Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 174 (16.1.1931)
- Date
- 1931-01-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2711613-2711790-2711793--2282-2715563- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 174 DIE NEUE WEL Seite 3 jjiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiMiiiiiimiiniimiiimiiiiimiiim^ 2 Verband demokratischer Zionisten, Wien | 3 _Gruppe VI-VIII__5 § Sonntag, den 18. Jänner 1931, 10 Uhr vorm., § Vorltthrung dot neuesten s I Palästina-Films I im Kino Mariahill, VI., Oumpendorlertlraße 67 S 1 Erklärung des Filmes: Professor Freud § «M S Entree: Erwachsene $1.-, Jugendliche $-.30 s 5 Für die Oruppe VI-VHI des Verbandes demokratischer Zionisten: S A. Schächter Dr. Simon Holdongräber s 2 Schriftführer Vorsitzender Sj ^iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiitiiiiiiiiiiiiiiiiiiii? Nahum Sokolow — 70 Jahre« A'm 23. Jänner 1951 vollendet Naihum Sokolow, Präsddemt der Exekutive der Zionistischen Weltorganisation und Ehrenvizeprüsident dös Administrative Committce der Jewish Agency, einer der Organisatoren der modernen zionistischen Bewegung und einer der geistigen Führer des Judentums von heute, sein 7 0. Lebensjahr. Die Zionistische Weltorganisation, die zionistischen Verbände und die Hobraisten-Gruppen in allen Ländern rüsten eich zur festlichen Begehung dieses Tages. Nahum Sokolow wurde am 5. Sdi'wat 5621 (1861) in Wy szo.gr od bei Plock (Polen) geboren. Er widmete sich frühzeitig sdiriftstellcrisdier Tätigkeit und trat 1884 in die Redaktion der Warschauer lmbrüisdien Zeitung „Ilazef ira" ein, deren Leitung er bald darauf ganz übernahm. Sokolow wurde hier der eigentliche Begründer der moderneu hebräischen Journalistik. Seine glänzend gesdiriebenen Feuilletons und Artikel in der in europäischem Geiste redigierten „Ilazefim" vollbrachton ein großes Kulturwerk, indem sie der gerade dem Ghetto entwachsenden jüdischen Leserschaft in Osteuropa die Kenntnis Westeuropas und der Moderne vermittelten. Daneben veröffentlichte Sokolow zahlreiche Abhandlungen und Aufsätze in hebräisdier, jiddisdier, russischer, englisdxer, französisdier und deutsdier Sprache fast in der ganzen jüdischen Presse der Welt. Er arbeitete auch an vielen nichtjüdischen Zeitschriften in fast sämtlichen europäischen Sprachen mit. Der zionistisdien Bewegung schloß sidi Nahum Sokolow bald nadi dem Auftreten Her.zls an. Nadi Herzls Tode wurde er 1905 Generalsekretär der Zionistischen Organisation in Köln unter David Wolffsohns Führung und redigierte dort einige Zeit das zionistische Zentralorgan „D i e Welt" sowie das von ihm begründete hebräische Zentralorgan der Zionistischen Organisation „H a'o 1 a m". 1909 begleitete er David Wolffsohn in einer politischen Mission nadi K o n s t a n td n o p e 1. Seitdem trat er innerhalb der zionistisdien Bewegung und Organisation auf dem Gebiete der Politik, der Propaganda und der Kulturarbeit immer mehr dn den Vordergrund und wurde auf dem zehnten Zionistenkongreß in Basel 1911 zusammen mit Prof. Otto Warburg, Dr. Sdimarjahu Levin und Doktor Arthur Handtke in das Engere Aktions-Koraitee der Zionistisdien Organisation gewählt. Er siedelte damals nadi Berlin über und blieb hier als Mitglied der Leitung der Zionistischen Organisation bis zum Beginn des Weltkrieges. Während flössen Verlauf verlegte Sokolow seinen Wohnsitz von Berlin nadi London, wo er fortan gemeinsam mit Dr. Weizmann und