Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 179 (20.2.1931)
- Date
- 1931-02-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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80R0 0 Bit NEUE WELy 91k 190 sind alte «»deren Städte der französischen Republik. In Paris konzentrieren sich die ökonomischen und kulturellen Kräfte des ganzen Landes und es duldet neben sich keine anderen, nicht einmal «weitrangige Zentren. Es ist ab» soluter Herrscher, ein Despot. In allen anderen Ländern ist die Hauptstadt die erste unter gleichen. In Deutsch, land kennt Jeder außer Berlin «üch Frankfurt, Köln, München, Hamburg, Leip2it>f Dresden tMW. In Polen sind Lemberg, Krakau, Lodz, Wilna jüngere Schwestern Warschaus. In Frankreich ist das Verhältnis «wischen Paris und anderen größeren Städten das Verhältnis des Königs ztl seinen Untertanen. Soweit man noch Nancy, Lyon. Marseille usw. kennt, hält man diese Städte für unbedeutende, mit Paris nicht zu vergleichende Provinz* nester. Diese Erscheinung trifft auch auf das jüdische Leben Frankreichs zu. In den Augen der ganzen jüdischen Welt wird das jüdische Paris mit der ganzen jüdischen Bevölkerung Frankreichs identifiziert. Das große Wachs» tum der Pariser jüdischen Bevölkerung, ihr Aufblühen in der Hauptstadt, schafft den Eindruck, als gäbe es außer Paris keine jüdische Gemeinschaft in Frankreich. Aber man kann in der letzten Zeit auch ein stetes Wachsen der jüdischen Provinz*Opposition gegen die Hegemonie von Paris konstatieren. Und es ist interessant, zu verzeichnen, daß diese Opposition sich nicht aus „revolutionären" Emigranten rekrutiert, sondern gerade aus den „echten" französischen Juden, den Führern der französischen Provinzgemeinden. Sie werfen Paris vor, daß es nichts für die jüdische Provinz leiste und daß die Pariser Juden für die allgemeinen jüdischen Interessen wenig übrig haben. Alle jüdischen Gemeinden Frankreichs sind in eine „Union der jüdisch* religiösen Associa» tionen Frankreichs und Algiers" zusammen* gefaßt. Ihr administrativer Rat trägt den Namen „Z e n* tralkonsistoriu m", der noch von Napoleon I. stammt. Sitz des administrativen Rates ist Paris. Sein Budget beträgt ungefähr 1 Million Francs. Aus diesem Budget muß das Konsistorium die Provinzgemeinden unterstützen, beitragen zur Erhaltung ihrer Bethäuser, Rabbiner und anderer religiöser Institutionen und Beamten. Die Mittel des Budgets werden in Paris und in der Pro* vinz aufgebracht Um die Verteilung dieses Budgets wird jetzt eine leidenschaftliche Diskussion geführt. Die Provinzgemeinden fragen sich: Wozu sollen wir Geld sammeln und nach Paris schicken, zumal bei uns sämtliche Juden ihre Beiträge für Gemeinde und Zentral* Konsistorium leisten, während Paris mit seinen 110.000 Juden nur 6000 Mitglieder des Konstistoriums besitzt? Das ist eine lächerlich geringe Zahl. Die überwiegende Mehrheit der Pariser Juden kümmert sich nicht um die Interessen der jüdischen Gesamtheit in Frankreich. Das ZentrabKonsistorium in Paris hat es nicht verstanden, sie heranzuziehen. Die Führer des Pariser Judentums inter* essiert nur Paris. Das Budget der Pariser jüdischen Ge* meinde beträgt 5 Millionen Francs. Das Pariser jüdische Hilfskomitee wirft jährlich rund 2 Millionen Francs aus. Das jüdische Spital, Waisenhaus, Sanatorium, Asyl haben ein Budget von mehr als 6 Millionen Francs. Für seine Bedürfnisse hat Paris genug Geld. Aber für das Zentral* Konsistorium, das auch für die jüdische Provinz zu sorgen hat, werden Mittel gesammelt, die für eine größere Auf* gäbe ungenügend sind. So klagen die Provinzgemeins den, indem sie noch darauf aufmerksam machen, daß außer Straßburg, Nancy und Lyon die jüdischen Provinz* gemeinden ungefähr je 100 bis 250 Familien zählen, die ohne ' systematische Hilfe