, die er heiratete. Der Ehe entsprossen zwei Kinder, Sidney und Charlie. Beide wurden Filmschauspieler, Charlie wurde Charlie Chaplin durch die schon vom Vater vorgenommene Anglisierung de3 Namens Kaplan zu Chaplin.; . •■!-■ *■• v f ■.: In Wien, auf seiner Weltreise begriffen, soll Chaplin der „Neuen Freien Presse" gesagt haben, er sei ein Kind des Londoner Ghettos, sein verstorbener Vater Jargonkomiker, seine Mutter eine Ghettoschön* heit , . ,/sein Talent, seine Kunst, seine Traurigkeit habe er von seinen Eltern geerbt. - Dieses Bekenntnis vor der „Neueu Freien Presse" ist reichlich unklar. Bedeutet „Ghetto" nichts mehr als Ärmenyiertel? Bedeutet „Jargon"»Komiker nichts mehr als Vorstadt-Englisch? Ist die jüdische Abstammung Chaplins nur Legende? Oder hat Zangwill recht, daß es diesem großen Künstler an Bekennermut mangle? Chaplin stammt jedenfalls aiis dem jüdischen Whitechapel. Die von ihm verkörperte Figur stammt jedenfalls aus dem jüdischen Whitechapel. Und, ihre dichterische Formung hat sie lange vor Chaplins mimischer gefunden, beim großen Gestalter jüdischen Ghettowesens S c h a l o m Alcchcm. O. R. Ihnen dafür, d*& Sie das damit verschlossene Speisefett Kunerol ohne Bedenken zur Zubereitung von Osterspeisen verwenden können. Kunerol ist reines Kokosnuß' fett und wird in den Kunerolwerken, Wien, unter streng ritueller Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg erzeugt. NEROL 1003 REINES KOKOSNUSSFETT Vor täuschenden Nachahmungen wird gewarnt! Kunerol ist ntir echt in Originalpackung! Ein jüdischer Generalleiter des italienischen Marineingenieurwesens. Der jüdische General Umberto Pu g l i e s e, eine der hervorragendsten Autoritäten auf dem Gebiete mili* tärischer Ingenieurkunst, ist zum Generaldirektor des Kriegsschiffbaues und des martnetechnischen Wesens in Italien ernannt worden. General Pugliese hat sich durch die erfolgreiche Hebung .während des Krieges versenkter, italienischer Kriegsschiffe besonders verdient gemacht. . Dr. Feiice Ruveniia, königl. Kommissar, für den italienischen jüdischen Gemeinde verband. Rom, 22. März. Der Präsident der Jüdischen Gemeinde Ferrara und ehemalige Vizepräsident des jüdischen Konsistoriums (Conzorzio) Advokat Dr. Feiice Ravenna ist zum königl. Kommissar für den; Verband der Jüdischen Gemeinden, der auf Grund des neuen jüdischen Gerheindegesetzes geschaffen werden soll, ernannt worden. In seiner Eigenschaft als königl. Kommissar wird Dr. Ravenna einen K o n g r,eß aller jüdischen Gemeinden Italiens für Anfang 1952 einzuberufen haben. Der Kongreß wird die verschiedenen Verwaltungs- und religiösen Organe zu wählen haben, die mit der Wahrung der allgemeinen Interessen der Juden Italiens und der Leitung der religiösen -und sozialen Arbeiten des italienischen Judentums betraut werden sollen. Dr. Ravenna gehört zu den ältesten dktiveri Zionisten Italiens. Seit Beginn der zionistischen Bewegung bis zum Jahre 1923 war er; Präsident der Zionistischen Vereinigung Italiens. Er war ein Freund' Th'eödö'x II e r z 1 s, . der ihn seinerzeit in ferrara besuchte und ihn in seinen Tagebüchern wiederholt erwähnt. Dr. Ravenna war Dr. Herzi bei der Vorbereitung seiner Audienzen beim Kon i g. vp n ' 1t a l i e n. ' und beim Papst behilflich. . , , . „Tsss.!", winkten die Juden einander zu. Plötzlich kehrte sich, Joel den Anwesenden zu, richtete auf einen von ihnen seinen unirdischen Blick und sagte: „Ruft ihn sofort,,ich bitte euch!" „Wen, Reb . Joel?" , , „Ruft meinen Jungen her!" ,,Reb Joel?!" „Ruft ihn, habt Mitleid, gebt ihm einen Siddur, schlagt, ihm den Kaddisch auf ..." Mehr sprach Joel nicht. Schwer zog sich noch sein Atem,,wie, bei einem Tier nach der Schächtung. Joel starb am Abend. ... Ein furchtbarer Wind jagte damals durch die leeren, verlassenen Gäßchen und zerrte an den Läden. Das,Städtchen sah aus wie verwüstet. Der Wind hatte von „'den Dächern den Schnee hei unterg etrieben, der dann