Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 174 (16.1.1931)
- Date
- 1931-01-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. m Neueröffnet! Restaurant Vegetfana 11/ Obere Donausir* 89 a drittes Haus vom D»ai*abad in der Richtung Salztöf brücke Diätkost genau nadi ärilL Verordnung Vegetarische u* Atohkost Alle Milchspeisen Auch Pirogen, Knisch, Kartoffel* hrot und diverse andere ostliche Spezialitäten Vegetarische Kost ist gesund/ schmackhaft und billig! Hauptspeisen von $ —♦50 aufw« Samstag Sonntag geschlossen I geöffnet I Form sei sie nur ein großer moralischer Erfolg, nur ein Versprechen. Nordau. verwies auf Herzl, der nur einen jüdischen Staat erstrebte, im Lande, wo das jüdische Volk zu Hause ist, als unabhängige Nation leben und fort und fort auf die Juden in der Diaspora einwirken kann. Wiederholt verurteilte Nordau strenge diejenigen, die es nicht verstanden haben, den einzigartigen Augenblick, wie ihn der Krieg mit sich brachte, voll auszunützen. „Diese Renschen", sagte Nordau, „haben unseren Sieg vielleicht um hundert Jahre verzögert." An einer anderen Stelle, in einem Aufsatz: „Gestern, heute, morgen", sägt Nordau: „Als ich im vorigen Jahr das Alarmsignal gab, als ich darlegte, daß Vir um jeden Preis zu einer Majorität in Palästina gelangen müssen, daß hiezu eine Einwanderung von mindestens 600.000 Menschen, und zwar sofort,* nötig' sei,' da sonst das nationale Heim nur ein Trugbild bleiben würde, da überschüttete: mich die offiziöse Presse der Zionistischen Organisation mit beißenden Worten und Beschimpfungen, nannte mich einen gewissenlosen Demagoge-n . . . Nach einiger Ueberlegung aber gab Dr. Weizmann zu, daß man trachten müßte, nicht die 2000 Juden jährlich, wie es einer der wunderbaren Experten ausgerechnet hatte, einwandern zu lassen, sondern 20.000j 30.000, vielleicht 100.000. Jetzt erklärt man, daß es materiell unmöglich sei. Warum? Weil wir weder Boden noch Geld in Mnreichender Menge hätten! Warum haben wir aber keinen Boden? Weil unsere großen Staatsmänner ihn nicht z u verlangen wissen, und weil sie auch weiterhin nichts tun, um ihn zu erhalten. Es ist nur eine Verspottung uad eine Beleidigung, wenn man uns feierlich erklärt: „Palästina gehört euch!", gleichzeitig aber alle Grenzen hermetisch vor uns abschließt. Das Argument, Palästina könne augenblicklich einen solchen Menschenzuwachs nicht ernähren, ist keine Rechtfertigung eines so paradoxen Vorgehens, England und die übrigen Mächte müssen schon uns die Sorge überlassen, dieser Schwierigkeiten Herr zu werden. Wir werden von niemand anderem als nur von uns selbst Almosen und Hilfe für unsere Ansiedler verlangen. Wir werden sie organisieren und ßie unterstützen." Das sind Warnungen, die Nordau — in den Jahren 1917 bis 1919 — an Weizmann und seine Kollegen gerichtet hat. Leider gelang es Nordau nicht, diese Herren mit sich zu reißen. Es ist bekannt, daß Nordau tiefbetrübt und verärgert von London wegfuhr. Man schob ihn bewußt zur Seite, weil er das Erbe Herzls realisiert sehen wollte. Und so stehen wir heute vor den Problemen, die Nordau stete im Geiste Herzls aufdeckte: Balfour- Deklaration ohne Land! Das Land, das der türkischen Regierung gehört hatte und dann englischer Besitz geworden ist, hätte man im Jahre 1917 und in den nachfolgenden Jahreu in Besitz nehmen müssen. Statt dessen kam das Kompromiß unter Gharehill (siehe Weißbuch). Dann setzte der zweite schwerwiegende Fehler der Weiaanannschen