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Die neue Welt · 1931-01-09 · Heft 173 (9.1.1931) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 173 (9.1.1931)
Date
1931-01-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seil» 6 DIE NEUE WEL1 Nf. 175 »einem iimfangreiolven philanthropischen Wirken, das der New Yorker East Side, denn Judenviertel, zugute kam. Seine Leistungen organisatorischer und finanzieller Natur für Kindererziehung, Blinde und Lehrer stehen nicht hinter dem Hilfswerk zurück, daa ef für den jüdfechen Etnigrantenschutz in Amerika geschaffen hat. In der jüdisehen Philanthropie schuf sich Warburg einen Namen durch die Zusammenfassung aller jüdischen philanthropischen Gesellschaften New Yorks zur „Federation of Jewish Qiarities", deren erster Vorsitzender er wurde. Dieser Föderation, der 2i Kranken-, Waisenhäuser und andere Wohlfahrtseinrichtungcn angehören, operiert mit einem Budget von 5 Millionen Dollar jährlich. Die Krönung seines diaritntiven Lebenswerkes bedeutet seine Anbeit am „Joint Distribution Committee", der Organisation, die das beispiellose Elend der jüdischen Massen in den Kriegsgobieten Europas linderte. Für die h cb r ü is ch e Universität in Jerusalem spendete Wartburg 500.000 Dollar, wie er überhaupt sein Interesse für Palästina mannigfach bekundet Jiat. Er besuchte wiederholt Palästina, und als Mitglied der Joint Palest ine Surway Commissi on schuf er die Vorbedingungen zur Erweiterung der Jewish Agency, an deren Bildung er von selten der Nichtzionisten neben Louis Ma.r.sha<ll führenden Anteil hatte. Bei der konstituierenden Versammlung der Jewish Agency in Zürich 1929 wurde Warburg zum Vorsitzenden de«? Administrative Committee gewühlt Innerhalb des von der erweiterten Jewish Agency vertretenen politischen Systems hat Felix Warbur-g im Sinne der Nichtzionisten eine ehrliche — man kann sagen — konseqtfente Haltung befolgt, und es ist gewiß nicht seine Schuld, wenn dieses System keine politischen und finanziellen Erfolge zuläßt. Nach dem Erscheinen des Weißbuches ist bekanntlich auch Felix Wariburg von seinem Posten als Vorsitzender des Administrative Committee zuan Zeichen des Protests zurückgetreten. * . Felix Wariburg äst 1S71in Hamburg geboren und kam 1894 nach Amerika, wo seine Karriere als Finanzmann begann. In New York heiratete er die Tochter des bekannten jüdischen Bankiers Jacob H. Schiff und wurde 1894 Teilhaber, des Weltbankhauses Kuhn, Web & Co. sowie mehrerer großer Gesellschaften. Sowohl als Führer des amerikanischen Finanzwesens wie als Kumstsammler und Mäzen gehört Wanburg zu den großen Persönlichkeiten der amerikanischen Gesellschaft Rudolf Taussig» Zu seinem fünften Todestag. Am 11. Jänner 1926 starb, im Sauerhof in Baden bei Wien Hofrat Rudolf Taussig. Unverblaßt lebt in meiner Erinnerung das Bild dieses ungewöhnlichen Voll» menschen. Ich sehe ihn vor mir, die untersetzte Gestalt, das lebensvolle, intelligente Gesicht, die grundgescheiten, manchmal vor Spottlust funkelnden Augen. Warmherzig, geistsprühend, witzig und temperamentvoll. Ein Kavalier im französischen Sinne. So nannte ihn Chajes, und ein Kavalier ist er auch gewesen. Als ich ihn kennenlernte, stand er im heftigen Kampf mit dem Kuratorium des Israelitischen Blinden« instituts auf der Hohen Warte. Direktor Simon Heller lag auf dem Sterbebette und man sah'sich gezwungen, einen Nachfolger für ihn anzustellen. Seltsamerweise weigerte sich das Kuratorium, den seit langen Jahren an der An* stalt wirkenden Lehrer Professor Altmann, der schon damals in Fachkreisen großes Ansehen genoß, zum Di* rektor zu ernennen, bestand vielmehr darauf, die Leitung