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Die neue Welt · 1931-01-23 · Heft 175 (23.1.1931) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 175 (23.1.1931)
Date
1931-01-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
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fv.te 4 DIE NEUE WELT Nr. m Zeileis-Ambulatorium mit Original-Apparatur Dr. F. 6. Zelleis, Gallspaoh, Wien, XIII., Baokmanngafise 13, Tal. R«3M-38 Ordination von.9 bis 6 Uhr. E tuelbehandlung. Boden stürzte. Wylinsky versetzte dem wehrlos am Boden Liegenden noch einen Kinnhaken. Auch der zweite Passant wurde schwer mißhandelt. Bei Eintreffen der Polizei flüchteten die Angreifer, konnten aber eingeholt und festgestellt werden. Vor Gericht sagten die leberfHllencn aus, daß die Angeklagten „Heil Hitler" riefen, und daß Wylinsky ein Messer 20g, Das Gericht erkannte — ungeachtet der in letzter Zeit sich häufenden derartigen Gewalttätigkeiten — auf je -'0 Mark Geldstrafe gegen die Angeklagten. In der Begründung heißt es, daß die Tat zwar außerordentlich roh sei, daß man aber nicht übersehen dürfe, daß sich die Angeklagten nach reichlichem Alkoholgenuß in rauflustiger Stimmung befanden; deshalb seien je 20 Mark Geldstrafe eine ausreichende Sühne. Ein Rai für „Sammler"« Von W. Jabotinsky. Man wird in der nächsten Zeit zweifellos, ver* suchen, allüberall die größten Anstrengungen für die zionistischen Fonds zu machen. Wollen wir hoffen, daß sie erfolgreich sein werden. Es ist schwer zu hoffen — erst vor einigen Tagen schrieb ich darüber, daß die Hauptquelle unserer Finanzen einen psychologi« sehen Ursprung hat, und der heißt „Vertrauen", und das Vertrauen ist fürwahr stark erschüttert, — aber die Anstrengungen muß man mit allen verfügbaren Kräften machen. Es wird für uns alle nicht gut sein, wenn die „Pause"*) nicht nach einem planmäßigen Be* Schluß vor sich gehen sollte, sondern bloß als Folge einer trüben Katastrophe. Und gerade weil diese Gefahr ab* gewendet werden muß, will ich einen Rat geben allen Leitern und Mitarbeitern aller bevorstehenden „drives" zugunsten aller zionistischen Zwecke. Der Rat ist ein einfacher: Seht dazu, daß ihr die Grundlage des zionistischen Optimismus nicht zer» stört — wenn noch ein Stückchen davon geblieb e.n ist. Gerade um der Pflicht zur Rettung des zionistischen Optimismus willen habe ich im Verlauf mehrerer Monate in vielen Städten Polens, Lettlands, Litauens und des kleinen Estland gesprochen. Aber die Sache ist so wich* tig, daß es nötig ist, sie nochmals vorzunehmen. Das Vertrauen zu den. JP erspnen ist. nicht vorhanden, damit müssen wir alle gezwungener* maßen rechnen, und dieser Umstand wird natürlich den Erfolg der „drives" stören. Aber wenigstens soll das Ver» trauen in die Sache selbst gewahrt werden: Ver* *) In einem früheren Aufsatz, betitelt „Schlecht", wies Jabotinsky auf die große politische Bedeutung hin, die ein ernsthaftes Eingehen auf den Vorschlag Meir Großmanns hätte haben können, der eine freiwillige Ar« beitspause in Palästina als politisches Kampfmittel gegen die Einwanderungssperre beinhaltete. Nun, führt Jabo» tinsky dort aus, sei die Pause von selbst eingetreten, aber als Ausdruck der Schwäche und nicht ak* tiver Abwehrmaßnahmen. Anm. d. Red. trauen, daß der Zionismus doch möglich ist, daß die Schwierigkeiten auf dem Weg doch zu über* winden sind, daß alle Niederlagen, die wir erlitten haben, ihre Erklärung in unseren eigenen taktischen und wirtschaftlichen Irrtümern