Politik edm. Statt mit den Ara/bern zu verhandeln, verließ er sich ausschließlich auf die englische Regierung. Damals und in den Jahren 1920 bis 1928 wäre ein Vergleich mit den Arabern zustandezubriingen gewesen. Heute steht man vor den größten Schwierigkeiten, da die Ara'ber, durch die Großgrundbesitzer aufgehetzt und an/tizionistieche und antisemitische Kreise gestoBzl, die alleinige Macht anstreben. Man sagt jetzt, daß die anitizionistisohe Haltung der englischen Regierung durch die Entwicklung der Dinge in Indien bedingt ist. Aber vor 8 und 10 Jahren kam Indien nicht in Betmobi, und trotzdem blieb die englische Unter- > Stützung bei der Schaffung einer jüdischen Heimstätte aus, schon damals und seither immer mehr. Das Verhältnis Weizmauns zur Alandataxregierung äußerte sich in den Bestrebungen, sich jedem momentanen Schlagworte des Kolöniailamtes anzupassen. Weizmann vertröstete die zionistische Oelfentliehikeit. Er sagte: Nicht Gründe der äußeren englischen Politik bereiten uns Schwierigkeiten in Palästina, nur die englische Verwaltung in Palästina ist uns hinderlich. Weizmann verstand es eben tiichtj im Laufe der vielen Jahre ciuen zentralen Willen, eine einheitliche Politik gegenüber der englischen Regierung zti schaffen. "Weizmann verließ die große Linie Theodor Herzls, der nie aufgehört hatte, das Gesam tp r oblema zu behandeln. Herzl vernachlässigte kein Gebiet zugunsten eines Teilerfolges. Weizmann begnügte sich mit Teilzielen, Teilerfolgen. Was in Palästina oder in London zuerreichen war, übersah Weizmann. Er richtete seine Bestrebungen größtenteils nach Amerika. Von dort erhoffte er Hilfe. Doch trotz des Zustandekommens der erweiterten Jewish Agency konnte Weizmann die jetzige schlimme Lage in der zionistischen Politik nicht verhindern. Selbst in Amerika erhoben sich maßgebende Stimmen gegen die Wcizmaniisohe Politik. Man braucht nur den Namen des Richters am Obersten Gerichtshof, Louis Braudels, und seiner Freunde zu nennen, die seit Jahren gewarnt hatten. Auf alle Warnungen gab Weizmann stereotyp eine Antwort: „Unser Verhältnis zur M an data rmachtist gut, befriedigend.". Er nahm stets die englischen Beamten, in Schutz, verließ sich auf vaige Zusagen, die vielleicht gut gemeint waren, aber auf dem Wege von London nach Palästina ins Gegenteil verwandelt wurden. So geschah es, daß diese verfehlte Politik schon anläßlich des Klagemauer- Streates im Jahre 1928 ihre Wirkung tat, als Weizmann das Abziehen des englischen Militärs ruhig zuließ, ohne für die dadurch bedrohte Sicherheit zu sorgen. All das kam der Ausbreitung, der Unruhen seihr zustatten. Die Balfour-Deklaration war eine der edelsten Taten der Engländer. Sie wollte ja das große, zweitausend jähr ige. Unrecht an den Juden gutmachen. Die Stimmung, welche das Erlassender Balfour-Deklaration möglich machte, reicht lange zurück. Sie herrschte schon, als England Theodor Henzl vor die Freindenköminissio n d es^ Pa rlämen,t,.es lud, um ihn in seiner Eigenschaft als Führer der" Ziönisten 'über die Lage 'Und Wa'nderungsmöglichkeiten der jüdischen Massen, zu fragen .und/ zu Rate zu ziehen. Als dann spater' die 'englische'"jRegiertfn^^hettdcT 'HeM Uganda zur Kolpnisierung. anbot, erlangte dadurch Herzl die, offizielle Anerkennnn.g/Vd_es, Zionismus seitens der engliehen Großmacht. Herozl war es, d er a 1 s E rste r die Vei-bindunig ,m i t d e m>F o r e i g n Office herstellte, ja, auch die Verbindung mit Amerika (Jakob