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Die neue Welt · 1931-01-09 · Heft 173 (9.1.1931) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 173 (9.1.1931)
Date
1931-01-09
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seife 8 OfC NEUE WELT Nr. 173 daß die Absicht besteht, eine Liste .,Moamail II abenini" aufzustellen; wir hören, daß der Makkabi die Absicht hat, eine eigene Liste zu präsentieren, und auch die Frauen Palästinas finden es für nötig und richtig, in diesem Augenblick, wo es um die Entscheidung geht — für oder gegen die alte Politik! -—, eine „unparteiische" Frauenliste aufzustellen. Wir wollen klar heraussagen, daß wir diese Splitterrichtungen und Splitterparteien ohne irgend eine ideologische oder praktische Tendenz als gefährlich und irreführend ansehen. Sie dienen nur dazu, die klare Entscheidung des Volkes zu verwirren; sie geben nur die Möglichkeit, Intrigen und persönliche Spielereien in einem Augenblick walten zu lassen, der höchste Anspannungen aller seelischen Kräfte der Nation .verlangt. * Die Liste des „Moamad Benoni" (Mittelstandsliste) ist ebenso sinnlos wie die des Makkabi. Mittelstand ist der Misrachi, wenn er religiös ist, Mittelstand gehört zu den allgemeinen Zionisten, sofern er unpolitisch ist; jene, die für gleiches Recht des Mittelstandes mit allen anderen Klasseu kämpfen, wissen, soweit sie politisch geschult sind, daß seit fünf Jahren der Revisionismus dafür kämpft. Also: Wozu dient eine solche neue Partei? Höchstens zur Irreführung einer Handvoll von Kleinbürgern, die glauben, daß im Waad Leumi überhaupt irgend welche „Interessen" vertreten werden können,- während er in Wirklichkeit ein rein politisches Instrument ist. Der Makkabi: Wir haben verstanden, daß die Turnerschaft Deutschlands nach den Befreiungskriegen eine eigene Partei gebildet hatte, die radikale, sportlich geschulte Jugend übernimmt die Führung des Volkes! Bravo, Makkabi! Wenn dies der Sinn der heutigen Liste wäre! Aber links vom Revisionismus ist kein Platz für radikalere Parteien. Wir fürchten, daß der Makkabi etwas anderes meint: er will die Aufmerksamkeit der Machthaber darauf lenken, daß man der Turnbewegung zu wenig Beachtung schenkt! Dies ist löblich. In der ganzen Welt würde ein solcher Sportverein sich irgend einer Partei anschließen, die ideologisch zur Förderung des Turnwesens verpflichtet ist, würde einen Kandidaten verlangen, würde bestimmte Sicherheiten fordern und würde die Losung ausgeben: Stimmt für die oder die Partei! Für Jabotinsky oder für die Arbeiter oder für Ussischkin — er ist unser Mann . . .! In der ganzen Welt würde man dies tun. Nur in Palästina geht der Makkabi eigene Wege. Versucht, einen-Kandidaten .durchzubringen oder wenn es hoch kömmt.— zwei, die, in der Assifath Haniwcharim Stimmvieh^ vin; den Arbeitsausschuß überhaupt nicht hineinkommen werden, weil dieser doch nur 20 Mitglieder zählt. Sie haben nur eines erreicht: Gelder und Energien verschwendet, die einer besseren Sache würdig wären, und — was schlimmer ist — die E n t s c h e i d u n g d e s Jischuw über die jjroßen politischen Fragen getrübt! 4000' Stimmen hier, 600 Stimmen dort sind ihrer Aufgabe entzogen worden, zu.. entscheiden, welchen politischen Weg der Jischuw morgen gehen soll! * Eine besondere »Angelegenheit bildet aber die der Fr au enlis t e. Hier besteht die ernste Gefahr, daß nicht nur viele Hunderte von Stimmen „verwirrt" und „verloren" werden, sondern daß die abgegebenen Stimmen dein "Gegenteil dessen dienen, was in der Ab sieht der Wählerin lag. Die Frauenliste hat nämlich folgende Zusammensetzung: erstens besteht sie aus den Vertreterinnen zweierJ.Organisationen — einer bürgerlichen, der Hitachduth Hanaschiin, und einer sozialistischen, der