des Pariser ZentraLKonsi* storiums nicht existieren können. Demgegenüber stellt die Pariser Leitung des Zentral* Konsistoriums fest, daß die 6000 Mitglieder als Familien« väter ungefähr 20.000 Seelen repräsentieren und daß außerdem 20.000 Juden in unabhängigen jüdischen Ge* meinden organisiert sind, und zwar in sephardischen, polnischen, liberalen und orthodoxen. Diese machen un* gefähr 40.000 Seelen aus. Rechnet man noch 20.000 Juden hinzu, die nicht imstande sind, Beiträge zu leisten, so er* gibt sich ein Rest, der im großen Paris für allgemein jüdische Interessen nicht zu erfassen ist. Unter diesen Umstanden kann man immerhin von einem Aufblühen der jüdischen Provinzgemeinden Frank» reiqhs sprechen. Es zeigt sich allenthalben Interesse für die Aufrechterhältung und Vertiefung des jüdischen Lebens in der Provinz, eine Tatsache, mit der auch ihre kritische Stellungnahme zu der Vernachlässigung seitens des Pariser Judentums zusammenhängt. Einen wichtigen Faktor für den Prozeß des Erwachens des französischen Provinzjudentums zu einem Eigenleben bildet der Zu* ström ost jüdischer Elemente, die manche jüdische Wertu mitbringen und vermitteln. Die jüdischen Provinzgemeinden in Frankreich sind im Erwachen be* griffen. Gidesleistung nach jüdischem Hitus im bulgarischen Parlament. Sofia, lo. Februar. In der Sit/2unir der billig arische« So'brau je am Freitag, den b. Februar, hat ein ueu in da* Parlament'einziehender jüdisch er Abgeordneter den Eid auf die Verio&iuug nach jüdischem Ritus zu Händen des Oberrabb'mere von Sofie geleistet. Der Oherrablriucr naihiin in vollem Ornat, mit dem GebetmaniB) bedeckt, die Zeremonie vor. Keine EinwAnderungsmöglichkeiteit für Jaden in Bulgarien. Bukarest. 12. Februar. (J. T. A.) Bekanntlich hat der gegenwärtig in New York weilende bulgarische Unter* richtsminister Omarschewski gegenüber dem New Yorker JTA.«Vertreter erklärt, Bulgarien sei bereit, einer jüdischen Einwanderung, insbesondere polnischer und rumänischer Juden, die Tore zu öffnen, und lade sie zur Immigration ein. Der rumänisch«jüdische Deputierte Dok* tor Michael Landau hat sich auf diese Nachricht hin nach Bulgarien begeben, um mit den dortigen kompetenten Stellen Fühlung zu nehmen. Er sandte an die von ihm herausgegebene jiddische Tageszeitung „Unser Zeit" in Chisinau ein Telegramm, in welchem er mitteilt, daß in jüdischen Kreisen Sofias die Deklaration Omarschewskis nicht ernst genommen wird. Er selbst ist Philo« semit, aber er steht in Opposition zur gegen* wärtigen bulgarischen Regierung und kann von ihr gar keine Bevollmächtigung haben, derartige Et* klärungen abzugeben. Die ökonomische Krise ist in Bulgarien genau so stark wie in den um« gebenden Ländern, nach allgemeiner Ansicht ist daher eine Immigrationsmöglichkeit nicht vorhanden. Sogar Industrie* und 'Gewerbetreibende haben keine Aussicht, ins Land hereingelassen zu werden. Dep. Landau teilte noch mit, daß er mit dem bulgarischen Volkswirtschaftsminister die Frage noch besprechen wird. Sklaverei in Palästina* In der letzten Nummer der „Neuen Welt" war ein Bericht über die Umtriebe von Sklavenhändlern, welche unter den Augen der britischen Regierungsbehörden ihren Handel betreiben. Unter den Augen jener Männer und Politiker, welche heuchlerisch versichern, daß sie das „arme arabische Volk" vor den schlimmen Juden schützen müssen. Wir bringen heute als Ergänzung unserer Meldung einen Bericht, welcher der palästinensischen Zeitung „D a i a r" entnommen ist: C h a s s a n Z i d k i a 1 D c j a n i, Publizist und: einer der Führer der jungen arabischen Intelligenz, richtet an den Oberkommissar einen offenen Brief, den wir voll* inhaltlich wiedergeben. „Auf dem Wege von Haifa stieg in Nablus ein; Mann mit einem achtjährigen Mädchen, das armselige und zerissene Kleider anhatte, in unser Auto. Woher hast du das Mädchen, fragte ich ihn. ,Ich habe sie für meinen Bruder in B i r e, (einem Nachbardorfe) gemietet.' Gemietet? ,Ja, von ihren Eltern, auf 25 Jahre ' für 25 pal. Pf.'