Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1931-02-20 · Heft 179 (20.2.1931) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 179 (20.2.1931)
Date
1931-02-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2711613-2711790-2711798--2351-2715637
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

jfft.W aber ihr konfisziertes Vermögen nicht wieder. Darauf wurde in Omsk eiu „gesellschaftliches Gericht" gegen die Gesellschaft OZET abgehalten, weil sie ehemalige Händler unterstütz:tf Aus der Leitung wurden alle nicht der Partei an gehör igen Mit« glieder entfernt Da die Juden alle „Unparteiische" sind, blieben in der Leitung nur Russen. In Omsk wächst die antisemitische Stimmung. Auch innerhalb der Kommunistischen Partei. Man wollte auch hier die jüdischen Bethäuser schließen; d* sich aber 300 betende Juden fanden, wurde vorläufig davon Abstand genommen. Die Lage in den Städten. Donjewzy (Bezirk Kameniec-Podolsk). Im November 1930 mußten 15 jüdische Familien ihre Wohnungen verlassen und durften nichts von der Wohnungseinrichtung mitnehmen. Der Vorwand war: Man brauche 'He Wohnungen für Arbeiter. Tatsächlich erhielt kein einziger Arbeiter eine Wohnung. Oft werden in Privatwohnungen Kommunisten einquartiert. Da sie aber mit den jüdischen „N ic h t p r o 1 e t a r i e r n" nicht unter einem Dach leben wollen, werden die jüdischen Wohnungsbesitzer aus ihren eigenen Wohnungen verwiesen. Sie beziehen dann meist leere Lüden. Der Arbeitcrrut der Stadt bildete eine Kommission, die, von Polizisten begleitet, alle Bürger besucht und ihnen „vorschlägt", für die „Anleihe des Fünfjahrplanes" zu zeichnen. Als die Kommission dem Feldscher der Stadt vorschlug, 150 Rubel zu zeichnen, erklärte dieser, er besitze nicht eine so große Summe. Darauf wurde seine Wohnung konfisziert, ihm wurde die Ausübung seines Berufes verboten und schließlich wurde er verhaftet. Auch die Lage der Mitglieder der ..Anleihe"-Kommission ist eine sehr schlimme. Die Regierung ist niemals mit der aufgebrachten Summe zufrieden, Einige wurden wegen „Mangel an Aktivität" vor Gericht gestellt und zu „Feinden der Erfüllung des Fünfjahrplanes in vier Jahren" erklärt. Bei einer alten jüdischen Frau wurden drei Dollar, die me aus Amerika hir Totcnkleider erhielt, als „ Valuta" konfisziert. Schemrinka (Podolien). Die Juden des Städteheus leben in ständiger Angst vor Haussuchungen. Der Vor wand ist die Suche nach Valuta; faktisch aber ist das nur ©in bequemer Anlaß, alles Hab und Gut zu konfiszieren. — Im Städtchen herrscht Hunge r. Im September v. J. wurde die Produktenration für Arbeiter um 30 Prozenit herabgesetzt. Sie erhalten jetzt: 800 Gramm Zucker monatlich, 100 Gramm Oel, ein Kilogramm Grieß, 200 Gramm Seife (für zwei Monate). Die Arbeiterfrauen erhalten nur 400 Gramm Brot täglich; sonst nichts. Die Lage der Nachte rbeiiter ist bedeutend schlimmer. "Von Heia '6000 Juden «des Örtee arbeiten'nur vier bei der Eisenbahn, während von den Ndchitjudcn die meisten bei der Eisenbahn beschäftigt sind. Im Jahre 1925 wurden zwar einige junge Juden ins Eisenbahner- Technikum in Schemrinka aufgenommen. Nach einiger Zeit mußten sie aber die Schule verlassen, weil sie nicht „Rinder von Eisenbahnarbeitern" sindl Prdslaw (Bezirk Pottawa). Eine traurige Lage j herrscht jetzt in ,der Geburtsstadt Scholem-Alejchems, Von den 7000 Juden, die noch vor drei Jahren dort wohnten, sind nur zirka 4000 übriggeblieben. Die wirtschaftliche Position aller Einwohner ist völlig zerrüttet. Auch