Histadruth Hananschim. Die beiden haben eine Koalition geschlossen: halb zu halb. Nun, halb zu halb sind die Kandidatinnen! Die Wählerinnen aber werden ausschli.e ß 1 i c.h. aus.bürgerlichen Frauen bestehen,' denn die Arbeiterinnen stimmen natürlich — und mit Recht -— nicht für die Frauenliste, sondern für die Liste der Arbeiterpartei. Das heißt: Jede zweite bürgerliche Frau wählt eine Kandidatin, die bei jeder Gelegenheit mit den Arbeiterparteien durch dick und dünn geht, gehen muß und gehen darf, denn — und dies ist der zweite heikle Punkt dieser Frau.enliste — „jede Frau darf nach ihrer politischen Ueberzeugung in der Assifath Haniwcbarim stimmen, außer wenn Fraueninteressen auf dem Spiele stehen. Dann stimmt sie gemeinsam mit den anderen". . Frauen des Jischuw, versteht ihr, was dieser harmlose Satz besagt? Ihr überlaßt euren Kandidatinnen, wie sje in der Assifath Haniwchurim stimmen werden — denn Fraueninteressen kommen dort überhaupt nie z,u* Behandlung... Ich habe das zweifelhafte Vergnügen gehabt, fünf Jahre im Waad Leumi zu sitzen. Ich saß dort neben den Vertreterinnen der Frauen. Und ich kann bezeugen: Nie, nie, niemals, auch nicht für. einehalbe Minute,: hat eine de,r Frauen dort den Mund aufgetan, um im Namen einer Sache zu sprechen, die' die: Frauen angegangen wäre. Ich bezeuge: Nie, nie und nie hat eine Frau abstimmen können, in einer Frage, die eine Frauenfrage gewesen wäre. — denn solche Fragen kamen-überhaupt nicht auf die Tagesordnung, außer im Zusammenhang' mit dem Frauen Wahlrecht für die Knesseth Jürael. Und damals waren nicht die Frauen, sondern die politischen Parteien die Wortführer in diesem Streite. Praktisch kommt es also darauf hinaus: Einige Frauen, die sehr wohltätig sind, und andere, die wirtschaftlichen Einfluß haben, und andere, die politisch daran interessiert sind (wie die Arbeiterinnen), bilden eine Liste, versprechen, die „Fraueninteressen" zu vertreten, obwohl sie wissen, daß solche nie zur Diskussion kommen können — nach den Erfahrungen, die sie in fünf Jahren Waad Leumi gemacht haben werden o h n e politisches Programm für ein Parlament gewählt, das nur politische Arbeit zu verrichten hat, und . . . stimmen dann dort so, wie eben eine Miß Szold, als ehemaliges Mitglied der Exekutive, und ihre Gefährtinnen stimmen müssen. Es tut uns sehr leid, daß wir gezwungen sind, die Höflichkeit, die wir den Frauen schuldig sind, heute ein wenig zurückzusetzen und über diese Liste zu schreiben. Diese ,„unpo 1 itiscbe Liste" einer politischen Körperschaft ist uns aber ein Sinnbild der heillosen Zerfahrenheit und politischen Unreife unseres Volkes. Und deshalb' mufften wir einige Worte der Warnung verlieren. Wir werden uns sehr freuen, wenn eine Frauenpartei zu den Wahlen kandidiert: aber dann soll sie mit zurückgeschlagenem Schleier in die Arena treten und verkünden, was die Frauen wollen. Mutig und aufrecht, als politische Partei — und nicht als anonyme Gruppe mit anonymen Programmen.. AUS PALÄSTINA. Der letzte Prozeß im Zusammenhang mit den Augustünruhen in Palästina. Jerusalem, 2. Jänner. Am 30. Dezember wurde in dem letzten mit den Augustünruhen in Palastina in Zusammenhang stehenden Prozeß das Urteil gefällt. Der Nachtwächter von B a t h G a 1 d m, der jüdischen Vorstadt von Haifa, der ehemalige Korporal Rübenstein, wurde wegen Mordversuches zu Gefängnis verurteilt. Rubenstein hat am 27. August 1929 auf eine Gruppe von Arabern, die die Vorstadt Bath Galim angriff, gefeuert und dabei einen Araber verwundet. Dem Verurteilten wurde als mildernder Umstand angerechnet, daß er angesichts der Bedrohung von Bath Galim durch die Araber durch einen Schuß'die Angreifer abschrecken wrollte. In der Urteilsbegründung wird aber erklärt, daß es seine Pflicht gewesen wäre, nicht nur selb s t n i c h t z u s c b i e ß e n, s o n d e r n a u c h' andere vom 'Schießen abzuhalten (!). Der1 Verteidiger Advokat Eliash erklärte, dem Staatsanwalt sei der Nachweis, daß Rubenstein wirklich den Schuß abgegeben habe, nicht gelungen. Gegen das Urteil wurde Berufung eingelegt. Palästina - Ein- und Auswanderung im November 1930: Jerusalem, 4. .Jänner. (JV;TV A.) Im November. 