Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 177 (6.2.1931)
- Date
- 1931-02-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. m DIE NEUE WELT Seif« S giiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiii^ | Verband demokratischer Ztonitten | § Mittwoch, 11. Pabruar M31, um l/,9 Uhr abends s s im Harsf*Saal das Varbandthalmt, II., Untere 5 5 Augartenstraße 38 s [ Vortrag | s Gegenstand: s | Am Ende der romantischen Periode § § Neue Richtung des Zionismus § 2 Referent: s | Dr. 0. Karbach | iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiitiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii^ Die sozialistische und deutschdemokratische Stu» dentenschaft, die im eigentlichen Sinn in die deutsche Studentenschaft hineingehört, aber wegen ihrer vielen jüdi* sehen Mtiglieder yreder zugelassen wird noch gewillt ist, hineinzugehen, hat Wahlenthaltung zu den ausgeschriebenen deutschen Kämmerwahlen proklamiert. Die diesbezüg* liehen Plakate auf ihren Anschlagskasten wurden von den nationalsozialistischen Hitler*Studenten demoliert, ein Akt, der gleichzeitig Signal zu wüsten Raufereien auf Universi* tat und Technik war und schließlich zudenobligaten UeberfällenaufjüdischeStudentenführte. Die Vertretung der jüdischen Studentenschaft legte gegen diese Hakenkreuzlerbüberei, gegen das ungerecht» fertigte Hineinzerren der jüdischen Studentenschaft in die Affäre, beim Rektor Verwahrung ein und erhielt eine höchst gewundene und unentschiedene Antwort. Die Krawalle gehen weiter. Die jüdische Studenten* schaft steht nach wie vor auf dem Standpunkt, daß sie die Frage der Wahlen zur deutschen Studentennation über* baupt nicht zu erwägen hat. Tatsache aber ist, daß sowohl durch die Universi* tätsbehörden als auch von seiten der protestierenden Studentenschaft in die Frage der nationalen Studenten* Vertretungen heillose Verwirrung hineingetragen wurde und daß anläßlich der bevorstehenden Kammerwahlen eine endgültige Klärung erforderlich ist. Die Vertretung der jüdischen Studentenschaft wird die Frage einer gründlichen Erörterung unter* ziehen und jene Prinzipien walten lassen müssen, die sich aus der Tatsache der Zugehörigkeit zur jüdischen Nation ergeben. Wir werden auf diese prinzipielle Frage noch zurückkommen. Jüdisches Notizbuch* ' Von Ludwig B a t o. Das Ei des Kolumbus. Wie die Blätter berichten, hat die Zionistische E x e k u t a v e in London einen Presseemtpfang wanstaltet, um ihre „Pläne für die Zukunft" der breiten Oeffenilichkeit daraulegen. Bei dieser Gelegenheit hat das Mitglied der Exekutive Herr Josef Sprinzak die Grundzüge eines „Planes" entwickelt, der die Auftbringitng von einer M i 11 i o n P f u n d für Ko. Ionisation aarbeit in Palästina im Laufe eines Jahres vorsieht. Auf welche Weise? Sehr einfachl Ein Jüdischer Verband zur Förderung der Palästina-Kolonisation mit einer Million Mitgliedern soll geschaffen werden. Jedes Mitglied hat jährlich einen Beitrag von einem Pfund zu leisten. Punkt. Das Finan-zprofolem, das jetzt der Zionistischen Organisation so große Sorgen bereitet, ist so gut wie gelöst. Der beste Beweis dafür ist die „B egeisterung", mit der •— wie das offizielle Kommunique berichtet — die palästinensische Arbeiterschaft den Plan Sprinzaks auifigenommen hat. Seihen wir uns einmal diesen Plan näher an: Eine Million Mitglieder sollen angeworben werden. Wenn wir die russischen und die ungarischen Juden aus dem Kalkül lassen, so verbleibt eine Zahl von 12 Millionen Juden auf der Welt, die für den Verein in Betracht kommen. Das heißt, daß jeder zwölfte Jude — Frauen, Greise und Säuglinge mit eingerechnet — dem Verein beitreten muß. So hat die Wiener Judewheit 16.700 Mitglieder beizustellen, die jährlidi die Kleinigkeit von 584.000 Schilling zu leisten hoiben. Noch viel krasser wird aber die Sache, wenn wir die von Juden stank besiedelten Länder in Betracht ziehen. Die zwei größten Judenländer, das reichste und das ärmste — die Vereinigten Staaten von Amerika und Polen — beherbergen insgesamt 7 Millionen Juden, die — wir zählen die Judentheiten beider Länder zusammen, um eingn Durchschnitt zu erzielen — sieben Zwölftel der Mitgliedsbeiträge, d. i. 583.000 Pfund, aufzubringen haben. Wie ist es nun um die Leistungsfähigkeit dieser Länder bestellt? Vom 1. April 1928 bis 31. März 1929, also zu einer Zeit, da Amerika noch im Zeichen der Prosperität stand, liaiben beide Länder für den Keren Hajessod insgesamt 192.000 Pfund