Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 173 (9.1.1931)
- Date
- 1931-01-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2711613-2711790-2711792--2273-2715553- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
ifp. m DIE HEUE WELT Seite?. Zunächst aber, dat kann nicht off genug gesagt werden, heißt unsere Aufgabe nicht: ßanern zn schaffen, sondern soviel Juden wie nur möglich im Lande seßhaft zn machen. Der Erfolg von Schechunath Borochow, der Kleinsiedlung von Arbeitern und Beamten in der Nachbarschaft von Tel-Awiw, beweist, daß das möglich ist, und zwar in Formen, die gleichzeitig die landwirtschaftliche Produktivität der jüdischen Siedlung auf das günstigste beeinflussen und die Ernährung der jüdischen Bevölkerung viel mehr von jüdischer Landwirtschaft abhängig machen, als das unseren Emek- Siedlungen im besten Falle möglich sein wird. Darüber hinaus aber ergeben sich aus den Resultaten von Schechunath Borochow Lehren allgemeiner Natur für unsere Ansiedlungspolitik von weittragender Bedeutung. Hier können nur die wichtigsten Ergebnisse aus dem umfangreichen Bericht über unsere Untersuchung angeführt werden. Die hervorstechendste der in Schechunath Borochow geschaffenen Tatsachen ist die verhältnismäßig außergewöhnlich gute Lage der Siedlung nach verhältnismäßig sehr kurzem Bestehen. Schechunath Borochow wurde zwar bereits im Jahre 1921 gegründet, aber die Entwicklung der Siedlung kann tatsächlich erst vom Zeitpunkte ab datiert werden, da die Siedlung im Jahre 1927 nach unsäglichen Leiden endlich Wasserversorgung erhielt. Schechunath Borochow ist heute ein blühendes Dorf mit über 500 Einwohnern, darunter 174 Kindern. Wenn erst die noch nicht vergebenen 4? Siedlerstellen von je 21/« Dunam besetzt sein werden, wird das Dorf mit über 800 Seelen eine sehr auskömmliche Existenzgrundlage gewähren. Das Reinvermögen der Siedler nach Abzug aller Schulden beträgt jetzt schon über Pf. 20.000 oder Pf. 161 pro Siedler. Schechunath Borochow hat 81 massive Häuser, dazu kommen in 11 Prozent der Fälle noch massive Kuhställo und in ebensoviel Fällen noch massive Hühnerställe. Nur noch 32 Prozent der Siedler wohnen in -— meistens sehr guten — Baracken. 42 Prozent besitzen eine junge Orangenpflanzung, 20 Prozent treiben G e m ti s e b a u. Das lebende Inventar besteht aus über 60 Kühen und Uber 4000 Stück Geflügel. Die Siedlung besitzt ausreichende öffentliche Einrichtungen, Schule, Kindergarten, Klinik und einen Konsumverein. Ein wesentlicher Teil des Erfolges von Schechunath Borochow beruht auf seinem Charakter als vorstädtischer Siedlung, das heißt auf seiner Nachbarschaft zu Tel-Awiw. Der Hauptteil der Bevölkerung arbeitet in. städtischen Berufen in Tel-Awiw und der Nachbarschaft und verfügt so über ein relativ hohes und stabiles Einkommen (Pf. 7,7 bis Pf. 15 durchschnitt lach im Monat). Dazu kommt ein nicht unbeträchtlicher Zuschuß zum Einkommen aus der Kleinwirtschaft der Siedler. Im geringsten Falle können sie durch den Verzehr ihrer Produkte den Standard ihrer Lebenshaltung beträchtlich verbessern, 25 Prozent der Siedler haben darüber hinaus ein bares Zusatzeinkommen von 5 bis 60 Prozent ihres Arbeitseinkommens. Die Siedler genießen die Vorteile einer bäuerlichen Wirtschaft und sind doch von den Sorgen und Nöten des Landwirts verschont. Sie leben zins-, respektive mietefrei in ihren eigenen Häusern, die fast alle schuldenfrei