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Die neue Welt · 1931-02-06 · Heft 177 (6.2.1931) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 177 (6.2.1931)
Date
1931-02-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 ' NEUERÖFFNETE REICHHALTIGE MODERNE LEIHBIBLIOTHEK OER BOCHERSTtJÖE M. RATH WIIN, II., TABORiTKAISI M* Ma TEL.: R-43-1-Ö8. ALLE NEUERSCHEINUNGEN! REICHE AUSWAHL «1 HMHAIKA UND JUDAIKAI MONATSGEBUHR NUR S 3 - KEINE BANDOEBÜHRI TAOUCHER UMTAUSCH! Jugend in Not? Für die jüdische Jugend gibt es keine Heimstätten? Das Judentum darf bei einer solchen Tagung nicht zu Wort kommen? Wer hinter die Kulissen blickt, weifl genau, was vorgegangen ist. Die Majorität und die Minorität haben sich in einem Punkte geeinigt und nach einem bestimmten Schlüssel Fürsorge für ihre Jugend geschaffen. Die Juden gingen dabei leer ans, denn wieder einmal hat die österreichische Sozialdemokratie, die es bei den letzten Wahlen so gut verstanden hat, um jüdische {Stimmen zu buhlen, die Juden verraten. Einem Jongleur gleich verstand sie es, die Juden 'wegzueskamotieren. Hier sind die Juden, bitte, sie genau anzusehen, und jetzt aufgepaßt: Wir gründen Tagesheimstätten, berufen, eine Tagung zur Beratung über die Not der Jugend ein, ein Handumdrehen, und die Juden sind veff seh wunden! Die Juden haben als Stimmvieh ihre Pflicht getan und haben nun in der Oeffentlichkeit nichts mehr zu suchen. Die Zionisten, die ihre Stimmen den Sozialdemokraten zugewendet haben, können auf ihre politische Klugheit wahrhaftig stolz sein.- Allzu bald ist der Zahltag gekommen. Der Fall der jüdischen Arbeitslosen hat wieder einmal bewiesen, daß die Wahrung der judischen Rechte bei den Sozialdemokraten sehr schlecht - aufgehoben ist; Nicht um Bourgeois handelt es sich im vorliegenden Falle, nein, um arme Arbeitslose. Sie sollen aber zugrunde gehen, we1»n sie sich nicht untre den Fittichen der roten Kirche verkriechen. Als Juden haben, sie keine Existenzberechtigung. |iiiiiiiiitiiiiitiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiH I ^n*on der zfa"fc*e"'WB¥i8lonl8t8n Owterrelcht | 1 Montag, d«n 9. Februar 1931, </,9 Uhr abends, | I im Caf* „Produktenbörse" (großer Saal), a * | II., Taborstraße 10 I I VERSAMMLUNG I | „Gefährliche Stimmungen" f | Referent: JOSOff Fränk«! | | Diskussion! Gäste willkommen! | I A#LliiMJil Die Montag.-Versammlungen I i MCniUnBI finden im Cafe .Produkten- § 1 sssasassasassasssasassal börse", II., Taborstr. in, statt ff illllllllllllllllllllRIIIIIIIIIIHIIIIlilllllllllllllM - Wesenhafte der ganzen revolutionären Klasse in sich trägt, das zu vermitteln, doch die soziale Aufgabe des Theaters sei. In diesen .Richtungen des russischen Theaters werden wir jetzt manchmal Ursprung, doch stets Inspi« rierung und. beträchtliche Beeinflussung des jüdischen Theaters, der „Wilnaer", „Moskauer" und „Habimah" zu suchen haben. II. Die Wilnaer Truppe. Ihr Entstehen fallt in aie denkbar entsetzlichste Zeit des Krieges und ihr erstes Auftreten in eine Zeit wirtschaftlichen Elends und seelischer Depression. Unter dem Namen „Kamerad« schaft Wilnaer Schauspieler" gruppierte sich eine kleine Anzahl von Studenten und Kauf» leuten — keiner war Schauspieler von Beruf — mit literarischdcünstlerischem Interesse um die Persönlich* keit ihres Führers Mazo, Dieser wollte ein jüdisches Mustertheater schaffen, das, als Protest gegen existie« rende Schundbühnen, den Grundstein zu einer positiv durchgreifenden Reform des jüdischen Theaters legen sollte. Kaum begannen sie, ihr Ziel in die Wirklichkeit umzusetzen, als das russische Militärkommando das Weiterspielen verbot. Der Grund lag hierin, daß