Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 180 (27.2.1931)
- Date
- 1931-02-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE NEUE WELT Nr. ISO SIEGM. KORNMEHL || aftOS&nilSCMHAUIAII ff Zentral IX.. BfrgywtP 19. Tt>'et>hnn I7«3.W ti. 16.9-3* |f L i e f e r k rt" üi He anstauen 1 mmmmISL^ jj unter Aufsicht de« Khfwürdigen KabbnAN der (sr Kalls nisgemeinae Wien || Autasuettelfwtg k«*tento* |i IX. ItrHMi« IS / XVIII., Wahringeiutr. 97 ii *»t wHi>wm m mm nm*w»"imwwwtmi»>n« «mm mmmu Hmw<*m**nn«\*n«»m*nHni Palästina habe, mlisse die Tatsache der Aufrech tcr h a 1t u n. g einer stärkeren Militärm acht in diesem Lande begrüßen. In seinem Schlußwort erklärte Dr. Shiels, ü e b_e r f ä 1.1 e und Gegenaktionen seien, insbesondere^ an der Südgrenze. Jransjordaniens, eine alltägliche Sache geworden, es sei jedoch zu hoffen.. dalj durch das Einsetzen mobiler Streitkräfte •und du^ch Verbesserungder Transpottverhältnisse ruhigere Zustände herbeigeführt .werden'können, die die-"Besiedlung" ilöd Entwicklung^ Transjördariiehs ermöglichen. Dies sei ein Gegenstand,; mit dem .sich das Kolöriialamt" stets befaßt habe. Das ljuius bewilligte sodann 'den * Ergänzungsetat für .den. Mittleren ■ .Osten.* Die jüdische Situation in Deutschland« . Sieg, der Hakenkrejizler in der Einhürgerungslrage, j Als bei den letzten Reichstagswaihlen 10 7 H i ti e r - La nd ida t e n in die deutsche Volksvertretung einzogen ihnd so adler Welt der Triumphmarach der deutschen Pogromgarde vor Augen geführt wurde, ging zuerst panische Bestürzung durch die Herzen der ver- «diiedentlichen De uro k raten.' Sie trösteten sich aber bald, und da noch keine Köpfe rollten, sahen sie sich vom . alten Gott der Demokraten noch nicht verlassen. Die Hitler-Leute' im Reichstag / wurden überstimmt, die „Demokraie" Brüning», des deutschen Reichskanzlers; siegte. Es mag: schon sein, daß für einige Zeit die Diktatur Hitlers für das deutsche Volk selbst ab* yewehrt ist Es stimmt auch, daß nur jüdische Läden in.Berlin und anderswo zertrümmert, jüdische Gräber > geschändet, j ü d i s c »h e Einzelexistenzen vernichtet wurden — daß noch nicht nach dem Muster der Ukraine, Poleras: und Rumäniens jüdische Leichen auf den Trtimmerstätten brannten. Ja; die Demokraten konnten sogar darauf hinweisen, daß der eine und der andere der Antisemitenfithrer, der Hitler und der Göbbels, sich widersprechende Interview* zu» Judenfrage gaben, Äeußerungen, aus denen die Demokraten schlössen, daß die hoffähig gewordenen Hitlerianer liberales Wasser in ihren hakenkreuzlerischen Weih gießen. Und Triumph über Triumph, die Interviewer der Antisemitenhäuptlinge waren Judeni Inzwischen geht durch Deutschland unterirdisch ein trockener Pogrom. Die stündlich aktuelle E i n b ü r g e r u n gsJ r a g e> ist ein Symptom dafür, wie man den stark gewordenen Hakenkreuzlern Rechnung) tragen muß. Die deutsche Demokratie wehrt sich zwar, ihrer Haut in ihren eigenen Belangen, wirft aber zu diesem . Zweck , dem Hitlerianjsmus die Juden zum Fräße;, vor. , .. . •..... . ^> >. Die bisher liberal geübte Einbürgerungspraxis, besonders in Preußen, würde in der Weise ge* handhabt) daß bereits nach mehrjähriger Seßhaftigkeit, die Einbürgerung erlangt werden konnte. Wenn ein Land einen Gesuchsteller einbürgern wollte, konnte, ein anderes Land mit entsprechender Begründung dagegen Einspruch erheben — beim Deutschen Reichstag, der mit Stimmenmehrheit endgültig zu ent scheiden hatte. Vor dem Anschwellen der Hitler- Bewegung — mit Ausnahme