1950-} sind 228 Juden, 115. Christen,'darunter 33 britische Polizisten, und 10 Mohiaanmeduner nach Palästina eingewandert. 86 Juden, 46 Christen und 40 Mphammedaner haben Palästina in derselben Zeitverlassen. 31 Personen wurde im November die ^Einreise nach Palästina verweigert. Aegypten liefert arabische Pogromisten aus; Jerusalem, 2. Jänner. 1,20 Araber aus Hebron, die in Aegypten unter dem Verdacht, an den Massakers im August 1929 teilgenommen zu haben, verhaftet wurden, werden an Palästina ausgeliefert. Der Gefangenentransport ist unter starker Polizeideckung bereits an der Grenze angelangt, bisher aber von der palästinensischen Polizei noch nicht übernommen word en. Insgesamt wurden in. Kairo 90 Araber aus Hebroh.' die nach den Augustünruhen im Jahre 1929 ' nach Aegypten geflohen sind, verhaftet und stehen vor der! Auslieferung. Diese Aktion der ägyptischen Polizei hat unter den in Aegypten lebenden palästinensischen Arabern lebhafte Empörung ausgelöst. In diesen Kreisen wird erklärt, daß es sich bei den Verhafteten um politische Verbrecher handelt, die,Aegypten als ihre zweite Hei-' mat betrachten. Ihre Auslieferung stelle eine Verletzung des Asylrechtes dar. Der Aufschwung der Geflügelzucht in den jüdischen Wirtschaften. In Klar Jec lies kiel fand vor kurzer Zeit eine Tagung der jüdischen Geflügelzüchter des Landes statt. Die Berichte, die auf der Zusammenkunft gegeben wurden, zeigen den Aufsdiwung dieses Wirtschaftszweiges. Während früher Geflügelzudit ein nur wenig beachteter landwirtsdiaftHcher Betriebszweig 3er Siedlungen war, ist sie heute weit verbreitet und bringt den Farmern hohe Erträge. Durdi den Erwerb von Brutof en sind fast sämtliche "Wirtsdiaften iu,d;er Lage, Eier" künstlidi "auszubrüten und damit den Geflügelbestand dauernd zu vergrößern. Die Berechnungen * zeigen, daß '•- m^t einem Durdisehnittsertrag von X 2 0 E ie r u pe r Henne und Jahr kalkuliert werden kann. Die Belieferung der Märkte mit Eiern aus den jüdischen Wirtschaften ist in den letzten Jahren mit der Entwicklung der Geflügelställe dauernd gestiegen. Allein die Verkaufskooperative „Tnuwah" hat mit einem Eierabsatz von 1,700.000 Stück ihre Lieferung des Vorjahres verdoppelt. Die Eierproduktion wird nach der Ansicht der Fadileute in den nädisten Jahren eine noch größere Rolle innerhalb der jüdischen Wirtschaften spielen. Wiederaufleben des Klagemauer-Konfliktes. — Religiöse Hetze der arabischen Presse. Jerusalem, 2. Jänner. Das Organ des Grohmufti, „El Jamea el Ära bin" veröffentlicht einen engeblichen Brief des „Oberrabbiners von Rumänien Abraham Rosenbach" - ein völlig unbekannter Name —, in dem die Forderung aufgestellt wird, daß es .„jüdischen/Priestern wieder erlaubt sein ßoll, auf dem Tempelplatz Gottesdienst abzuhalten". ' Die mohammedanische Jugehdvereinigung von Safed hat an den Führer der mohammedanischen Inder, Mohammed Ali, der augenblicklich in London krank darniederliegt, ein Telegramm geschickt, in dem er aufgefordert wird, Palästina und den heiligen Burak (arabische Bezeichnung für den Platz vor der Klageinauer) vor den Juden zu retten. Diese religiöse Hetze hat bereits dazu geführt, daß zwei Jeschiwah-Schü'ler, Nahum Friedman und Moses G a I e r k o, beim Gebet an der Klagemauer von Arabern mit Steinen beworfen wurden. Den an der Klagemauer