die „jiddische" Sprache, in der die Wilnaer spielten, von den Russen als deutscher Dialekt angesehen wurde. Erst nach Besetzung Wilnas durch die Deutschen wurde ihnen, durch den neuen oberschlesischen Oberbürgermeister Wilnas, das Weiterspielen gestattet. Nachdem sie ein Jahr in Wilna spielten, machten sie einen Streifzug durch ganz Europa und wären überall von Erfolg begleitet. Die europäische Presse wie Eulenb e r g, Zweig o. a. zollten ihnen verdiente Anerkennung. Zu diesem großen Erfolge verhalfen ihnen drei Faktoren: 1. Ihr Schau« spieler*Ensemble, 2. ihr Repertoire und 3. d i e A r t ihres Spielens. Das Ensemble setzte sich aus Menschen zusam* men, die in einer Art höherer Kunstgemeinschaft all ihre Kräfte für die Gestaltung der sie beherrschenden Ideen einsetzten. So kam es, daß Namen wie Leo Kadisohn, Alex Stein, Mirkam Orleska, Bulow, Kamen, Weißlitz u. a. später auf großen internationalen Bühnen Anklang fanden. klh m^^w^ Mi^A'äü 1 DIE NEUE WELT ^—»t—^—^————!-r-- ' i " : ii—I "r Iii if Hill Hl Die Bewegung fit de* ffidlidien Bevölkerung Wiens im Jahre 1930« ____m und 161 auf Ortsfremde, von den 1214 Geborten 1149 auf Ansässige und 65 auf Ortsfremde. In Spitälern und Anstalten sind 1589 Personeft und in ihrer Wohnung 1000 Personen verstorben. Von den GeSurtsfälten entfallen 1116 auf Entbindungen in Anstalten und 98 auf olche in der Wohnung. i Hl...... Cur Debatte fiber Herst und die Mfcdtehe Max Nordaus. Wir erhielten von Herrn Dr. Tulo Nüsse nblatt ilgteode Zuschrift: Zu den Auaftthrungen de« Herrn A. Alperin Paris), welche in der letzten Nummer der „Neuen Welt" eröffentlicht waren, will ich Tatsächliches ergänzen, [err Alperin meint, „Gott Weiß, wozu" die Verffentlichung de« nun bekannten Briefes von [erat über die Ehe Max Nordaue nötig wer. Herr lperin glaubt also, daß ich die zart« Frage ohne Rttckicht auf die verehrte, in Pari* lebende Frau Dr. Nordau nd ohne Grund aufgerollt habe. Er irrt hierin. Die Analegenheit verhielt sich ander*. Vor nicht langer Zeit rar im „Frankfurter Israelit" ein Angriff auf fordau und Herzl zu lesen. Die Redaktion dieses Blatte», onnte sieh in ihren Betrachtungen Uber Zionismus, aufe und Mischehe nicht genug tun und tischte wieder Ite Angriffe auf Herzl nnd den Zionismus auf. AI* [auptbeweis mußte die Mischehe Nordaus herhalten. Diese Angriffe wurden dann kommentarlos von ielen Blättern wiederholt, darunter auch von. einigen in fien. Einer hier erscheinenden Wochenschrift (dem latt der Union deutschösterreichischer Juden) sandte ih eine Richtigstellung ein, die auch erschienen ist. [eberdies nahm ich in einem öffentlichen Vortrag über heodor Herzl als Mensch und Staatsmann gegen jene, ngriffe Stellung und zitierte als Beweis für meine Beauptungen den in Frage kommenden Brief Herzls über ie Ehe Nordaus, um die menschliche, vornehme, erreifend einfache Art Herzls zu beweisen. Gelegentlich ieses Vortrages wurde dieser Brief im „Neuen Wiener Durnal" veröffentlicht und das bereitwillige Echo, da* iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiic Verband dempkratlioher Zionisten, firuppt VI/VIII § wmBMamammamaammmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmm SS, Voranzeige! § Samstag, den 2*. Februar INI, findet m S den Sälen von „Chat N o I r" eine große 5 PurlmRedoute ( unter der Devise „Purine Im TaWlwlw** statt § Ueber 200 Mitwirkende /. In Wien noch nicht S Dagewesenes / Programm in' der nächsten s Nummer der „Neuen Welt" / Karten im Vorjverkauf ä S 3.—, an der Kasse a S 4.