einer kurzen Periode der bayrischen Reaktion — legte kein Land Wert auf besondere Ausübung seines Vetorechts. Erst als der Hakenkreuzminister Fr ick die Herrschaft in Thüringen antrat, regnete es Proteste gegen jeden jüdischen Ein bü rgerungskand id a t en mit der einfachen Motivierung „unerwünscht'*. Der Deutsche Reichstag hat allmählich Angst bekommen. Und heute ist der Zustand bereits derart, daß Fricks Sittennote „unerwünscht" gleichbedeutend ist mit Vertröstung auf 20jähr. Seßhaftigkeit — für jeden Juden, der die deutsche Staatsbürgerschaft an? strebt. In dieser Atmosphäre des Zurückweichens vor dem Diktat der Hakenkreuzler ist es begreiflich, daß die Herren Demokraten in Deutschland in zunehmendem Maße einen Numerus clausus, handhaben: für jüdische Stude n.t en an den Hochschulen» , fürt jüdU sehe.Beamte in den Kommunen» für jüdische Gelehrte an den yerschjedenen Lehrinstituten. Die faktische Entrechtung der,Juden, "nach dem Programm der Hakenkreuzler, geht still, aber systematisch vor sich, dazu noch in einer Zeit, da durch die Wirtschaftsgebiete, auf denen/Juden tätig sind, in Deutschland eine beispiellose, durch Zahlreiche Selbstmorde signalisierte Krise fegt Wie sehr Demokraten und Sozialdemokraten in jüdischen Dingen eingeschüchtert sind, beweist auch der Umstand, daß z. B. in der Einbürgerungsfrage, die der Reichstag jüngst behandelte, nicht mehr der jüdische Referent Ministet rialdirektor Dr. Hermann Bath referieren durfte, sondern sein arischer Kollege Brecht Eine kleine, aber Hebe Aufmerksamkeit, welche man Herrn Frick eri wies. Herr Brecht gab auch den Hitler-Leuten recht und stellte selbst fest daß allzu viele unerwünschte Elemente in Deutschland eingedrungen seien. Er trat auch eifrig für die Erhöhung der Karenzzeit auf 20 jähre ein. Wen er damit meinte, geht aus seinem'.Zusatzantrag hervor, daß bei „erwünschten" Elementen'die Karenzzeit gekürz t werden kann. Beim „Franz** wird man mit sich handeln lassen, beim «♦David4*' wird man fest bleiben. Der jüdischen Situation in Deutschland ist wie in anderen Ländern, mit, assimilatorischer Weisheit nicht zu begegnen.; Die* &enibii:ratiö, _ der die Juden anhängen; ist eine, scKöne'Sachte; sie hat zwar ihre Prinzipien, .schiebt"sie aber j^erhe'zur Steife, wenn es um die Juden geht " - 1 •V'. {>•': i: (Hl ''f; iir.' ■ (r .-'•'.. ..«<'- Man maß Hitler gefräktfeft ^'Jagt i ein deutscher ♦ .::<r.Hv --.'oBidüter.*' v.? £ '? ••«•»!•• Breslau; 2k Februar. (Jj'-T. AS)' Die Große Strafkammer des Breslaü'er Landgerichts hat als Berufungsinstanz tinter dem-Vorsitz' des Amtsgerichtsrats Dr. v. Wed'eme-ier das Urteil des Großen Schöffengerichts vom 30. August v. J., durch das der nationalsozialistische Agitator Fritz Waldmann wegen Aufreizung zum Klassenhaß an Stelle einer an sich verwirkten Gefängnisstrafe zu 300 Mark verurteilt worden war, aufgehoben. Gegenstand der Anklage bildete ein Flugblatt, das der Angeklagte in der Provinz zur Versammlungswerbung verbreitete und das in wüstem antisemitischem Hetz ton gehalten war. Der Angeklagte* nahm seinerzeit dieses Urteil unter so heftigen Beschimpfungen gegen den Vorsitzenden und den Staatsanwalt entgegen, daß er eine sofortige Haftstrafe wegen ungebührlichen Verhaltens vor Gericht erhielt Amtsgerichtsrat v. Wedemeier führte bei der Begründung des freisprechenden Urteils aus: Der Angeklagte habe als Nationalsozialist nicht das, Bewußtsein gehabt, daß mit dem Flugblatt die Absicht einer Aufreizung verbunden ist. Waldmann habe sich an die Lehren