Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 172 (2.1.1931)
- Date
- 1931-01-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 17L DIE NEUE WEtt Seite Ii " die sich auf den Brith Trumpeldor, den Te1- Hai-Fonds, die Lage in Palästina und die Finanzen beziehen. Nach Abschluß der Debatte Uber die Kongreßfragen wurde beschlossen, einen Aufruf an die Wählerschaft und ein Programm für den Kongreß zu veröffentlichen. Von den zahlreichen Programmpunkten sind die folgenden hervorzuheben, die auf dem nächsten Kongreß von aktueller Bedeutung sein werden, und zu denen nachstehende Beschlii«f?o einstimmig gefaßt wurden: ti Die Revisionistische Union ist fest entschlossen, wie bisher den Kampf für die ideologische Erneuerung der zionistischen Bewegung und für die W i e d c r a u f r i c htung der Zionistischen Organisation mit aller Kraft fortzusetzen. Die Revisionistische Union appelliert an das jüdische Volk, ihr bei den bevorstehenden Wählen zur Eroberung des Zionistcnkongresses zu verhelfen. Die zionistische Oeffentlichkeit wird warnend darauf hingewiesen, daß die Fortdauer detseeit 10 Jahren im Zionismus herrschenden Regimes, dessen Methoden auf allen Gebieten der Politik und der praktischen Arbeit sich längst als irrig und verderblich erwiesen haben, notwendigerweise zur völligen Zerstörung der Bewegung und zum Zerfall der Zionistischen Organisation führen muß. 2. Um den Mißdeutungen des Zieles der zionistischen Bewegung ein Ende zu bereiten, die in den letzten Jahren, wesentlich durch die Schuld der bisherigen Leitung, von jüdischer und nichtjüdischcr Seite verbreitet worden sind, wird beschlossen, daß die revisionistische Kongreßfraktion dem XVII. Kongreß folgenden Antrag unterbreitet: Die im Baseler Programm niedergelegte Formel der „öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte" und die in der Balfour-Deklaration und im Mandat enthaltene Formel des „national home" lassen auf Grund der ganzen Geschichte des Zionismus und auch auf Grund der uns von England und dem Völkerbund gegebenen Zusagen, insbesondere auch auf Grund der Präambel des Mandats keine andere Deutung des Zionismus zu, als daß hierunter das Streben nach der Erlangung der jüdischen Majorität auf beiden Seiten des Jordans zum Zwecke der Errichtung eines freien, sich selbst Ter waltenden Gemeinwesens verstanden wird. 3. Die Revisionistische Union hält das Fortbestehen der gemischten Jewish Agency (Zionisten und Nichtzionisten) in ihrer bisherigen Form für unmöglich. Die vom Revisionismus stets erhobenen Einwendungen gegen die gemischte Jewish Agency haben sich bereits tu der kurzen Zeit ihres Bestehens als richtig erwiesen. Als Folge der verfehlten Organisationsforra ergaben sich die Arbeitsunfähigkeit dieses Organismus, fortgesetzte Kompetenzschwierigkeiten und störende Eingriffe in die zionistische Politik. Die Revisionistische Union wird auf dem Kongreß dafür eintreten, daß andere und bessere Wege der Zusammenarbeit mit den nichtzionistischenElementen in der Jewish Agency gesucht werden und daß die jetzige Konstitution der Jewish Agency grundlegend reformiert wird. Dabei ist als leitender Gesichtspunkt zu beachten, daß die für die Führung der Politik verantwortlichen Organe der Jewish Agency von einem nach demokratischen Grundsätzen gewählten Kongreß eingesetzt werden und diesem Kongreß gemeinsam verantwortlich sind. 4. Die künftige Leitung der Z. O. muß auf Grund eines deutlich umschriebenen