sind. Und sie erwarten von der Entwicklung ihrer kleinen Orangenpflanzung eine weitere beträchtliche Einkommensquelle, die sie von den Schwankungen des Arbeitsmarktes viel unabhängiger machen wird, als der in der Stadt wohnende Arbeiter und Angestellte sonst von sich sagen kann. Entscheidend für den Erfolg von Schechunath Borochow war die Methode der Finanzierung der Siedlung. Kein Siedler von Schechunath Borochow hat je eine Schenkung aus dem Budget der Zionistischen Organisation (Taxiw) beansprucht oder erhalten. Die Hilfe, die die Siedlung von den offiziellen oder halboffiziellen Instituten erhielt, beschränkte sich auf den Bodenerwerb durch den Jüdischen Nationalfonds (Keren Kajemeth) (an dem sich die Siedlung allerdings mit einem Drittel aus eigenen Mitteln beteiligen mußte), auf Anleihen für die Wasserversorgung und den Wegebau und auf Hypotheken für 22 von den 81 Häusern des Dorfes. Die Gesamthöhe dieser Investitionen und Anleihen beträgt Pf. 17.657 oder pro Siedleretelle Pf. 84. Diese Anleihen werden pünktlich abgezahlt und werden in 15 bis 18 Jahren ganz abgedeckt sein. Ein Betrag von Pf. 84 pro Siedler aus öffentlichen Mitteln war ausreichend, um diese gelungene Siedlung zu schaffen, und von diesen werden Pf. 51 in spätestens 18 Jahren zurückgezahlt sein und nur mehr Pf. 33 als dauernde Investition (für Bodenerwerb durch den Keren Kajemeth) bleiben. In Schechunath Borochow ist das Problem der billigen Massensiedlung gelöst'. Das, was der Siedler für den Aufbau seiner Wirtschaft benötigte, hat er ausschließlich aus eigenen Mitteln, aus seinen kleinen Ersparnissen, aufgebracht. Er hat dabei die Hilfe der verschiedenen Kleinbanken genossen, die ihm die bekannten Kleinkredite (Pf. 10 bis 20, abzahlbar in monatlichen Raten innerhalb eines Jahres) gewährten Es ist nicht zum wenigsten das in Schechunath. Borochow angewandte System der S e 1 b s tf i n a n z i erung des Siedlers, das wir für den Erfolg des Experiments verantwortlich machen möchten. Der ganz an! sich gestellte Siedler, der keinerlei Zuschuß von außen zn erwarten hatte, war gezwungen, wirtschaftlich zn denken. Wenn er soziale oder wirtschaftliche Experimente unternehmen wollte, gingen sie auf sein Risiko. So wurde sein Verantwortungsgefühl geschult, seine Tatkraft wurde geweckt, sein Blick wurde erweitert. Da er keinen Taxiw erhielt, war er unabhängig und konnte das ihm latente Gefühl für dat Gebot der Chance entfalten, das wir als den besten Ersatz für fehlendes Kapital ansprechen möchten. Wie sehr diese Methode der Selbstfinanzierung der des „ful equiptnent" („Volle Ausrüstung des Siedlers") vorzuziehen ist, die sonst in der zionistischen Siedlung angewandt wird, beweist schlagend das Beispiel der 22 Häuser, für die der Keren Hajessod durch die Hypothekenbank Anleihen von je Pf. 180 zur Verfügung stellte. Während die Mehrzahl der Häuser von Schechunath Borochow durch die Siedler selbst oft in jahrelanger Arbeit gebaut worden sind, die Piaster zu Piaster legten, bis sie wieder ein Fenster, eine Mauer, ein neues Zimmer bauen konnten, wurden jene 22 Häuser an eine Baugesellschaft, den Misrad Laawodoth Zihur i o t h, vergeben. Das Resultat war erschreckend. Statt auf Pf. 300, wie vorgesehen, kamen die Häuser schließlich auf Pf. 500 zu stehen und sind so schlecht gebaut, daß die Hypothekenbank in allen Fällen sehr kostspielige Reparaturen der neuen Häuser verlangte, ehe