Schiff). Im Begleitschreiben an .Theodor' Herzl in' der Uganda-Sache erklärte die englische Regierung zum ersten Male, welches Interesse. ,#ie. immer an jedem wohlerwogenen Plan nehmen müsse, der die Besserung der Lage der jüdischen Rasse bezwecke". An diese großen E r f o Ige Tlieodo r Herzls schloß sich die Balfour-Deklaration an. Wenn man also heute die Tatsache erlebt, daß die englische Regierung die Tore Palästinas für die jüdische Einwanderung schließt, in einem* Momente, wd'Ydie Juderihbt im Osten: ihr Maximum erreicht, haben wir den Gradmesser für die. Wandlung der englischen.'Stimmung. Das konnte nur kommen, weil Weizmann den Leitgedanken Herzls vernachlässigte. Zu Zeiten Herzls war die öffentliche Meinung in England allgemein für den Zionismus. Die Balfour-Deklaration ist nur als die Fortführung der Herzischen Bestrebungen zu erklären. Es wäre in diesem Zusammenhange die bis jetzt unbekannte und überaus* wichtige Tatsache festzustellen, daß einer der Signatare der Balfour-Deklaration es gewesen ist, der in seiner Eigenschaft als Parlamentsdenn jeder ist den Unbilden einer Verkühlung ausgesetzt, die von verhängnisvollen Folgen begleitet sein kann. Der wirksamste Schutz ge^en Verkühlung Ist die Abhärtung und die Stählung des Körpers, die am besten durch ständigen Gebrauch des •■ mit Menthol ermöglicht wird/' In jedem besseren Oetchätt« ee-HBltHcb Verlangen Sie ausdriiokllöh „DI A N A" und nehmen Sie nur „D/ANA";! "Minderwertige Nachahmungen sind energisch Hell! Hafner Willi Rappapoit Tesctaen empfehlen sich als Verlobte Wien Wien, im Jänner 1931 mitglied und Rechtsanwalt bei der englischen Regierung Herzl in der Uganda-Sache unterstützte. David Lloyd George unterzeichnete die Eingabe zwecks Erlangung des Uganda-Territoriums, er selbst gcihört zu den Signataren der Balfonr-Deklaration. Dae Nachfolger Weidmanns müssen sich an das große Erbe Theodot Herzls anschließen. Gewiß, Weizmann hat manches Anerkennenswerte geleistet. Aber die große Voraussieht Herzl« besaß er nicht. Führen aber heißt voraussehen! „Mi geb fca Geld!" oder /sJuda/ verrecke!" Wien war in der vergangenen Woche Schauplatz wüster Szenen. Im landesüblichen Wortschatz heißt das — Rummel. Jugendliche Hitler-Anhänger randalierten in den Straßen rings um das Tonfilmkino „Apollo", des Hauptquartiers des Wiener sozialdemokratischen Filmkapitals, einige Tage später in der Inneren Stadt und in der Gegend des Donaukanals, der auf die Leopoldstadt, den jüdischen Bezirk, hinüberschaut. Den randalierenden Massen stand die Wiener Polizei in Kriegsstarke (3000 berittene und uuberittene Mann) gegenüber, sperrte die Brückenzugänge und bewachte — ein Kino. Die Leopoldstädter Filiale des sozialdemokratischen .Filmkapitals, das „Schwedenkino". Der Kampf ging um den, man sagt, pazifistischen Film „Im Westen nichts Neues", nach dem gleichnamigen Roman des Erich Maria Remarque. Die Hakenkreuzler behaupten, der Film beleidige die Ehre des deutschen Frontsoldaten, somit der deutschen Nation; die Sozialdemokraten betonen, er sei Ausfluß edler pazifistischer Gesinnung und müsse den Massen zur Abschreckung vor militärischem Greuel gezeigt werden. Die Hakenkreuzler sind bekanntlich edle Vertreter der deutschen Nation. die Sozialdemokraten heroische Kämpfer für den Völkerfrieden und gegen blutige Waffen. Es ist in der Tat eine Angelegenheit des deutschen Volkes, iii Deutschland und in Oesterreich! ob es den Film dulden will oder nicht, und wir