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Die neue Welt · 1931-01-09 · Heft 173 (9.1.1931) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 173 (9.1.1931)
Date
1931-01-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. i?3 Seite 5 " der Universitätsstadt Tours ein Trupp von Antisemiten in einen Saal ein, in dem ein von jüdischen Hochschülern veranstalteter Ball stattfand, um Unruhen hervorzurufen. Die Angreifer wurden jedoch rasch an die Luft gesetzt und dürften eingesehen haben, daß in Frankreich für Faschismus kein Raum ist. Die antisemitische Bewegung an den französischen Hochschulen wird hauptsächlich von Professor B o s c gefördert, der für die Einführung eines gegen ausländische Hörer, in erster Reihe gegen Juden, gerichteten Numerus clausus eintritt. Die Schächtfrage im Gemeinderai; von Paris. Der Gemeinderat von Paris hat sich vor einigen Tagen mit der Frage der Schechita befaßt und seiner Ueberzeugung dahin Ausdruck gegeben, daß vom Standpunkte der Humanität gegen die rituelle Schächtung kein Einwand erhoben werden kann. Im offiziellen Organ der Pariser Stadt gemein de ist ein Artikel aus der Feder des Präsidenten des französischen Tierschutzvereines, Dr. Foveau de Coumelles, erschienen, in dem erklärt wird, daß sich auf Grund sorgfältiger Untersuchungen die jüdische Schächtmethode als die h umanste Schlacht ungsart erwiesen hat. * Zwei jüdische Unterstaatssekretäre im französischen Kabinett. Trotz der lebhaften Kampagne, die die nationalistische Presse Frankreichs gegen den Plan geführt hat, Jacques Stern, der ein aus Deutschland gebürtiger Jude ist, in die neugebildete französische Regierung aufzunehmen, ist dieser definitiv zum Marineunterstaatssekretär ernannt worden. Unterstaatssekretär Stern ist neben dem Handelsstaatssckretär Leon Meyer da« zweite jüdische Mitglied des Kabinetts Steeg. Es geschehen noch Zeichen und Wunder ... Die französische Universität Besaucon hat eine Bekanntmachung ergehen lassen, in der sie alle jüdischen Studenten zum Besuche ihrer H o c hschuleeinlädt. Besaucon, das einige Reisestunden weit von Paris liegt, hat alte Hochtschulen. Zu diesen tgehören neben den fachwissenschaft.lichcrt der Universitätsfakultäten auch handwerkliche, wie zum Beispiel die U h rm a c h e r - H o c h s c h u 1 c. In Besaucon bestellt ferner eine H a n d e 1 s h o e b is c h u 1 e. Schon seit längerer Zeit besteht dort eine jüdische Studcntenkolonie, die von jeher die besten Beziehungen zur nichtjüdisdien Bevölkerung unterhalten hat. Besonders der Direktor der Handelshochschule, Dr. Manury, ist ein ausgesprochener Philosemit und hat sein lebhaftes Interesse für die^ jüdischen Studenten immer bekundet und betätigt. \ Er lud, ein wohl ganz einzig dastehender Fall von Jndenfreundliehkeit eines nichtjüdischen Hochschulleiters, die angesehensten Bürger der Stadt Besaucon zu sich, schilderte ihnen aus eigener Liitiative die Notlage der durch Numerus clausus verfolgten jüdischen Studenten und forderte sie auf, dem irgendwie abzuhelfen. DieStadtväter von Besaucon haben daraufhin aus eigenen Mitteln ein Haus für die jüdischen Studenten bereitgestellt und durch Dr. Manury die jüdischen Studentenorganisationen anfragen lassen, ob mit dem Besuch von mindestens, 50. jüdischen Studierenden gerechnet werden könne. Als sie hierauf eine bejahende Antwort erhielten, wandten sie sich gemeinsam, mit der Universität in dem erwähnten Aufruf an die jüdischen Studenten der ganzen Welt. Camille Huysmans interveniert bei Passficld in Sachen des englischen Weißbuchs. Antwerpen, 4. Jänner. Wie der J.-T.-A.-Vertreter erfährt, hat der bekannte Führer der sozialistischen Internationale und frühere belgische Minister Camille Huysmans, im Einklang mit dem Beschluß des Pro-Palästina-Komitees, bei der Zweiten Internationale sich an den britischen Kolonialminister Lord Passfield mit einem ausführlichen Schreiben gewandt, in welchem er die zionistische Forderung auf Annullierung des Weißbuches als begründet darstellt und die britische Regierung ersucht, den Aufbau des jüdischen Nationalheims, mit welchem auch ein Werk sozialistischen Aufibaues verbunden ist, zu unterstützen. Schwere ökonomische Krisis der jüdischen Bevölkerung Antwerpens. Antwerpen, 3. Jänner. Infolge der im D i amuntenfach herrschenden schweren Krisis — in diesem Fache