. Seltsam. »Wundere dich nicht, manche kaufen auch für immer.' Wirklich? Aber Sklaverei ist doch verbotenl ,Der Hunger zwingt den Fellachen, seine Kinder zu verkaufen. Er. braucht sie danq picht zu ernähren und verbessert durch den Erlös" seine" ßxistenz.' Ein zweiter Reisender mischte sich ein.. ,Das ist richtig. Ich habe für mich und auch für meinen Neffen ein Mädchen gekauft. Viele kaufen. Vor einem halben Jahre waren sie noch teuer, für mein Mädchen habe ich 28 pal. Pf. und noch 2 pal. Pf. dem Vermittler bezahlt. Heute beträgt der Preis hur 20 bis 25 pal. Pf.' Und was tut Ihr mit diesem Mädchen? ,Sie dienen im Haus und wachsen bei uns heran.' Und die Regierung weiß das? ,Viele Regierungsbeamte kaufen wie wir.' * Der Verfasser forderte den Oberkommissar im Namen der Menschlichkeit auf, einzuschreiten* „AI Chiat" teilt mit, daß der Oberkommissar bereits eine strenge Untersuchung anbefohlen habe. Nehmen wir selbst an, daß die Phantasie des Orientalen übertrieben hat; die Tatsache selbst ist kaum zu leugnen. Schon über zehn Jahre gibt es eine britische Administration in diesem kleinen und leicht überschau« baren Lande, hic und da tauchten des öfteren Gerüchte über solche. Fälle auf, aber die Behörden und die Aruber waren mit anderen Dingen beschäftigt: mit dem Kampf gegen, den Zionismus. Wir wollen den S ch an df le ck der Sk 1 a v er ei in Erez Jisrael nicht als Propaganda für den Zionismus benützen, da dieser nicht auf dem Niedergange der arabi* sehen Wirtschaft aufgebaut ist. Die Behörden und die Oberschicht des arabischen Volkes müssen die Sklaverei scharf bekämpfen, ohne jede Verbindung mit politischen Maßnahmen, Aber die Sklaverei ist nur eine Folge der Verarmung des Fellachen, und diese wiederum, ist nur zu beheben, wenn die zionistische Aufbauarbeit Erfolg, hat. Gegen die Verweigerung der Einreise nach Palästina für Jnbotinky. Jerusalem, 15. Februar. Am Donnerstag, den 12* Fe« bruar hat eine Delegation der Assefath Haniw* c h a r i m (Jüdische Nationalpartei) beim High Commis* sioner Sir John C h a n c e 11 o r vorgesprochen und ihm nachstehende Resolution der Jüdischen Nationaiversaram* lung überreicht: „Die Jüdische Nationalversammlung für Palästina protestiert dagegen, daß dem Mitglied der Assefath Haniwcharim Wladimir Jabo* tinsky die Einreise na c h P a 1 ä s t i n a v e r* weigert wird, obwohl er im Besitz eines Rückreisevisums ist. Die PalästinasRegjerung wird aufgefordert, ihren Beschluß, Jabotinsky vom Lande fernzuhalten, zu revidieren und es ihm zu ermöglichen, seinen Platz als Mitglied der gewählten Nationalversammlung ein/u* nehmen." Amerikanische Landeskonferenz de« Jtdfeclfci! Nationalfonds. — Gründung einer amerikanischen Nationalfottdsliga. Washington, 15. Februar. (J. T. A.) Auf der Landes* konferenz des Jüdischen Nationalfonds hat der Präsident des Keren Kajemeth, M. M. U s s i s c h k i n, den Vorschlag gemacht, beim Völkerbund die Einsetzung einer internationalen Kommission zu beantragen, die nach den Grundsätzen der vom Völkerbund mit der Kolonisa* tiön dw griechischen Flüchtlinge aus der Türkei betrauten Kommission die Ansiedlung landloser palästinensischer Araber in Transjordanien durchführen soll. Die Konferenz nahm einen von Ussischkin vorge* legten Fünfjahrplan für Bodenkauf in Palästina an. Im Zusammenhang mit diesem Plan hat das Landes* komitee der Zionistischen Organisation Amerikas die Gründung einer Nationalfondsliga in die Wege geleitet. Das Komitee hat seine formelle Zustimmung zur Durch* führung der 2^«Millionen«Dollar«Palaatln* Kampagne