Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 176 (30.1.1931)
- Date
- 1931-01-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2711613-2711790-2711795--2307-2715590- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 9 Dffi NEUE WELT Nr. 17« FRÜHLINGSFAHRT NACH FRF7 l<SPAFL I^IMwn EbI^EmJm IwilMbL 9. IV.-30. IV. 1931 GESELLSCHAFTSREISE MIT DEN„SITMAR «-DAMPFERN „AUSONIA" UND „ITALIA" G«nua — Neapel — Syrakus —Alexandrien — Calro — Tel-Awlw— Jerusalem — Haifa—Tiberlas—Damaskus—Baalbek— Beyrout— Zypern — Konetantlnopel —Athen Gesamtprelö von S 1384.— aufwärts Auskunftei QITMAD" Wien I, Kärntnerring 18 ■ lwl#^r% (Ecke Schwarzenbergplatz) glichenheit, dort fehlt sie. Zum Beispiel: in Kanada» in der Schweiz ... Leider zerstört die Wirklichkeit auch die letzte Illusion des sonst ratlos gewordenen Assimilation« juden, die Illusion von den „gesunden** Zauberländern ohne Antisemitismus. In der Schweiz ist das erlösende Wort „Jud" gefallen. Die Jüdische Telegraphenagentur meldet aus Genf:! „Im. Parlament des Kantons Genf kam es in der Sitzung von Sonnabend, den 17.. Jänner, infolge eines antisemitischen Ausfalles des katholischen Abgeordneten B e r r a gegen den Sozialisten Dicker zu stürmischen Szenen. Als Berra dem Abg. Dicker das Wort ,J u d e" zurief, erklärte dieser, er wolle, obwohl Jude an sich keine' Beleidigung darstelle, auf diesen Zuruf antworten, weil er in beleidigender Absicht gemacht worden sei. Er sei k o n f e s s i o n sA lös, schon sein Vater sei Freidenker gewesen und auch er 6ei Atheist. Sein einzigeis Bekenntnis sei das zum Sozialismus. Sollten aber die konservativen Elemente in Genf einen religiösen Kampf gegen die Juden entfesseln, so werde er infolge des Atavismus, d e r in jedem Menschen steckt, Berra mit Stolz antworten: „Jawohl, ich bin Jude!" Die Kontroverse zwischen Berra und Dicker führte zu stürmischen Szenen im Kantonalrat. Die Sitzung mußte unterbrrw.hen werden. Abg. Dicker ist russisch-jüdischer Abstammung und lebt seit mehr als 20 Jähren in der ' Schweiz und ist heute einer der Führer der sozialistischen Partei von Genf. Er ist auch Mitglied des Schweizer Nationalrats. Von jüdischen Angelegenheiten und jüdischer Politik h ä 11 s i c h Dicker grundsätzlich fern. In dieser Beziehung teilt er vollkommen die Haltung des Genfer v sozialdemokratischen Organs; das seit den Palä- . etina-Unruhen im August 1929 eine ar a b e rfreuend liehe und anti zionistische Tendenz befolgt." Und aus dem anderen „gesunden" Lande, aus Kanada, wird zu gleicher Zeit berichtet: „Montreal, 18. Jänner. (J. T. A.) Der Ge- > mednderat von Montreal hat vor kurzem beschlossen, an belebten Punkten der Stadt Zeitungskioske zu errichten. Dieser Beschluß wird in jüdischen Kreisen vielfach auf a n t U semitische Motive zurückgeführt, da, der Zeitungsstraßenhandel in Montreal zum größten Teil in jüdischen Händen ist. Vor einigen Tagen wurde der erste , dieser Zeitungskioske eröffnet. Der Pächter des Kiosk hat auf diesem ein Schild mit der Inschrift „Kauft Eure Zeitungen bei Kanadiern, kauft nicht bei Juden!" anbringen lassen. Die jiddische Tageszeitung „Jewish Eagle" . fordert die Eis hebung der Klage gegen die Stadtgemeihde wegen