Hitlers z u h a 11 e n, - d e r nur m i t den W äff e n des Geistes und n,i c h t mit roher Gewalt zu kämpfen befohlen habe. Antisemitischer Skandal im Jagdschloß Glienicke. Berlin, 24. Februar. Am Freitag kam es im Jagdschloß Glienicke bei der Versteigerung des Inventars des Prinzen Friedrich Leopold, zu einem antisemitischen Skandal. Der Auktionator Joseph rief, als gegen 5 Uhr nachmittags ein Zeitungsverkäufer erschien: „Raus mit dem Judenblatt". Die Auktion wurde unterbrochen, der Zeitungsverkäufer wurde aus dem Saal gedrängt. Jetzt schrien mehrere an der Auktion beteiligte Kommissionäre: „Raus mit den Mosse'Blättern, raus mit dem „8*Uhr*Abendblatt", raus* mit dem „Vorwärts", nur der „LokabAnzeieer" soll hier bleiben 1" Einigen Personen, in denen man Zeitungsberichterstatter vermutete, wurden die Ausweise aus der Hand gerissen, um zu „kontrollieren", ob sie für die „jüdische Presse" arbeiten. Einer der Auktionsverarw stalter rief: „Wer für Juden arbeitet, .'.in det keinen Ein laß!" Kusch, Judt Auf dem Wiener Gräben befindet sich die Parfu* meiie ,,Fioris". Im Schaufenster hängt neben arideren antisemitischen Kundmachungen ein Plakat: „Auf jüdische Kunden wird verziehtetl" Der vor» übergehende jüdische Buchhalter Rudolf Lux sagte: „So eine blöde Sachet" Das hörte der Handlungsgehilfe Karl Eberle, trat ,äuf . Lux , zur sagte; ,,K ü s c . J;u. dj", und versetzte ihm mehrere Faustschläge ins Gesicht. Eberle wurde festgenommen und der Pölizeiärzt stellte bei Lux Schwellungen und Rötungen fest Nun hatte sich Eberle Vor dem -Strafgericht Wien I (Bezirksrichtfcr Doktor Wengxr), wegen Körperverletzung*zu verantwortend Er gab den Tatbestand, zu. Lux sagte als Zeuge aus, er habe nach der Mißhandlung Nervenschmerzen verspürt und sei im Gesicht verschwollen gewesen. Der Richter entschied, daß Nervenschmerzen keine sieht* Große Redoute des Verbandes demokratischer Zionisten Wiens, Gruppe VI—VIJI Aufzug historischer Gruppen, biblische Tänze . Eigene Purimzeitung I Samttag, den 28. Februar, in den Sälen des Chat nelr, VI, MariahlllerstraBe 105 Karten im Strutnpfpalast Schichtet, VII, Burggasse 44-i Elias Feiger, VII, Siebenstewga>ie 90 und an der Kassa des Cafe Nvubautiof VII, Neubaugasse t>4, und bei den Kumiteemi gliedern / Pi«>s Im Vo Verkam S 3*-, an dei AbendlcasM S4-- Muslkkapelle I. Gelger Scheu vor Disziplin und Selbstdisziplin, unsere schlechten Manieren, die wir im politischem Leben so teuer bezahlen mußten. . Das-Porzellan, das wir im Theater, im Konzert im gesejlsehaftliohen . Leben zerschlagen, wir bezahlen es teuer,ip der Fabrik, beim Bodenkauf, am grünen Tisch in London und im Governmentshouse in Jerusalem. Man vergißt, daß der große Künstler, das Genie Hubermann jude ist, man vergißt, daß 95 Prozent des Publikums, das sich die teuren Konzertkarten vom Munde absparte, Juden ind, die vielleicht auf ein Kleid, auf ejuj Stück Fleisch verzichteten, um einen Abend lang reine, große Musik zu hören. Der Fremde. siebt nur, daß dieses Publikum nicht imstande.. ist, dem Künstler Respekt zu verschaffen, daß es keine Disziplin hat und keine Disziplin ausüben will, und — er wendet sich achselzuckend ab, mit der Kritik: „Unfähig. Sie haben keine Ahnüng davon, daß eine Nation mit der Disziplin beginnt und mit der Disziplinlosigkeit untergeht." ■ . < .. ..*,.