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Die neue Welt · 1931-02-27 · Heft 180 (27.2.1931) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 180 (27.2.1931)
Date
1931-02-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 180 DIE NEUE WELT baren Folgen einer Mißhandlung bedeuten und sprach de« Angeklagten frei. Ein weiser Richter! Ein gerechter Richterl „Kusch, Jud!" und Faustschläge gegen ein Juden« gesicht sind billige Vergnügungen — in Wien. Der Hauptausschuß der „Deutschen Studentenschaft" für Numerus clausus. Berlin, 21. Februar. Auf der Hauptausschuß* Sitzung der „Deutschen Studentenschaft" wurde der Beschluß gefaßt, daß sich in nächster Zeit alle Einzelstudentenschaften mit dem Problem des Numerus clausus „auf Volksdeutscher Grundlage" be< schäftigen sollen. Durch diesen Beschluß werden also alle Mitglieder der Deutschen Studenten* schaft verpflichtet, sich hinter die antisemitische Parole: Ausschluß jüdischer Studenten vom Hochschul* Studium zu stellen. Große Purim-Feier. Der Verband demokratischer Zionisten veranstaltet am Mittwoch, den 4. März d. J., um halb 9 Uhr abends, im Verbandsheim, IL, Untere Augartenstraße 38, eine Purim*Feier. Unter der künstlerischen Leitung des Herrn Oskar Teller gelangt die politische Satire „Juden h i n a u s", eine abendfüllende Revue von Viktor Berossi, zur Aufführung. Karten zum Einheitspreise von S 1 in der Admini* stration „Die Neue Welt", IL, Untere Augartenstraße 38, Tel. A*45*6*34, im Warenhaus Brüder Schiffmann, IL, Taborstraße 48, und bei Frau Margit Buchbinder, Tel. R*48»l*38. Kinder-Purim-Feier. Auch heuer veranstaltet der Verband demokrati* scher Zionisten die so beliebten Kinderfeiern im Theater Reklame, IL, Praterstraße 34. Es gelangt eine von Frau Else Nebenzahl verfaßte Revue zur Aufführung, in welcher ausschließlich Kinder mitwirken. Die Tanzvorführungen der Kinder sind durch Fräulein Steffi Stahl einstudiert. Kartenbestellungen nehmen entgegen: Die Administration „Die Neue Welt", IL, Untere Augartehstraße Nr. 38, Tel. A«45»6*34, und die Damen: Margit Buchbinder, Tel. R*48*l*38, Paula Stricker, Tel. A*48*l*89, Else Nebenzahl, Tel. U42*2*16. Preise: Kinderkarten S 1.10, Karten für Er* wachsene S 2.20. Die tschechoslowakische Regierung und das jüdische Bekenntnis bei der Volkszählung. Prag, 23. Februar (J. T. A.) Im Rahmen der Debatte über die Regierungserklärung ergriff im Präger Parlament der jüdische Abgeordnete Dr. Julius R e i s z das Wort und gab folgende Erklärung ab: „leb halte es für meine Pflicht, auf die falschen Gerüchte zu reagieren, die über die jüdische Bevölkerung im Zusammenhang mit der 1 e t z t:e n V o.l k s Zählung verbreitet worden sind. Diese Gerüchte behaupten, daß auf die jüdische Bevölkerung: seitens der Regierung und amtlicher Organe ein D.r u c k . dahin ausgeübt worden ist, daß sie sich nicht zur deutschen oder ungarischen, son d ern zur tschechoslowakischen oder jüdischen Nationalität bekennen solle. Besonders in Ungarn versuchen jüdische und nichtjüdische Kreise, die Lage der jüdischen Bevölkerung in der Tschechoslowakei während der Volkszählung als Zwangslage darzustellen. Als Abgeordneter der jüdischen Partei erkläre ich von dieser Stelle aus im Namen des jüdischen Volkes und im Namen der Juden in der Tschechoslowakei feierlich und wahrheitsgemäß, daß diese Gerüchte jeder Grundlage