sind bekanntlich tausende Juden als Schleifer, Wäscher u. a. m. beschäftigt — hat sich die wirtschaftliche Lage der Antwerpener jüdischen Bevölkerung außerordentlich kritisch gestaltet. Diese Lage wird gekennzeichnet durch die in den letzten Tagen vorgekommenen Selbstmorde einiger angesehener Juden, sowie durch die Rückwanderung einiger hundert aus Osteuropa stammender jüdischer Familien und alleinstehender junger Leute in ihre alten Heimatländer. Zahlreiche jüdische Familien sind auf öffentliche Wohltätigkeit angewiesen. Schwerer Existenzkampf der großen jüdischen Hilfsorganisationen in Polen. Warschau, 2. Jänner. Die aus Amerika eingetroffene Nachricht, daß in den Vereinigten Staaten Aktionen zugunsten der Hilfs- und Kulturinstitutionen des osteuropäischen Judentums nicht mehr unternommen werden würden, hat unter den Führern der jüdischen Hilfeorganisationen Polens tiefe B eunruhigung hervorgerufen. In diesen Tagen wurde unter dem Vorsitz von Oberrabbiner Professor Schorr eine Konferenz der Gesellschaft „A u f b a u u n d Selbsthilfe" abgehalten, der eine große Zahl von Vertretern der jüdischen sozialen Fürsorge beigewohnt hat. Professor Sohorr unterstrich in seiner Eröffnungsansprache, daß es jetzt darum geht, hunderte Institutionen der Aufbaugesellschaft Ort, der Gesundheitsorganisation Toz, des Verbandes für Waisenfürsorge, der Emigrationsgesellschaft Jeas, die unter der Losung „Aufbau und Selbsthilfe" sich vereinigt haben, vor dem Untergang zu retten, wozu alle gesellschaftlichen jüdischen Kräfte aufgeboten werden müssen. In der sehr angeregten Aussprache kam zum Ausdruck, daß die gesamte polnische Oeffentlichkeit über die jüdischen Aufbau- und Hilfsinstitutionen informiert werden müsse und daß der Staat endlich auch die jüdische soziale Fürsorge unterstützen muß. Es wurde die Einleitung weitreichender Aktionen unter der jüdischen Oeffentlichkeit Polens beschlossen. Das Buch vom jüdischen Selbsthaß« Theodor Lessings neues Werk* Auf dem Kampffeld des großen Streitens um eine Definition des jüdischen Seins, die nach dem formalen und inhaltlichen Bankrott der Assimilation notwendig geworden war, sind noch einzelne Nachzügler anzutreffen. Wie Nachzüglern überhaupt ist ihnen der Ausgang des Treffens nicht geläufig und sie marschieren weiter, als ob man noch vor der Entscheidung stünde. Ihr Mut ist nicht tadelnswert, entbehrt aber auch nicht f——©eifttge Arbeitetgrauen, 9i«ößfe, Sucferlcanle, £art etöige efien im eigenen iSntevtfie ta> ltdj bo§ bunfle Simonsbrot. Sieid) an Siäljcfa nen unb Bitainitteu. 3n bfumen Sdjuitcu mit SSutt« eine ©«lltalefl«. Sehr bequem: <Simon$brotp&dä)tn in ScbitiUen. 3»' anett guten geintoftöanblunQen uub'fflädtttien crbältiitt). SimoitSbrotfabrift StÖtcns^agratt 11 >■ SäflUfler ^oftperjanft — (ggport eines gewissen Anachronismus, der mitunter komisch wirkt. In diese Kategorie gehören zweifellos Fragestellungen der Art, ob die Juden ein Volk seien und wenn, welchem volklichen. Begriffsinhalt sie zu subsumieren sind, ob die Juden ein Recht haben auf ein Leben als solche oder eine Pflicht auf eine Mission, Fragestellungen, über die man noch greise Häupter und junge Spätlinge grübeln sieht und debattieren hört. Lächeln und Aerger darüber sind müßig. Mit gewissem Mißtrauen begegnet man auch der modisch gewordenen Frage neuerer Psychologien nach dem Phänomen, das man Jüdischer Selbsthaß nennt. Man ist eher geneigt, schon die Fragestellung selbst als Ausfluß von Konflikten*1 zu werten, die auf derselbeu abgestandenen Ebene liegen wie die obigen anachronistischen Begriffe. Nichtsdestoweniger läßt es sich nicht leugnen, daß immer noch, hauptsächlich in deutschsprachigen Ländern, Gesellschaftsschichten jüdischer Deszendenz liegen, die derartige Konfliktstoffe in sich tragen, mag man es auch wenig erquicklich finden. Es gibt also noch so etwas wie Träger jüdischen Selbstr h a s s e s. Ob deren Analyse Sache psychologischer Therapeuten oder soziologischer Umformer ist, mögen diese beiden untereinander ausmachen. Jedenfalls wird ein Buch, das dieses Phänomen in schöngeistiger Weise darzustellen unternimmt, durchaus Interesse finden. Ein solches ist soeben im „Jüdischen Verlag", Berlin, erschienen. Es heißt „Jüdischer Selbsthaß" und hat Theodor Lessing,- den bekannten philosophischen Schriftsteller, zum Autor, einen