Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 181 (6.3.1931)
- Date
- 1931-03-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 181 DIE NEUE WELT Seite § klassizistischen Auffassung des früheren 19. Jahrhunderts «eigen einfache und schmucklose Gliederung, die nur im Erdgeschoß etwas reicher bedacht ist; der ganze Bau tritt in seiner fast einsamen Größe an dieser belebten Stelle sehr vorteilhaft hervor. Das Bankhaus wurde in den Jahren 1810 bis 1812 errichtet Es steht auf dem Grund und Boden, der den Eingangspunkt für die alte Judengasse, die heutige Börnestraße, bildete. Amschel Mayer Rothschild hat den Umzug in das neue Haus an der Fahrgasse im Spät» herbst 1812 wahrscheinlich nicht mehr erlebt. Die Israliti* sehe Gemeinde will in den beiden Rothschildhäusern neue .Räume für die Gemeindeverwaltung schaffen, die Bibli o» t h e k durch einen Lesesaal erweitern, Sitzungszimmer gewinnen und auch das Museum, dessen Grundstock Erinnerungsstücke an Familie Rothschild bilden, ver« größern. Man will dabei die Pietät walten lassen, die Frankfurt dem Hause Rothschild schuldet, dem es neben anderem auch einen Teil seines Aufstiegs und seines Glanzes im 18. und 19. Jahrhundert zu danken hat. Ein amerikanisch-jüdischer Patriot. New York, 28. Februar. Am 24. Februar fand in New York die Landeskonferenz des H a y m»S a 1 o m o n*Dcnk* malkomitees statt, auf der beschlossen wurde, die Grund« steinlegung für das Haym*Salomon»Denkmal am 4. Juli, dem Tage der amerikanischen Unabhän« gigkeitsfeier, vorzunehmen. Präsident Hoover hat an die Konferenz folgendes Schreiben gerichtet: „Die edlen und selbstlosen Dienste Salomons verdienen die ewige Dankbarkeit aller Amerikaner. Die Unter« Stützung durch sein finanzielles Genie war von entscheid dender Bedeutung im revolutionären Kampf und es ist daher durchaus am Platze, daß die Erinnerung an diese Dienste durch ein dauerndes Denkmal festgehalten werde." Haym Salomon, der im Jahre 1740 in Lissa in Polen geboren wurde und seine Heimat nach der Teilung Polens im Jahre 1772 verließ, war der erste jüdische Einwanderer aus Polen, der sich in Amerika nieders ließ. Er schloß sich den amerikanischen Frei« heitskämpfern an und wurde im September 1776, bald nach der Besetzung New Yorks durch die Engländer, als Spion verhaftet und ins Gefängnis ge# w o r f e n. Ein Bericht des Senatskomitees der Vereinig* ten Staaten aus dem Jahre 1850 erwähnt die großen Dien« ste, die Salomon der Regierung durch Anleihen für den Unabhängigkeitskampf in einer Zeit geleistet hat, da Geldmittel zur Fortführung des Kampfes von entscheiden« der Bedeutung für den Enderfolg waren. Im Jahre 1925 beantragte das Mitglied des Repräsentantenhauses M o o n e y im Kongreß die Errichtung eines Denkmals für Hayna Salomon. In der Begründung des Antrages wurde darauf hingewiesen, daß Salomon der Regierung und der Armee in der kritischesten .Periode über 700.000 Dollar zur Verfügung gestellt hat, eine Summe, von der er k ei nen Dollar Kapital oder Zinsen zurück« erhielt, so daß er, der früher ein reicher Mann gewesen war, infolge seines Patriotismus völlig verarmt gestorben ist. Die Geheimakten zur Dreyfus-Affäre sollen veröffentlicht werden. Paris, 28. Februar. (J. A. T.) Das französische. Außenministerium, das sich bisher nachdrücklich geweigert hat, in die im Archiv des Ministeriums befindlichen Akten zur Affäre Dreyfus Einsicht zu gewähren, hat sich nunmehr auf Grund von Vorstellungen, die die Liga für Menschenrechte