entbehren. Die Regierung der Tschechoslowakei hat, getreu ihrer bisherigen Politik, durch eine Verordnung gestattet, daß die dem jüdischen Volk angehörende Bevölkerung sich frei zur jüdischen Nationalität bekennen dürfe. Das ist ein Recht, auf dem die Verfassung der Tschechoslowakei beruht. Ein großer Teil des in der Tschechoslowakei lebenden jüdischen Volkes hat im allgemeinen frei, ohne jeden Druck und Terror, von diesem Rechte Gebrauch gemacht. Ich erfülle also nur meine Pflicht, wenn ich die gegenstandslosen Beschuldigungen zurückweise. Wir haben freiwillig und aus Ueberzeugung unsere Pflicht gegenüber dem jüdischen Volke, gegenüber seiner Vergangenheit und Zukunft erfüllt, indem wir uns als Mitglieder dieses Volkes bekannten." Marconi über die Leistungen der Juden auf dem Gebiete der theoretischen und angewandten Physik. Rom, 22. Februar. (J. T. A.) Der Erfinder der Radiotelegraphie, Senator Guglielmo Marconi, der anläßlich der Eröffnung der vatikanischen Radiozentrale in Rom eingetroffen ist, hat sich in einem Gespräch mit dem Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur in Rom folgendermaßen geäußert: Die Beiträge von Juden zur Entwicklung und weiteren Erforschung der Radiotelegraphie sind außerordentlich zahlreich und haben imponierende Resultate ergeben. Von den vielen jüdischen Technikern und Foischern, die sich mit der Radiotelegraphie befaßt haben, möchte ich mit besonderer Anerkennung Professor Abrahams in Paris und David Sarnoff in Amerika nennen. In Italien hat sich Professor Alessandro Artom große Verdienste auf dem Gebiet der Radiotelegraphie erworben und wurde wegen seiner Leistungen von der Regierung in den Freiherrnstand erhoben. Um seine Meinung über Professor Einstein und dessen Theorie befragt, erklärte Senator Marconi: Ich halte Professor Einstein für einen der genialsten Wissenschaftler unseres Zeitalters. Die Kritik seiner Theorie ist unbegründet, wer sie kritisiert, hat ihren ganzen wissenschaftlichen Gehalt noch nicht erfaßt. In Italien ist einer der besten Kenner und Verteidiger der Relativitätstheorie ein katholischer Geistlicher, der Vorsitzende der päpstlichen wissenschaftlichen Akademie Gianfranceschi. Ich bewundere, fuhr Senator Marconi fort, die . außergewöhnlichen. Fähigkeiten, die die Juden auf dem Gebiete von Mathematik und P h y s i kr bewiesen haben. Besäße das jüdische Volk nicht soldi hervorragende Fähigkeiten, einen so starken Wissensdrang und ein so lebhaftes Verlangen, die Wahrheit , zu T erkennen, so könnte die Tatsache, daß es 20 Jahrhunderte von Verfolgungen überlebt hat, wohl kaum erklärt werden. Am Schlüsse des Gespräches gedachte Senator Marconi des verstorbenen Lord Meichett, inlt dem er sehr befreundet war und den er für eine der hervorragendsten Figuren jm sozialen und wirtschaftlichen Leben des modernen Europa hält. '; Hebräisch im polnischen Radio, Warschau, 20. Februar. Die polnische Regierung gab ihre Zustimmung dazu, daß der hebräische j Dichter und Direktor des Keren Hajessöd in Jeruj salem„Herr Leib Jaffe, der gegenwärtig in Warschau J weilt, eine Ansprache in Hebräisch über das jü- | *&fo*ruiM€ liefern ihr nahrhaftes Fett zur Kunerolerzeugung. Vom Pressen der Fruchte bis zum Verpacken des gebrauchsfertigen Kunerols steht die Herstellung unter streng ritueller Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S.Ehrenfeld