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Die neue Welt · 1931-03-13 · Heft 182 (13.3.1931) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 182 (13.3.1931)
Date
1931-03-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 182__ ... gnädige Frau, in meinen Schaufenstern sehen Sie viel deutlicher alle Sorten Bett« federn und Daunen ... Feld, XVI., Neulerchenfelderstraße 28 BetHadernreiniflung tu jmder Tag**fit Die französischen Juden sind besorgt. Paris, 8. März. (J. T. A.) Die Absetzung des Stückes „Die Affaire Dreyfus" von Jacques Richepin vom Spielplan des Ambigu-Theaters erfolgte bekanntlich auf Weisung des Pariser Polizeipräfekten. Es verlautet, daß sieh die Pariser Polizei zu ihrem Schritte infolge der Androhung von Gewaltakten seitens der rechtsgerichteten Kriegsteilnehmer- Organisation „C r o i x de Feu" (Feuerkreuz) entschlossen hat. Die Allgemeine Kriegsteilnehmer- Organisation Frankreichs veröffentlicht eine Erklärung, in der sie entschieden von der Stellungnahme der Organisation „Croix de Feu" abrückt. In den Kreisen der französischen Judemheit herrscht über den Ausbruch antisemitischer Leidenschaft anläßlich der Aufführung des Dreyfus-Stückes, der zu ähnlichen antisemitischen Demonstrationen geführt hat, wie sie in Deutschland anläßlich der Aufführung des Films „Im Westen nicht Neues" stattfanden, allgemeine Bestürzung. Es wird befürchtet, daß die Nationalisten, ermutigt durch die Kapitulation der Behörden vor der Straße, nunmehr auch auf anderen Gebieten versuchen werden, ihren Forderungen durch Gewaltanwendung Nachdruck zu verleihen. Der «judisdie» Memdiewikenprozeß in Moskau* Im Verlauf weniger Monate hat Moskau seinen zweiten politischen Sensationsprozeß gehabt. Der Industrieprozeß und der Menschewikenprozeß bildeten für Leute, die gerne über Politik grübeln, den Rahmen mehr oder weniger interessanter Kombinationen, die sich so ziemlich alle um den berühmten Fünfjahrplan Stalins gruppierten. Als seinerzeit der große Kradi mit Trotzky in Moskau viel Lärm erzeugte, mußte man wohl oder übel, da sonst keine plausiblen Anhaltspunkte für den Bruderzwist im Bolschewikenhaus vorhanden waren, manchmal mit dem Motiv „Antisemitismus" operieren. Das fiel aber wieder ins Wasser, als der Kampf gegen die rechte Opposition einsetzte, bei der die jüdische Note nicht so klar auf der Hand lag. Die eine Zeitlang herrschende Vermutung, daß Judenfrage und Antisemitismus auch in Sowjetrußland Triebkräfte zu politischen Kalamitäten seien, versickerte. Auch der Industrieprozeß stand nidit im Zeichen einer möglicherweise vorhandenen antisemitischen Färbung. Daß das russische Judentum in den 13 Jahren der Bolschewikenherrschaft atomisiert, ausgepowert, zerrissen wurde, daß im weiten, großen Rußland jede positive jüdische Regung brutal niedergeschlagen wurde, daß Zionisten zu Hunderten verschleppt und eingekerkert wurden, daß ein frivoles Spiel getrieben wurde mit dem grenzenlosen Elend der jüdischen Massen in Form von Kolonisationsexperimenten an der Grenze der Mandschurei, all das war nicht imstande, bei den Grüblern über die Sowjetrepublik die Ueberzeugung zu wecken, es gebe im heiligen Lande des Sozialismus einen Antisemitismus. Der Jude/ der aus dem Reisen nicht herauskommt* Humoreske von Tunkeier. Er fährt nach Amerika. Vor etlichen Jahren begegnete ich ihm in der „Hias". Ein zerstreutes Menschchen, ein kleines, ein hageres, mit einem Gesicht, auf dem mehrere Berufszweige ausgeprägt waren. Die Stirn eines Tempelweisen, Nase und Mund eines Schneiders und das Bärtchen eines abgewirtschafteten Krämers. Die ganze Figur hat sich bewegt wie auf Rädern. Die Hände haben in der Luft geschwebt, die Augen irr herumgeschaut, der Hut nach rechts verschoben, das Halstüchel nach links und das Bärtchen — nach allen Windrichtungen. Alles ist aus der Fasson geraten. Ich bin mit ihm in ein Gespräch gekommen und habe ihn gefragt, was er da tut. Er hat mit beiden Händen eine fahrige Bewegung gemacht wie mit den Flügeln eines Aeroplans und mit einer Zunge, die im Galopp läuft, gesagt; „Man fährt! ... Ich fahr, fahren, fahren, nichts als fahren! . . . Solch ein Mensch bin ich. Ich halt nichts von dem Spruch .Aschre joischwe wesecho' (Der da sitzt in