Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 177 (6.2.1931)
- Date
- 1931-02-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE NEUE WELT Sei* % DAS WERK ZUM RUHME DEUTSCHER FILM- U. SCHAUSPIELKUNST Hiuti und ttglUh! DANTON mit FRITZ KORTNER und den Prominentesten der deutschen Theater Die große deutsche Tagespresse schreibt: es gab bei „B. Z. am Mittag*'t ... um der grandiosen Leistung Fritz Kortncrs willen wird man diesen Film ansehen müssen otfener Szene und »m Schlufs stürmischen Beifall........ .... n „ . .,Tempa"i . . Applaus, stürmischer Beifall . . ., man horchte förmlich auf und merkte, wie HBren;Qenuß wurde ... ,,12>Uhr>Mlttaaa-Zeltung"s ... das Eilebnls des Films ist Kortner, wunderbar die Schlagkraft dieses Fiims, die das Publikum lur degeisterunu hinriß . . . ...... 4 ,A .,8-Uhp.Blatt": . . : -ier Film hat Szenen, bei denen dem Publikum der Atem stockt „Berliner Börsen-Courier" i ... im Mittelpunkt steht Fritz Kortners hinreißende Leistung .... Gartenbau-Kino ftafa-Kino Kolosseum-Kino l, Parkring 12, Tel. R-21-2-43 VII, Mariahilferstr. 120, Tel. B-36-1-68 IX, Nußdorferstr. 4-6, Tel. A-16-4-92 Monopols Verleih deutsoher Tonfilme Leopold Barth & Co., Wien, VII. MmBHBaaWBI Am 13. Jänner erhielt auch der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, Ortsgruppe Kaiserslautern, durch die Kriegskameradschaft eine Einladung zu dieser Feier. Am 17. Jänner wurde die Einladung wieder zurückgezogen mit der Begründung, es hätten sich „unüberwindliche Schwierigkeiten" ergeben. Gleichzeitig wurde der Presse die Zurücknahme der Einkidnug bekanntgegeben. Dieses Vorgehen gegenüber den jüdischen Frontkriegern ist auf eine Forderung der Nationalsozialisten zurückzuführen. Boykottpiakaie verboten. Hambur g, 2. Februar. In Hamburg hatte der Inhaber eines Sportgeschäfts an seinem Schaufenster ein Plakat mit folgender Aufschrift angebracht: „Warum denn zu Juden laufen, bei uns könnt Ihr billiger kaufen." Das Landgericht Hamburg hat durch einstweilige Verfügung dem Geschäftsinhaber aufgegeben, dieses Plakat binnen drei Stunden nach Zustellung der Verfügung zu entfernen, und hat ihm weiterhin bei Strafe verboten, Kundgebungen dieses oder ähnlichen Inhalts an der Schauseite seines Ladens wieder anzubringen. Die 98. Friedhofsschändung. Berlin, 31. Jänner. (J. T. A.) Am vergangenen Sonntag wurde auf dem jüdischen Friedhof zu Klein« Krotzenburg eine grobe Schändung festgestellt. Sieben Grabsteine sind umgestürzt und einer davon ist schwer beschädigt worden. Da nicht anzunehmen ist, daß eine »einzelne Person eine solche Tat vollbracht haben kann, müssen wohl mehrere Täter in Frage kommen, die Suche für meine Tochter 25jähr. hübsches, intelligentes Mädchen aus gut jüdischem Hause, mit S 10.000 — Bargeld, S 350.— monatl. sicherem Einkommen und eleganter Ausstattung, Intelligenzler zwecks Ehe Ausführliche Zuschriften unter „Anonym zwecklos" an die Administration dieses Blattes die sehr hohe Friedhofsmauer überklettert und das Zer* störungswerk vollbracht haben. Es läßt sich nicht einmal mehr genau feststellen, wann die Tat geschah. Ein Jude Mitglied des Direktoriums der Faschistischen Partei Italiens. Rom, 29. Jänner. (J. T. A.) Der bekannte jüdische Gelehrte und Herausgeber der internationalen Zeitschrift für Rechtsphilosophie Prof. Giorgio Del Vecchio wurde zum Mitglied des Direktoriums der faschistischen Partei Italiens ernannt. Professor Del Vecchio gehört der fasebi* stischen Partei seit ihrer Gründung an. In politischen und wissenschaftlichen Kreisen genießt er hohes Ansehen. 