Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 173 (9.1.1931)
- Date
- 1931-01-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE NEUE WELT Nr. 173 urortet mit der Begründung, daß es sich um eine studentische Angelegenheit" handle. In der Stadt Oldenburg sind nadi dem Wahl *rfolg der Nationalsozialisten große Teile der Studieren den der Ingenieur-Akademie (Hindcnburg-Polytechnikum) in das Lager der Nationalsozialisten übergegangen. Der jetzige Rektor hat dieser Entwicklung noch dadurch Vorschub geleistet, dafl er bei dtr Banner weihe der Nationalsozialistisdien Studentengruppe sich mit Nachdruck für die nationalistische Bewegung einsetzte. Diese Entwicklung hat nun prompt ihre Früchte getragen. In dem Allgemeinen Studentenausschuß sind mit überwältigender -Mehrheit, in einem Fall mit 16 : 2 Stimmen, mehrere Anträge angenommen worden, von denen zwei kennzeichnend für die Situation sind. Der eine Antrag fordert, daß ein Numerus clausus für jüdische Studenten geschaffen wird, im Ausmaß von einem Prozent der Gesamtzahl der Studierenden, der andere fordert, daß sämtlichen jüdischen Studenten das Wahlrecht zum Allgemeinen Studentenausschuß (Asta) entzogen wird. Bei dem Rektor ist Einspruch gegen eine derartige, Antragstätigkeit des Studentenaussdiusses, die den Satzungen widerspricht, erhoben worden. Der oldenburgische nationalsozialistische „Freiheitskämpfer" veröffentlidit die Anträge unter der Ueberschrift „Unsere Studenten" und schließt mit dem Satz „Deutschland den Deutschen". — Die Asta-Sitzungen sind in Oldenburg öffentlich; bisher war es Brauch, die anwesenden Studenten zu den zur Verhandlung stehenden Gegenständen und Anträgen sprechen zu lassen, Als nun ein j ü d i s c h e r Studierender sich gegen derartige Anträge verwahrte, wurde ihm das Wort entzogen und er aus dem Saale gewiesen. Andere anwesende jüdische Studenten verließen daraufhin demonstrativ die Sitzung. Die argentinische Regierung drosselt die Einwanderung durch Erhöhung der Visagebühren. — Ein schwerer Schlag für die jüdische Emigration. Paris, 31. Dezember. Die Erhöhung der Visagebühren für Einwanderer auf den Betrag von 33 Goldpesos (33 Dollar) durch die argentinische Regierung bedeutet einen schweren Schlag für die jüdischen Wa n d e r u n gs w i 11 i ge n, für deren größeren Teil diese Maßnahme einer ' Einwariderungssperre gleichkommt. Der Direktion von „Hias-Ica-Emigdirect" wird aus Buenos Aire6 telegraphiert, daß die Regierung erklärt hat, die Visagebühren in Höhe von 33 Goldpesos würden ohne Ausnahme von jeder einwandernden Person über 15 Jahren erhoben. Dies bedeutet, daß eine Emigrantenfamilie von nur drei Personen für das Visum rund 100 Dollar wird zahlen müssen, was dem Betrag für die ganze Schiffskarte gleichkommt. Wie der J. T. A. seitens der Iminigrarionsvereinigung Hias-Ica-Emigdirect mitgeteilt wird, plant die argentinische Regierung weitere Einschränkungsmaßnahmen für die Einwanderung nach Argentinien. Die Staatsbetriebe in den jüdischen Rayons Rußlands. — „Chaotische Zustände.'4 Moskau, 2. Jänner. Die Kampagne zur Steigerung der Produktivität der Staatsbetriebe und zur Bekämpfung der bürokratischen Schwerfälligkeit der Industrieverwaltung in der Sowjetunion wird nach der Er- SIEGM. KORNHEHL GROSSFLtlSCHHAUtREI Zentrale <X„ Bcrggms* 19. Telephon 17-3-99 u. 16-9-34 L i c f e r a n ür He anstalten im für tg^-Fieisch m2S!hSK wm anter Aufsicht de« Ehrwürdigen Kabbmat« Her isr Kultusgemeinde Wien