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Die neue Welt · 1931-03-20 · Heft 183 (20.3.1931) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 183 (20.3.1931)
Date
1931-03-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 183 DIE NEUE WEM Seite %!!UIII!!l!lll!!llllll!llll!llllllll!ll!l!llllll!!!lllllin!llilliuilillllll Mittwoch, den 25. März, halb 9 Uhr abends im Verbandsheim, Ii, Untere Auganenstr. 38 Jüdisches Schallplattenkonzert (Hu moristlka) Regiebeitrag 50 g m mt3>immm\mMX Joel/ der Schächter* Charakterbild aus dem Osten. Von Abraham Sack. Joel war ein Mann von nahezu siebzig Jahren, klein, mit eingedrücktem Nacken, schmalem, knochigem Gesicht, schütterem, spitzigem Bärtchen, das schon von grauen Fäden durchzogen war, zugestutztem Schnurrbart, die grauen Augen lagen tief unter der faltenreichen Stirn und machten durch ihre Schärfe erschrecken. Joel lebte davon, daß er jede Woche von der „Stadt" etwas bekam. Vor Jahren, da er sich noch wohl und kräftig fühlte, der Nacken nicht gebeugt war, die Augen noch klar sahen und die Hände noch nicht zitterten, war er Schächter im Städtchen. Und als er zur Arbeit nicht mehr taugte, bewilligte ihm die „Stadt" „etwas" jede Woche. Von Natur aus war Joel still, ein schweigsamer jüdischer Mann. Liebte es nicht, so in die Welt hineinzureden, mit irgendwem unnütz zu plaudern, niemals auch beleidigte er jemand mit einem Wort. Er klagte nicht eninmal vor irgendwem, daß er so viel Not leide und meistens nur Wasser und Brot habe. Er dachte oft darüber nach und konnte es nicht herausfinden, wie Menschen eine halbe Stunde lang über Dinge sprechen können, die keinen Sinn und kein Wesen haben. Durch die Gasse ging er immer mit außergewöhnlicher Geschwindigkeit, obwohl ihn das sehr ermüdete und ihm das Atmen schwer machte. Er ging, als fürchtete er eich, zu spät zu kommen. Wenn er ging, blickte er immer zu Boden, lillllllllllllliijillllliHlillilliiiiliiiiliillillillllillllilllllllliilllll Ich bin in die Vereinigten Staaten in einem für die amerikanischen Juden besonders schwierigen Zeitpunkt gekommen. Die Wirtschaftskrise einerseits und eine Reihe von Enttäuschungen auf politi» schem Gebiet andererseits hatten den Enthusiasmus der amerikanischen Zionisten stark herabgesetzt. Dennoch glaube ich, daß es mir gelungen ist, ihre Zuversicht wieder zu beleben und sie um das Werk für unsere nationale Wiedergeburt zu sammeln. Die Art des Sonder* g e b i e t s, auf dem der Keren Kajemcth seine Tätigkeit entfaltet, hat wesentlich dazu beigetragen, meine Mission erfolgreich zu gestalten. In der Tat stimmen alle zionistischen Parteien dahin überein, daß für einen endgültigen Erfolg der zionistischen Aspirationen der Erwerb großer Bodenflächen in Palästina unerläß« liehe Voraussetzung ist. Diesbezüglich gibt es keine Meinungsverschiedenheit. Meine Devise war daher: Wir werden immer Juden für Palästina > haben, aber wir werden nicht immer Pa« \ lästina für die Juden haben. Wenn der Bjden Palästinas in unseren Händen ist, werden wir auch 20 Passfields nicht zu fürchten haben, wenn wir aber den Buden nicht haben, werden uns auch 20 Balfours nicht helfen können. Dieser Gedanke leuchtete den Amerikanern ein und darum haben sie meinen Plan eines fünfjährigen Drives mit dem Ziele, eine Summe von 5 Millionen Dollar für den Nationalfonds aufzubringen, gutgeheißen und unterstützt. Ein beträchtlicher Teil dieser Summe wurde während meines Aufenthalts in den Vereinigten Staaten gezeichnet. Während meines Aufenthalts in den Vereinigten Staaten wurde auch der Brief MacDonalds an Dok« torWeizmann veröffentlicht. Ich teile in keiner Weise das Gefühl des Triumphes, das in ge* wissen Kreisen infolge dieses Briefes vorherrscht. Es ist zwar richtig, daß dieser Brief den durch das Weißbuch ausgelösten Eindruck äußersten Uebelwollens gegenüber unserer Sache beseitigt. Aber er ändert nichts cn dem Wesentlichen dieses Dokuments, ja verschlimmert sogar noch die Lage. Denn das Weißbuch hatte das nationale Ge* wissen der Juden der ganzen Welt aufgerüttelt. Man protestierte, man kämpfte, man hoffte. Der Brief des Premiers .hat die Besorgnisse beschwichtigt und die Wachsamkeit eingeschläfert, ohne an der wirklichen Situation etwas zu ändern. Das ist sehr gefährlich. Es