•• Disziplin über im Öffentlichen Leben — heißt: Gute'Manier. Derech Erez. Respekt vor dem Größeren, Ehrfurcht vor dem Großen. . , Zunächst beginnt der Respekt vor einem großen Künstler, vor der Kunst und schließlich auch vor den Nebenmeuschen, die in eine öffentliche Veranstaltung £ehen, damit, daß man pünktlich ist. r . Die Juden aber haben immer Zeit, und lassen sich, iiamer .Zeit und kommen immer zu spät So ging es in der Pulitik Weixmaaa«, als er .Herbert Samuel nach Palästina gehen .ließ, ohne mit ihm ein Wirtschafte-. Programm abgemacht zu haben; so ging es mit der jüdischen Einwanderung 1925 als die Exekutive nicht bereit war und „zu spät" sah, daß es nicht nur Chaluzim gibt' die Boden haben wollen; so ging es mit dem Shaw- Bericht von dem die Exekutive erst Kenntnis erhielt! nachdem schon alle Redaktionen Londons ihn im Aus-' zug hatten; so.ging es. mit ^impaon. und dem Weißbuch' ~ wir haben'immer Zeit, .wir kommen immer zu spät' In der Politik und im Konzert... Das Hubermann-Koüzert begann damit daß. es — nicht begann. Der Engländer, der Öberkommissär mit seinem Stab war da; der Meister stand auf dem Podium, die Geige in. der Hand -r-. aber „klipp-klapp; klipp-klapp" gingen die Türen auf und zu, auf und zu» Das verehrte Publikum fand, es sei besser, daß Hubermann auf Herrn Misrachi oder Cohen warte, als daß Herr Misrachi uhd• Cohen aufHu b ermann warte b. Immer wieder setzte der Meister die Geige an — und immer wieder hörte er aüf< Die Billeteure an den Türen hatten sehr großen Respektvor dem Mann oder der Frau, die 20 oder 30 Piaster für ein Billett gezahlt hatten. Unmöglich, diese Leute vor der Türe'warten zu lassen. Respekt vor dem einzigartigen Genie: des Huber-'. mann aber hatten sie nicht; Respekt vor den 800 Men-f sehen, die auf das Konzert. warteten, hatten t-s.ie. nicht: Respekt vor den Gästen hatten sie nicht« Die konnten ruhig gestört werden; die konnten nervös werd/un, der Künstler konnte seine Nerven verlieren— und, tutsächlich wurde er so . nervös, daß, , die zwei ersten Stücke seine« Programms tief unter seinem; sonstigen Niveau standen — die Her reu au. den K^sseu 4ee Theaters konnten nicht dazu gebracht werden, die Türen zu schließen. Dann ging, endlich, das Konzert loa. (Vorher hatte noch der Oberkommissar seinen Polizeichef auf die Bühne senden müssen, um zu erreichen, daß die Kulissen geschlossen werden, damit der Meister nicht in der Zugluft spiele, die seine Finger steif macht Von den jüdischen Autoritäten, die in der ersten Reihe saßen, hatte niemand diesen Respekt vor dem Gast diesen Willen, am helfen!) Wohl — Hubermann fing zu spielen an. Da, leise, ganz leise — aber so, daß jeder Schritt durch den Saal knarrt — schleicht ein Schokolade junge auf der Galerie von ganz rückwärts nach ganz vorne, zwei, drei Minuten lang knarrt er, ehe er die Stelle irreicht hat die ihm — dem Lausbuben, den kein Mensch erzogen hat leider auch nicht das Publikum und leider , nicht der Besitzer des Theaters — sich den schönsten Platz gleich neben der Bühne ausgesucht hat Er will lieber von dort der Musik zuhören als von hinten! Daß ein ohnedies nervöser, bis zum. letzten aufgewühlter Künstler bei einem solchen Spaziergang eines Schokoladeverkäufers nicht vor Wut rasend wird, ist ein Wunder.. Daß aber dieser Schokolade junge nicht den einfachsten Respekt vor. der Größe, eines anderen hat den Respekt der gebietet: „Steh still und rühre dich nichtr,ist kein Wunder. Offenbar hat er die Erziehung zum Respekt yon den anderen in den Wahlversammlungen erhalten, bei denen die fröhliche Jugend Horra .getanzt .hat, während man über die Katastrophe unseres Volkes, über den Churban unseres Nationalheime« gesprochen hat . . m