sie bereit war, die Pfandbriefe auszustellen. So sind die Häuser, die Pf. 500 gekostet haben, tatsächlich kaum mehr wert als die erste Hypothek. Jene Siedler aber, die bei der Verlosung der Bauberechtigung für die 22 Häuser eine Niete zogen, schätzen sich heute glücklich, daß sie keine Hilfe bekommen haben. Ihre Häuser sind besser, bequemer und viel billiger als die zweiundzwanzig, und was die Hauptsache ist, sie sind schuldenfrei und stellen einen Vermögensbestandteil dar, was von den zweiundzwanzig keineswegs immer behauptet werden kann. Die Kombination von städtischer Arbeit mit ländlicher Siedlung einerseits, die Beschränkung des Zuschusses der öffentlichen Hand zu den Kosten der Siedlung auf das absolut unumgängliche Maß und die Finanzierung der Wirtschaften aus ihren eigenen Kr Ü.f t e n andererseits: da6 sind die Grundlagen des Erfolges von Schechunath Borochow. Man kann. natürlich eine Kleinsiedlung wie Schechunath Borochow nicht ohneweiters mit unseren Emek-Sicdlungen vergleichen. Aber unter dem Gesichtspunkte der B e v ö J k e r u n g s p o 1 i t i k, die die Grundlage aller zionistischen Politik zu bilden hat, vom Standpunkt der Mass e nsi ed 1 u n g aus betrachtet, ergeben sdch beim Vergleich der beiden Siediungämetihoden ganz eindeutige Resultate Eine Familie im Emek kostet der Zionistischen Organisation rund Pf. 1700. oder mehr, ist stark verschuldet und stellt eine sehr ärmliche Existenz dar, deren Dauer durchaus nicht gesichert ist. In Sdiechunath Borodiow kostet eine Familie hoch gerechnet Pf. 84 und besitzt jetzt sdion, in den Anfangsjahren der Wirtschaft, ein Eigenvermögen von Pf. 161 durchschnittlich und füihrt eine Existenz, die ihr eine gute Lebenshaltung ermüglidit und ihr Verbleiben in der Siedlung und auf ihrem Boden als sicher ersdieinen läßt. Hätten wir eine Million von den Geldern, die wir in den Emek gesteckt haben, auf Kleinsiedlungen ä la Schechunath Borodiow verwendet, so hätten wiir über 12.0 00 Familien von Arbeitern, Angestellten, Handwerkern und Kleinbürgern rund um unsere Städte und große landwirtschaftliche Siedlungspunkte unter recht ausreichenden Verhältnissen seßhaft machen können. Die jüdisdie Produktion wäre immens gesteigert, die jüdische Kaufkraft immens erhöht, die jüdische Einwanderung immens vermehrt worden. Zum mindesten für die nädusteu Jahro sollte eine auf dieser Grundlage basierende SiedlungspoÜtik die einzitge für uns in Betracht kommende Wochen-Kalender Jänner 1931 nro Tebeth 5691 9 Freitag *•*■* Sabbateingang 4*15 * 10 Samstag M-iO Sabbatausgang 5*06 aftjn «nr> entan »öon ,niöw 11 Sonntag 22~33 12 Montag 21-33 IS Dienstag 24-13 14 Mittwoch 25-rra 1» Donnerstag 20-U Nach ÄGYPTEN und PALÄSTINA mit den Luxusdampfern Rundfahrten Im Mituimtnr Genua — Neapel — Sizilien — Aegypten — Palästina — Syrien — Zypern — Konstantinopel — Athen — Neapel — Marseille — Genua zu besondert ermäßigten Preisen Auskünfte: .Sltmar", L Klrntnerring 18 (Ecke Schwaizenbergplatz) Telephon U-45009 sein. Alber ganz abgesehen von dem Typ der vorstädtischen Siedlung: auch wenn wir an eine landwirtschaftliche Siedlung denken, ist das Beispiel von Schechunath Borochow allzu drastisch, als daß es uns noch länger erlaubt sein sollte, das Emek-Experdment und alles, was ihm ähnlich sieht, zu wiederholen. Wenn wir mit Pf. 84 eine Familie ansetzen können, dürfen wir ndcht Pf. 1700 und nicht Pf. 1000 und nicht Pf. 