bestehen gute Gründe zur Annahme, daß das britische Kabinett die Zionisten nur beruhigen wollte, um die zur Hebung der palästinensischen Landwirtschaft bestimmte 2 V* -Millionen-Pfund- Anleihe im Unterhau« durch zubringen. Die Last dieser Anleihe wird vorwiegend auf den Schultern der judischen Bevölkerung Palästinas ruhen und es ist so ziemlich sicher, daß bloß die Araber aus ihr Nutzen ziehen werden. Dieses Ergebnis muß vorausgesehen werden. Es müssen Garantien gegen eine tendenziöse Verwendung der der PaIästina*Regietung zur Verfügung gestellten Gelder gefordert werden, mit einem Wort, wir dürfen uns in keiner Weise durch die schönen Worte des Briefes MacDonalds ein schläfern lassen. Um aber kämpfen zu können, müssen die Zionisten ihre Kräfte vereinigen. Eine zionistische Einheits* front ist keine Unmöglichkeit. Wir müssen alle Erwä* gungen sekundärer Art beiseitelassen und nur das uns allen gemeinsame Endziel im Auge behalten. Der Begründer von TeUAwiw« Meir Dizengoffs?0. Geburtstag. Tel-Awiw ist heute zum Symbol des neuen jüdischen Palästina geworden. Diese jüdische Stadt hat ein Wachstum zu verzeichnen, wie es sonst nur dem unwahrscheinlichen Tempo einzelner amerikanischer Industriezentren angemessen ist. Man hat Tel-Awiw beschrieben, bestaunt, bewundert, man war skeptisch, man schüttelte den Kopf, man lästerte es sogar. Den einen war Tel-Awiw Transportierung des Ghettos nach Palästina, die anderen kritisierten es in Grund und Boden als architektonisches Unding, die dritten stellten es hin als Sitz wirtschaftlichen Parasitentums, a!s Herd unausbleiblicher ökonomischer Krisen. Es gab nicht wenige, die Tel-Awiw den bevorstehenden Zusammenbruch voraussagten. Inzwischen hat Tel-Awiw alle Krisen überstanden und kann heute auf einen 25jährigen heroischen Bestand zurückblicken. Fester denn je steht es da, nachdem es alle ungünstigen Prognosen ad absurdum geführt hat, und vereinigt in sich alles, was jüdische Schaffenskraft zu leisten imstande war. Tel-Awiw ist heute vielleicht das positivste Resultat der zionistischen Aufbauarbeit: das Wunder der rein hebräischen und modernen Stadl im Nahen Orient. Man kann ohne Uebertreibung sagen, daß alle Impulse, die dieses große "Werk ermöglicht haben, von einem einzigen Mann ausgegangen sind — vom Bürger- Liebe auf Ein pikantes Spiel von Liebe und Diplomatie nach Rudolf Lo hars und Fr iz Go tw*ilds „uie Republik be iehltw In den Haupti ollen: Arnold Korff, Olga Tschechowa Johannes R emann, Tala Birell Hans Junkermann Ur-und Alleinau.führung SCHWtD N-KiNO II. TaborstraBe l 3 — 1 e.ephon A- 47-0-60, A-49-0-6 An Wochentagen 5, 1, 9 Uhr, an Sonn und Feiertagen ab 3 U!ir J Mit Henko abends eingeweicht wird Dir Wdas Wäschen S meister Meir Dizengoff, der dieser Tage 70 Jahre alt geworden ist. Meir Dizengoff, aus Bessarabien stammend, kam zum erstenmal im Jahre 1905 nach Palästina. Schon damals kaufte er in der Gegend von Haifa Boden an und ein Jahr später entstand in ihm der Gedanke, mit einer Schar von Freuden auf den Sanddünen nördlich Jaffas am Meeresufer eine städtische Siedlung zu errichten. In diesem Jahre legte er den Grundstock zur jüdischen Stadt Tel-Awiw, deren erste Blütezeit nach der Eroberung Palästinas durch die Engländer einsetzte. , , Dizengoff war der erste Bürgermeister Tel- Awiws. in seiner ersten Aera bis zum Jahre 1925 wurde durch seine Initiative alles geschaffen, was heute den Stempel der j ü d i s c h e n Stadt trägt. Die Verschiebung der politischen Verhältnisse hatte für eine Legislaturperiode die Eliminierung des verdienstvollen Mannes vom Amt des Bürgermeisters zur Folge. Er wich den Vertretern der sozialistischen Arbeiterschaft, die dem vernünftigen erfolgreichen Administrationssystem des Begründers von Tel-Awiw sich widersetzet» zu müssen glaubten, um bald wieder nach dem Fehlschlagen der gegnerischen Methoden an .die Spitze der Stadtverwaltung zu treten. Dizengoff ist wieder Bürgermeister seiner Stadt, unserer Stadt. Dizengoff theoretisiert nicht viel, er ist ein Mann der Tat. Seine jüngste Schöpfung ist das jüdische Kunstmueeu m, das, wie wir bereits berichtet haben, den verschiedensten Zweigen künstlerischen Schaffens als Heim dienen soll. Dizengoff selbst hat zu diesem Zweck seiner Stadt Tel-Awiw sein Haus gestiftet. Die Schaffensperiode des Bürgermeisters Dizengoffs ist noch lange nicht abgeschlossen. Der 70jährige Mann sieht sich noch vor große Aufgaben gestellt, zumal Palästina gerade heute wieder bedeutungsvollen politischen Spannungen entgegensieht, denen nur Tatmenschen vom Format Dizengoffs gewachsen sind. Der Jischuv und die ganze jüdische Welt blicken mit Vertrauen und Dankbarkeit auf den Mann, der ein Stück jüdischer Geschichte in Palästina verkörpert. Brutale Reaktionäre und Bei uns und bei anderen. 