in den Wohnungen der „Wohlhabenden" finde* man nur ein Bettt, nicht einmal Tisch und Bank. Es genügt, daß bed jemandem ein Paar Sohlen für Reparatur seiner eigenen Schuhe gefunden werden. Dann wird ihm als „Lederhandler" eine hohe Steuer auferlegt. Der Privathandel ist völlig gedrosselt. Sogar der Limonadeverkauf wird von den Genossenschaften besorgt. In der Jugend gärt es. Infolge der Enttäuschung verlassen zahlreiche Jugendliche die Organisation „Komsomol" (den kommunistischen Jugendbund), trotzdem ein derartiger Schritt eine Zerstörung der eigenen Zukunft bedeutet. ■'■Iii „ •■;'» i" i - Antisemitismus und nationaler Chauvinismus in der Sowjetunion. Moskau, 14. Februar. (J. T. A.) Im LenimBergwerk zu Kiesel wurden sechs jüdische Lehrlinge von christlichen Arbeitern angegriffen und mißhandelt. Während die Ortspolizei den Fall als bloßen Mutwillens« Wochen-Kalender DIE NEUE WELT Seite I Februar 1931 TW «"»m Adar 0691 20 Freitag Sabbateingang $.25 21 Samstag 4-1 Sabbatausjjang 8.17 nw na tu »Ben .rann 22 Sonntag 5~n 22 Montag (M 24 Dienstag 7-i 25 Mittwoch l~n 26 Donnerstag akt der beteiligten Arbeiter auffaßte und diese straflos entließ, haben die kommunistischen Parteistellen schärfere Maßnahmen ergriffen. Auf Veranlassung der Parteibehör* den wurden die christlichen Arbeiter, die die jüdischen Lehrlinge überfallen hatten, als Konterrevolutlo* n ä r c vor Gericht gestellt. Eine Reihe von Beamten, die den Fall bagatellisiert hatten, wurde entlassen. Zwei Jungkommunisten, die an der Mißhandung ihrer jüdischen Kameraden teilgenommen hatten, wurden aus der Kom* munistischen Jugendliga ausgeschlossen. Der Prozeß gegen die antisemitischen Arbeiter soll zum Ausgangspunkt einer Kampagne gemacht werden, die einerseits gegen den Antisemitismus, anderseits gegen nationalen Chauvinismus gerichtet sein wird. Was man in Rumänien schreiben darf. Bukarest, 17. Februar. Ungeachtet der Maßnahmen, die die Regierung gegen die antisemitischen Geheimorganisationen und ihre Presse getroffen hat, fährt diese Presse in der blutrünstigen Hetze gegen die Juden fort. Das Hetzblatt „S a 1 v a r e a Patrici si a ncamutui Roman esc" aus Targu*Jlu protestiert gegen die in seiner Redaktion vorgenommene Haussuchung und behauptet, die „jüdische Internationale" habe die zwei großen rumänischen Staatsmänner Jonel und Vintila Bratianu ermorden lassen, diese Inter* nationale habe den Weltkrieg entfesselt, um die Christ* liehen Völker einem Ausrottungskampf auszuliefern. Es heißt dann wörtlich: „Die christliche Religion und die Ge* fühle der Humanität bewegen uns dazu, die Kinder Judas zu warnen, daß sie um ihres Lebens willen nicht versuchen sollen, ihren Willen gegenüber der heroischen rumänischen Nation durchzusetzen. Sonst werden die Rumänen im kommenden Frühjahr mit einer noch nicht erlebten Ge« walt, mit der Wut der Verzweiflung sich erheben. Und bis Europa herbeieilen wird, um eine verbrecherische und ungerechte Sache zu verteidigen, werden die Rumänen mit den Waffen in der Hand dieses göttliche und nationale Problem definitiv gelöst haben! Die die Juden b e« schützende Internationale wird dann kein Objekt mehr zu beschützen haben. Bis zum kommenden Frühjahr wird die Welt erfahren, daß zwi* sehen der Theiß und dem Dnjestr der Krieg erklärt worden ist: Der Krieg der christlichen Rumänen gegen die Eindringlinge aus dem Samen Judas!" Was die Regierung in Radautz erlaubt hat. — Scharfe Kritik Jorgas. Bukarest, 16. Februar. Unter der Ueberschrift „Was ist in Radautz