bei Briand erhoben hat, entschlossen, die Archive zu öffh e n. Es wird erwartet, daß die in diesen Archiven befindlichen Dokumente im Zusammenhang mit Enthüllungen auf Grund der kürzlich erfolgten Oeffhung der ' russischen Archive Licht in die bisher unklar gebliebenen Seiten der Dreyfus-Affäre bringen werden. Eine neue Tageszeitung in Palästina? Jerusalem, 26. Februar. Am 21. Februar ist die hebräische Tageszeitung „Doar Hayom", die eine Zeit* lang das Organ der Revisionisten PalästIna;s war, wieder unter der Leitung von Ittamar Bein A wi, der das Blatt im Jahre 1918 gegründet hat, . er* schienen. .7 Es verlautet, daß demnächst eine neue Tages* zeitung als Organ der Revisionisten, die aus den Wahlen zur Assefath Haniwcharim als zweitstärkste Partei hervorgegangen sind, herausgegeben werden soll. Gegenwärtig gibt es in Palästina drei hebräische Tqges* Zeitungen: „D o a r H a y o m", „D a w a r", das Organ; der Arbeiterpartei, und „Haarez", die den Standpunkt der Allgemeinen Zionisten vertritt. Außerdem erscheint in Palästina eine jüdische Tageszeitung in engJU* scher Sprache „The Palestine Bulletin", die von der Palestine Telegraphie Agency, der palästihen* stechen Zweigstelle der Jüdischen Telegraphen*Agentur, herausgegeben wird. Ein Konflikt zwischen Regierung und katholischer Kirche wird auf dem Rücken der Juden ausgetragen. ' Kowno, 28. Februar. (J. T. A.) Die katholische Kirch ein Litauen steht seit einiger Zeit in einein Konflikt mit der Regierung. Um die Regierung in Ver* ruf zu bringen, wird von der Geistlichkeit das Gerücht ausgesprengt, daß die Haltung der Regierung auf jü d'i* , sehen Einfluß zurückzuführen sei. Infolge dieser Ge* i rüchte verbreitet sich im Lande eine gefährliche antisemitische Stimmung. Geistliche verteilen Flugblätter, in denen behauptet wird, die Regierung ver« suche, die Christen zu zwingen, ihre Hochzeitszere« monien durch Rabbiner vollziehen zu lassen, ferner, daß die Regierung den Juden große Subventionen gewähre, so daß die Rabbiner weitaus höhere Gehälter beziehen können als die katholischen Geistlichen, und daß die Juden als Kompensation hiefür der Regierung Spionagedienste gegen die Geistlichkeit leisten. Der jüdischen Oeffentlichkeit hat sich, da man allge« mein fürchtet, diaß diese Propaganda zu antisemitischen Ausschreitungen führen könnte, heftige Erregung bemäch« tigt. Der Leiter des Polizeidepartements hat gegenüber dem JTA.*Vertreter die Versicherung abgegeben, daß die Behörden sich der von dieser Propaganda ausgehenden Gefahr bewußt sind und Maßnahmen zur Verhütung von Unruhen getroffen haben. Ebenso wird im Innenmini« sterium eine Aktion vorbereitet, um die antisemitische Agitation zum Stillstand zu bringen. Hitler-Bewegung auch in Argentinien? München, 28. Februar. (J. T. A.) ..Völkischer Beobachter" meldet aus Buenos Aires, 24. Februar: Am Montag veranstalteten die Anhänger Hitlers unter den Deutschen Argentiniens eine Versammlung in Buenos Aires, zu der sich Tausende von Volksgenossen eingefunden hatten. Die Versammlung bildete den Auftakt zur Gründung einer nationalsozialistischen Bewegung unter der deutschen Bevölkerung in Argentinien. Hitler und Goebbels dürfen nicht nach Skandinavien kommen. Berlin, 28. Februar. Aus Stockholm wird telegraphiert: Die von der schwedischen Nationalsozialistischen Partei geplanten Massenkundgebungen in Stockholm unter Teilnahme von Hitler und Dr. Goebbels dürfen nicht stattfinden. Der Polizeipräsident von Stockholm hat nämlich als Antwort auf ein Schreiben des Rcichsparteileiters der Nationalsozialisten mitgeteilt, daß die Purtei nicht mit einer Genehmigung eines Ersuchens um Teilnahme ausländischer Redner rechnen kann. In Kopenhagen hat man Vor einiger Zeit Herrn Dr. Goebbels ebenfalls; die Einreisegenehmigung verweigert. <■ Antisemitischer Stutiti an der Universität fünfkirdien- Budapest, 27.