1. „Ich bin ein entschiedener Pazifist, ab„r ich liebe die Armee; auch wenn es keinen Krieg mdir geben würde, werden die zwei militärischen Haupttugenden bei keinem ganzen Mann überflüssig sein: Zucht und Ta p f e r k e i t. Wenn ich den Frieden will, so bedeutet es nicht, daß ich widerstandslos den Angriff hinnehme; im Gegenteil: ich will den Frieden Es befiel ihn nie die Lust, bei einer Runde stehen zu bleiben und mit hinzuhören, als hätte er nichts mehr zu erwarten. Lud ihn jemand zu einer Feier ein, so lehnte er für gewöhnlich nicht ab, kam aber immer als Letzter und sprach auch dort mit niemand, und wenn er sah, daß die Feier zu Ende gehe, so trat er rasch auf den Gastgeber zu, sagte rasch einige abgehackte Worte und verließ als Erster'die Feier. Jeden Vorabend kam er in das alte kleine Beth Hamidrasch und blieb dort bis spät in die Nacht. Auch im Beth Hamidrasch pflegte er, wie es seine Art war, mit niemand zu sprechen, saß für sich und abgesondert im Misrach-Winkel und lernte seinen Talmud-Abschnitt, lernte es in sich hinein mit sonderbaren Brummtönen. Fragte ihn jemand nach irgend einer falmudstelle, so antwortete er kurz und trocken, so daß der andere ein nächstesmal nicht mehr frrgte. Jeden Donnerstag hatte er die ganze Nacht die Aufsicht über das kleine Beth Hamidrasch, gewöhnlich allein, saß die ganze Nacht auf seinem gewöhnlichen Platz wie angeschmiedet, vor dem dunklen Schein einer Talgkerze. Das Beth Hamidrasch ist in finstere, drückende Trauer gehüllt. Ueberall auf dem Fußboden, an den Wänden und an der Decke breiten sich schwarze, düstere Schatten aus, die sich langsam bewegen. Die schwarzen Löcher in der Wand der Weiberschul sehen wie Augen von Raubtieren aus und erschrecken durch ihr Grauen. Eine riesengroße Einsamkeit erfüllt dann Joels Herz. Noch größer war die Einsamkeit der Donnerstag- Nächte für Joel im Spätherbst. Ein* verwaister Wind zerrten am zerfressenen Schindeldach des Beth Hauvidrasch, strich durch die Fenster, löschte das kurzatmige Flämmchen aus, das sich wie im Fieber hin und herwarf, Regentropfen klopften monoton an die Scheiben und von fernher ertönte melancholisches Hundegebell. Da stahlen sich traurige Gedanken in Joels Hirn. Wenn Hunde bellen, so ist der Todesengel in der Stadt, erinnerte er sich. Und um die Gedanken zu vertreiben, beginnt er laut zu lernen. Es klang wie geheime Furcht durch die Luft, „tanu rabban... es lehrten die Rabban. sagte er laut, dachte aber an sein Elend, daß er ohne ein Kind in der Welt sei... sterben wird er, ohne daß ihm jemand die Augen zudrückt, niemand wird Kaddisch nach ihm sagen, niemand ein Seelenlicht anzünden, niemand ihm einen Grabstein stellen, niemand eine Träne vergießen auf seinem Grab ... das Gedächtnis an ihn wird für immer verlöschen... Er pflegte zu grübeln, warum Gott gerade ihn mehr gestraft habe als andere, und wenn gestraft, lieg* wahrscheinlich Sünde auf ihm... hat ihm Gott Weib und Kind genommen. Vielleicht hat er wirklich gesündigt, vielleicht hat er Böses getan, wer weiß. Er pflegte sich in viele Einzelheiten seiner langentschwundenen Jugendjahre zu vertiefen, da das Herz noch jung war und das Blut noch brauste... Dumm, vielleicht hat man ihm schon damals die Sünden vermerkt, und legte er sich Rechnung über sein Leben ab, so pflegte ein Gedanke sein Herz zu bedrücken, den er tief im Herzen zu ersticken 6ich bemühte. Ihm schien, daß sich der Faden der Sünde aus jener Zeit her ziehe, da er Schächter war... Er hat hunderte Leben abgeschnitten, Gottes hilflose Geschöpfe, die lebten und atmeten, ihnen hat er das Leben geraubt, das Vieh im Stall jammerte und klagte nächtelang, weil er ihre Kinder umgebracht hatte.

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