gesammelt. Zählen wir noch ihre Leistung für den Keren Kajemeth ■von 89:000 Pfumd im Jahre 5688 hinzu, so kommen wir auf einen Betrag von 281.000 Pfund, also noch nicht einmal! auf die Hälfte des nadi dem Plane Sprinza/ks auf diese Länder entfallenden Betrages. Aber auch der Betrag von 281.000 Pfund konnte nur mit Hilfe einiger großer Spenden aufgebracht werdender stammt keineswegs voti hunderttausenden Spendern. Seither haben sich aber die wirtschaftlichen Verhältnisse wesentlich verschlechtert und das Vertrauen zur Londoner Leitung ist da hinge sc hmolz e n. Nun sollen in diesen beiden Ländern 583.000 Spenr der angeworben werden^ wobei doch die Arbeit-. für Keren Kajemeth und Keren''■H^jesSM''gteichizeitig' weitergehen soll. Die Idee Sprinzaks ist schlecht, aber nicht einmal neu. Sie ist zum ersten Male vor acht Jahren in Wien aufgetaucht, wo eine „Gesellschaft der Freunde des Palästina-Aufbaues" mit der Tendenz ins Leben gerufen wurde, große Massen mit der einzigen Verpflichtung eines jährlichen Beitrages von einem Pfund als Mitglieder anzuwerben. Obschon dieser Betrag gleich Die DelikatesS'Orange für den Kenner ist die PARDESS ORANGE aus Jaffa Schutsmark« „KAMELM Saftig" Süß ° Kernlos In jedem besseren Geschäft erhältlich zu Beginn auf ein halbes Pfund herabgesetzt wurde, die Dinge damals in Palästina viel besser standen als heute und das Vertrauen zur Leitung unendlich größer war,, endete der mit hingebungsvoller Arbeit betriebene Versuch mit einem großen Mißerfolg. Die Zionistische Exekutive muß von allen guten Geistern verlassen sein, wenn sie die finanziellen Schwierigkeiten der Kolonisation mit Hilfe von dilettantischen und unreifen Plänen zu überbrücken versucht. Der Ertrinkende greift nach einem Strohh a 1 m i i a Das wegeskamotierte Judentum. In den letzten Tagen haben die Zeitungen durch zwei eigenartige Nachrichten die Wiener Oeffentlichkeit überrascht. Zunächst konnten die Blätter melden, daß für die Wiener jugendlichen Arbeitslosen soundso viele sozialistische und soundso viele christliche Tagesheimstätten errichtet werden sollen. Nach einigen Tagen fand dann unter der Devise „Jugend in Not" eine Tagung statt, bei der sozialistische und christliche Redner die Not der Jugend darstellten und Abhilfe forderten. Liest man diese Nachrichten, drängt sich einem die Frage auf: Ja, gibt es denn keine jüdische arbeitslose J u g e nd in Wien, das 12 Prozent jüdische Einwohner hat? Gibt es hier keine jüdische Jüdisches Thealer der Gegenwart (Gesprochen im Schlesischen Rundfunksender am j8. Juli 1930.) Von cand. phil. Max Nußbaum (Breslau). Das jüdische Theater ist alles in allem etwas mehr als ein halbes Jahrhundert alt, Wohl lassen sich einzelne Spuren bis in das mittelalterliche Italien zurückverfolgen, 'doch sind dies nur ganz isolierte Einzelerscheinungen und verdienen den Namen „Theater" kaum. Diesen Spuren bis zur Antike zurück nachzugehen, wäre schon deswegen zwecklos, weil es einen Begriff wie Theater in der judischen Antike überhaupt nicht gegeben hat. Während bei allen Völkern der Welt das Theater kultisch» religiösen Ursprungs ist, hat die Anschauung der jüdischen Antike keinen Raum dafür gehabt. Ihr erschien jedwede Darstellung theatralischer Natur unnütz und frevelhaft. An ein traditionelles und kultisches Element konnte also zur Gründung des jüdischen Theaters nicht angeknüpft werden. Der jüdische Tempel oder die Syna* goge konnten ihrer traditionellen Anschauung nach nie, wie etwa später die christliche Kirche, die schöpferischen 'Faktoren des Theaters werden. Und deswegen blieb es auch aus. Es konnte erst entstehen, als das konservative Gebilde der jüdisch*traditionellen Anschauung durch die Aufklärungsbewegung der „Haskalah" auf weltliche Kulturgrundlagen gerückt wurde. „Haskalah" ist der Name jener jüdischen Äufklärungsbewegung, die, als Ausläufer der großen rationalistischen Aufklärungswelle . Europas, gegen Fanatismus und für weltliche Volks*.. bildung kämpfte. Erst durch Fußfassung dieser Idee ist die Entstehung des jüdischen Theaters ermöglicht worden. Und so nahm auch das Theater in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts seinen Anfang. Alle Rieh* tungen und Gestaltungsformen entsprangen einem ein* zigen Grundprobleme: „Der Formung des neuen jüdischen Wesens, die, fest verankert im Volkstum, das Alte weiterführt, zu neuem Schaffen". Dies ist auch die geistige Grundlage des modernen jüdischen Theaters, das seinen künstlerischen