seinem Hause), ein Jude muß fahren." „Wohin also fährt ein Jude?" „Wohin ein Jude fährt? Nach Amerika. Ich rechne damit, daß ich mich mit Gottes Hilfe sofort nach Hawdala auf die Fahrt nach Amerika begebe, über Danzig and von dort gleich nach New York. Vielleicht wißt Ihr, _DIE NEUE WELT_ Vielleicht wird es jetzt anders werden, wenn man den Menschewikenprozeß etwas genauer betfachtet. Dieser ist nämlich schlankweg ein jüdischer P,r o z e ß. Ein jttdisAet Prozeß, der nicht wie sonst zionistische, jüdischnationale Marke trägt, aber immerhin jüdische, nämlich jüdischsozialistische b u n d i- 81 i s c h e. Unter den angeklagten Menschewiken befinden sich die sieben Juden in der Mehrzahl; man sieht die Bundisten Lazar Salkind, Abrain Ginsburg, Boris Berlatzky, Mose Teiteltöattttt, Aron Sokolowski (der ehemalige Führer der Ziottisten-Sozialisten) usw. Der ganze Prozeß drehte sich ferner noch um einige im Ausland lebende jüdische Bundisten, darunter hauptsächlich um den Bundistenführer Abramo witsch, den bekannten Vertreter der russischen Menschewiken in der II. Internationale, in deren Mitte er allerdings nur gegen den Zionismus kämpft. Also es ist ein Prozeß gegen den jüdischen Bund. Und wir gehen nicht fehl in der Vermutung, daß dieser Prozeß wohlüberlegt und mit Vorbedacht von den Bolschewikenführcm gerade jetzt in Szene gesetzt wurde. Der Bund ist nämlich außerhalb Rußlands, in Polen, eine verhältnismäßig starke jüdische Arbeiterorganisation. Nach langem Schmollen, radikalem Getue, nach langer Mitgliedschaft in der inzwisdten flötengegangenen 2V2. Internationale ist der Bund der Werbung des Herrn Dr. Friedrich Adle r, des Sekretärs der II. Internationale, glatt erlegen. Er ist mit fliegenden Fahnen übergelaufen in die Organr 4on der „Sozialverräter" und „Sozialfaschisten", wie Moskau sie nennt, d. h. wie die III. Internationale die II. Internationale betitelt. Wurde bis jetzt in Sowjetrußland de Zionismus ausgerottet, so geht es jetzt den jüdischen Sozialisten an den Kragen. Also, Judcnfiage und Antisemitismus spielen immerhin eine Rolle in der Sowjetrepublik. Der Zionismus ist ausgerottet, die Jewsekzia eingegangen, das Jiddisch wird „reformiert", die Assimilation nidit mit Glacehandschuhen betrieben und der letzte Rest eines jüdischen Sozialismus, der ßundismus, gründlidi ausgeräuchert. Der Sinn dieses Menschewikenprozesses liegt klar zutage. Sin Sprech- und Musikfilm Neben GROCK wirken mit: LIANE HA O BETTY BIRD, PAUL HÖR8IGER, MAX VOfc. EM IDEN, HARRY HARDT, JÜ.IUS FALKENSTfc .* Beglückendes Wirken eines fcenies der Komik, brausendes Qe ächter... __ „Berliner Tageblatt'* GARTENBAU-KINO, I. STAFA-KINO, VII. KOLOSSEUM-KINO. IX. Verleih Deutscher Tonfilme Leopold Barth & Co. ■EBPBMBBMBMMBMBaBMeMeMMMBM^ wann der Zug nach New York geht, will sagen Danzig? Und vielleicht werde ich fahren über Cherbourg, und dann fahr* ich mir über Tschechoslowakien und Krim und Paris und Frankreich. Ihr glaubt etwa, Frankreich ist schlecht? Keine Spur, nur eine Unannehmlichkeit ist da, daß Frankreich ein Land ist, so groß wie ein Gähn', man kann sich nicht umdrehen, vom Fahren schon nicht zu reden! Ganz anders Amerika! Bin ich New York überdrüssig, mach* ich mir eiuen Sprung nach Chikago, Brooklyn oder Cincinnati, Bronx oder Baltimore. Oder ich mach* mir eine Luftfahrt nach Philadelphia oder ich leist* mir einen Ausflug sogar bis Kalifornien . . . Mir liegt Kalifornien wie angemssen. Mein Klima und meine Natur. Und dann die Ströme mit den Bergen, mit den Wäldern und mit den Gärten — ein Paradies des Paradieses — Sie sollten sich das anschauen. Ich begreif gar nicht, wie ein Mensch irgendwo anders leben kann als in Kalifornien." „Sind Sie schon einmal in Kalifornien gewesen?" „Gott bewahre, vorläufig wohne ich in Warschau, in der Schmalen Mühlgasse, Hausnummer 37, Türnummer 49. Nur für den Fall, daß ich nach Amerika fahre, möchte ich auch nach Kalifornien, einfach deswegen, weil man von dort nach Mexiko und nach Kuba fahren kann und nach Venedig und schließlich und wirklich bis nach Japanien hinein. Weswegen, das ist doch mit Händen zu greifen. Sie glauben etwa, Japanien ist ein schlechtes Land? Ein solch gutes Jahr auf mich, was man dort für ein Leben aufstecken