politischen und wirtschaftlichen Arbeitsprogramms und nicht, wie bisher, auf Grund von Fraktionsvereinbarungen, die zur Wahl innerlich uneinheitlicher Exekutiven fuhren, gebildet werden. Unter der Voraussetzung, daß der Kongreß ein Programm annimmt, das den wesentlichen Forderungen des Revisionismus entspricht, hält die Revisionistische Union es für ihre Pflicht, trotz der Schwierigkeit der geschaffenen Lage die volle Veranwortung für die Führung der Geschäfte der Zionistischen Organisation zu übernehmen. Die Revisionisten sind in diesem Falle auch gewillt, für die Bildung der Leitung Vertreter an- Wochen-Kalender Jänner 1931 retö K"jnn Tebeth 5691 t Freitag lS-r Sabbateingang 4*05 3 Samstag 14-t Sabbatauagang 4*59 mtton ,m 4 Sonntag 15-1» 5 Montag 16-tö 6 Dienstag 17-!> 7 Mittwoch 8 Donnerstag derer Gruppen oder solche Personen heranzuziehen, die bereit und befähigt sind, an der Durchführung des beschlossenen Programms im Geiste und unter der Führung des Revisionismus mitzuwirken. Der Parteirat billigt das Vorgehen des Executive Committee in seinen Verhandlungen mit der Zionistischen Exekutive im Zusammenhang mit dem Weißbuch und der letzten Aktionskomitee-Sitzunjr. Uebertritt von Arbeiterführern zu den Zionisten- Kevisionisten. New York, 24. Dezember. Das von der Jüdischen Telegraphen-Agentur herausgegebene „Jewish Daily Bulletin" meldet, daß Führer der zionistischen Arbeiterpartei Hitaehduth in Amerika ihre Partei verlassen haben und zu den Revisionisten übergegangen sind. So Ezekiel Rabinowitz, der frühere Chefredakteur des offiziellen zionistischen Arbeiterorganes „Faru Folk'\ IhEGM. KORN MEHL OROUPLIISCNNAUIRII Zentrale IX., Bergga««<> 19, Te'ephon 17-3-99 u. 16-9-34 Lieferant 1 ü r Heilanstalten «■■SmmUSmm unter Aufriebt das Ehrwürdigen Kabbmat» der lir. Kol* tuagemeinde Wien Antocuet«ltung kostenlos IX. B«rggas«e IS ✓ XVIII., WShrlng«rstr. t? iitmimnnnhtwmtiu dann S. Bookspan, der frühere Generalsekretär der amerikanischen Arbeiterpartei Hitaehduth. Die Uebertritte sind eine Reaktion auf die Haltung der Arbeiterführer in Palästina, welche dem Präsidenten Weizm«nn und seiner Politik unbedingte Gefolgschaft leisten. Legionär Lobanola. Von W, Jabotinsky. „Lobanola, die Autobiographie eines afrikanischen Wilden", ist der Titel eines Romans, der soeben in einem New Yorker Verlag erschienen ist und in allen literari* sehen Kreisen der Welt Aufsehen erregt Zurzeit werden Ucbcrsetzungcn in die meU sten Kultursprachen vorbereitet. W. Jabo» tinsky, der mit dem Autor Lobanola wäh* rend seiner Legionszeit in Palästina in Be* rührung gekommen ist, widmetdem Buch und dessen Verfasser eine interessante Wür» digung, die wir nachstehend in deutscher Uebersetzung wiedergeben. Es ist einmal angenehm, zumal in heißen Tagen, wie zum Beispiel innerhalb eines Wahlkampfes zu einem wichtigen zionistischen Kongreß, sich loszulösen von wenig angenehmen Dingen und sich einem entfernten Gegenstand hinzugeben; zum Beispiel der Selbst» biographie eines afrikanischen Schwarzen und den eigenen Erinnerungen an eben diese exotische Er* scheinung. Das Buch ist in englischer Sprache geschrie* ben und erst vor etlichen Monaten in Amerika er* schienen. Der Titel lautet: „Lobanola, die Autobio* graphie eines afrikanischen Wilden." Lobanola ist eine wirkliche Gestalt von Fleisch und Blut; eine Menge seiner merkwürdigen Schilderungen wird man gewiß be» zweifeln, ein Abschnitt darin aber ist unantastbare Wahr* heit und ich bin sein Zeuge: er, der afrikanische Wilde, ist Soldat gewesen in der jüdischen Legion und hat bei uns in Erez Israel gedient! Kurz nach Friedensschluß stand mein Bataillon — das achtunddreißigste ~ in Garnisonsdienst in Rata, nicht weit von der ägyptischen Grenze, eigentlich schon auf ägyptischem Boden. Wir allerdings hielten es da* mals für ein Stück Palästina .