Zulassung des Mißbrauchs städtischer Objekte zu antisemitischer Propaganda." * Herr Dicker in Genf hat sich ehrlich bemüht, von aller „Jüdischkeit" fernzubleiben. Schon der Herr Papa hat es 60 gehalten. Nur in äußerster Gereiztheit, vielleicht zum ersten Male in seinem Leben, hat er sich zu erkennen gegeben. Die Herren Israeliten in Kanada sind immer 120prozentig kanadisch gewesen. Konsequente jüdische Assimilation in „gesunden" Ländern nützt also auch nichts. Die Theorie von der heilbringenden Angleichung, vom Kulturfortschritt» von den kranken und gesunden Ländern wird am Antisemitismus zuschanden. Vielleicht sollte man die Theorie umkehren. Vielleicht steckt die Krankheit nicht weniger im Antisemitismus, als in der judischen Assimilation. Vielleicht wird die Atmosphäre gerade dadurch stark vergiftet, daß sich Juden absolut angleichen, den anderen um jeden Preis aufdrängen wollen, statt würdig den eigenen Weg zu gehen, den jüdischen, Etwas ifeniger Deutsch-Schweizertttm und etwas mehr Judentum würden Herta Dicker gewiß mehr Respekt verschafft haben. * Noch ein „gesundes" Land. Dänemark) Gute Milch und Butten viel Kultur und kein Antisemitismus; Wie sieht's fart aus? Dort lebte der Bahnbrecher der großen,Geister, Georg B r a n d es» Vor wenigen Wochen ist ein Buch über Örandes erschienen, welches ein erschütternde« Bekenntnis dieses ässimiliertesten aller Assimilationsfuden enthält. Es lautet: :<■ •! „Die Juden Westeuropas, die Dänisch, Englisch, Französisch, Deutsch sprechen, haben sich seit ihrer bürgerlichen Gleichstellung in der Regel einfach als Dänen, Franzosen, Engländer, Deutsche gefühlt. Ich habe bis zn meinem 24. Lebensjahre nie eine andere Sprache als Dänisch gesprochen. Ich kann noch heute kein Wort Hebräisch. Ich bin in dänisch-nationalen Vorstellungen aufgewachsen, ich habe von Haus aus nichts Jüdisches an mir gehabt. Ich habe mich nur dann als Jude gefühlt, wenn ich Jude geschimpft wurde, aber das geschah freilich seit dem ersten Tage meines öffentlichen Auftretens. Kein einziger meiner Gegner hat es verschmäht, meinen jüdischen Ursprung in Erinnerung zu bringen. So konnte ich unmöglich vergessen, daß ich Jude war, oder richtiger, daß ich als Däne weder in Dänemark noch im Auslände für voll genommen wurde ..." * Armseliges Judentum, das erst bekennt, wenn es beschimpft wird. Wer soll es lieben und achten? Zur Debatte über Herzl Uitd die Ehe Max Nordaus* Von A« Alperfn, Paris« Der Pariser Korrespondent des „Hajnt", A. A1 p e r i n, erzählt im nachfolgenden Aufsatz von seinen Begegnungen mit der Witwe •'• Max Nördaüs im Zusammenhang mit der kürzlich erfolgten Publikation eines Briefes Theodor Herzls, der zur damals umstrittenen Frage der Mischehe Nordaus Stellung nahm. Ich lese über die" sonderbare Debatte, die aus heiterem Himmel über die Ehe Max Nordaus entbrannt ist. Ein Herzl-For scher aus Wien, Dr. Tulo Nuesenblatt, hat einen vertraulichen Brief Herzls an einen Freund in Mainz über diese Sache veröffentlicht. Dann kam eine Erklärung des Herrn Prof. M. Berkowicz, des gewesenen Sekretärs Theodor He.rzls, an den „Hajnt" worin sich Berkowicz auf ein sehr interessantes Gespräch mit Dr. Herzl beruft, in welchem der Schöpfer der zionistischen Bewegug erklärt habe, daß wir es dieser „G o j e" zu verdanken haben, wenn Dr. Nordau den Weg zum Judentum zurückgefunden habe. Und da diese Frage bereits aufgerollt ist — Gott weifl, wozu das nötig war — ist es vielleicht von Wert, noch ein Dokument zu erwähnen.