kann mit Reis, Kukuruz und Harikiri . . . Schade nur, daß das Land kein Meer bat, das ganze Terrain Japanieus ist lauter Seitef Der bedrohte §ahhat* Kalenderrcforni. — Die Sorgen der Sabbatfreunde. — Der gefährliche Blankotag. — Hilfe von Italien. Ueber Veranlassung des Völkerbundes werden jetzt in allen Ländern Vorarbeiten für die Reform des Kalenders getroffen. Er soll vereinfacht werden. Insbesondere soll erzielt werden, daß die Feiertage in allen Jahren das gleiche Datum tragen, ebenso die einzelnen Wochentage. Als Mittel haben die meisten Ländervertreter den sogenannten Blankotag vorgeschlagen, einen Tag ohne Datum und Namen. Damit verhält es sich so: Daß das Jahr nicht 564 Tage 52 Wochen, sondern 365 und im Schaltjahr 366 Tage hat, ist bekanntlich die große Frage, man kann sagen die große Verlegenheit, vor der die Kalenderreformer stehen. Diese Schwierigkeit zu lösen, ist man auf den Gedanken gekommen, den 365., bzw. den 365. und den 366. Tag in der Zahl der Tage gar nicht mitzurechnen, ihren Wochentagsnarnen einfach auszulöschen und sie als Blnnkotage zu bezeichnen. Der englische Vertreter Mr. B a 1 d w i n nannte in der 13. Session der Verkehrs- und Transitkommission des Völkerbundes im März 1929 diese Lösung völlig gedanken- und sinnlos. In der Tat zeigt eine kurze Ueberlegung, daß die Einsetzung eines Blankotages zu untragbaren Konsequenzen führen würde. Als Blankotag soll ein bestimmter Tag in der Mitte oder am Endo jedes Jahres bezeichnet werden. Fällt der Blankotag z. B. auf einen Montag, so soll demnach in der neuen Kalenderära mit Blankotag erst der ihm folgende Tag, der bisherige Dienstag, als Montag gelten. Damit wird das Gefüge der seit den ältesten Zeiten in ununterbrochenem Laufe dahinfließenden Woche gelöst, die bisher festliegenden Tage ändern ihren Platz in der Ordnung der Woche und das Wochenende wird in jedem Jahr verschoben. Für die Juden hätte diese Reform zur Folge, daß der Sabbat in einem Jahr auf den Montag, im nächsten auf den Dienstag, kurz, jedes Jahr auf einen anderen Tag des bürgerlichen Kalenders fallen würde. Die Einhaltung der Sabbatruhe legt den frommen Juden schon genug Opfer auf. Die Reform durch Einführung des Blankotages würde die Schwierigkeiten ins Unerträgliche steigern. Geschäft und Arbeit mitten in der Woche, noch dazu an verschiedenen Tagen, ruhen zu lassen, müßte wohl schweren Schaden und größte Verwirrung stiften. Die Organisation der jüdischen Sabbat-Hüter (Schomre Schabbos) ist gegen den Blankotag natürlich Sturm gelaufen. Sie hat bei allen in Betracht kommenden Stellen Protest eingelegt Sie hat die vom Leiter der Insel. Ich verabscheue ein Land ohne Meer. Jedes Land soll ein Meer haben, wenn nicht, dann ist's gar nichts wert. Und deswegen fahre ich ja just nach Amerika, weil ich auf dem Meer bin wie bei mir zu Haus', genau wie in meinem Bett, und ein Schiff — das ist mein Leben. Das Schiff spaziert sich übers Meer, die Wellen schlagen Himmel und Wasser, Stürme, schreckliche Meerfische jagen daher, dich zu verschlingen, and Wassernixen singen. Ein Wunder die Musik, die auf dem Schiff spielt. Auf jedem Schiff spielt die Musik, um den Gesang der Wassernixen zu übertönen, die dich einfangen wollen in den Abgrund des Meeres . . „Sind Sie schon einmal gefahren auf einem Schiff?" „Vorläufig noch nicht, ich bin bisher überhaupt noch nie gefahren. Vorläufig bin ich gefahren mit einer Tramway, aber ich habe genug herumgefragt und herumgehört . . . Nun, nehmen Sie mir's nicht übel. Ich habe keine Zeit, mit Ihnen herumzustehen. Ich hab' für mich so viele Wege! Es fehlt mir noch ein Paß, ein Visum, eine Schiffskarte und Geld. Einen Reisekorb hab' ich schon. Ich bin schon über alles informiert Ich muß nur noch herausfinden, wann der Zug von New York nach Chikago abgeht Nun, einen guten Tag wünsch' ich. In zwei Wochen herum werde ich schon dort sein, weit, im goldenen Ameritschka, adje . . ." Er tat eine Bewegung mit den Händen wie eine Windmühle und war verschwunden. Er fahrt nach Erez IsraeL Ein zweitesmal traf ich ihn im Palästina-Amt. Dasselbe Männchen mit demselben zerstreuten Gebaren, demselben zerfahrenen Gesichtsausdruck. Ich hielt ihn an.

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