— in jenen naiven Tagen hielt man ja sogar das Trans jordangebiet für ein Stück Palästina. Zwei, drei Tage vorher war gerade ein neues Kontingent j ü d i s c h e r Soldaten aus Amerika angekommen, aber ich hatte sie noch nicht gesehen, da ich von einem Besuch bei Colohel M a r g o 1 i n s Bataillon neben Tel*Awiw soeben zurückgekehrt war. Im Lager fand ich eine gehobene Stimmung vor, das heißt nicht eigentlich im ganzen Lager, sondern nur in der Offiziersabteilung: man erwartete einen hohen Gast. Das war der „Ansacer"*General Chaytor. „Ansac" nannte man die australisch* neuseeländische Kaval* lerie, die mit uns zusammen den letzten Kriegsabschnitt im Jordantal mitgemacht hat; hier in Rafa war sie eben* falls unsere Nachbarin. General Chaytor war ein guter Freund unserer Bataillone und insbesondere ein großer Freund unseres Colonels Patterson und hatte schon lange versprochen, zu uns zu kommen und mit uns einen Abend zu verbringen. „Der Colonel hat eine Ueberraschung vorbereitet, die Sie sich überhaupt nicht vorstellen können", sagte mir der Offizier vom Tag, aber seine Worte erklären wollte er mir nicht. Nach dem Abendbrot bemerkte ich, daß zwei Sol» daten eine leere Holzkiste hereinbringen, scheinbar von Bier, und sie wie eine Art Podium gegenüber .dem Tisch des Generals aufstellen. Und eine Weile später erhebt sich der Colonel und spricht: „General, ich habe die Ehre, Ihnen den Soldaten Lobanola, einen schwarzen Juden aus Zentral* afrika, vorzustellen; seine Geschichte wird er Ihnen selbst erzählen." Auf dem improvisierten Podium erschien ein mittelgroßer Neger in unserer Legionsuniform, das heißt mit dem lilafarbigen Magen David auf dem Aermel. Er war dunkelbraun, in der nächtlichen Beleuchtung. fast ganz schwarz. Der Gesichtscharakter war eine Mischung des gewöhnlichen Negertypus und jener halbkaukasischen Typen, wie man sie in Westafrika findet, zum Beispiel „Aschanti", die Nase ganz dünn, sozusagen eine Andeu» tung eines geschwungenen Adlerschnabels, die Lippen keineswegs wulstig. Der Mann hielt sich auf dem Podium ganz unge» zwungen; ich sagte mir im Innern: es muß das ein er« fahrener Volksredner sein. Und doch erwartete ich nicht, daß er sich als ein derartiger Redner erweisen werde. Und wirklich, ohne jede Uebcrtreibung: ich habe noch nie auf Englisch einen Menschen so reden gehört, der sich mit ihm hätte vergleichen können. Er sprach ein gediegenes, intelligentes Englisch, ohne eine Spur von Dialekt (wie man es sonst von unseren Whitechapeler Soldaten hören konnte) und auch ohne einen Schatten eines amerikanischen Akzents. Sein Wortschatz, seine Phraseologie waren ebenfalls intelligent, seiner Gesten und seines Tones hätte sich fürwahr kein Professor schämen müssen. Die ganze Stunde über, während er uns seinen Vortrag hielt, war in dem großen Zelt nicht ein Räuspern zu hören; aber noch 'merkwürdiger als seine Rednerkunst war der Inhalt seiner Rede. Er erklärte, daß er Jude sei. Sein kleiner Volksstamm lebt in Dahomeh, einige Tagmärsche von Timbuktu entfernt. Sie halten sich für Juden, die aus Erez