Aus* druck fand in der „Freien jüdischen Volksbühne" zu Wien, im „Neuen jüdischen Theater" in New*York (Morris Schwarz), besonders aber in der „W i 1 n a e r Truppe", der „Ha bim ah" und im „Moskauer Akademischen K ü n s 11 e r t h e a t e r". Diesen drei letztgenannten allein wollen wir heute unsere Auf* merksamkeit zuwenden, da nur sie drei verschiedene Kunst* und Stilrichtungen eigener Art repräsentieren und das Wesen der zwei erstgenannten in sich, schließen, I. Diese drei Theater, die wir jetzt behandeln, sind alle in Rußland entstanden und von der russischen Bühne teils direkt, teils indirekt in großem Maße beeinflußt worden. Wir müssen deshalb zwecks besseren Verstand* nisses unseres Themas auch einen kleinen Blick in das russische Theater jener Zeit werfen. — Wir befinden uns da zunächst in der Blütezeit des überspitzten Realismus, der Stanislawsky-Bühne. Stanislawsky hat näm* lieh mit allen Ueberresten einer pseudo4dassischen Pathetik radikal aufgeräumt und die Lebenswahrheit zum obersten Prinzip theatralischer Darstellung erhoben. Das Endziel all seiner Bestrebungen lag in möglichst voll* endeter Genauigkeit bei der Wiedergabe jedes Vorganges. Dazu forderte er von seinen Schauspielern die schwersten seelischen Vorübungen. Jahrelang feilte und studierte er an einem Werke, bis er es in die Oeffentlichkeit brachte. Seine Schauspieler oblagen ihrer Arbeit mit Disziplin und religiöser Inbrunst, und wurden direkt psychisch präpariert. Wenn Stanislawsky beispielsweise in der Darstellung eines Stückes die Atmosphäre von Einsam» keit ausbreiten wollte, dann sperrte er seine Schauspieler in verlassene Bauernhäuser unbewohnter Gegenden ein und hielt sie solange von allem Verkehr mit der Welt fern, bis sich in jeder ihrer'Bewegungen die Einsamkeit ausdrückte.. Ebenso verstand er es, bei Zuständen von Angst, , Melancholie, Freude' qder sonstiger Seelen* erschütterung, nach Methoden ähnlicher Art die Schau» spieler tatsächlich in die betreffende seelische Verfassung zu versetzen. Darin bestand eben das Geniale seiner Kunst: Psychische Zustände auf dem Theater so täuschend echt darzustellen, daß sie nicht mehr als gespielt, sondern als zuinnerst erlebt wirkten und emp.fun» den wurden. So konnte auch diese Bühne eine unge* heure Gesamtwirkung erzielen. — Trotz all der Groß* artigkeit des Theaters aber hat sich eine starke Reaktion gegen diesen Stil geltend gemacht. Man empfand solches Psychologisieren als einseitige Uebertreibung und suchte, sich davon zu befreien. Diese Bewegung ging von Stanislawskys Schülern Wachtangoff, Meyer* , hold und von T a i r o f f aus. Wachtangoff hat in das Theater Neuerungen , radikaler Art gebracht. Er befreite die Bühne von starr gewordenem Realismus und von einer rein kopierenden Auffassung und überführte sie zu freiem Spiel. Nicht das Leben, so wie es ist, wiederzugeben — biologisches oder psychologisches Photographieren — sondern künst* lerisches Leben, fiktive Wirklichkeit, darin sah er seine Aufgabe. In seinem Theater löste sich stets Spiel in Wirklichkeit und Wirklichkeit in Spiel auf. Parallel mit Wachtangoff hat auch Tairoff die russische Bühne vom realistischen Zwange befreit, und die „bedingte Bühne" geschaffen. Bei Tairoff ist alles Theater Spiel an sich und um seiner selbst willen. Die Wahl des Repertoires war vom Standpunkte des „Spektakels" aus getroffen. So schuf Tairoff den russischen Expressionismus (Symbolismus). Während die Bühne der beiden letztgenannten Theater Wachtangoffs und Tairoffs von politischen Ein« flüssen unberührt blieben, trägt die Bühne Meyer* h o 1 d s einen revolutionären Charakter. Für Meyerhold ist Kunst nicht Selbstzweck, sondern Mittel zu politi» schem Kampf. So schuf er seine „Agitations* bühne", die zu einem Zentralpunkt kommunistischer Propaganda wurde. Außer diesem politischen Moment sind bei Meyerhold noch zwei Dinge besonders charakte* ristisch: 1. „Die biomechanische Spieltech* nik", d. i. die Betonung des Gleichgewichtsverhältnisses zwischen Körper und Seele des Schauspielers, da nach seiner Meinung bei Stanislawsky der überentwickelten Psyche ein degenerierter und zu jeder gefühlsverkörpern* den Leistung untauglicher Körper gegenüberstand. 2. Die Einsetzung der Massenpsyche an Stelle des Individualismus, Meyerhold be* schäftigt sich nämlich nie mit der Darstellung von Ein* zelseelen, da sie für die Menge keine neuen Erkenntnisse liefert, dagegen immer mit der Masse, da diese date