zu Mattersburg. Kunerol kann von jedem Strengglaubigen ohne Bedenken zur Zubereitung von Milch- und Fleischspeisen verwendet werden. dl* ÜNER0L 100% REINES KOKOSNUSSFEIT Kunerol ist nur echt in Originalpackung! Vor täuschenden Nachahmungen wird gewarnt! dische Aufbauwerk in Palästina in der Dauer von 15 Minuten vor dem Warschauer Sender hält. Leib Jaffe hat am 21. Februar, 22,35 Uhr Warschauer Zeit, seine Ansprache gehalten. Für die Gleichberechtigung von jüdischen Freiheitskämpfern in Lettland. Riga, 20. Februar. (J.'T. A.) Auf Initiative des Vereines der jüdischen Freiheitskämpfer richtete der Rat. des Verbandes aller lettischen MMi-t-är- Organisationen an die Regierung die Forderung, auch jüdische Freiheitskämpfer bei Staats- und Kommunalämtern anzustellen, damit sie die gleichen Vergünstigungen wie die nichtjüdischen Freiheitskämpfer, genießen. Der Rat ersuchte den Verein der jüdischen Freiheitskämpfer, ihm jeden Fall einer Zurücksetzung eines jüdischen Freiheitskämpfers zur Kenntnis zu bringen, damit er die entsprechenden Schritte unternehmen könne. Tod eines jüdischen Generals der belgischen Armee. Paris, 23. Februar. (J. T. A.) Generalleutnant Louis Bernheim, der Kommandant des 1. Belgischen Armeekorps im Weltkriege, äst am Alter von 69 Jahren in Paris gestorben. General Berriheim, ein Jude, war Inhaber des höchsten belgischen Ordens, des Größkreuzes des Leopoldordens. Die deutsche Reichsbank kauft Wechsel und Schecks auf Palästina. Berlin, 23. Februar. Die Reichsbank kauft von jetzt an auch Wechsel und Schecks auf Palästina an und kommissionsweise für Rechnung der Deutschen Golddiskontbank., auch solche mit einer Laufzeit bis zu sechs Monaten. Die anzukaufenden Abschnitte können auf Palästina-Pfunde, Sterling oder Reichsmark lauten. Aber — glaubt nicht, daß das Publikum um ein Haar besser ist als der kleine, arme Junge, der sich während des Konzerts seinen Stehplatz aussuchen muß! Nach der ersten Pause eilen die Herren und Damen der Gesellschaft in den Vorraum. Sie haben ja schon eine halbe Stunde nicht geraucht oder vielleicht gar eine Stünde —. sie h a 11 e n es einfach ohne Zigarette nicht mehr aus! Sie müssen rauchen, die armen Juden, sie sie, auch am Sabbat auf der Straße rauchen müssen, wie sie eben alles tun müssen, was ihnen, den Hemmungslosen, durch den Kopf geht. Die Engländer bleiben sitzen und rühren sich nicht; die Juden stehen draußen und rauchen, und Hubermann, der den zweiten Satz spielen will, muß wieder warten, und warten, fängt wieder zu spielen an, ruft „Unmöglich, so kann man nicht spielen", setzt die Geige ab —• etwas, was ich noch nie in meinem Leben in irgend einem Konzertsaal gehört habe und wartet, bis die Herrschaften sich allmählich wieder auf ihre Plätze zurückbegeben hab*«t. Und dann — dann weitet stich entsetzt sein Auge, - er beugt sich vor, sieht einen Hund im Zuschauerraum auf dem Schoß einer Dame. Keiner der Juden, die um sie herum saßen, hat gewagt, ihr den Respekt vor der Kunst beizubringen, der verlangt, keine Hunde in ein Konzert mitzubringen, keiner! Hubermaun — der größte Geiger seiner Zeit ~ mußte vom Podium hertonterfragen: „Hat der Hund etwa auch eine Eintrittskarte gelöst?", der Oberkommissar mußte seinen Aide de Camp zur Dame mit dem Hund schicken, damit man diese beiden Lebewesen aus dem Saal entfernte. Dann begann