Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 174 (16.1.1931)
- Date
- 1931-01-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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^oi+e I m um wüt Nr. 174 Zeileis-Ambuiatorium mit Original-Apparatur Dr. F. 6. Zeilelt, Galljpaoh. Wien, XIII., ■•Okmfnfta««*« 18, Tel. IMM«*» Ordination tob 9 Ms 8 Uhr. Eintelbthandlung. und die Judenschaft der Vereinigten Staaten umfaßte 60.000 bis 70.000 Seelen. Diese spielten bereits eine her« vorragende Rolle in der glanzvollen Entwicklung Nord» amerikas. Zu dieser Zeit gab es aber noch keine große jüdische Gemeinschaft in den Vereinigten Staaten. Eine solche wurde erst durch die Millionenwanderung der russischen und polnischen Juden ge* schaffen. Die große Judenmasse des Russischen Reiches schuf sich eine Kolonie in der Neuen Welt. Um die Jahr» hundert wende gab es fast nur. eiö/lThema im\Dehken uftd: Reden der Ostjuden: A m e r i k al Amerika erfüllte die Herzen, die Spalten der jiddischen Zeitungen, die jiddi* sehe Bühne und Literatur. Amerika war das „Gelobte Land." Fast jede ostjüdische Familie hat zwei „Linien": Eine glücklichere amerikanische und eine von dieser zehrende und in der Hoffnung auf diese lebende europäi* sehe „Linie". Heute zählt die Judenschaft der Vereinigten Staaten über 4,000.000 Seelen und New York allein be* herberöt nahezu zwei Millionen. * Ein solches Jubiläum ist wirklich wert, gefeiert zu werden. Aber es liegt ein tieferer Sinn im Zeitpunkt der Jubiläumsfeier. Es ist nicht eine Rückschau während des Aufstiegs. Das Jubiläum ist gleichzeitig auch Abschluß des Kapitels „Judenwanderung nach A m e r i k a". Während im Innern der jüdischen Blätter New Yorks das Jubiläum gefeiert wird, erscheint auf der Titel« seite die Nachricht von der völligen Einwände« rungssperre! Während Präsident Hoover der ameri« kanischen Judenschaft Lobeshymnen singt und ihren „Vollamerikanismus" hervorhebt, arbeitet Staats« Sekretär Stimson an einer „Immigrationsbil 1", welche die Tore der Vereinigten Staaten völlig sperrt. Und auch der „Vollamerikanismus" der Juden Amerikas ist, Gott sei Dank, ein wenig zweifelhaft. Während das ganze amerikanische Volk, einschließlich der Arbeiter, gegen die Einwanderung ist, steht ihm die ganze Judenschaft, einschließlich der sozialistischen Arbeiter, gegenüber und kämpft für die Einwanderung. Die Bande, die die amerikanischen Juden, mit den europäischen „Nebenlinien" ihrer Familien verknüpfen, scheinen doch stärker zu sein, als ihre staatsbürgerliche und sogar pro« letarische Solidarität. Es kriselt im amerikanischen Judentum. Das, be« rühmte amerikanische Lächeln hat der jüdischen Sorgen« falte Platz gemacht. Die. amerikanischen Juden, beginnen am eigenen. Leibe die Wirkung der ehernen Gesetze des Judenschicksals zu spüren. „Amerikanischer Antisemitismus" ist lange kein Paradoxon mehr und wird allmählich zum geläufigen Ausdruck. Und nun stehen auch die ameri* kanischen Juden vor der Frage: Was tun? Der Begriff „Judennot" beginnt sich vom Begriff „Philanthropie" und von den „armen Brüdern im Osten" zu lösen und wird allmählich auch auf Amerika anwendbar. Es vollzieht sich der zweite Akt des Dramas „Juden in Amerika": Die Wiedereingliederung von vier Millionen amerikanischen Juden in die jüdische Nation und ihre Sorgen, und die Vertiefung der Kluft zwischen amerikanischen juden und „anderen Amerikanern". Das ist did Tendenz einer Ent* Wicklung, für welche schon zahlreiche Symptome zeugen. * . Den amerikanischen Juden beginnen die Augen au!