fühlen uns zur Aufregung nicht verpflichtet. Aber die Straßen waren nicht nur Schauplätze des Protests gegen den Remarque-Film, des Ausbruchs deutschnationaler Leidenschaft. Sie zeigten auch eine andere L e i d e n s.ch a ft. Aus den Schneeflocken der Entrüstung über den Film mit dem Losungswort „Hoqh Hitler!" wurde sehr rasch die Lawine „jf uda," v'e r r eck e" mit der praktischen' Schlußfolgerung „Hi n e i n, i n d i e:L e o p o 1 d s t a d t!" Das Wort wurde zur Tat. Fensterscheiben jüdischer Geschäfte krachten, geheimnisvolle Schüsse fielen, wüste antisemitische Schimpfworte drohten den Juden der Leopoldstadt. •- Ob solchen Treibens erschrak die Regierun'g und verbot den Film für ganz Oesterreich. So ist wieder einmal eine Sache, die mit den Juden nichts zu tun hat, auf jüdischem Rücken ausgetragen worden. Es ist bekannt, daß den Sozialdemokraten in zahlreichen Wiener Bezirken Kinos, zur Verfügung stehen, Kinos mitten in Arbeiterbezirken. Aber es mußte den Film just jener Bezirk beherbergen, der am leichtesten den Hakenkreuzlern Agitationsstoff gibt, der jüdische Bezirk Leopoldstadt, dessen Wähler ja .trotz .allem .und allem sozialdemokratisch •wählen, auf die maii also keine Rücksicht nehmen muß, auch wenn ihnen als. Handels- und Gewerbetreibenden, Inhabe'rn offener - Läden, schwerster, wirtschaftlicher Schaden erwächst. Den jüdischen Führern der Sozialdemokratie fällt es zwar nicht ein, sich über diese Situation den Kopf zu zerbrechen; hingegen wissen sie-pikantere Dinge zu :erzählen: unter anderem die Tatsache, daß an den Demonstrationen Mitglieder des Bundesheers in Uniform teilgenommen haben. Eine reizende Geschichte, die ein österreichischer Sozialdemokrat in Verbindung mit antipazifistischen Attacken nicht erwähnen sollte. . Die österreichische Sozialdemokratie sollte sich an jene Tage erinnern, da unter ihrer Führung der unselige G e da nke eines österreichischen S ö 1 d n e r h e e r e s reift e, da er ihr Lieblingsg e d a n k e war, da sie ihn verwirklichte. Es gab eine Stimme, die dem frisch-fröhlichen Militarismus der Sozialdemokraten entgegentrat, dessen Gefahren aufzeigte und prophezeite, daß dieses Heer unvermeidlich der Spielball der jeweiligen Regierungspartei werden müßte. Unnütze Geldvergeudung, gefahrvoller Zankäpfel — so warnte damals diese Stimme. Es war die Stimme des demokratischen Jüdischnationalen Robert Stricker. Die Sozialdemokratie höhnte. Heute aber höhnt der sozialdemokratische; Herr Danneberg nicht mehr. Er weint. Er wehklagt: „Der Bund verschleudert in den jetzigen Zeiten grenzenloser Verelendung jährlich 108 Millionen Schilling für das Bundesheer, für eine Armee, deren Bestand für di'i Republik keine Notwendigkeit ist." Wie bei den Hakenkreuzlern die deutsche Ehre, so sieht bei den Sozialdemokraten der Pazifismus aus. Aber die Juden müssen daran glauben. Ihnen kann es gleich bleiben, wer ihnen die Fensterscheiben einschlägt: der von Hitler erzogene Häkenkreuzler oder der von den Sozialdemokraten ins Leben gesetzte Wehrmann. Nach dem Remarque-Film hätte das Burgtheaterstück „Haus Rothschild" des Wiener Schriftstellers Hanns 'Saßmann Anlaß zu antijüdischen Demonstrationen geben sollen. Sie sind vorläufig unterblieben. Zunächst wohl deshalb, weil das Stück beim Haus Rothschild und beim Haus Walter Riehl Wohlgefallen gefunden hat, und weiters wohl deshalb, weil im Burgtheater der Baron Rothschild dem Fürsten Metternich droht: „Ich geb ka Geld!" o. s. 4