^Februar. Aus P6cs (Fünfkirchen) wird gemeldet: Vor kurzem entstand im Apollo«Kino während einer Vorführung des Landes*Filmrcklamebüros zwischen c h r i st Ii iih e-n und j ü d i's chen Uriiversi* tätshörern ein Konflikt, ider . bald tumultüarische Formen annahm. Die Polizei stellte aber nach kurzer Zeit die Ruhe wieder her und die Vorführung konnte ihren ungestörten. Verlauf nehmen. Offenbar im Zusammenhang' mit' diesem Zwischenfall forderte heute vormittags im Zcrit:ralge* Baude der Universität eine größere Gruppe von Hoch* Schülern die jüdischen Hörer der Medizin zur Legitimierung auf, wobei es zu überaus erregs ten Szenen kam. Gegen Mittag zog eine inzwischen auf etwa 100 bis 150 Köpfe angewachsene Gruppe in das Anatomische Institut, wo in der Vorhalle die dort ein« treffenden jüdischen Hörer gleichfalls zur Legitimierung aufgefordert wurden. Die provozierten Studenten leisteten aber Widerstand, worauf sie von den Angreifern, mit Stöcken insultiert wurden. Demi Tumult be« reitete der Vorstand des Anatomischen Instituts Profes* sro Dr. Entz ein Ende, der #ie Nichtmedizincr energisch hinauswies, die Renitenten legitimieren, ihnen die-Stöcke abnehmen ließ und schließlich dem Rektor Professor Dr. Bozoky von dem Vorgefallenen Meldung erstattete. Der Rektor suchte um polizeiliche Bereitschaft an. N a c b dem die Polizei das Anatomische Institut besetzt hatte, wurden die Tore um I LThr nachmittags geöffnet und die jüdischen H,ö;rer konnten abziehen. Beim Rektor erschienen namens der jüdischen Hörerschaft die Studenten Franz Fqdor und Ladislaus Guttmann, um sich über die ihnen zugefügte Unbill zu beschweren. Der Rektor nahm die Beschwerden der beiden Studenten zu Protokoll und versprach, gegen die Ruhestörer in der energischesten Weise vorzugehen. Am Nachmittag richtete der Rektor an die Universitätsjugend einen Aufruf, worin er sie vor vetteren Ruhestörungen warnte, da er sonst gezwungen wäre, die Universität schließen zu lassen. Budapest, 28. Februar. (I. T. A.) Obwohl der Rektor bei Wiederholung der Unruhen mit der Sperrung der Universität gedroht hatte, w i e d e r h o 11 e n s i c h T a g s darauf die abstoßenden Szenen, bei welchen einzelne jüdische Studenten von einer vielfachen Uebermacht angegriffen und niedergeschlagen wür» den. Ein jüdischer Universitätshör.er suchte mit dem Rufe „Ich erschieße jeden, der mich anrührt!" sich seine Peiniger vom Leibe zu halten. Er konnte schließlich nur durch das Universitätspersonal vor schwersten Mißhand* hingen geschützt werden. Die Unruhestifter hatten sich besonders in den Instituten der ärztlichen Fakultät einge* nistet. Der Rektor sah keinen, anderen Ausweg, als die Sperrung der Universität für zwei Tage zu vertilgen. &>iufiteA etcU das mit dem Zeichen der streng rituellen Erzeugung versehene Kunerol. Das Verschluftsiegel bürgt Ihnen dafür, daß Kunerol von jedem Streng' glaubigenohne Bedenken genossen werdenkann. Kunerol ist reines Kokosnußfett und kann sowohl zur Zubereitung von Milchspeisen als auch zur Zubereitung von Fleischspeisen verwendet werden. ÜNER0L 100# REINES