Autor, der, es sei vorweggenommen, einer Betrachtung der Glieder einer generationenalten Assiruilationskette als interessantes Objekt dienen kann, gerade deswegen, weil er selbst, Theodor Lessing, der hochbegabte Mensch : mit dem großen reinen Herzen, den oft schmerzlichen > Prozeß des Abwerfens der Assimilationsfesseln bei sich selbst eben erst zu Ende führt. Das Buch läßt diesen Prozeß erkennen. Zunächst versucht Lessing das nicht zu leugnende Phänomen des jüdischen Selbsthasses zu erfassen: teils aus seiner bekannten Konzeption vom Schicksal des Menschen als dem Vergeistiger der urtümlich mitbekommenen Naturwerte, dem Sublimator alles Gegenständlichen — vom Sichloslösen von der Er de, dem der Jude kraft seiner abstrakten Glaubenseinstellung und seines politischen Schicksals rascher und gründlicher anheimfallen mußte als alle anderen; teils aue dem Umstand, daß der von außenher ein- Die DelikatesS'Oranse für den Kenner ist die PARDESS- ORANGE aus Jaffa Saftig ■ Süß ° Kernlos In jedem besseren Geschäft erhältlich naaHOHnHnBnHBnn strömende Haß vom Juden aufgenommen und gegen sich selbst gekehrt wird. Diesen Versuch einer Deutung Jjelegt Lessing mit sechs jüdisichen Schicksalen, die ihm in höchstem Maße für den jüdischen Haß typisch sind, gleichzeitig als die sichtbarste Tragik der absoluten Vergeistigungstendenz erscheinen. Die sechs Typen, sechs extremste Assimilanten, sechs extremste Geisteshaltungen sind Mündungen in Wahnsinn, Selbstmord, tragische Schuld. Auf dieser Linie zeichnet Lessing ihren jüdischen Selbst haß und „entlarvt" ihn als Endprodukt der Assimilation. Wenn ihm die Zeichnung des SelbsthaßzuStandes bis ans Ende gelingt, hat er für Unbefangenere nahezu possierliche Mühe, Assimilationsform und -inhalt aufzuzeigen. In diesem polemisiert er noch mit ihnen mit einem geistigen jüdischen Rüstzeug, das — milde gesagt — nicht weit her ist. Immerhin ist man erschüttert, in Lessings sehr lebhafter Darstellung den tragischen Figuren aus dem Fin de siede der westeuropäischen Assimilation zu begegnen: Paul Ree, dem Freund und genialen Inspirator Friedrich Nietzsches; dem Wiener Otto Wein Inger, der an dem untauglichen Versuch zerbrach, einen ehernen Deutschen Kant ins Mystische hineinzudenken und hineinzuleben; dem schlankwegs wahnsinnigen Arthur Trebitsch; dem Prager Studenten Max Steiner, der an der Welt des Darwinismus scheiterte; dem zarten Lyriker Walter C a 1 e, den die Faust der Berliner Gründer jähre niederwarf; Maximilian Karden, dessen Kopf robuste Schläge vom Gummiknüppel des Nachkriegsdeutschland abbekam. Eine Galerie jüdischer Endprodukte der Gallith. Vier flüchteten sich in den Selbstmord, einen warf der Wahnsinn um, der letzte gang ein wie ein morscher Baum, dein der Nährboden entzogen war. Gemeinsam war ihnen allen der Haß gegen das Jüdische außen und innen, gemeinsam die Pathologie ihrer Triebe, gemeinsam das zerfressende Gift der Assimilationsirrung und gemeinsam das unentrinnbare Schicksal, brutal abgestoßen zu werden von der fremden Gemeinschaft, in die ihre kranken Instinkte sie trieben. Lessing wirft das Problem des jüdischen Selbsthasses auf. Er versucht die Wurzel bloßzulegen. Lessing will aber auch die Frage nach der Ueberwindung dieses Phänomens auf werfen. Das Schlußkapitel seines Buches, „Kuppe 1", offenbart aber seine Hilflosigkeit. Mit der oberflächlichen Belehrung, jeder Mensch und jedes Volk möge das sein, in was es hineingeboren und was ihm zugeteilt, wie Baum und Tier, hat er ein allzu passives, allzu wenig verpflichtendes Rezept gegeben. Was lebt, will wirken. Was wirkt, kann nur wissend wirken. Der Zionismus begibt sich nicht mehr auf die liberale Bahn der Apologetik; er hat Kraft und Richtung und baut seinen Lebensbau, kühl bis ans Herz hinan. Lessings Schlußsatz: „Es gibt Fragen, die nie ein Ende und nie einen Schluß finden können. Es sei denn durch einen Entschluß!" ist nur dann von Wert, wenn er so aufgefaßt wird, wie der Zionismus ihn verwirklicht. o. r. Felix Warhurgs 60* Geburtstag* Die aimerikanisdhe Judemheit ward am 14. Jänner Felix M. Wattburg« 60. Geburtstag begehen. Sie wird ihren Dank abstatten einem Manne, der seit drei Jahrzehnten im jüdischen Leiben eine weithin uichtbare Rolle spielte. Seine Popularität verdankt Warb arg cBunächst

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