Dienst tuenden Polizisten gelang es nicht, der Angreifer habhaft zu werden. In jüdischen Kreisen hegt man die Befürchtung, daß es zu weiteren Ueberfallen auf Juden an der Klagemauer kommen wird. Arabische Grundbesitzer vertreiben arabische Siedler. Jerusalem, 2. Jänner. (J. T. A.) Nach der Uebernahme der Vadi Havarith-Böden durch die jüdischen Käufer haben sich die'a r a bisch en Siedler, die früher dieses Gebiet besetzt hielten, auf benachbarten Grundstücken niedergelassen. Arabische Effendis, denen der neubesetzte Boden gehört, haben nunmehr die Siedler von dort vertrieben. Dies wird von arabischen Politikern zum Anlaß genommen, auf die Gefahren hinzuweisen, die der arabischen Landbevölkerung durch Bodenkäufe von jüdischer Seite drohen. Die Tatsache, daß den arabischen Landwirten von Vadi Havarith von jüdischer Seite das Anerbieten gestellt wurde. 18 Monate uach abgeschlossenem Landkauf auf unbesetzten Grundstücken pachtfrei zu siedeln, wird hierbei völlig außer acht gelassen. IMe Juden m Estlands Politische und soziale Gliederung. — Hebräisch und Jiddisch. — Der Jüdische Nationalrat. In diesem kleinen Ländchen am Baltischen Meer und Finnischen Meerbusen-mit kaum '1,1 Millionen Einwohnern leben rieben rund einer Million Esten ungefähr 60.000 Rüssen,' 25.000 Deutsche, 7000 Schweden, 4500 Juden. Nebst Serbien ist Estland das einzige Land in Europa, das weder einen Regierungs* noch einen Volksantiseini* tismus kennt. Die Intelligenz, die geistige Führerin des Landes, steht den Juden, wenn auch nicht mit ausge* sprochencr Sympathie, so doch' mit Ächtung gegenüber. Die 4500 Juden (von denen 2000 in der Hauptstadt Reval, rund 1000 in der Universitätsstadt Dorpat und die anderen in den Städten Narva, Pernau, Walk und. anderen kleinen Gemeinden leben) besitzen zum Teil nationale und vollständige kulturelle Autonomie. Für die Erziehung sorgen, zwei jüdische Gymnasien in Reval und Dorpat sowie eine Anzahl jüdischer Volksschulen und Kindergärten. Das jüdische Schulwesen wird vom Staat mit großen Beiträgen subventioniert, wie denn überhaupt die jüdischen Schulen allen anderen staatlichen Schulen in jeder Hinsicht gleichgestellt sind. Die Juden in Estland sind erst am Beginn des achtzehnten Jahrhunderts aus Rußland, Polen und Deutschland eingewandert. Auch sogenannte Privilegierte, das heißt Akademiker, Kaufleute erster Gilde und Hand* werker ließen sich dort nieder, von denen durch die NikolauSoldaten ein kleiner Teil angesiedelt wurde. Alle Juden in Estland sind national eingestellt.. Assimilanten, wie man sie in Westeuropa kennt, gibt es nicht. Selbst die kleine Zahl, die sich für assimiliert hält, ist palästinafreundlich. Immerhin muß konstatiert werden, daß — so paradox es auch klingt — nicht alle nationalen Juden Zionisten sind. So agitiert eine Gruppe von Antizionisten, die im „Bund" organisiert ist, gemeinsam mit der linken Poale Zion verbissen gegen die he* bräische Sprache. Während das jüdische Gyrana« sium in Reval die hebräische Unterrichtssprache einge» führt hat, haben es die Jiddischisten in Dorpat durchge* setzt, daß ein Teil der Unterrichtsfächer in Jiddisch gelehrt wird; dies gegen den Widerspruch des Direktors Dr. Nodel, der Zionist und ein Propagator des Hebräi« .sphen ist. In Reval und Dorpat pulsiert reges jüdisches Leben. In beiden Städten gibt es jüdische Klubs mit ansehn* liehen Bibliotheken sowie eine Anzahl Vereine humani* tären und gesellschaftlichen Charakters. Der Bialjk* Klub in Reval ist, so absurd das auch klingen mag, ' jiddisehistisch und agitiert energisch gegen die hebräische Sprache. Während in Reval das hebräische Element dominiert, haben in Dorpat die Jiddischen die Oberhand,.

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