der Meister wieder zu spielen. Und eine Dame der jüdischen Gesellschaft „hielt es plötzlich nicht mehr vor Wärme aus". Während der Pause, während der Wundeszene war es ihr noch kalt gewesen, jetzt wird ihr warm, sie steht auf, der Sitz quietscht, Hubermann schaut sie an, sie geniert sich aber nicht und zieht sich gerade während eines Adagio ihren Pelz aus, der Sitz quietscht wieder, sie setzt sich nieder, der Sitz quietscht wieder — und Hubermann rast vor Wut. Dann, beim dritten Satz, findet auf einmal einer der jüdischen Polizisten im Saal, daß er etwas rückwärts zu tun hat. Während des Spieles geht er nach dem Hintergrund des- Saales, leise, ganz leise, und dann — bleibt er nicht etwa dort, nein: Er will lieber vorne stehen und sich das Geigenspiel aus der Nähe besehen! Und er schleicht wieder mit knarrenden Schuhen nach vorne! So ging es den halben Abend lang. So sah das Konzert Hubermanns in Jerusalem aus. * Am nächsten Tag speiste ich mit dem Meister zu Mittag. Er bat mich, dem Publikum Jerusalems seine Botschaft zu überbringen: „95 Prozent des Publikums hier sind so kunstsinnig, daß ich keine Hörerschaft in Europa kenne, die mir lieber wäre und wenn ich wieder nach Jerusalem kommen kann, werde ich es tun. Vielleicht schon im nächsten Jahr. ,- Aber der Unterschied zwischen Jerusalem und Europa ist der: In Europa würden die 95 Prozent des Publikums, die Verständnis vor der Kunst haben, die 5 Prozent, die es nicht haben und die den Künstler und die Hörer stören, züchtigen und zur Ruhe zwingen; hier in Palästina überläßt man diese Aufgabe dem Künstler selbst und sieht teilnahmslos zu, was die anderen anstellen. Und in Europa würde das Personal des Theaters für Ordnung sorgen — hier stört das Personal mehrmals das Publikum. Und dann — sagen Sie dem Publikum Jerusalems, ich hoffe, das nächste Mal in einem anständigeren Saal . und mit einem größeren Fassungsraum spielen zu kön- J nen. Der Saal ist schrecklich, ist stirnnrangsmordend. j Gut hier ist nur das Publikum, das die Kunst liebt- und das zu mir so gütig war, wie nur irgendwo anders in der Welt." Ich glaube, ich habe nichts mehr der Kritik Hubermanns hinzuzufügen: Es ist die alte Geschichte von unserem jüdischen Elend: Das Volk ist gut, verständnisvoll, opferwillig, aber die Führung ist schlecht. Unsere Lehrer erziehen statt zur Disziplin zur Disziplinlosigkeit, alle Parteien, außer den Revisionisten, tpi das gleiche und statt des Respekts vor der Freiheit des Schaffenden hat man bei uns Respekt vor der Freiheit des Störenden. Das Verständnis für Aesthetik fehlt; einen Theatersaal herzurichten versteht man ebensowenig, wie einen .Versammlungssaal stimmungsvoll zu machen. Schokoladeverkäufer nicht in einen Saal bei einem Festabend zu lassen, mit schmierigen Hemden und einer Mütze schief auf dem Kopf, versteht man nicht. Dafür zu sorgen, daß jeder Mensch in einem Theater anständig aussieht und nicht wie ein Wegelagerer, versteht man nicht. Und all diese „kleinen" und „unbedeutenden" Eigenschaften — sie summieren sich zu einer furchtbaren Liste und erscheinen plötzlich ajs politische Sünden. Statt eines Herrenvolkes sind wir hier in Palästina ein Volk von disziplinlos! Gesellen gewonden, mit weniger Gefühl für Form und Würde« al« die Araber haben. Und dafür zahlen wir. Dafür.

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