« zugehen über den so flüchtigen Wert der Galuth* Philanthropie. Was Herzl dank seines unerhörten Scharfblickes erkannte, erleben die Juden Amerikas am eigenen Leibe. Werden sie sich daran erinnern, von wem ihr jetziges Schicksal im Jahre 1896 in prägnantester Weise formuliert wurde? „Die Jüdenfrage. besteht überall, wo Juden in merklicher Anzahl leben. Wo sie nicht ist, da wird sie durch hinwandernde Juden eingeschleppt. Wir ziehen natürlich dahin, wo man uns nicht verfolgt, durch unser Erscheinen entsteht dann die Verfolgung." (Herzl, „Juden« Staat".) In der Hoffnung auf ein bleibendes Heim in Palästina entstand eine neue Richtung der Philanthropie unter den amerikanischen Juden. Das New Yorker „MorgenJournal" berichtet: „Eine große Zahl amerikani* scher Juden half in der letzten Zeit ihren Verwandten, von Europa nach Palästina überzusiedeln. Nach den Bestimmungen der Palästina»Kegierung dürfen Personen eines gewissen Alters, die nachweisen können, daß sie eine sichere Einnahme von 5 Dollar in der Woche besitzen, nach Palästina einwandern. Wie das. Palestine Depart« ment der Zionistischen Organisation Amerikas mitteilt, gilt diese Bestimmung auch für• amerikanische Juden, die nachweisen können, daß sie mit einer sicheren Einnahme von 5 Dollar in der Woche in Palästina rechnen können. Informationen sind erhältlich usw. . .,." Auch im Kulturbewußtsein der Juden Amerikas geht eine Aendertmg vor sich. Die „Jewish Education Association", die die jüdische Erziehung der Kinder in Amerika organisiert, hat eine neue Parole, ausgegeben: Jüdisches Be w u ß t s e i n i m j ü d i sehen He im el Man muß der Assimilation einen Damm, vorbauen und die nationale Gesinnung pflegen, damit „den Kindern die Beziehung der nichtjüdischen Welt zu uns verständlich wird", sagte L. Frankel auf einem Bankett der „Education Association", und fügte als Noch*Nicht* zionist hinzu: „Und damit sie geduldig ihre Unfreund* lichkeit und ihren Antagonismus ertragen lernen." L. Frankel ist ein Nt>ch*Nichtzionist, weil er erst am Anfange des zionistischen Gedankenganges steht.. Er sagte nämlich auf demselben Bankett, er komme eben von einem Vortrag Dr. Bernhard Kahns über die Lage der Juden in Deutschland, und dieser Vortrag habe seinen Blick auch für die Läge de* Juden" in Amerika geschärft. Man beginnt also auch in-'Amerika> das "für alle Juden geltende Galu.thges&tz.:zu spüren. ■v.;; - --, u'js-.»-, ■ •'■> " "!• Die amerifcawischetf^^ politischen Zionismus.''Die einwänderung'sfeindliche Elina Zeltet Dr. Benedikt Warmwa Wien empfehlen sich als Verlobte Wien, im Jänner 1981 amerikanische Politik ist es schon lange. Wer sind die Nachfolger Herzls, die es verstehen, all die Kräfte zu sammeln und in den Dienst der großen Judensache zu stellen? B. L. ZieliuM^ der Wiener Theater*Lolferie! } ibmq Treffer Äderte von S 100 ÖOÖ. Wertvolle Abonriemenis und Einzelsitze füralle Wiener Theater.; Lose nur noch in den Trafiken erhältlich« Vor 275 Jahren — Beginn der jüdischen Wanderung nach den Vereinigten Staaten. Anläßlich der 275-Jahr-Feier der ersten Niederlassung von Juden in den Vereinigten Staaten wurde in der historischen Fanciul Hall zu Boston, die eine bedeutende Rolle im Beginn der amerikanisdien Unabhängigkeitsbewegung gespielt hat und daher al« die „Wlege der amerikanischen Freiheit" bezeichnet wird, ein Meeting abgehalten, an dem viele Tausende von Juden Bostons teilnahmen. Ansprachen hielten der Präsident der Columbia-Universität und der Direktor der Carnegie-Stiftung Dr. Nicholas Murray Butler, der Präsident der Bostoner Universität Doktor Daniel Murch, der berühmte Historiker der Harvard- Universität Professor Bushnell Hart, der Bürgermeister von Boston C u r 1 e y, der Obmann des von dem Bundesrat der amerikanischen Kirchen eingesetzten' Komitees für jüdisch-christliche