AHtmttMtttltiitg ko«t«nlo» IX« Btrffluit IS / XVIII., Wlhrlng«rstr. 97 TmtntwmmtimintttuntvmnttiitwmtuHwnr nennung von V. M. Molotow zum Vorsitzenden des Rates der Volkskommissäre in verstärktem Maße fortgesetzt Die jiddisch-kommunistische Zeitung „Emeß" befaßt sich in einem langen Artikel mit den „chaotischen Zuständen" in einer Reihe staatlicher und kooperativer Industriebetriebe in den jüdischen Zentren der Ukraine. In Kiew, in Priluki, in Rakitna, in Mohilew gibt es Hunderte von Arbeitslosen und zahlreiche Arteis stehen vor dem Zusammenbruch, Weil die mit der Verteilung des Rohmaterials beauftragten Handelskommissionen versagt haben und den einzelnen Betrieben das notwendige Rohmaterial nicht rechtzeitig und nicht in genügender Menge zur Verfügung stellen konnten. „Emeß" führt diese Tatsache zum Teil auf die mangelnde Erfahrung dieser neuen Kommissionen zurück. Ohne die Anwendung von Disziplinarmitteln gegenüber den Kommissionen zu verlangen, stellt die Zeitung nachdrücklich die Forderung auf, daß mit der Nachlässigkeit Schluß gemacht und für die Reorganisierung der durch die bisherige Mißwirtschaft in ihrem Bestand bedrohten jüdischen Betriebe Sorge getragen werde. Es bleibt bei der Zwangssonntagsruhe in Palästina. London, 2. Jänner. (J. T. A.) Dr. Drummond Shiels, M. P., Unteiistaatssekretär für die Kolonien, empfing heute Rabbi Dr. Pinchas K oih n, Präsident der „Agudas Jisrbel"-Weltorganisation, und Mr. H. A.G oodm a n, Sekretär der politischen Exekutive der Aguda. Die Deputation legte Dr. Shiels die Anschauungen der Aguda-Organisation in bezug auf die jüngste Entwicklung in Palästina da*. In dieser Hinsicht wurde Bezug genommen auf den vorgeschlagenen gesetzgebenden Rat für Palästina, auf Einwanderungserleichterünig für mittelständische Elemente - und insbesondere für Ta I m u d s t u d e n t e n, , auf,, das Gemeindegesetz für Palästina und auf die neuest^, Verördhipg wegen der Z:w a n g s s o ra n <$a gs ^ujh.esÄ d«n-^teinjwö-dien von Athiit. '"""Vi*:.':",'r.iSryv' ■ ■ ' v -'-. ' '. : •■ - ' : lif * , i l '." ' ". ' Dr. Shiels versprach, den ihm unterbreiteten Anträgen sorgfältige Beachtung zu schenken. Die Athiit- Verordnung sei nach reichlichen Erwägungen erlassen worden. Sie soll in keiner Weise einen Präzedenzfall darstellen^ ist vielmehr aus rein ökonomisch en Motiven erlassen worden, weil durch die siebentägige Arbeitswoche die Ausgaben stark vermehrt wurden und das Äufsichtspersonal sieben Tage in der Woche arbeiten müßte, was seine Gesundheit und Arbeitsfähigkeit" beeinträditigte. Die Sache werde jedoch weiter beobaditet werden und er hege gewiß die größten Sympathien für die religiösen Bedenken, die ihm von der Äguda-Delegation vorgetragen worden seien, gelaufen. Wenn Sie mit Ihrem Urgroßvater weiter sprechen wollen, so kostet das einen Fünfer." Ich denke eine Weile nach und sage: „Nein. Ich will nicht mehr mit ihm sprechen, ich habe ihn nicht gern, er spricht zu grob, er schimpft sogar. Ich weiß nicht, wo er sich das beigelegt hat." „Tja", erwidert Mme. Farfacia, ,„man kann nie wissen, wie ein Toter lebt. Der Tod wirkt auf die Menschen verschieden. Einige werden sehr gebildet, andere wieder das Gegenteil, Wählen Sie sich einen andern Geist. Mir ist's einerlei, welchen!" „Allright", sage ich, „verbinden Sie mich mit Hiob." Es wird wieder finster, wieder wimmert die Geige. Die Schatten machen allerlei Kunststücke an der Wand. Endlich kommt Madame zurück und sagt: „So! Sie können mit