geschehen?" veröffentlicht Professor Jorga die folgende Erklärung: „Unbegreiflich ist die Handlungsweise der Regierung in Radautz. Während Staatsbeamten in Bukarest die Erlaubnis zur Abhaltung eines Berufskongresses mit friedlichen Zielen verweigert wird, dürfen Agenten Bauernbanden organisieren, mit ihnen in die Stadt marschieren und Hitler hochleben lassen. An der Spitze der Züge marschierten Lehrer, die man dann nicht abgesetzt hat. Das Militär würde dreimal vor den Banden zurückgenommen. Das Militär, unsere letzte Zuflucht, weicht vor der Anarchie zurück! Ein Hauptmann wird verletzt, die Versammlung wird aber doch abgehalten. Und die Behörde? Die Behörde bettelt bei den Unruhestiftern, daß man ja keine Helfershelfer hat?" (Mit der „obersten Stelle" ist überhaupt noch regiert? Hat man von diesen Zuständen nicht an oberster Stelle gehört, dort wo die Demagogie keine Helfershelfer hat?" (mit der „obersten Stelle" ist der König gerneint.) Jüdische Kreise sehen in den Worten Prof. Jorgas eine treffende Charakteristik der Situation. Man weist darauf hin, daß für die zweite Februarhälfte ein antisemitischer Bezirkskongreß in Jassy angesagt ist, auf welchem C u z a über die Lage berichten wird. Auch nach Succava ist ein Kongreß der Liga für nationalchristliche Verteidigung für den 24. Februar ein* berufen. Diese Liga hat die Spezialaufgabe, Leute, d i e Juden totschlagen, zu verteidigen. Notwendige Klärung* ZionistenBRevlsionisten und Arbeiterpartei. — Ein Brief ohne Antwort. Seitens der zionistischen sozialdemokratischen Ar« beiterpartei und eines Teiles der allgemeinen Zionisten wird gegen die von Jabotinsky geführte Union der Zionisten>Revisionisten der Vorwurf der Arbeiter» feindlichkeit erhoben. Man nennt die Revisionisten nicht selten „Faschisten" und „gelbe Streikbrecher". Das sind starke Worte, aber wenn ihnen nicht Beweise vorangehen, bedeuten sie nichts, höchstens Verhetzung und Verwirrung im zionistischen Lager. Starke Worte ohne Beweise, gegen ganz Schwache gerichtet, sind frevel* hafter Luxus, den man sich aber schließlich noch leisten kann. Starke Worte, Schmähungen ohne Beweise gegen eine Gruppe von einer gewissen quantitativen und qualita* tiveri Bedeutung — und das ist heute der Revisionismus — gerichtet, losen Reaktionen aus, die beiden Teilen und damit dem Gesamtzionismus nur schaden. Aufklärende Auseinandersetzung ist notwendig. Wie die Union der 25ionisten*Rcvisionisten meldet, hat sie den ersten Schritt auf dem Wege zu dieser Auseinandersetzung unter* nommen. Wenn er bi*nun kein Resultat gezeitigt hat, so kann gerechterweiso die Schuld nicht den Revisionisten beigemessen werden. < Am 8. November 1930 hat die Union der Revisio* nisten folgenden Brief an die Histadruth Haowdim (All* gemeine Arbeitergewerkschaft in Palästina) gerichtet: „Die IV. Weltkonferenz der Union der Zionisten« Revisionisten im August 1930, Prag, faßte folgenden Be* schluß: ,Die Konferenz bevollmächtigt das Exekutiv« komitee, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um den rein gewerkschaftlichen Charakter der Histadruth Haowdim und den neutralen Charakter der Arbeitsbüros (Arbeitsvermittlung) in Erez Israel zu sichern.' Im Sinne dieser Resolution gestatten wir uns, diesen Brief an Sie zu richten. Der Versuch, Verhandlungen an« zubahnen, bedeutet für uns nicht nur die Erfüllung einer uns auferlegten Pflicht, sondern auch die Hoffnung, un* erwünschte Konflikte zu reduzieren und gesellschaftliche Einigkeit in Palästina zu fördern. Wie Ihnen bekannt ist, gibt es im Lande eine Gruppe von Arbeitern, deren Beziehung zur Frage, die uns hier beschäftigt, so formuliert werden kann: 1. Verbesserung der Lage der jüdischen Ar« heiter und Hebung der Prosperität derjenigen Unter* nehmungen, die auf jüdischer Arbeit basieren, sind Auf* gaben, die Hand in Hand gehen. 