Dr. Tsdilenow eine großzügige politische Tätigkeit für die Einbeziehung der zionistischen Palästina-Forderungen in die englische Politik entfaltete und so an der Erlangung der Balfonr-Deklaration mitwirkte. Seit dieser Zeit ist Nah um Sokolow an allen politisdien Aktionen des Zionismus führend beteiligt. Er verhandelte während des Weltkrieges mit vielen führenden politischen Persönlichkeiten Europas über die Fragen des Zionismus und es gelang ihm, bei den Regierungen Frankreichs und Italiens die Zustimmung zur Balfonr-Deklaration zu erlangen. Sokolow hat ferner wiederholte Verhandlungen mit dem Vatikan geführt und wurde 1917 vom Papst Benedikt XV. empfangen, dem er die Ziele der zionistisdien Bewegung darlegte. Während der Friedensverhandlungen an Versailles wurde Sokolow P r ä s i d e n t des C o m i t e des Delegations J u i v es und wirkt« bei der Anerkennung der jüdischen Minderheitsrcdite in den verschiedenen Friedensverträgen mit. Ebenso ist die Zustimmung des amerikanischen P a r 1 a in e n te zur Gründung einer jüdischen nationailen Heimstätte in Palästina sowie die wiederholten Sympathiecrklärungen vieler Regierungen, darunter der von Polen, Rumänien. Südafrika, für die Politik des Zionismus auch auf Sokolow.» politisdie Tätigkeit zurückzuführen. Auf der Londoner Jahreskonferenz im Jahre 1920 sowie auf den ihr folgenden Zionistenkongrossen wurde Sokolow zum Präsidenten der Zionistischen -Exekutive, bei der Gründung der erweiterten Jewish Agency dm Jahre 1929 audi in deren Exekutive gewählt und im September 1930 vom Administrative Coinmittee der Jewish Agency zu deren Ehren-Vizcvorsitzenden ernannt. Er ist ferner seit 1921 Präsident aller Zionistcnkongresse gewesen. Neben seiner politisdien und journalistisdien Tätigkeit hat Nahum Sokolow auch eine ausgedehnte literarisch-wdissenschaftlidic Tätigkeit entfaltet. Er Nur diese Schwedenklinge macht Rasieren zum Vergnügen Die führende schwedische Weltmarke sdirieb u. a.: „Siu'at olam l'ani olam" (Gosdiichte des Antisemitismus; Warschau 1882); „Zaddik w'.ni&s gaw" (eine historische Novelle; Warschau 1882); „Erez diemda" (eine Geographie Palästinas; Warsdiau 1885); er gab die Jahnbücher „Haassif" und „Sofer sikkarou" (ein biographisdies Lexikon zeitgenössischer jüdisdier Sdiriftsteller; Warsdiau 1889) heraus. Seine neuesten literarischen Werke sind „Baruch Spinoza us 'manno" (London 1929) und „Il'ani hakibbu/.i" (New York 1930). Besondere Erwähnung verdient seine in zwei Bänden ersdiienene „H i s t o r y o f Z i o n i s m" (London 1919), in der er zum erstenmal den Versuch einer historisdien Darstellung des zionistisdien Gedankens gemadit hat. So- PLESS UV WIE? tllllEr L, ROTENTURMSTRASSE 19 Inventur* Verkauf! HAARFILZHUTE % S 12*-, 15.-/ 20.-, 25.— BESONDERE QUALITÄT* S 30.- Von allen Herrenmode»ArJsl<eIn 15% Nachlaß! kolow hat endlidi eine große Reihe wichtiger Werke der europäischen Literatur ins Hebräische übersetzt, darunter Herzls „Altnculand", sowie die Geschichte der jüdischen Literatur von Gustav Karpcles. Die Verehrung, die Nahum Sokolow du deiijüdisdien Massen, insbesondere in Osteuropa, Amerika und Südafrika, als Politiker, Volksrcdner, Sdiriftsteller und Journalist genießt, ist fast ohne Beispiel. Seine 'Verdienste um die Ausbreitung des zionistischen Gedankens und dessen Anerkennung in der n i ch t j üd is ch e n Welt bleiben unvengänglidi. Herzls Prognose gilt auch für die Juden in