500 dafür ausgeben. Wir haben andere, billigere, produktivere Systeme und Methoden da/für zu finden. Daß es andere gibt, haben Trietsch und Soskin seit langem behauptet, Und das hat, wenigstens in einer bestimmten Hinsicht, Schechunath Borochow bewiesen. Brief aus Palästina« Von Dr. Wolfgang Weisl (Jerusalem). Vor den Wahlen zur Jüdischen Nationalversammlung. In diesen Tagen sollen die Wahlen zur Assifath Hanichwarim (Jüdische Nationalversammlung) stattfinden. Es ist die von der palästinensischen Regierung anerkannte Vertretung der Juden, welcher insbesondere ein gewisses Besteuerungsrecht zusteht. Die Geschäfte der Versammlung werden durch einen engeren Rat, Waad Leumi, besorgt, an dessen Spitze derzeit Ing. P. R u t h e n b e r g steht. Jeder Mensch hier weiß,* worum es bei den kommenden Wahlen geht: Es geht darum, ob der künftige Waad Leumi eine unabhängige politische Aktion in Genf, London, Paris, Washington führen soll oder ob er nur der treüe Diener der Jewish Agency bleiben soll. Es geht darum, ob der Waad Leumi seine Zustimmung zu den Verhandlungen geben soll, die in London mit der englischen Regierung geführt werden, oder ob er aussprechen soll, daß er mit eiserner Entschiedenheit verlangt, daß die Zukunft des jüdischen Volkes und seine Rechte an Palästina nicht um ein Butterbrot verkauft werden. Ob der Waad Leumi für ein paar hundert Einwanderüngszertifikate und für die Erlaubnis, ein paar tausend Dunam Boden zu kaufen, sich das Recht zum Protest nehmen läßt. Das sind die Fragen, vor denen die nationale Vertretung des jüdischen Volkes steht. Fragen höchster politischer Bedeutung. Entscheidende Fragen nicht nur für die Juden Palästinas, sondern für die Galuth, für das ganze jüdische Volk, dessen Chaluzim wir alle sind, in der besten und reinsten Bedeutung des Wortes. Man sollte erwarten, daß die Wahlen unter diesen Losungen geführt werden. Es ist verständlich, daß die Arbeiter ihre Partei haben; es ist verständlich, wenn auch sehr bedauerlich, daß die orthodoxen Juden, der Misruchi, seine eigene Partei hat und seine Auffassung in Palästina vertritt, denn beide Gruppen sind Teile mächtiger Weltorganisationen, für die sie in Palästina als Chaluzim tätig sind. Als Vorkämpfer. Es ist verständlich, daß die allgemeinen Zionisten, soweit sie Anhänger Weizraanns oder des Brith Schal om sind, mit einer eigenen Liste in den Wühlkämpf gehen, denn sie wollen ja, daß die Politik im wesentlichen so weitergeführt werde wie bisher. Und schließlich die Revisionisten, die wollen, d:: fl alles anders werde als bisher, die den Anspruch erlloben — mit Recht oder Unrecht, dies sei hier dahingestellt —, die Führer einer neuen Volksbewegung zu sein, sie müssen ihre eigene Gruppe im künftigen Waad Leumi haben. Mit den Sefardim und den Yemesiteu hätten wir somit schon sechs verschiedene Parteien, reichlich genug für 90.000 Wähler, wenn man bedenkt, daß England mit drei bis vier Parteien (einschließlich der Kommunisten) auskommt und Amerika gar nur drei Parteien kennt. Aber wir Juden sind unbescheiden. Sechs Parteien für 90.000 Wähler — das ist uns noch viel zu wenigl Wir müssen noch mehr Parteien haben ( i , Es ist anerkennenswert, daß die Ole Polauia (Juden aus Polen) beschlossen haben, der Versuchung zu widerstehen, eine eigene Liste aufzustellen/ Aber andere Gruppen sind weniger einsichtig und klug als die Ole Polania und Ole Hungaria. Wir hören,