- Das ist kein Brief Herzls an eine dritte Person in"zurückhaltendem,vertraulichem Ton,, das ist' auch keine .Zeugenschaft einer dritten Person auf Grund eines- Gesprächs mit *ierzl. Es ist ein Brief Herzls an Nordau selbst, ein intimes Bekenntnis zwischen beiden, einander nahe befreundeten Geistern über die heikle Frage. Bei der Bearbeitung der noch nicht veröffentlichten Briefe Herzls an Nordau hat der Schreiber dieser Zeilen auch in diesen Brief Einblick erhalten. Es wäre mit nie eingefallen, von diesem Brief, der eine riin persönliche Frager zum Inhalt hat, Gebrauch zu majeh^ii. \Äuch> jetzt, da die ganze Frage auf Grund von in den Händen dritter Personen befindlichen Dokumenten so breit aufgerollt wird, will-ich nur einiges aus< dem Brief Herzls an Nordau erwähnen. t■ - , ■ ~ Mit seiner tiefen Intuition, seinem gründlichen Eindringen in die alte jüdische Geschichte und seinem prophetischen Blick in die jüdische Zukunft tröstet Herzl Nordau über den Lärm, der um dessen Ehe entstanden ist, und spricht gleichzeitig in intimen Ton zu ihm über seine weiteren Pflichten. Herzl verweist auf das Faktum der Bibel, daß auch Moses' eine Nicht.jüdin geheiratet habe und zum Führer des jüdischen Volkes emporgewachsen sei. Herzl schließt den Brief mit der Folgerung, daß die Arbeit für das Ideal'des Zionismus und* Palästina Worda u s Frändern Judentum näherbringen und der neuen Generation des jüdischen Volkes verknüpfen weide, die darangeht, das jüdische Land und in ihm das alte jüdische Volk aufleben zu lassen. Gelehrte ■ Beamte "Arbeiter Künstler sind sich einig darüber, daß erfolgreiche Arbeit nur bei bestem Kräftezustand, mit ruhigen Nerven und in guter Stimmung zustande kommen kann. Zur Kräftigung und Erfrischung des Körpers, zur Gesunderhaltung der Organe, zur Bekämpfung von MattigkeltsgefOhlen gibt es ein zuverlässiges Mittel: DIANA FRANZBRANNTWEIN v ,; mit Menthol *t. \ . 1 ■ ' •'. ,. Anwendung; Auitfttah zu Einreibungen Umschlägen, Abr Waschungen; Innerlich als Mund- und ourgelwatsser sowie Mi verschiedenen anderen Zwecken Saft j0i.mfcM<in itfjkaaBt und amrunot al* it«aitdi>«it%fiiosTiM)«a Hwisinlt.«. ' \i / ■;. . ' Diana Franzbranntwein •oll in keinen* Haushalt fehlanl Verlangen "Sie ausdrücklich DIANA und nehmen Sie nur DIANA. Minderwertige Nachahmungen sind energisch zurückzuweisen. In jede» twaserw Owchäft erhältlich i Aber wozu Dokumente? Ist es nicht näherliegend, Tatsachen des Lebens zu bringen? Der Großmeister des Zionismus Max Nordau ist uns entrissen worden und hat sein arbeitsreiches, opfervolles Leben, unter schweren Umständen beendet, über die zu sprechen die Zeit vielleicht kommen wird. Die Witwe Frau Nordau behütet treu sein Erbe. Nicht reich ist das Erbe an Dingen, die man für Geld an den Mann bringen kann, das gerade ist ein sehr weher Punkt. Aber sehr reich, unabschätzbar reich ist die Hinterlassenschaft Nordaus an h o h e n g e i s t i g e