1926 bis 1927 war er Rektor der Universität Rom. Aus Tripolis. Tripolis, 26. Jänner. Die jüdische Bevölkerung von Tripolis umfaßt laut den soeben veröffentlichten Ergeb* nissen der letzten Volkszählung 14.314 Seelen. Die Ge* samteinwohnerzahl von Tripolis beträgt annähernd 70.000. Im Laufe des letzten Jahres hat sich die jüdische Be* völkerung um 471 Seelen vermehrt, während der Bevölke« rungszuwachs der über 30.000 Seelen zählenden Araber von Tripolis nur 151 Personen beträgt. Im Jahre 1930 sind in Tripolis 655 Juden geboren worden und 242 gestorben. Die Auswanderung betrug 239, die Einwanderung 300 Juden. Die italienische Be* völkerung von Tripolis, die Anfang 1927 noch kleiner war als die jüdische, übersteigt diese jetzt schon um etwa 6000 Seelen. * Tripolis, 30. Jänner. In Tripolis wurde eine Ge* Seilschaft zur Verbreitung der hebräischenSprache und Kultur begründet. Die Gesellschaft, die den, Namen „Ben J e h ü da" führt, hat sich in erster Reihe die Aufgäbe gesetzt, die Kenntnis des. Hebräischen in den Kreisen der Jugend zu fördern. Zum Vorsitzenden der Gesellschaft wurde Herr Sion Addadi, der sich um die Propoganda für die hebräische Sprache und Kultur in Tripolis besondere Verdienste erworben hat, gewählt. Die Gesellschaft „Ben Jehuda" hat ihre Tätigkeit bereits auf»' genommen und zunächst die Gründung einer großen hebräischen Bibliothek in die Wege geleitet. Nr. W__ dieser Publikation folgte, beweist, wie aktuell die Veröffentlichung war. Ungemein viele verschiedenspi adlige Tages- und Wochenblätter, jüdischer und allgemeiner Art, brachten diesen Brief nach dem „Neuen Wiener Journal". Der auf diese Weise bekanntgewordene Brief befindet sich seit fast drei Jahren in meinem Besitz und jetzt erst wurde derselbe veröffentlicht, eben nicht ohne Grund. Um unglaublich verlogene und pietätlose Angriffe auf Herzl und Nordau abzuwehren, wie auch um Frau Dr. Nordau in Schutz zu nehmen. Nebenbei will ich erwähnen, daß nicht der vollständige Text des Briefes bekanntgegeben wurde, persönliche Rücksichten sprachen dagegen. Herr Alperin, der selbst interessante Ergänzungen zu dieser Frage mitteilt, hat leider die posthumen Angriffe auf Herzl und Nordau nicht gelesen und konnte deshalb den wahren Grund für meine Veröffentlichung, die absichtlich ohne jeden polemischen Ton geschehen ist, nicht verstehen. „Schmeißt die Juden raus!" Frankfurt, 2. Februar. Die „Frankfurter Zeitung" schreibt: „Schmeißt die Juden raus 1", so hatten zielbewußte Schreier bei der Berliner Reichsgrüudungsfeier im Sportpalast gerufen. Die Deutschnationalen versammelten an diesem Abend ihre rein-arischen Mannschaften, es sprachen Hilgenberg und Hofprediger Doeliring, die Begeisterung war groß, kein marxistischer Bazillus war anwesend, kein römischer und, selbstverständlich, kein jüdischer. Und doch: die Versammlung war nicht völlig judenrein. Man weiß, wie sie's machen: hintenherum drängeln sie sich ein. Diesmal versuchten sie das Gehirn des Herrn Doehring. Es passierte ihm, daß er im Hochgefühl seiner Rede zur Verherrlichung Wilhelms II. mit prachtvollem Pathos deklamierte: „Dann reitet mein Kaiser wohl über mein Grab, Viel Schwerter klirren und blitzen; Dann steig' ich gewappnet hervor aus dem Grab, Den Kaiser, den Kaiser zu schützen." Die Hörer waren begeistert. Heine lächelte im Olymp. Der flüchwürdige Bazillus hatte wieder einmal sein Werk getan und in diesem Falle eine ganze Versammlung infiziert." Hakenkreuz und „Juda verrecke!" am Reichstagsgebäude. Berlin, 1. Februar. In der Nacht zu Freitag haben bisher noch unbekannte. Täter an der Haupteingangstür zum Reichstag am. Platz der Republik in der Holzver* kleidüng mit einem Meißel ein großes Hakenkreuz ein*<: gekratzt. Darunter stehen die Worte „Jüda ver* re ck et" Auf die Ergreifung der Täter wird eine Be* löhnüng ausgesetzt werden. "•"./ '- Wie jüdische Frontsoldaten behandelt werden. Kaiserslautern, 2. Februar. Die Kriegskameradschaft und der Stahlhelm veranstalteten am 18. Jänner in Kaiserslautern eine Reichsgründungsfeier. Sprechens hat die Habimah etwas Gemessenes und bei* nahe Feierliches. In der Mimik zeigt die Maske etwas Antik*Groß>artiges, und die Geste ist weit und über* zeichnet; in den rührendsten Augenblicken sogar von einer fast überstrengen, ans Starre grenzenden Form. Ja, sogar die beiden Vorformen des Dramatischen, der chorische Tanz und das kultische Singen, ja, jede Form von Rhythmik, Plastik, Tanz und Rhetorik, gibt etwas von feierlicher Starrheit, die die Kunst der Darstellung sehr verdeutlichen." Die Ruhe der Gebärde gibt ihren Aufführungen eine Haltung gottesdienstlicher Sabbat* Stimmung. Im Musikalischen und Rhytmischen wird ein Anschluß an das Jüdisch*SIawische des Ostens gefunden: das Leitmotiv, das in vielen ihrer Rhythmen wiederkehrt, ist eine ostjüdisch*slawische Melodie, in dem die Bettler ihre Sehnsucht; die Armen ihre Verzweiflung, der Rabbi seine Strenge zum Ausdruck bringen. — In ihrer Sprache haben sie eine glückliche Synthese der Sprache des alten Bibel*Hebräis.ch und des Klanges des Neu* Hebräischen geschaffen. : , Im allgemeinen besteht der Unterschied zwischen den Wilnaern und der Habimah nicht nur im „J i dd i s c h" und im „H e b r ä i s c h", nicht nur in Beweglich* keit und Starrheit der Form, etwa Naturalismus und Expressionismus, sondern in der russischen Revolution, Die Habimah ist nämlich, wiewohl ihrer hebräisch*nationalen Richtung wegen, in Moskau kaum geduldet, doch als revolutionäres Theater ent* standen. — Im allgemeinen wird der Zuschauer der Habimah in Architektur und Bühnenbild, wie auch in Maske und Kunstrichtung eine Art Expressionismus er* blicken müssen. Vielleicht ist es aber eher ein Super* naturalismus zum Unterschiede von den Wilnaern, deren Weg wir „naturalistisch" nennen. IV. Das Moskauer Akademische Künstlertheater. Wir wenden uns nun der letzten jüdischen Theaterrichtung zu, dem „Moskauer Akademischen Künstlertheäter", Haben wir nun die Kunstrichtung der Wilnaer als von Stanislawsky, die der Habimah von Wacht an'go f f beeinflußt gesehen, so werden wir die der Moskauer als von T a i r o f f* Meyerhold inspiriert bezeichnen müssen. Ursprünglich war die Truppe ein Operettentheater. Nach der Revolution und dem Sieg der Sowjets stellte sich dieses Theater als A g i t a t i o n s b ü h n e in den Dienst der kommunistischen Idee. Kein Wunder also, daß dieses Theater in Moskau, obwohl es in „j i d d i s c h" spielte, nicht nur geduldet, sondern ein offizielles, vom Staate gefördertes Unternehmen wurde. — Die Mitglie* der der Truppe sind Tairoffjünger, und Alexander Granowsky, ihr Meister, ist ebenso ein Schüler Reinhardts, Tairoffs wie auch Meyerhold«. — Das Theater ist Proletkultur. Es ist Tendenztheater. Die jiddische Kulturbewegung in Rußland ist deutlich und unverhüllt politisch betont: Sie erblickt eine eigene jüdisch*kulturelle Zukunft in ihrer Art in einem j i d d i* schistisch * proletarisch - kommunisti* sehen Judentum in