KOKOSNUSSFETF Kunerol ist nur echt in Originalpackung! Vor täuschenden Nachahmungen wird gewarnt! Vier jüdische Kandidaten, die gestern den Doktortitcl hätten erhalten sollen, wur« den bedroht, so daß sie zur Promotion in der Universität nicht erscheinen konnten. Es wurden nur Nicht juden promoviert, während die Pr-omotion der jüdischen Kandidaten erst im nächsten Monat eTfol« gen soll. Vier verletzte jüdische Studenten haben sich beim Rektonitsamtc gemeldet. Ihre Beschwerden wurden zu Protokoll genommen, das Verfahren zur Feststellung der Angreifer wurde eingeleitet. — Am Abend fand vor der Redaktion des „Pe c s i N a p 1 o" eine Kundgebung statt, wobei sämtliche Fenster der Redaktion und der Druckerei eingeschlagen wurden. Die Demonstration er« folgte, weil ein Mitarbeiter dieser Zeitung einigen Buda* pester Blättern Berichte über die Studenten» unruhen gesandt hatte. * Budapest, 1. März. Wie aus Pees (Fünfkirchen) be# richtet wird, erklärte der Rektor der Universität Dr. G e z a von Bozoky, er habe im eigenen Wirkungs« kreis alles unternommen, um der Unruhen Herr zu wer* den. Die Studentenschaft habe offenbar den Sinn der be* anstandeten Reklamevorführung (die antisemitische Stu* dentenschaft demonstrierte bekanntlich dagegen, daß auch ein Bild aus einer Veranstaltung der jüdischen Mensa, a'cadcmica gezeigt wurde) mißverstanden, und, als die Bewegung bereits ausgebrochen war, konnten die amtlichen Aufklärungen nicht mehr mit der gebotenen Raschheit in alle Kreise der Studentenschaft gelangen. Außer diesen Besänftigungsversuchen des Rektors haben die Leiter der kameradschaftlichen Organisationen in einem gemeinsamen Manifest die Studentenschaft darauf aufmerksam gemacht, daß sie volle Genugtuung (1) erhalten habe, es sei deshalb Pflicht, die weiteren De« monstrationen sofort einzustellen. Das ist bis jetzt nicht geschehen. Der Rektor erklärte, falls die Studenten mit den Demonstrationen fortfahren sollten, werde er von der ihm erteilten Ermächtigung Gebrauch machen und nicht nur die Universität, 'sondern auch sämtliche Stu* denten=Wohlfahrtseinrichtungen schließen. Vorläufig bleibe die Universität bis 2. März g e* schlössen. Ein neuer Paradeprozeß in Moskau. — Unter 14 Angeklagten?■ ehemals führende jüdische Sozialisten. Moskau, 27. Februar. (J. T. A.) Am 1. März beginnt in Moskau der vom Obersten Staatsanwalt Kry- Icnko vorbereitete Prozeß gegen 14 ehemalige Sozia'ldemokraten (Menschewiken) und Angehörige der jüdischen Arbeiterpartei „Bund", die sich laut der Anklage zu einem „Unions-Büro" zusammengeschlossen haben sollen, um mit Hilfe ausländischer Verbindungen eine Intervention gegen die Sowjetmacht herbeizuführen und das innere Leben der Sowjetunion zu desorganisieren. Die Organisation, die mit der Industrie- Partei und der Sozialrevolutionären Kosakengruppe Tschajanoff und Kondratjeff in Verbindung gestanden haben soll, strebte gemäß der Anklage die Wiederaufrichtung der kapitalistischen Verhältnisse in der Sowjetunion an. Dem „Unions-Büro" wird in der Anklage auch eine „organisatorische Verbindung mit den herrschenden Kreisen der westeuropäischen Bourgeoisie, insbesondere die Verbindung der Menschewiken mit führenden Kreisen der Zweiten Internationale nachgesagt. Unter den Angeklagten befinden sich das frühere Mitglied des Sowjetwirtschaftsrates Abram Ginzburg, der bekannte Volkswirtschaftler Lazar Zalkin d, der Volkswirtschaftler Boris Berlatsky, das frühere Mitglied der Staatsbank Mosei Teitelbaum, i