einem Manne zu übergeben, der keine Fachkenntnisse besaß. Das aber ließ der starre, unbestechliche Gerech» tigkeitssinn Taussigs nicht zu. Ueberdies hatte er mit scharfem Blick die pädagogischen und organisatorischen Fähigkeiten Al'tmanns, die ihn zum Leiter der Anstalt prädestinierten, erkannt. Und damit war für ihn die Sache entschieden. Er setzte sich für die Ernennung Alt* manns ein. Nach dem kurz darauf erfolgten Tode Hellers wurde Professor Altmann Direktor des Israelitischen Blindeninstituts. Bis zu seinem Tode blieb Taussig Vizepräsident der Anstalt auf der Hohen Warte, kam auch, so oft seine schwache Gesundheit dies erlaubte, hinaus, hatte für jeden Zögling tiefste Teilnahme und Interesse. Die Kinder liebten ihn auch und erkannten ihn sofort, wenn seine warme, schöne, tenorale Stimme auf Stiegen oder Gängen zu hören war. Einmal besuchten ihn, während er bett* lägerig war, einige der kleinen Blinden und brachten ihm Blumen. Ueber das kostbarste Geschenk hätte er sich nicht mehr freuen können. Rudolf Taussig war auch der erste Präsident der Jüdischen Kinderfreunde. Sein Verdienst war es, wenn in allen von Juden dicht bewohnten Be* zirken Tagesheimstätten eröffnet werden konnten. Uner* müdlich arbeitete er im Dienste dieser ihm unendlich wertvollen Institution. Trotz seines kränken Herzens kam et allwöchentlich in das Sekretariat in die Obere Donau« Straße, diktierte stundenlang Briefe, prüfte, Überwachte alles, präsidierte bei Sitzungen und verlangte von allen Mitarbeitern und Angestellten Aufopferung für die Sache bis zur Erschöpfung. Als ich eine Zeitlang den auf Urlaub befindlichen Sekretär vertrat, hatte Taussig mich einmal in sein Büro ins Parlament bestellt, um mir einige wich« tige Briefe zu diktieren. Vor 12 Uhr kam ich hin und gegen halb 4 Uhr fiel ihm plötzlich ein, daß ich viel« leicht müde oder hungrig sein könnte, und er bot mir an, zehn Minuten Pause zu machen. Bei ihm war eben Dienst Dienst, und als solchen betrachtete er die jüdische soziale Fürsorgetätigkeit, der er sich in so großzügiger Weise ge* widmet hatte. Leider zwang ihn ein fortschreitendes Herzleiden, sich nach Baden zurückzuziehen. Um ihn, den immer Tätigen, der gewohnt war, Mittelpunkt eines großen Kreises zu sein, wurde es still. Wohl blieb er auch weiter* hin im Kontakt mit den einzelnen Institutionen, ließ sich berichten usw. und zuweilen besuchten ihn Freunde, Be* kannte, aber er fühlte sich doch nur als „Lebenspcnsio* nist", wie er scherzend sagte. Erst der Sommer 1025 fand ihn wieder mitten im vollen Getriebe. Da tagte in Wien der Zionisten* kongreß und Taussig ließ sich nicht davon abhalten, daran teilzunehmen und in gewohnter Weise das Proto* koll zu führen. Er hatte sich jedoch zuviel zugemutet. Bald darauf erfolgte der Zusammenbruch. In immer kürzeren Intervallen kamen die schweren Herzanfälle, und als ich ihn einige Tage vor seinem Tode besuchte, sah ich die drohenden Schatten der nahen Katastrophe auf seiner Stime. Aber wer denkt schon an den Tod, solange ein Mensch herumgeht und mit klarer Stimme spricht? Nur er selbst täuschte sich nicht, wußte genau, wie es um ihn stand, denn er gab mir die Anweisung, das Proto* koll dem Oberrabbiner zu überbringen, und als ich ihm beim Abschied versprach, am Sonntag wiederzukommen, meinte er: „Am Sonntag ist es zu spät, da bin ich schon tot." Samstag abends verfiel er in Bewußtlosigkeit und Sonntag um 10 Uhr vormittags war er tot. Bei seinem Begräbnis war die Friedhofshalle ge* drängt voll. Auf einmal waren alle wieder da und viele Reden wurden gehalten. Keine einzige ist mir im Ge* dächtnis geblieben; nur den einen Satz des Oberrabbiners