2. Eine der wichtigsten Grundlagen einer gesell* schaftlichen Einigung ist das neutrale Arbeitsbüro, d. h. ein von Arbeitnehmern und Arbeitgebern gemein* sam gebildetes. 3. Jede Institution, welche diese Grundsätze nicht anerkennt — mag sie eine Institution von Arbeitnehmern oder Arbeitgebern sein — kann den Aufbau des jüdischen Staates nur schädigen. Die Histadruth teilt derzeit diese Anschauung nicht, trägt zur Schaffung des neutralen Arbeitsbüros nicht bei. sieht in ihr eine Gefährdung der Lage des jüdischen Arbeiters im Lande. Die Histadruth soll ihrem Wesen nach eine rein gewerkschaftliche Organisation sein, eine Organi* sation zum Schutz der professionellen Arbeiterinteressen, ohne irgend welche Parteifärbung, eine Organisation, der jeder jüdische Arbeiter — unbeschadet seiner zionistischen Anschauungen und ohne seiner Ueberzeugung wegen der Histadruth Verfolgungen ausgesetzt zu sein — angehören kann. Zu unserem größten Bedauern müssen wir feststellen, daß die Histadruth jetzt den Charakter einer Partei« Organisation trägt. Die Leitung der Histadruth und ihre Beamten befleißen sich aktiver Feindschaft gegenüber dem revisionistischen Arbeiter und dem Brith Trumpeldor, Wer die Presse Palästinas verfolgt, wird dies durch zahl* reiche Tatsachen bestätigt finden. Wir wollen jetzt weder auf diese Beschuldigungen eingehen noch ihre Ursache ermitteln. Es genügt, vor* läufig festzustellen, daß wir folgende Forderungen prä« zisieren: a) In Palästina soll eine rein gewerkschaftliche Arbeiterorganisation bestehen, die sich, frei von jeder P a r t e i f ä r b u n g, zu jedem ihrer Mitglieder, ohne Unterschied der Parteizugehörigkeit und Weltanschauung in gleicher Weise bezieht. b) Die Organisation muß sich zur Schaffung und Stärkung neutraler Arbeitsbüros positiv stellen. Noch eines: Trotzdem wir grundsätzlich nicht der Meinung sind, daß mehrere Arbeiterorganisationen in einem Lande eine Gefahr für den Arbeiter und di« nationale Wirtschaft bedeuten, wünschen auch wir, daß es in Palästina nur eine gewerkschaft* liehe Organisation jüdischer Arbeiter geben soll. Die Schaffung einer zweiten Organisation werden wir nur dann für möglich und erwünsoht ansehen, wenn es endgültig klar geworden ist, daß die bestehende „Histadruth'' neutrale Arbeitsbüros ablehnt und einen un« parteiischen, rein gewerkschaftlichen Charak* t e r nicht annehmen will. Wir erlauben uns daher, Ihnen eine Beratung dieser Frage vorzuschlagen, die, wie wir hoffen und wünschen, zu einer gewerkschaftlichen Einigkeit der jüdischen Arbeiter führen wird. Wir erwarten Ihre geschätzte Antwort auf unseren Vorschlag und werden, im Falle Sie zustimmen, unsere Vertreter im Lande nominieren, welche mit Ihren Ver« tretern die Verhandlungen führen sollen. London, 8. November 1930." * Bis zum heutigen Tage haben die zionistischen Ar* beitprführer diesen Brief ohne Antwort gelassen. Warum? Ist er „arbeiterfeindlich"? In seiner Form ver* letzend? Gewiß nicht. Im Gegenteil. Er zerstreut die Ge< rüchte, welche von einer grundsätzlich arbeiterfeindlichen Einstellung der Revisionisten sprechen. Er zerstreut auch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.