Verständigung Rev. S. Parkes Cadman, der jüdische Kommandant der Vereinigung ehemaliger amerikanischer Kriegsteilnehmer Paul Wo 1 man u.a. m. Das jüdische Mitglied des Repräsentantenhauses Bloom gab eine historische Darstellung der Anfänge jüdischer Ansiedluhg in den Vereinigten Staaten. Im Jahre 1655 wurde von dem Gouverneur Peters Stuyvesant 23 Juden die Erlaubnis erteilt, sich in der holländischen Kolonie N e u- Amsterdam — aus der später New York hervorging— unter der Voraussetzung niederzulassen, „daß ihre Armen nicht der öffentlichen Wohltätigkeit zur Last fallen, sondern von ihren eigenen Volksgenossen unterstützt werden würden". Diesen Kontrakt, erklärte Bloom, haben die Juden treulich erfüllt. Das jüdische Wohltätigkeitssystem in Amerika ist beispielgebend für die Wohlfahrtsarbeit der übrigen Konfessionen geworden. Der 'Sinn der amerikanischen Juden für Wohltätigkeit und Philanthropie ist in der ganzen Welt anerkannt. Protest Gegen die Einberufung des zionistischen Aktions« komitees. — Gegen die Verhüllung und Verschleppung der finanziellen und politischen Krise. Am 14. Jänner beginnt in London die Sitzung zionistischen Aktionskomitees (A. C). Der Umstand, daß es die zionistische Leitung für gut befunden hat, einige Wochen vor Abhaltung des Kongresses in Karlsbad zirka 60 Mitglieder des A. C. aus der ganzen Welt nach London zu berufen, ist wohl ganz ungewöhnlich und nicht leicht Renaissancebewegung des jüdischen Volkes erweckte auch den jüdischen Musiker zum eigenen Schaffen. Das er» freuliche Zeichen für den inneren Wandel im Judentum der letzten Jahrzehnte ist, daß, während bei den alten Komponisten die Anpassung an die Regeln abendlän* discher Musik und Kunstauffassung sie immer mehr von ihrer jüdischen Eigenart entfernte und schließlich zur ganz« liehen Verleugnung ihres eigenen Wesens führte, die junge Musikergeneration den Weg zu ihrem Volke wieder* gefunden hat. Die Seele suchte zu ihrem Ur* sprung zurückzukehren. Man begann mit der Wiedererweckung der Volksmusik. Das Elementare in Verbindung mit der neuen Erkenntnis bahnte bald einen neuen Weg zur Musik. Will man heute über das Jüdische in der Musik zu einer Erkenntnis gelangen, so muß man die Werke der b ew u ß t schaffenden jüdischen Kompo« nisten hören und studieren. Zwei Schwierigkeiten beeinflussen und behindern das Schaffen des jüdischen Komponisten: Stoff und Form, Inhalt und Technik. Er hat in Europa studiert, be* stimmte Harmonien und gewisse Satzregeln sich ange« eignet, mußte jedoch sehr bald entdecken, daß sein eigenes Fühlen, seine eigene Melodie mit dem Erworbenen nicht im Einklang steht und daß er mit dem Erlernten seinen ureigenen Stoff nicht gestalten kann. So galt es zunächst, vieles zu überwinden, in die Ursprünglichkeit seines Wesens einzudringen und von dort aus, aus dem inneren Hören und Fühlen heraus, neu aufzubauen, neues Baumaterial zu suchen und zu finden. Wir waren zu entartet, zu sehr gewöhnt, alles aus zweiter Hand zu empfangen, so daß jeder von uns eine vollstän* dige Umwandlung durchmachen mußte, bevor er sich der neu an ihn herantretenden Aufgabe widmen und aus der Einheit mit sich selbst zum Kunstwerk gelangen konnte. Daß die jungen Musiker zunächst den verschieden* :;stcn Einflüssen ausgesetzt waren, kann ihnen nicht zum Vorwurf gemacht werden. In jeder Kunstentwick* lung geht einem neüen Stil eine Periode der Abhängigkeit von fremden Einwirkungen;- voraus. Jeder. Künstler muß erst eine Lehre durchmachen, bis er zum selbständigen freien Schaffen sich durchringt. Noch einem anderen Ein* wand gegen die jüdische Musik muß hier entgegengetreten werden, nämlich dem, daß unsere Komponisten — ich spreche nur von