Amerika* Am 17. Dezember 1930 feierten die Juden Bostons in pompöser Weise ein bedeutungsvolles Jubiläum. Die Judenschaft Amerikas ist zweihundertfünf und« siebzig Jahre alt geworden. Am 17. Dezember 1655 landeten in Ncu<Amsterdam, dem heutigen New York, dreiundzwanzig portugiesische Juden. Präsi* dent Hoover sandte der Jubiläumsfeier eine herzliche „Botschaft", die voll von Komplimenten für die amerikani* sehe Judenschaft und das ganze jüdische Volk war. Er hob vor allem die Bedeutung der Juden für die Entwick* lung der Vereinigten Staaten hervor und lobte ihren Eifer und ihre staatsbürgerliche.Treue. „Die Juden warfen sich mit ihrem ganzen Herzen in die amerikanische Aufbauarbeit * Die Entwicklung der Judenschaft der Vereinigten Staaten ist tatsächlich ein großes Ereignis in der jüdischen Geschichte. Keine Judenwanderung erreichte solche Aus* maße. Vor 275 Jahren — 23 Juden. Vor hundert Jahren lebten in New York 400 Juden und in den Vereinigten Staaten etwa 3000. Es waren fast nur sephardische Juden aus Holland und England. 50 Jahre später kam ein Strom von Zehntausenden Juden aus Deutschland Von Joachim Stutschewsky (Wien). Seit Generationen ist die Kunst, insbesondere die Musik, dem Judentum in vieler Hinsicht sehr stark ver* pflichtet. Viele Juden als Instrumentalisten und Kompo* nisten standen und stehen in vorderster Reihe der Musik« entwicklung: als wahrer alter Tradition, als Lehrer, Mittler, Führer und' Neuerer. Aber das Aufgehen in fremdem Volkstum hinderte den Juden an der Entwick» lung seines eigenen Schaffens. Dadurch entstand die falsche Meinung, daß der Jude in der Musik schöpferisch nicht vollwertig zu nehmen ist. Seit zweitausend Jahren leben die Juden in fremden Welten. Stets eine Minorität bildend, mußten sie, ge* zwungen durch die Forderungen des Lebens und den Er* haltungstrieb, ihr Leben, ihre Gedanken und ihre Sprache an1 die einer fremden Majorität anpassen. So lebte auch der jüdische Musiker, der jüdische Künstler überhaupt (seit etwa hundert Jahren kennen wir Kompositionen von Juden), innerhalb des europäischen Kontinents bis vor kurzem als etwas Halbes. Sein Leben und Wirken be» ruhte auf Täuschung. Täuschung seiner selbst. Täuschung der anderen. Er wurde sich schließlich selber fremd, sich selbst ein Rätsel. Ungeachtet des Ansehens und der An* erkennung, die dem führenden Musiker jüdischer Ab* stammung nicht verwehrt werden konnte, blieben ihm Widerstände innerer und äußerer Natur nicht erspart. Durch sein ganzes Schaffen zieht der zersetzende Einfluß eines Dualismus in seinem Wesen: Geist und Materie; Seele und Intellekt; Form und Inhalt. Zwischen der Musik dieser jüdischen Komponisten und dem jüdischen Volke lag eine tiefe Kluft. Als „Wanderer zwischen zwei Welten" fehlt diesen Musikern die innere Freiheit, die innere Einheit, die ihre eigene Seele zu vollsten Aus* Wirkungen bringen könnte. Eines der am häufigsten vorgebrachten Argumente gegen eine „jüdische Musik" ist, daß sie keine Tradition hat. Ist dem wirklich so? Die Musikwissenschaft ist noch jungen Datums. Es fehlt an durchgreifenden Forschungen, die über die Musikkultur des Altertums, insbesondere der orientalischen Völker, ein authentisches Bild vermittelten. Der Musikgcsehichtsschreibung haftet stark der Charakter des Fragmentarischen an. Viel« Theorien existieren, jede betont etwas Richtiges, keine ist abschließend. Auch die Erforschung der „jüdischen Musik" liegt