finden, aber nicht, behüte, darin, daß das Leben selbst gegen die Verwirklichung des Zionismus sei. Leider existieren zionistische Spitzen und sogar ganze Gruppen, welche den klaren, gesunden Verstand nicht anwenden wollen. Sie stellen sich vor, daß die Hauptaufgabe eines zionistischen „Patrioten" in der heutigen Lage darin besteht, das Prestige jenes Haufens Personen zu schützen* die bisher die politische und ökonomische Arbeit für den Palästina* Aufbau geleitet haben. So gehen sie hin und predigen, daß die Leitung keine Schuld treffe. „Was läßt ihr die Leitung nicht in Ruh, sagen sie immer wieder. Glaubt ihr wirklich, daß es mit an« dern Leuten an der Spitze nicht zu den blutigen Ereignissen, und zum Weißbuch gekommen wäre? Ihr irrtl Das Unglück traf uns objektiver Umstände wegen, wegen der mächtigen, Faki toren, über die wir nicht Herren sind und die gegen den Zionismus arbeiten. Würden andere Menschen an der Spitze gestanden sein, mit anderen politischen Methoden als denen der jetzigen Leitung — es hätte nichts geholfen. Es wäre so gekommen, wie es gekommen ist. Die Leitung besteht aus den besten Leuten, die der Zionismus besitzt. Ihre Methoden waren die besten, die denkbar sind; sie trifft nicht Schuld, Schuld hat der objektive Gang des Lebens." Unser lieber y.yitoftinais« (Bobrlk) ist am 13. d. M. im 5t. Lebensjahrenach langer Krankheit in Lemberg verschieden. A. H. Bobrik war einer der ältesten Zionisten, Teilnehmer am I. Zionistenkongreß, ein treuer V01 kämpf er unserer Idee, uns allen ein lieber Freund und Buhdesbruder. ,^ Sein Ahdenken wtref Äfttr#tir^bei uns, sondern auch bei alieri, die ihn kannten, lebendig bleiben. A . f I P U C IT! Jödisrti akademiicti^eföindongJVRIAMVicn Für den Alt-Herien-Verband: Ftir die Aktivltas: Dr. Hermann Lfiw abs. läkineodor Hark Union dar Zionisten-Rovisionisten Oesterreichs 1 I Montag, d«n 26. Jänner 1931, Ys? Uhr abends, 1 | im Caf« „ProduktanbÖraa", II., Taborstraße 10 j I VERSAMMLUNG I 5 | „Die unglückselige Ver- | j Schiebung des Kongresses6* 1 | Redner: Dr« D* Bukspann, Lubotzky | 1 A^LIiimm Die.,Montag-Versammlungen |. S MCnillil9" finden im Cafe „Produkten- | I wmmmmatmmmmm börse", u., Taborstr. n«, statt i dz. Präsident dz. X Das mag sehr loyal sein. Das bedeutet aber, den Juden in tiefe, schwarze Hoffnungslosig* k e i t treiben. Denn wenn das die Resultate sind, die mit den besten Führern und besten Arbeits« niethoden erreicht wurden, dann gibt es wirklich keine Hoffnung mehr. Wozu verlangt man dann von uns neue Opfer? Wenn mächtige Faktoren, über die wir Juden keinerlei Macht haben können, gegen uns wirken? Wenn die objektive Kraft des Lebens wirklich gegen uns ist, was soll dann meine oder deine Spende für diesen oder jenen Fonds helfen? Eins von beiden: Entweder sind die „Führer" schuld oder ist das „Lebe n" schuld. Das „Leben", das heißt in unserem Falle, daß die Araber unbesiegbar stark und die Engländer unheilbar gewissenlos sind. Mit an* deren Worten: Daß die "Verwirklichung des Zionismus unmöglich ist. Wenn man euch einen ungenießbaren Braten bringt, dann eines von beiden: Entweder kann die Köchin nicht kochen oder ist aus dem Fleisch nichts zu machen. In unserem Fall heißt das Fleisch Zionismus. Wenn ein geliebtes Kind krank ist, dann eines von beiden: Entweder behütet es die Mutter nicht recht oder es. ist organisch lebensunfähig. Ich spreche hier nicht über das Wesen der Sache, ob in der Tat die Führer Schuld haben oder das Leben. Ich bin