Chajes, in welchem er Taussig einen Kavalier im franzö» sischen Sinne nannte, habe ich behalten. Eugenie Kreitler. Die iiitsterblidie Klahriaspartie* Wenn Manschet „jüdisch" wird! Ein gewissenhafter Mitarbeiter der Wieher sozialdemokratischen „ A r b e i t e r -1 e i t u n g" konstatiert, daß gewissenhafte Theaterkritiker registriert hätten, die „K1 a b r i a s p a r t i e" habe in diesen Tagen ihr fünfzigstes Lebensjahr vollendet. Es sind also fünfzig Jahre her, daß, ans dem Umkreis von 150 Kilometer rings um Wien kommend, eine geistige Welt in den deutschen Sprachbereich eingebrochen ist, in das Theater und was sich sonst Kultur nennt, die man gemeiniglich mit „Jargon" bezeichnet und die eine verrottete Schicht von lumpigen Schreibern, dumm-rohen Theatermachern und Schmierenkomödianten als „jüdisch" vorgeführt hat. So hat diese Rotte die Atmosphäre des „Lozele" aus einem dem Wirklichen antithetischen Zustand des Jüdisch-Seins geschaffen, sich selbst so; geschaffen und ihre Wertung solchermaßen stabilisiert. Seither gibt es in Kultur und Politik, in Gesellschaft und in der Vergnügungsbranche den Mäuse hei, der Aich Über kurz oder lang entwickeln mußte — zürn erhabenen Gesellschaft-, Kultur- und Literaturkritiker. Er, der Mauschel, feiert also den 50. Geburtstag, den Geburtstag der „Klabriaspartie", natürlich in der „Arbeiter-Zeitung". War einst die Spielrunde eine einträchtige Gemeinschaft, so sind die einzelnen Mitglieder, an Zahl gewachsen, allmählich differenzieiier geworden. Sie beschränken sich nicht mehr auf den Kreis des Stammtisches — sie haben hunderte Stammtische, die heute zueinanderstreben, morgen sich trennen, heute Kampfgenossen, morgen Feinde. Geblieben ist ihnen nur der Ma usch el gc is t, den sie schaffen tind gegen den sie rebellieren. Sie schaffen ihn und wüten gegen ihn, und wie sie gegen ihn wüten, so schaffen sie ihn immer wieder auch.■ Es gibt wieder einen lustigen Bruderkampf. Die '„Arbeiter-Zeitung" und „Die Fackel". Der Karl Kraus und der David Bach. Sie sind beide Repräsentanten deutscher Kultur. Der eine für das große deutsche Proletariat, der andere für den universalen deutschen Geist, für Goethe und Hölderlin, für dos große deutsche Sprachgut — gegen jüdische Verhunzung. Die Mauschel kämpfen also zunächst gegen sich und dann, wenn der Goi dazwischen tritt (und immer tritt bei ihnen einer däzwischen), gegeneinander, rund um den Goi, gegen den Goi, für und gegen den Goi. Da kommt ein heilloser Wirrwarr heraus. „Die Fackel" kämpft dagegen, daß man Goethe „verjüdische", die Arbeiter-Zeitung" feiert die Klabriaspartie. Wenn man von Kraus Stellungnahme zur Judenfrage verlangt, antwortet er, daß „Juden nicht dumm zu sein haben", solche Fragen zu stellen. Der andere, der David Bach, läßt die Klabriaspartie als das letzte Wort des jüdischen Geistes preisen. Seit 50 Jahren geht das so. „Die Klabriaspartie wird jedenfalls einen dauernden Ehrenplatz in der Geschichte des jüdischen Witzes einnehmen," verkündet die „Arbeiter-Zeitung". Einen dauernden Ehrenplatz in ihr auch Karl Kraus und David Bach, die Repräsentanten des deutschen Geistes. Beide gehören zur Stainmtischrunde, zwei überlebende Mitglieder. „Juden haben nicht dumm zu sein," sagt Karl Kraus. Weder er selbst noch die Juden der „Arbeiter- Zeitung" wollen von dieser plausiblen Lehre aus der Klabriaspartie Gebrauch machen. Weg zur Masseraiedlung. Von Julius Berger (TebAwiw). Die guten Resultate in der Schechunath Borochow. .