Hiob sprechen!" Ich nehme das Telephon: „Hiob?" „Yes, Sir", antwortet der Geist Hiobs. „Ha, was haben Sie gesagt?!" „Zum Teuf . . ." Er besinnt sich aber rasch. „Hier ist Hiob . . . aus der Bibel." „Nun, wie geht es Ihnen? Was machen Ihre Freunde? Was macht Ihr Jüngstes? Was machen die Seelen Ihrer Schafe und Ihrer tausend Esel?" „Well. TU teil you", beginnt er englisch wie mein Urgroßvater, aber mit kreischender Stimme, „wer bangt um die Esel, wenn man nur ein schönes Leben hat!" „Seltsam", sage ich, „Wie sich Menschen ändern können. Einst waren Sie, wenn ich nicht irre, so ein Stück von einem Idealisten . . ." „Well, I will teil you", beginnt er Englisch, „wie ein Stück von einem Waschlappen, aber jetzt, you know, sind andere Zeiten. Es gibt Fortschritt, you know, fUwW* Aber noch bevor der Geist Hiobs das Wort zu Ende sprechen konnte, war es wieder hell geworden und Mme. Farfacia stand wieder bei mir und sagte: „Die Zeit ist abgelaufen." „Es ist verwunderlich, daß alle Geister bei Ihnen ein jiddisches Englisch sprechen wie auf der EastfSide. Selbst Hiob ist in dieser Sprache befangen. Woher kommt das?" „Was weiß ich?" sagt die Madame. „Das gehört nicht zu meiner Branche. Mein Geschäft ist die Hersteb lung einer Verbindung der Geisterwelt mit der uhsrigen. Den Geistern dreinreden kann ich nicht. Ein Geist liebt es übrigens nicht, daß man ihm seine Sprechweise vor* schreibt. Wenn Sie so lange tot sein werden wie Hiob oder wir Ihr Urgroßvater, dann wird es mit Ihren Nerven ebenfalls hapern. Es ist kein Wunder, daß sie nervös sind. Das fortwährende Totsein ermüdet und untergräbt die Gesundheit. Wenn Sie noch jemand zu sprechen wünschen, gebe ich Ihnen Ermäßigung. Nur 4 Dollar für zehn Minuten. Das tu ich nur, damit Sie sich überzeugen, daß es bei mir reell zugeht, ohne Schwindel, ohne Faxen. Was wünschen Sie jetzt?" „Graf Tolstoj." „All right." Sie verschwindet, es wird dunkel, die Geige zimpert, die Schatten tanzen. So. Er ist schon da!" „Hallo", rufe ich mit großem Respekt hinein. „Graf Tolstoj?" „Yes, Sir." „Kak wy posewajcle?" Ich presse mein letztes bißchen Russisch, das ich in mir habe, heraus. „Kak wyü . . . was?" fragt Tolstojs Geist. „Posewajete," sage ich. „Ich verstehe kein Wort", erwiderte Tolstoj. HI*winitje, gospodiii Tolttoj, to rusakij jazikt" 600 Judenkinder in den christlichen Missionsschulen in Palästina. Aus Palästina wird berichtet: .").502 Schüler und Sdiülerinnen lernten im Jahre 1929 in Palästina in 104 Schulen der christlichen Mission (nach dem Bericht des Erziehungsdepartements der Regierung). An erster Stelle steht die französiche Mission mit 38 Sdiulen und 4693 Schülern, dann kommt die englische mit 20 Schulen und 201? Schülern, die deutsche mit 21 Schulen und 1733 Schülern, die italienische mit 13 Schulen und 1344 Schülern, die amerikanische mit 9 Schulen und 494 SdiüMcrn, 2 jesuitische (die Sprache ist nicht angegeben) mit 69 Schülern und 1 schwedisch« mit 125 Schülern. , Der Bericht unterscheidet die Schüler nidit nadi ihrer Nationalität, jedoch wissen wir, daß 60 0 jüdische Kinder die Missionsschulen besuchen. Furchtbares Unglück in einem jüdischen Ritualbade. Lemberg, 4. Jänner. (J. T. A.) In dem Städtchen Horodenka an der galizisch-bukowinischen Grenze ereignete sich am Donnerstag, den i. Jänner, 5 Uhr nachmittags, im dortigen Ritualbad eine Kesselexplosion, die verhängnisvolle Folgen hatte. Von den im Bade anwesenden 25 jüdischen Frauen wurden acht teils auf der