natürlich der Ansicht, daß auf die, Führer die Schuld fällt, daß andere Personen mit anderen Methoden es nicht nur nicht zu solchen Niederlagen hätten kommen lassen, sondern im Gegenteil, daß bessere Personen und bessere Methoden uns schon längst dem Ziel nahege« bracht hätten. Aber heute spreche ich nicht davon, son* dern über die Psychologie eines „drive". Will man in einem „drive" Erfolg haben, so darf man dem, Publikum njeht einreden, daß der Zustand, den ihr selbst katastro*. pjial nennt, .Folge , ist 4e,r Tätigkeit der; b e s,t.e ny. P;;e r* sorven, die.nur zu. finden sind, und der besten Ar? b e i t s m e t ho d e n, die man sich denken kann. Meine geehrten und ehrenwerten Herren vom „drive": Denken Sie sich für einen Augenblick selbst als Objekt eines „drive". Es ist doch immerhin was dran, mit welchen Argumenten man von Ihnen in so schwerer Zeit Opfer fordert. Wenn man Ihnen sagt, „ja, die Por* tion Braten ist mißlungen, aber nicht das Fleisch ist schlecht, nein, die Köchin taugt nichts und wir suchen jetzt eine bessere, so wird man hoffen können, daß Sie das Ansinnen optimistisch ansehen werden. Nicht so arg, ein Irrtum! Objektiv besteht die Möglichkeit, einen selbst ist er bleich wie die Wand, die Hände zittern, die Augen funkeln — zu allen: „Höret, Juden! Es ist ein häßliches Ereignis! Es ist in Käßrdliwke seit Boginn der Welt nicht geschehen, daß sich hier ein solcher Sünder aufhalte, der einem Menschen, einem Vater von Kindern, Geld stiehlt. Und wann? An einem so heiligen Tag, wie es der Versöhnungstag ist, und vielleicht gar zu Neile. Ich kann es nicht glauben, daß so etwas möglich ist. Das ist einfach nicht auszudenken. Und vielleicht doch! Arme Leute gucken sich die Augen nach einem Rubel aus. Das war ein so großer Schatz — 1800 Rubel. Der böse Trieb — Gott schütze lins vor ihm — ist stark genug. Vielleicht ist einer von uns durch ihn gestrauchelt, vielleicht war' einem von uns ein Unglück beschieden, eine solche Sünde begehen zu müssen, ah einem solchen Tage. Da müssen wir zusehen, sie mit der Wurzel auszurotten. Himmel und Erde haben es sich verschworen, daß die Wahrheit wie Oel auf dem Wasser obenauf schwimmen müsse. Deshalb muß sich jeder von uns durchsuchen lassen. Alles muß abgetastet werden. Alle, vom ersten Bürger bis zum Beth-Hamidrasch-Djener. Keiner darf ausgelassen werden. Hier, Juden, durchsucht mich!" So sprach unser Raw Reb Josefl, und als erster öffnete er seinen Rock und kehrte seine Taschen um. Nach ihm alle anderen. Man kehrte seine Taschen um, man tastete einander ab und rüttelte einander durch. Alle, außer — Lejser Joßl. Als die. Reihe an ihn. gekommen war, nahm sein Gesicht alle Farben an. Er wehrte sich. Er sagte, daß der Gast ein Schwindler ist. Das sind Kunststücke eines Litwaks, die man schon kennt. Es hat ihm niemand Geld genommen, das ist alles, Lüge! Seht ihr nicht, daß er lügt? Da begannen die Anwesenden noch stärker zu lärme». Was heißt das? Die ehrbarsten Leute haben sich durchsuchen lassen, da soll mit Lejser Joßl eine Ausnahme gemacht werden? Es gibt keinen Bevorzugten! » purc-hsuehen! Durchsuchen! Lejser Joßl sah ein, daß es schlecht um ihn stehe. Mit Tränen in den Augen bat er um Gnade. Um Gottes willen nur nicht durchsuchen. Er schwur'die heiligsten Schwüre, daß ihm alles4 Böse so ferne liegen möge, wie er fern von diesem Diebstahl sei. Ja, aber warum nicht durchsuchen? Es ist ihni eine Schande, sagt er, sich durchsuchen zu lassen!' Er bittet, sich