unter der Leitung der Jewish Agency ge* geben. Zur Lage der Juden in Sowjetrußland« Die in Palästina weilende Delegation der zionistischen Arbeitspartei „Hitachduth" in Rußland veröffentlicht folgende Nachrichten über die Lage der Juden in Sowjetrußland: Verbannung der Eltern von Zionisten. Aus Odessa wird berichtet, daß viele Eltern von verhafteten und verbannten Zionisten die Weisung erhielten, die Stadt sofort zu verlassen und selbst in die Verbannung zu gehen. Die Lage in den Verbannungsorten. Aus Jenissejsk wird berichtet, daß die Lage der dort befindlichen Zionisten dank den Schikanen der G. P. U. (Politischen Polizei), die ihnen jede Arbeitsmöglichkeit nimmt, eine sehr traurige ist. Charakteristisch für die Methoden der G. P. U. ist. daß ein Zionist wegen „bewußter Zerstörung" angeklagt wurde, weil ihm bei der Arbeit ein Ziegelstein zerbrach! Die Ernährung der Verbannten ist sehr dürftig. Offiziell bekommt jeder eine Ration von 7 Kilogramm Mehl im Monat, 120 Gramm Zucker und 2 Kilogramm Fische. Faktisch aber bekommt man den Zucker monatelang nicht und die „Muhlzeiten" bestehen aus Kartoffelsuppe, ab und zu auch ein Stüqk Pferdefleisch oder verfaulter Fisch. Schledrinsk (Ural). Die verbannten Zionisten mußten ihre Arbeit »verlassen. ( Sogar die-.zionistischen Facharbeiter werden durch andere ersetzt. Auf eine Beschwerde der Zionisten kam die Antwort: „Dies geschieh in Uebereinstimmung mit dem Vertreter der G. P. U., es ist nichts daran zu ändern." Tortakol (Kaeakstan). Die verbannten Zionisten gekommen keine Arbeit und werden seit 1928 nicht einmal in den A.rbeitslösenlisten geführt. Auf privatem Wege bekommen sie ab und zu schwere physische Arbeit, für 150 Kopeken im Tag, ein Betrag, der nicht einmal für die minimalsten Bedürfnisse ausreicht. Die Verbannten!dürjfen; die altertümlichen Stadtmauern nicht verlassen. Als sich die Zionisten am Purimfest bei einem außerhalb der Mauern lebenden Gesinnungsgenossen versammelten, wurden sie unter der Anklage des Fluchtversuches verhaftet! In K o n z e 1 g a r (Gefangenenlager) werden die dort befindlichen fünf Zionisten — darunter drei Frauen -Tgezwungen, mit Kriminalverbrechern zusammen Zwangsarbeit' zu leisten. Tula. Die Verbannten leiden an Arbeitsmangel. Nur selten bekommen sie Arbeit und dann nur die allerschwerste. Einer der Verbannten erhielt einen Posten in einer Genossenschaft. Als aber seih „Vergeheri" bekannt wurde, wurde er frist- und entschädigungslos entlassen. Er erhielt ein Zeugnis, daß er entlassen worden sei,, weil er ein politischer Verbannter ist, „der keinen Anspruch auf Arbeit hat". Das Arbeitsbüro veiiuutbarte, daß die Verbannten weder in die Krankenkasse noch in die . Versicherungskasse aufgenommen werden dürfen, auch wenn sie jahrelang am Orte arbeiten. Omsk (Sibirien), Omsk ist für einen Verbannungsort sowie für einen „Minus"-Ort (d. h. ejn Ort zum Aufenthalt von ehemaligen Verbannten bis zur völligen Befreiung) „zu gut". In der letzten Zeit trat aber eine Aenderung ein. Die Städte Zentralrußlands sind von „Minus—Leuten überfüllt und es herrscht dort Arbeitslosigkeit. Daher wählten einige Verbannte Omsk zu ihrem „Miuus"-Aufenthalt. Vor der Revolution lebten in Omsk zirka 3000 jüdische Seelen, die ein recht gutes Auskommen hatten. Jetzt ist ihre Position infolge. der Aufhebung der Privatwirtschaft völlig zerstört. Vor einigeii Jahren wurde in Omsk eine „OZET'-Abteilüng gegründet, die in der Umgebung zirka 50 jüdische Familien in zwei Kolonien ansiedelte. Die Kolonien entwickelten sich gut, bis die „Kollektivierung" sie völlig zugrunde richtete. Viele Kolonisten wurden verbannt, andere der „bewußten ZerstörungM augeklagt und ihr Vermögen konfisziert. Mit dem neuen, „mäßigen" Kurs kehrten die Kolonisten zurück, bekamen