Stelle getötet, teils starben sie noch am gleichen Tage an den Folgen der erlittenen furchtbaren Verletzungen, die übrigen 17 Frauen haben zum Teil sehr schwere Verletzungen davongetragen, dürften aber alle mit dem Leben davorkommen. Das Ereignis hat in Horodenka und Umgebung tiefe Trauer hervorgerufen. Aus Frankreich« Landeskonferenz der Zionisten-Revisionisten in Paris. Am 25. und 26. Dezember wurde in Paris die zweite französische Ländeskonferenz der Zionisten-Revisionisten unter Teilnahme von 18 Delegierten abgehalten. Auf der Konferenz wurde eine Resolution gefaßt, in der erklärt wird, die Revisionisten würden sich genötigt sehen, ihre Verbindung mit der Zionistischen Organisation zu lösen, falls nicht der nächste Zionistenkongreß „alle diejenigen, die für die katastroph ale Situationini Zionismus verantwortlich sind", von der Wiederwahl in die Exekutive ausschließen und den Judenstaat als Endziel des Zionismus anerkennen sollte. * Kongreß jüdischer Hochschüler in Frankreich. In der Zeit vom 25. bis 27. Dezember tagte in Paris ein Kongreß der jüdischen Ho.cb-, , s'chtiler Frankreichs, dessen Beratungen zum großen Teil , dem Problem der Auswanderung der jüdischen Jugend aus den Gebieten mit starker jüdischer Bevölkerung gewidmet waren. In einem ausführlichen Emigrationsreferat wurde darauf hingewiesen, daß durch die Erschwerung des Hochschulstudiums für Juden in Polen Hunderte jüdischer Studenten zur Auswanderung nach Frankreich gezwungen wurden, wo die Zahl der jüdischen Hochschüler von Monat zu Monat steigt. Gegenwärtig gibt es an den französischen Hochschulen Uber 5000 jüdische Studenten aus dem Ausland. Der Antisemitismus an den französischen Universitäten breitet sich immer mehr aus. Einzelne Gruppen französischer Hochschüler versuchen, Hitler- Methoden in Frankreich einzuführen. So drang in „Jazik hin, jazik, herV — Tolstojs Geist wird unge# duldig. „Sprechen Sie Jiddisch! Ich versteh' Jiddisch. Ich war immer ein Freund der Juden. In New York hat ein Jude Zigaretten nach mir benannt: ,Tolstoj*Zigaretten.' Eine sehr gute Zigarette und billig obendrein. Ein Paket mit Korkmundstück bloß 8 Cents. Ohne Kork 7 Cents. Mit allem, was dazu gehört. Und eine Prämie gibt es auch. Glauben Sie mir, es ist eine sehr gute Zigarette, wenn auch ein bißchen scharf; in der Nase kratzt's." „iBwinitje, gospodin Tolstoj", setze ich das Ge* sprach fort. „Ich wollte mit Ihnen über Krieg und Frieden sprechen, über die hohe Moral des Christentums und über die Unsterblichkeit der Seele ..." „Well, aber jetzt ist nicht die Zeit, über diese Dinge zu sprechen . . . ein andermal . . . Ich kann Ihnen nur sagen, daß alles hier allright ist. Die Geschäfte gehen besser. Trotz der Bankenkrachs. In der letzten season hab' ich nicht weniger als 1100 Dollar erspart. Ich habe alte Kleider eingekauft." „Was?!" rief ich, fast versteinert pb der gewaltigen Veränderung meines guten, braven, lauteren Tolstoj: „Wie er nur spricht!" Aber es wurde wieder hell. Mme. Farfacia stand bei mir, lächelte ihr süßes Lächeln und fragte, ob ich noch jemand zu sprechen wünsche.. „Was wollen Sie!" Ich schrie sie in der . Sprache Hiobs und Tolstojs an. „Glauben Sie, daß Sie einen Kerl erwischt haben, den man würzen kann? Na?, macht nichts — das sagte ich sehr bedächtig — ich habe Ihnen falsche Banknoten gegeben." Ich schlage die Tür hinter mir zu. Seit damals zweifle ich nicht an dem Spiritismus. Ich bin Uberzeugt» jUebersetzt aus dem Jiddischen.)