n, jüdischen Werten, die keinen Absatz finden aut der Börse, denen man auch zu unserem tiefsten Schmerz nicht genügend Aufmerksamkeit schenkt, weder auf unserem Büchermarkt noch auf anderen Gebieten, wo man auf irgend eine Weise Norclnus Verlassenschaft verwerten könnte, über die mit solcher Sorge und solch großem Verständnis die Witwe wacht. Und, darüber, wie die Witwe Nordau das Andenken des zionistischen F ü h r e r s Nord« u behütet und seine zionistischen Ideen schätzt, mehr als viele andere, die es tun sollten — darüber ein paar Worte,, wenn schon die. Frage der Frau Nordau^aufgerollt wurde. * Im fünften Stock, in sehr bescheidenen Wohnräumen, in einem Winkel von Paris, wohnt die Witwe Frau Nordau. Dort wohnte auch in seinen letzten Jahren unser großer Führer und bis auf den heutigen Tag ist sein Arbeitskabinett zu sehen wie damals, als er noch selbst dort saß, auf seinem hohen FauteuiU und arbeitete. Im fünften Stock mietete sich Nordau ein, aus einfachem, leicht verständlichem Grunde. Die materiellen Umstände zwangen ihn, das vornehme Appartement, das er vor dem Krieg in derselben Gasse bewohnte,' aufzugeben. Aus gleichem Grunde verblieb Frau Nordau in derselben „hohen" Wohnung. Hie und da erscheinen dort Nordaus alte Freunde, die auch der Witwe ergebene Freunde sind und im allgemeinen d i e einzigen Z'io nisten, die einen Besuch abstntten. Frau Nordau lebt mit ihren Erinnerungen' an ihren großen Gatten, beschäftigt sich auch weiter mit großem Interesse und tiefem Verständnis mit der Arbeit in Palästina im Rahmen ihrer Möglichkeit. Man findet sie immer auf zionistischen Versammlungen in Paris,- die sich im großen und ganzen nicht gerade starken Besuchs erfrouen. Frau Nordau beantwortet jede Einladung und — braucht es noch erwähnt zu werden? — gehört zu den ersten,, die stets bei solchen Gelegenheiten sich an den Sammlungen beteiligen. Sie kann in der Tat mit ihrer Ergebenheit und Opferwilligkeit für die Palästina-Idee als Beispiel für viele alte Z i o n i s t e u dienen. Ich hatte oft Gelegenheit, mit Frau Nordau über aktuelle zionistische Fragen zu sprechen. Es ist bewundernswert, welch gründliche Kenntnis über alle prinzipiellen Fragen der Politik und der Aufbauarbeit in Erez Israel Frau Nordau besitzt. Und vielleicht ist das gar kein Wuder, wenn man sieht, daß so viele Jahre nach dem Tode des Führers im Nordau-Hause auch jetzt alles voll ist von Erinnerungen an die , vergangenen Epochen des Zionismus und alles neue Material über die zionistische Bewegung und den Gang der Palästina-Arbeit dort einzieht. Man findet auch xetzt in Nordaus Arbeitszimmer die neuesten zionistischen Broschüren, Memoranden usw. aufgeschlagen. Hier verbringt Frau Nordau viele Stunden, voll Interesse an allem, was im Zionismus geschieht. Es ist selbstverständlich, daß sie an alle diese Fragen im Geist der Ideen herantritt, die sie von diesem großen Mann gehört und aufgenommen hat. Sie betont immer, daß mau einst ganz anders auf die Dinge blickte, und spricht viel du von, daß in den letzten Jahren die neue offizielle zionistische Führerschaft von ihrem Gatten abseitsstand. Ich will hinzufügen, daß mau Frau Nordau aul allen Versammlungen der Zionisten-Revisiot