mannshoch, bis an die Fensterrahmen stand. Mitten auf. den Gassen lagen Berge von Schnee. . , Es war ein stilles Begräbnis. An die dreißig Menschen, vor Kälte tief in ihre Mäntel gehüllt, folgten dem Sarg.jätill schritten sie einher, in Gedanken an den Tod versunken, stapften sie durch den Schnee dem Friedhof zui Der Wind hörte nicht auf zu heulen, als beweinte er den Toten. Mit trockenem Pfeifen fegte er über die wüsten Felder, wo einsame Bäumchen standen wie verirrte Kinder ohne Heim, ohne Vater — Mutter. ( In derselben Nacht erfuhr man in vielen, Häusern von Joels Tod. Jemand war von der Gasse gekommen und hätte mit leiser, ernster Stimme gesagt: „Er ist sih.on gestorben." Er hatte Angst, Joels Namen zu nennen, Die Hausbewohner wären zusammengeströmt und sahen einandermit fcalbeysphrockenen Augen an. „Schon gestorben?" ,iSchon." •" -: :',-St;hon das Begräbnis gewesen?" ,: „Gewesen." Alle verstummten. < Jeder wurde nachdenklich in der plötzlich entstandenen Stille und von den wüsten Feldern glaubte man'eilige dumpfe Schritte von den Begräbnisgästen /u Kören.! : ' ,,P«st", steigerte jemand die Spannung. 1 ,Jon glaube, Stimmen..'. psst... Gerecht sei sein..." ■■ ' „Nein", sagte der von der Gasse Gekommene. ,;Das ist der Wind." Das Ohr aller aber war spitz gespannt, traurig klang ihnen: „Gerecht sei sein Angedenken..." Zehn Jüdinnen. Otto Abeles, Zehn Jüdinnen. Dr. Miaa; Präger Verlag. — In der Literatur der jüdischen Möirtyrologie finden sich markanfte EinzeHiguren, deren Lebenslauf und Tod das Wesen ihrer Epoche ausmachen. Das jüdische Individuum hat hier immer Last und Leid des ganizen Volkes zu tragen gewußt; eis hat Historiker, Chronisten und Dichter 6eit jeher zur Gestaltung solcher Figuren" gedrängt. DÜe jüdische historisierende Literatur in allen Sprachen i«t; darum reich geworden an Monographien, Einzeldarstellungen passiven Heldentums. Der Rolle, die der j ü d i s e h e n F r a u ' inj der jahrhundertelangen jüdischen Leidensgeschichte in der Gallith zufiel, wurde weniger beachtet. Darum' wird man das soeben erschienene Buch von Otto Äiböiea, „Zehn J ü d i n n e n", gewiß mit Interesse lesen, "fer versucht an Hand von Briefen, chronistischen Airfzeichnu ragen, Arartserdässen usw. "»ahn jüdische Fra'uensdiickisale zu verzeichnen, die ihm für die Haltung der jüdischen Frau im Rahmen des Regional-Kaihals typisch sind. Abelen will kein Historiker sein. Er bekennt'sich selbst als „s e h n süchtigen Di l e tta n t'en'-', ■ dein die jikliisdie Frau de.r Vergangenheit über „m a n che minder sympathische Zeitgenossen"' hinweghelfen soll, . Abeles will auch darin kein Dichter sein. Er will nicht umformen, was ihm die Chronik erzählt, will es nicht entrücken in ein Symbolhaftes. Die Dokumentproiben sollen für such sprechen. Die Jüdinnen aus Wien, Prag, Krakau, Eisenstadt, jVikoIsburg sind Beispiele absoluten jüdisch e n Heldentums. Das mit feuilletonietisoher Verve geschriebene Buch ist schon um des Materaals willen lesenswert. Die angeführte Quellenliter&tur gibt' wertvolle Hinweise dem Laien, der sich in die Märtyreigesohichte einzelner Epochen versenken will. Darüber hinaus fällt ein ganz eigenartiger Humor auf, der die düstersten Ereignisse überglänzt, als Kennzeichen der Unverwüstlichkeit des jüdischen Wesens, allerdings ein anekdotischer Humor, der eben in der Anekdote eine Zeit auferstehen: läßt. Besondere Zugetaraheit widmet der Verfasser des Büchleins „Zehn Jüdinnen" den Frauenschicksalen sedner mährischen Heimat. „Tanti Sali aus Nikolsburg" erhält ihren Glorienschein und mit ihr' zusammen erhalten alle anderen Jugenderiranerungen eine blinkende, trauliche Fassung. Hier wird das mährische Städtel zu einem reizvollen Ghettomilieu, wie wir ahm sonst nur bei den oßtjüdischen Erzählern begegnen. ~ Der Verlag Dr. Max Präger hatte diese Sittenbilder mit Geschmack aus gestattet. — r,

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