seiner jungen Jahre zu erbarmen. Alles kann man mit ihm machen,' nur nicht durchrütteln. Wie gefällt euch so e}h Kerl? Was glaubt ihr, man hat ihn verschont? Keine Spur!' Aber,halt! Ich Habe euch noch nicht erzählt, wer dieser Lejser Joßl ist. Er ist nicht aus Kaßriliwke, weiß der TJeufei, woher er ist. Er ist der Eidai» des erstejn Kaßriliwker Bürgers, der ihn irgendwo" aufgefischt hat, mit ihm stolz tat; er hat für seine Tochter ein Prachtstück eingehandelt. Tausend Blätter der Gemarah kann er auswendig, ein Bibelkenner, ein Kenner der heiligen Sprache, ein glänzender Mahematiker, kurz, siebzehn gute Eigenschaften! Kauni hatte er es mitgebracht, das Püppchen, da lief man. ihn wie ein Wunder zu beguckenJ Nun, weriu man ihn so ansieht — ganz'annehmbar. Ein junger Mann, nicht unhübsch, nur die Nase ist ein bißchen zu lang, durchbohrende Augen, ein Mund —■ Pech und Schwefel. Man nahm ihn her, ihn' in der Gemarab zu prüfen. Man fragt ihn dies und'das. Er kennt sich überall aus, der Hund. Reb Josefl selbst hat ihm zugestanden! daß er Raw sein dürfte, nach allen Geboten Israels. Die jetzigen Kenntnisse beherrscht er schon gar. Bei uns gibt es einen, der ein ganzer Philosoph ist, Seidel Reb Spaje, er ist aber mit jenem nicht zu vergleichen. Und wie er Schach spielen kann, die Welt hat so etwas nicht. Kurz, der Mensch taugt was. Es ist selbstverständlich, daß die ganze Stadt den Schwiegervater um einen solchen Eidam beneidete. Wiewohl man herumsprach, daß er es mit der Frömmigkeit nicht so genau nehme. Was war geschehen? Den Leuten gefiel es nicht, daß er zu klug war (zu klug ist nicht gut) und daß er mit allen auf du und du ist, selbst mit dem Kleinsten von den Kleiheu, sei es ein juuger Mann öder ein Mädchen oder gar eine verheiratete Frau. Dann mißfiel sein nachdenkliches Benehmen. In die Schul kommt er immer später als alle anderen. Guckt in gelehrte Bücher, vom Beten keine Spur. Man konnte ihm eigentlich nichts nachsagen, aber so, es sprach sich herum. Einen Menschen mit allen guten Eigenschaften gibt es nicht. Als er also an die Reihe kam, mußte man ihn derb angehen. Daß er sich wehrte, war ja ein Beweis, daß er das Geld hat. Er wehrt sich immer noch, so lange, bis selbst unser Raw — eiiy Mensch ohne Galle — ihn anfuhr: „Du Auswurf! Du bist ja wert, daß man dir, ich weiß selbst nicht was, antue. Alle sehen von der Schande ab, lassen sich durchsuchen, nur du willst eine Ausnahme bilden. Hast du das Geld, dann gib es heraus, wenn nicht, dann laß dir die Taschen umkehren!" Kurz, man nahm den Burschen mit Gewalt. Man durchsuchte ihn und rüttelte ihn tüchtig durch tind fand — ja was glaubt ihr? Knochen eines verzehrten Viertel Huhns und ein paar Dutzend frische Pflaumenkerne. Begreift ihr den lieblichen Anblick? Unser Raw wandte «ich vor Scham zur Seite. Die Leute erzählten einander beim Nachhausegehen die Neuigkeit und wollten vor Gelächter schier bersten. Alle lachten, nur der Raw Reb Josefl ging einsam und versorgt, konnte vor Scham niemandem in die Augen sehen, wie wenn man diese Dinge bei ihm gefunden hätte ..." Der Jude mit den runden Augen schien seine Geschichte beendet zu haben, da er wieder zu rauchen begann. „Nun, und das Geld?" fragten wir ihn. '.'„Was für Geld?" gibt er uns,, wie wenn er nichts erzählt hätte, zur Antwort und bläst Rauch von sich. „Nun, die achtzehnhundert . „Ach so, die achtzehnhundert . . ■ dahin." „Dahin?" ' •i.Da—hin!'- » — : »

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