Israel vor urdenklichen Zeiten ausgewandert sind, haben nach und nach den afrikanischen Erdteil von Ost bis West durchwandert und sind allmählich schwarz ge* worden wie die Neger. Aber sie vermischen sich nicht mit der eingeborenen Bevölkerung. In ihren Dörfern haben sie .iKohanim", welche die jüdische Sitte be* wahren und die einzigen sind, die noch die Thora in der Originalsprache zu lesen verstehen. Ihre Thora besteht bloß aus dem Chumesch. Und der Thoratext wird in Ziegenfelle eingebrannt. Von den hohen Feier* tagen halten sie Sabbat, Pessach und Jörn Kip* pur. Untereinander reden sie die Landessprache, die eine Mischung ist aus der Negersprache und einem ara* bischen Dialekt. (Unsere arabischen Geschwisterkinder pflegten dort einen blühenden Sklavenhandel zu führen und der Dialekt ist daher nicht die einzige Spur, die sie dort zurückgelassen haben.) Die Lebensweise aber seines Volksstammes, die alltäglichen Gebräuche sind identisch mit denen der Eingeborenen, die noch zum größten Teil Fetisch!sten und nur zum minderen Teil moham* medanisch sind. Seine eigene Lebensgeschichte erzählte er also: Als er sechs Jahre alt war, entlief er mit einigen kleinen Freunden zum'Meeresufer („nur" eine Reise von sieben Tagen zu Fuß); dort stiegen sie auf ein Schiff: Er allein hat sich verirrt im Innern des Schiffes und man vergaß an ihn . und fand ihn erst, als man schon mitten auf hoher See war. So brachte man ihn nach Glasgow in Schottland, wo ein wohlhabender einheimischer. Bürger Interesse an ihm fand. In dessen Haus wuchs der kleine Lobanola auf, bekam Unterricht in .einer Glasgower Volksschule, und als er ins dreizehnte Jahr ging, schickte ihn sein Gönner nach . Dahomeh zurück. Hier heiratete der junge Mann einige Frauen, wie es bei seinem Volksstamm Brauch ist, Später kehrte er wieder nach Schottland zurück, das Schicksal trieb ihn von einem Land ins andere, bis er nach Amerika kam und dort die obligaten bitteren Erlebnisse eines Emigranten durch* machte, dazu noch . eines Schwarzen! Dann kam der Krieg, und als er in den" Zeitungen las, daß ein jüdi« sches Freiwilligenkorps zur Befreiung von Erez Israel rekrutiert werde, beschloß er, daß es seine Pflicht sei, für sein Volk Israel zu dienen, und so ist er hier. Die meisten unserer jüdischen Offiziere wollten nicht glauben, daß ein Neger Jude sein könne. Unser FreiwilligemRabbiner Reverend Falk fand an der Sache ganz und gar keinen Gefallen. Er fragte ihn: „Wie können Sie, ein gebildeter Mensch, wie ich sehe, glauben, daß ein schwarzer Volksstamm der jüdi* sehen Rasse angehören kann?4* „Sir", antwortete Lobanola, „hier }m Lager sah ich russische Juden mit breiten slawischen Nasen. Si« selbst haben blaue Augen. Eine Rasse wird erhalten in ihrem Geist, nicht in der Hautfarbe und nicht in der Gesichtsphysiognomie." Im allgemeinen beherrschte Lobanola glänzend die Kunst, unbequeme oder beißende Fragen zu beantworten« So erzählte er beispielsweise über die landesüblichen Ge=> bräuche: Jeder junge Mann muß im Alter von dreizehn Jahren, jedes Mädchen im Alter von neun Jahren hei* raten. Wird aber ein Mädchen vor der Heiratszeit von einem Uuglück betroffen, wird es furchtbar bestraft -* man kastriert es, schneidet ihm die linke Brust ab und das Kind wird einfach umgebracht. Kaum hatte er das vorgebracht, bemerkte er eine Bewegung des Schaudern» unter allen Offizieren im Zelt. Er unterbrach sich selbst» schwieg ein paar Sekunden und sagte dann;