noch in den An* fangen. Es fehlt nicht an Stimmen, die die Frage, ob es eine „jüdische Musik" gibt, ^überhaupt verneinen. Sie stammen vorzugsweise aus jenen Kreisen, die nicht wissen, welch hervorragendes Interesse die Juden, im Altertum der Poesie und der,, Musik widmeten und wie intensiv die Musik im ganzen Verlauf der jüdischen Ge* schichte im religiösen, öffentlichen und gesellschaftlichen Leben gepflegt wurde. Die Juden des Altertums besaßen eine hochentwickelte Literatur, eine große Anzahl von Musikinstrumenten und eine für die damalige Zeit zi»>;i* lieh bedeutende Musikproduktion. Die damalige Musik* Übung war in bedeutendem Maße Volkskunst. Jede Festlichkeit, jedes frohe oder traurige Ereignis, ward von Musik begleitet. „Daß die Weisen tatsächlich hohen Alters und Volksgesang sind, geht aus dem Umstand hervor, daß sämtliche alten jüdischen Zentren die gleichen besitzen, trotz jahrtausendelanger Abgeschiedenheit voneinander. Demnach müssen sie bereits vor der Zerstörung des zweiten Tempels Volksgesang gewesen sein." (A. Z. Idel* söhn.) Das jüdische Volk war im' Altertum reich an uiusi* kaiischen Erfahrungen und Leistungen. Beim Studium der alten jüdischen Kultur des biblischen Zeitalters begegnen wir oft Aeußerungen über Musik. „J u w a 1" wird als der Vater aller Harfen* und Flötenspieler bezeichnet. Als die Brüder Josefs ihrem Vater die Kunde überbringen sollten, daß sein totgeglaubter Sohn in Aegypten noch am Leben sei, baten sie Serah, die Tochter des Ascher, den Groß* vater Jakob durch ein Lied zur Begleitung der Laute auf die freudige Nachricht vorzubereiten. Nach dem Auszug aus Aegypten wird von Moses selbst ein großes Lied angestimmt, das von Mirjam auf der Harfe begleitet wird. König David sucht den bösen Geist Sauls durch Musik zu verscheuchen. „Zur Zeit Samuels wurde der Unter* rieht in der Musik eifrig gepflegt. Josephus Flavius berichtet ausführlich über den Gottesdienst im Tempel zu Jerusalem. Wie sehr die Musik ein Mittelpunkt im jüdischen Volke war, dokumentiert auch die Tatsache, daß auf M ü n z e n aus der damaligen Zeit nicht irgend ein Symbol der Herrschaft oder der Macht, wie Krone, Adler, Schwert, sondern — Musikinstrumente ge* prägt sind. Und die N c g i n n o t h, mit denen noch bis auf den heutigen Tag die Thora vorgetragen wird! Diese Neginnoth sind ein scharfsinniger Versuch, die Gesangs* linie (Hebung und Senkung), die Betonung und die rhyth* mische Gliederung beim Lesen der heiligen Schrift durch bestimmte Zeichen festzuhalten und für alle Genera* tionen zu erhalten. Leider besaß man damals keine N W nschrift. Dadurch sind uns große Musikschätze verloren* gegangen und es bleibt einer ernsten Forschung vorbe* halten, die überall zerstreuten Reste aufzusuchen und zu entziffern. Den Tiefen urjüdischer Empfindung ent* sprungen, wirkt dieses musikalische Erbe in uns als hei* lige Ueberlieferung mit unverminderter Kraft weiter. Während der ganzen Epoche der Zerstreuung, überall, wo Juden wohnen, klingen alte Gesänge, Lieder und Tänze, stets wiederkehrend, ewig lebendig, ohne an Beseelung und Inbrunst eingebüßt zu haben. Und dennoch keine jüdische Musik? Mit dem Verlust der staatlichen Selbständilkeit und dem Beginn der Wanderung hörte zwar die Hochschätzung der Musik nicht auf, aber die eigene Kunstübung mußte mit der Zeit einschlummern. Die Voraussetzungen für ein freies Schaffen in der Galuth fehlten völlig. Erst die,