den bewußt jüdischen — sich der For* men bedienen, die sich in der Musik anderer Völker herauskristallisiert haben. Daß gewisse Formprinzi* p i e n von den jüdischen Komponisten bereitwillig über* nommen wurden (Sonate, Füge, Symphonie, Konzert), darf nicht als maßgebendes Beispiel herangezogen werden. Es zeigt nur, daß auch der jüdische Musiker mit .den viel* fachen Wurzeln der Musikformen verwachsen' ist. Junge Komponisten wie angehende Musikentwicklungen über* nehmen meistens die bereits-i bestehenden lebendigen For* men, um erst später bei Erreichung einer gewissen Reife die Formen umzubilden. Dies ist sowohl bei. älteren als auch bei zeitgenössischen musikalischen Umwälzungen sichtbar. Die Klaviersonate von Alex. Kr ein ist zu* mindest so jüdisch wie die Bartoks ungarisch. Warum soll der jüdische Komponist aus dem Zusammenhang mit der Gegenwart, der er schließlich seine Eigenexistenz ver* dankt, herausgerissen werden? Die Bedeutung eines Wer« kes hängt nicht nur von der äußeren Struktur, oder der Art, wie der Stoff verarbeitet worden ist, ab, sondern von den Tiefen seelischer Erregungen, die sich hinter jeder Harmonie und schon gar im Rhythmus kund» geben. Diese wirksame Kunst kennt keine Zweiheit zwi* sehen Schöpfer und Werk. . Man hat wiederholt versucht, das Judentum aus* schließlich unter der Perspektive der Vergangenheit zu sehen. Gerade die letzten fünfzig Jahre jüdischer Ge* schichte dokumentieren mit eindringlicher Unzweideutig* keit die Fähigkeit des Juden zu einer aktiven Aeuße* rung auf allen Gebieten. Auch in der Musik. Allen Zweiflern gegenüber können wir darauf hinweisen, daß die „neue jüdische Musik", ajle Be.zirke musikalischer Fojr# men gestaltend, sich unaufhaltsam entwickelt, aus dem Stadium des Suchens und Experimentierens immer mehr und mehr haeraustritt. Man erkennt bereits bei den ver* schiedensten Komponisten das Vorhandensein einer gei* stigen Gemeinschaft. Ueber die Frage des „spezifisch Jüdischen" in der Musik wird in Zeitungen und Büchern eifrig debattiert. Die aufschlußreichste Antwort darauf können doch nur die schaffenden Künstler selbst und ihre Werke geben. Und diese Werke werden uns schon beim ersten Hören vom Vorhandensein eines jüdischen Elements, eines jüdi« sehen Charakters in der Musik überzeugen, zugleich den Beweis erbringend, daß die Schöpferkraft der jungen jüdi* sehen Komponistenschule in ihrem natürlichen Wachstum nicht mehr aufgehalten werden kann. Wenn es der folklo* ristischen Forschung einmal gelingt, eine Basis zu finden, um in der melodischen Kurve, im Rhythmus und in dem Aufbau eines Volksliedes die spezifischen Besonderheiten eines Volkes zu erkennen, wird man auch die Eigenart und den Reichtum des jüdischen Volksliedes und den Grad seines Einflusses auf die Entwicklung der jüdischen Kunstmusik feststellen können. Erst die späteren Genera« tionen werden die Bindungen und Kurven zwischen den verschiedenen Strömungen innerhalb der eigenen Stilkreise herzustellen vermögen. Bei unserer Einstellung zur „Jüdi* sehen Musik" sollen die Grenzen so weit gezogen werden, daß ihre Beschränkung nicht neuerdings Hemmnisse schafft. Ohne die Brücken zur Musik anderer Völker, welche die jüdischen Komponisten des zwanzigsten Jahr* hunderts geschlagen haben, abzubrechen, wollen wir unsere eigenen Kräfte entfalten. Wenn dereinst der Schönheitsreiz der „Heimat", das vertraute Idiom der hebräischen Erziehung, die Sehnsucht der Diaspora ver* drängt und eine neue Klangresonanz hervorgerufen hat, wird eine konzentrierte Produktion, begünstigt durch eine geistig*wirtschaftliche Stärkung in Palästina, das er* strebenswerte Ziel weisen: eine geschlossene jüdische Kunstmusik.