— S Karten crhlltllch bat Strumpfpalaat A. SCHACHTER. VII., Bor^ E guu 44, uad bei der Kassa des Cmli „Naabaahof", VII., Neubaus u asse 64. sowie bei den Komlteemltgiiedem s lllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllinilfHItllllltr Aus dem vom Matrikenamt der Isr. Kultus« gemeinde Wien vorgelegten statistischen Ausweisen über die Bevölkerungsbewegung im Jahre'1930 ergeben sich die folgenden Ziffern, bzw. Gegenüberstellungen: 1920 1929 2886 2709 2744 1344 2955 1246 1271 . 895 * k 1930 2597 1214 1244 742 286 1. Sterbefäll* 2., Geburten 3. Trauungen 4. Austritte 5. Eintritte, bzw. Rücktritte . . 376 305 ad 1. Von den 2597 Sterbefällen des Jahres 1930 entfallen 54 auf Totgeburten, 1356 auf männ 1 iche und 1187 auf weibliche Personen. Es entfallen die meisten Todesfälle (473) auf Herzkrankheiten, sodann 424 auf krebsartige Erkrankungen, 400 auf Erkrankungen des Blutes und seiner Bahnen und 336 auf Erkrankungen der Atmungsorgane. Der Tuber* kulose sind 164 Personen erlegen. 85 Selbstmorde weist die Statistik der Todesursachen auf. Dem Alter nach sind die meisten Todesfälle (576) zwischen dem 70. und 80. Lebensjahre, 403 zwischen dem 65; und 70., 305 zwischen dem 60. und 65. Lebensjahre zu verzeichnen. Von 197 im Alter zwischen 80 und 90 Jahren Verstorbenen waren 79 männlichen und 118 weiblichen Ge« schlechtes, von 23 im Alter zwischen 90 und 100 Jahren Verstorbenen gehörten einer dem männlichen, 22 dem weiblichen Geschlechte an. Es sind schließlich zwei weib« lichte Personen im Alter von über 100 Jahre verstorben. ad 2. Unter den 1214 Geburten des Jahres 1930 sind 14 Zwillinge und e i n D r i 11 i n g zu verzeichnen. Die Zahl der männlichen und der weiblichen Geboreneri ist gleich hoch (607). Unter den mähnlichen sind 19 Tot« geborene, unter den weiblichen 11 Totgeborene verzeichnet. ad 3. Gegenüber den 1244 Trauungen, die im Jahre 1930 im Wirkungsbereiche der Israel. Kultus« gemeinde Wien vorgenommen wurden, verzeichnet die Statistik 324 in diesem Jahre vor dem Rabbinate vollzogene rituelle Ehetrennungen. Von diesen sind 117 im 6. bis 10. Jahre der Ehe erfolgt, 2 nach mehr als 40jähri« ger Ehe. ad 4. Von den 742 im Jahre 1930 Ausgetretenen waren 369 männlichen und 373 weiblichen Ge« ' schlechtes, 449 w a r e n I e d i g e n S t a n d e s. Die Höchst« zahl der Austritte verzeichnet die Altersgruppe zwischen dem 30. und 40". .Lebensja^e^xf^ ad 6. Unter'flen 286* 'in4 j&nre 193fr1 ins Judentum eingetretenen Personen haben 127 bereits früher dem Judentum angehört,1 sind. also rückgetreten. Von den Eingetretenen waren 94-männlichen und 192 weiblichen Geschlechtes. .' Bezüglich der Gruppierung, in Ansässige und Orts« fremde weist die-Statistik folgendes aus: Von 2597 Sterbefälle entfallen 2436 auf Ansässige- '.'. s 3 f< o V H 6* E A si u ff w N k T a H v; V B ic TJ T 4 h <* 8} d J< ssi sti Ihr Repertoire bestand nicht nur aus ausschließlich jüdischen Dichtungen, sondern brachte auch Themata allgemeiner Natur auf die Bühne. So spielten sie neben „Dybuk", „Tag und Nacht" (Anski), „Grüne Felder!' (Hirschbein), „Mabul" von Berger u. a. auch Andrejew, Arzibaschew, Evreinow, Gutzkow und Dumas. Wir betrachten nun die Art ihres Spielens. Das Theater der Wilnaer muß von der Höhe der Stani* slawsky'Biihne. aus gesehen werden. Das will natürlich nicht besagen, daß ihr Theater eine Kopie der Stani* slawskyBühne war; aber eine ungeheure Inspirierung in bezug auf die Art und Darstellungsweise ist unverkenn« bar. —• Mit denselben hohen Voraussetzungen gingen sie an ihr Werk heran. Dieselbe Intensität, dieselbe immer heftiger um sich greifende Sachlichkeit und dieselbe psychische Präparierung. Hier wie dort werden Stücke jahrelang geprobt, bis sie empfunden und erlebt werden. Hier wie dort extrem realistische