— Der Mißerfolg im Emek. Schechunath ist die Bezeichnung für eine ländliche Kleinsiedlung in der Nähe größerer Städte, welche dem Siedler die Möglichkeit gibt, einerseits in der Stadt in Industrie und Gewerbe zu arbeiten, anderseits selbst in der freien Zeit und unter Mitwirkung seiner Familie landwirtschaftlich tätig zu sein. Unser Mitarbeiter, Herr Julius Borger, vordem Generalsekretär des Jüdischen Natioualfonds, tritt für diese, von der Zionistischen Organisation bisher vernachlässigte Siedlungsform ein. Zum Vergleiche zieht er die von der Zionistischen Organisation mit großen Mitteln betriebene, reine agrarische Kolonisation im Emek heran. Vor einiger Zeit hat der Verfasser zusammen mit Herrn S t u d n i t z, Beamten der Palestine Mortgage and Credit Bank, im Auftrage dieser Bank eine Untersuchung der Verhältnisse von Sdiediunath Borodiow durchgeführt, die sehr interessante Ergebnisse gerade für die Lösung desjenigen Problems erbracht hat, das heute das A und O unserer wirtschaftspolitischen Erörterungen bildet, des Problems der Massensiedlung. Schechunath Borochow bildet einen Beweis dafür, daß erfolgreiche Massensiedlung in Erez Israel auch mit den geringen Mitteln durchzuführen ist, die der Zionistischen Organisation zur Verfügung stehen. Um die Ergebnisse der Untersuchung vollkommen zu werten, müssen wir noch einmal auf die Kosten der bisherigen zionistischen SiedlungsWirtschaft zurückkommen. Nach den Veröffentlichungen des Keren Hajassod (Palüstina-Aufbaufonds) hat er bisher für die landwirtschaftliche. Siedlung, insgesamt Pf, 1,179.027 ausgegeben und mit dieser Summe sage und schreibek i"4e i 5" F amilien angesiedelt. Demnach kostet die landwirtschaftliche Ansiedlung einer Familie den Keren Hajessod durchschnittlich Pf. 822. Dazu kommen die Kosten des Badens, der Entsumpfung, Wasseranlage usw., die wir mit je Pf. 700 je Familie gewiß nicht zu hoch veranschlagen. Damit ist aber die Rechnung uoch nicht abgeschlossen. Mindestens Pf. 300.000, d. h. aber über Pf. 200 pro Familie, w e r d e n noch verlangt, um die bisher angelegten Siedlungen zu konsolidieren, d. h. lebensfähig zu machen. Also kommt uns die landwirtschaftliche Ansiedlung einer Familie (ungerechnet der Kosten für Erziehung, medizinische H i 1 fe usw.) auf wenigstens Pf. 1722 zu stehen. Die tatsächlichen Resultate dieser ach so kostspieligen Methode sind alles andere als gut. Es ist kein Geheimnis, daß sich die Mehrzahl unserer Siedler, besonders der im Emek, in einer, milde ausgedrückt, sehr prekären Wirtschaftslage befindet. Soweit wir informiert sind, beträgt die private Verschuldung des Siedlers im Emek durchschnittlich nicht viel weniger als Pf. 200 (bei vielen mehr). Der Ertrag der Wirtschaften ist so gering, daß jede wirtschaftliche Kalamität, wie sie in unserem Lande periodisch auftreten (Trockenheit, Heuschreckenplage, Mäusefraß), sie an den Rand des Abgrundes bringt. Und die Lebenshaltung der Siedler ist dementsprechend schlecht. Es ergibt sich also, daß unser so verschwenderisch arbeitender Wirtschaftsplan im besten Falle nur die Schaffung eines kleinbäuerlichen Proletariats auf höchst unsicherer Existenzgrundlage erreicht und Siedlertypen schafft, deren Seßhaftigkeit infolge ihrer schlechten Wirtschaftslage alles andere als gesichert ist. Um so mehr verdient die Tatsache Aufmerksamkeit, daß zur selben Zeit, wo die grandiose Fehlleistung unserer Landwirtschaftssiedlung sich vollzog, andere Siedlungsformen sich entwickelt haben, die ganz unvergleichlich bessere Resultate aufweisen. Es handelt sich dabei allerdings nicht um rein landwirtschaftliche Siedlungen, und das drängende Problem, wie unsere Landwirtschaftssiedlung aufzubauen ist, wird damit nicht gelöst. Hebräisches Konzerl ■ i. feb™. Großer Konzerlhaussaal

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