Rußland. Russische Tradition ist „l'a r t pour l'art": SpieU freude, Spielbesessenheit, die Hingabe des ganzen physi* sehen und psychischen Menschen an das Kunstwerk. Nur der Kunst wegen — ohne Tendenz. So war es noch bei Tairoff, dem Granowsky die Kunstrichtung abgelauscht hat. Meyerhold dagegen machte die Bühne zum tenden* ziösen Mittel. Und auch dies hat Granowsky übernom* men, nur liegt bei ihm das Tendenziöse nicht so sehr im Inhalt als in seiner Regieführung. Wir nannten es Proletkultur und Te.ndenztheater, „weil hier die Proletarier weit die Welt des Blutes, der natürlichen Kraft, des übersprudelnden Gefühls ist. Keinen Augenblick stehen diesen Menschen Hände, Lippen, Augen und Beine still. Lustig ist das Bühnenbild, und die Musik schwingt in hüpfenden, quirlenden Rhythmen. — In der Bourgeoisie dagegen ist alles steif, abgestanden, verkalkt, puppenhaft. Es ist eine Welt der Automaten, Schminke, falscher Zähne und gefärbter Haare, falscher Blicke und unechter Gebärden. Die feine Lebensart, von Geld gefördert und gefordert, hat sie zu Marionetten gemacht, zu Schattenfiguren ohne Eigenleben." Die Eigentümlichkeit dieses jüdischen Theaters ließe sich noch in drei Elemente zerlegen: 1. Ueber* mütige Komponente des jüdischen Wes e n s, sein Gelächter, seine südländische Heiterkeit, der Spaß des so gern lachenden und das Leben tief und witzig variierenden Juden, 2.), Der wunderbare Rhythmus, der diese Bühne beherrscht. Hier ist/ im Sinne Tairoffs, zum erstenmal das rein Theatrali* sehe des Theaters, nämlich die Leistung von Menschengruppen, vergeistigt worden, ohne das Wort, nur durch die Disziplin des Gesamtkörpers. Glänzend und hervorragend diese Gesamtbewegung, die Gestikulation, das ausgebildete Körpergefühl eines jeden und die pantomimische Begabung. Jonglierender Rhythmus, Musik, Tanz, Gesang und Akrobatik — sind die Elemente der Tairoffschen Granowsky*Bühne. Ja, die Musik, die bei Tairoff nur ein Element ist, ist bei Granowsky Hauptelement. Alle Bilder sind durchwoben von Tanz und Musik. 3.) Die gelockerte, schwellende Ausgelassenheit des russischen Künstlers, die dem Juden so wunderbar bekommt. Will man die Moskauer in die Reihe der beiden anderen Gruppen einreihen, so gewinnt man den Ein* druck, daß hier intellektuelle Kunst entfaltet wird. Granowsky hat der motorischen Bewegtheit des russischen Juden symbolischen Ausdruck verleihen wollen. Bei allem Bewundernswerten des Tänzerischen und Rhythmischen in Gesamt und Einzelleistung hat man aber das unbedingte Gefühl des Technisierten, Erklügel* ten und Ueberspitzten. Granowskys Künstlertheater ist optisch, motorisch und musikalisch auf der Höhe. Die Architektonik des Bühnenaufbaus, die Rhythmik in Tanz und Gebärde sind bewundernswert. Aber dies alles ist keine n a t u r a 1 i* s t i s c h e (Wilnaer),. auch nicht supernaturalisti* sehe (Habimah), sondern antinaturalistische Kunst. (Man näht mit imaginärem Faden und nicht vorhandener Nadel, man trinkt ohne Wein und Becher, man schreibt ohne Feder und Tinte.) Mit einem Worte: Illusionskunst und Symbolismus, V. So haben wir nun in kurzen Umrissen ein Bild des modernen jüdischen Theaters entworfen. Es Ist schwer, zu sagen, welcher der drei Richtungen die größte Bedeutung beigelegt werden soll. Nur soviel läßt sich vor* ausbestimmen: Die Habimah hat eine große Zukunft vor sich, weil sie ideologisch an die moderne jüdische Renaiasancebewe* gung angeknüpft hat. Die Zeit wird beweisen, ob wir mit dieser Zukunftsprognose rtcht hatten.