Gestaltungsform. Nur drückte sich all» dies bei den Wilnaern, die gegen noch existierende, jüdische Bühnen niederen künstlerischen Niveaus zu kämpfen hatten, noch in anderer Weise aus. Direkt rührend ist ihr zögerndes Tasten und Suchen, die Art ihrer Abkehr vom Alten und ihre Bestrebungen zu neuen Reformen. Diese bestanden nicht nur in bezug auf die Kunstrichtung und Repertoirewahl, sondern auch auf die Spieltechnik. So haben die Wilnaer zwei interessante Versuche gemacht: das Spielen ohne Souffleur und die doppelte Ensemblebesetzung, Das erstere war ein. sehr originelles und vages Experiment, jedoch zwang es den Schauspieler indirekt, sich in eingehendster Weise mit seiner Rolle zu befassen, so daß er sie ohne jede Hilfe, nur im Vertrauen auf sich selbst, spielte. Der zweite Versuch, weniger originell, aber ebenso, wichtig, hatte rein praktische Vorzüge (die Möglichkeit zweimal täglich zu spielen), kü n s 11 er i s c h * p ä d a go g i s c h e . (junge Künstler können in der zweiten Besetzung bereits praktisch ausgebildet werden) und sozial«profes* sionelle (es wird jungen Schauspielern ermöglicht, vor Publikum größere Rollen zu spielen). Eine weitere Bedeutung erhalten diese Reformen durch die k ü n s t«. lerische Konkurrenz unter den Schauspielern und die Verschiedenheit der Auffassung einer jeden Rolfe, die das künstlerische Niveau eines .Thealers hebt. Zum Schluß eine resümierende Bemerkung über die Wilnaer: Sie stellen in der Entwicklungslinie des jüdischen Theaters die erste Etappe seines aufsteigenden Niveaus dar, weil ihre Reformen; obwohl von Stani* slawsky angeregt, einem inneren Bedürfnisse entsprangen, also von innen nach außen geschehen, und nicht umgekehrt. Dies macht ihren originell jüdischen Wert aus. . III. „Habimah" (die Bühne). Wir gehen nun von den Wilnaern zur. zweiten jüdischen Kunstrichtung, zur hebräischen Truppe der Habimah über, Wenn die Wilnaer von der russischen Bühne nur geistige Anregun« gen empfangen haben, ohne mit ihr in direktem, Kontakt zu stehen, so. ist die „H a b i m a h" eine direkte Schute des russischen Theaters. Sie entstand aus einer Gruppe von zehn Menschen, hebräisch sprechenden Juden aus Palästina, nach Rußland eingewandert, die spater Wachtangoffs. Schülerwurden. Und Wachtangoff ver« stand es, ohne selbst ein Wort Hebräisch zu können, aus dieser Handvoll Menschen eine einzigartige , Theater« gruppe zu schaffen. Allerdings konnte dies nur. durch eiserne Energie und priesterhafte Hingabe von Regisseur und den Schauspielern geschehen. Ausgehend vom Prinzip, daß nur höchste; Anspannung, seelischer Kräfte und größte Reinheit des Herzens den religiös anmutenden Gesamtakt eines vollendeten Spiels ermöglichten, führten :sie alle ein kompromißloses, fast asketisches Leben. So heirateten sie nur untereinander und lebten abgeschlossen von der sie umgebenden Welt. Ihre ganze Konzentration und. Hingabe galt nur ihrer Kunst. An diese stellten sie aber solch hohe Ansprüche, daß das Studium eines Stückes bei ihnen durchschnittlich drei Jahre dauerte. Das Theater selbst wurde, und wird noch heute vo* ihnen als Heiligtum betrachtet. Jedem dieser Schauspieler bedeutet der Tag seines Auftretens ein hohes religiöses Fest, vor dem die Wirklichkeit der äußeren Welt völlig ins Wesenlose versinkt. , Und nun noch ein Wort über die Art ihrer Kunst. Die Kunst , der Habimah ist eine strenge Kunst V«r* gleicht man den „pybuk" der Wilnaer mit dem ~ der Habimah, so tritt dies genau in Erscheinung. Der „Dybuk" der Wilnaer ist brennend und leidenschaftlich, der der Habimah, kühl und streng. Sogar in der Art des

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