Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1931-01-02 · Heft 172 (2.1.1931) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 172 (2.1.1931)
Date
1931-01-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2711613-2711790-2711791--2259-2715538
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seile C DIE NEUE WEL. Nr. m Aus Rumänien* Antisemitische Studenten mißhandeln objektive Beamte. — Sie werden freigesprochen und sind Helden des Tages. — Eine neue studentische Mordaffäre. — Agitation auf dem Lande. Was sich jetzt in Rumänien ereignet, bringt die Antwort jenes Ministers in Erinnerung, welcher erklärte, er könne sich für die angegriffenen Juden nicht tot* schießen lassen. Nicht nur die Juden sind bedroht, son* dern auch Beamte, welche in jüdischen Angelegenheiten objektiv vorgehen. Der „akademische" Mörder des Czer* nowitzer Studenten Fallik wurde ja freigesprochen, ebenso der Mörder des PoHzeipräfekten von Jassy. Jetzt ziehen die antisemitischen Studenten, welche sich mit Recht vor Strafen geschützt fühlen, die Konsequenzen. * Bukarest, 26. Dezember. Die immer wieder sich erneuernden Studentenunruhen beschäftigen die öffentliche Meinung Rumäniens in einem hohen Maße. Die dem früheren Ministerpräsidenten Maniu nahestehende Klausenburger Zeitung „P a t r i a", das Organ der sieben« bürgischen Nationalzaranisten, führt aus, daß zwischen den letzten Studentenunruhen, bei welchen auch bei ru* mänischen führenden Persönlichkeiten die Fensterscheiben eingeschlagen wurden, und der letzten Kammerrede des Antisemiten C u z a ein enger Zusammenhang besteht. — Der F r e i s p r u c h der in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch festgenommenen Studenten durch das Buka» rester Gericht hat im Lande großes Aufsehen erregt. Die Anklage lautete auf Beamtenbeleidigung und Mißhandlung von Beamten mit schweren Fol* gen. Die Studenten fühlen sich heute als die Helden tles Tages; man befürchtet weitere Ausschreitungen. In der soeben in Bukarest stattgefundenen Beratung der Mehrheitsparlamentarier fragte der Jassyer Universitätsprofessor Deputierter Rascanu den Innenminister Jon Mihalache, was die Regierung gegen die überhandnehmende antisemitische Agitation in den Dörfern zu tun gedenke. Einzelne antisemitische Agenten fordern die Bauern zur Vertreibung der Juden auf und versprechen ihnen, daß das gesamte Vermögen der Juden unter die Bauern aufgeteilt werden wird. Die Behörden tun nicht das geringste zur Eindämmung dieser Agitation. Er, Rascanu, selbst war das Opfer eines antisemitischen Ueberfalls am Buka* rester Nordbahnhof. Einige cuzistische Studenten miß* handelten ihn in der brutalsten Weise. Weit und breit war kein Polizist zu sehen, der ihm zu Hilfe hätte kommen können. Bukarest, 29. Dezember. Heute nachmittags erschien in der Redaktion des Blattes „Adeverul" ein junger Student, der den Direktor des Blattes, Socor, zu sprechen wünschte. Er wurde ins Arbeitszimmer des. Direktors eingelassen, wo er diesem ein Gesuch über* reichte. Im Felben Augenblick zog er einen Revolver. Di* rektor Socor schlug den Studenten auf den Arm; der zwei Schüsse abfeuerte. Während des Ringens mit dem Direktor schlug er mit dem Revolver gegen diesen und verletzte ihn leicht Der Angreifer wurde schließlich vom Redaktionspersonal, das durch die Schüsse alarmiert worden war, entwaffnet. Der Attentäter heißt Durai« tresco, ist achtzehn Jahre alt und erklärt, Schüler des Gymnasiums in Jassy zu sein. Er gab an, von dem antisemitischen Parteiführer und An* hängendes Professors Cuza, Rechtsanwalt Lefter, ge* schickt worden zu sein, der ihm die Waffe verschafft habe, um Socor, einen unnachgiebigen Gegner des Pro* fessors Cuza, aus dem Wege zu räumen. Wie erinnerlich, wurde in. Jassy, der Vaterstadt des Attentäters, der antisemitische Student Codreanu, welcher den PoHzeipräfekten der Stadt erschossen hatte, vom dor* tigen Schwurgericht freigesprochen. Das hat an» scheinend Dumitresco ermutigt. Blutige Folgen antisemitischer Verhetzung an einer polnischen Schule. Radora, 28. Dezember. (J. T. A.) An einer Elementarschule in Radom entfaltet seit längerer Zeit eine Lehrerin eine ungezügelte antisemitische Propaganda unter den polnischen Schülern. Diese Verhetzung der Kinder hat dazu geführt, dafl ein 12jähriger Schüler von einem polnischen Mitschüler durch einen Messerstich schwer verletzt wurde. Der Zustand des Kindes ist, da sich infolge der Verletzung eine Blutvergiftung eingestellt hat, bedenklich. Als die Elfern der jüdischen Schüler vor einiger Zeit gegen die antisemitische Hetze an der Schule bei der Schulleitung protestierten, wurde ihnen bedeutet, dies 6ei eine polnische Schule, die jüdischen Eltern mögen, wenn ihnen die Zustände nicht passen, ihre Kinder aus der Schule herausnehmen. Das bairische Innenministerium lehnt ein Einschreiten gegen die antisemitische Hetze des „Stürmer" ab. München, 26. Dezember. Der bayerische Landesverband des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten hat auf seiner Tagung zu Fürth eine Protestresolution gegen die antisemitische Hetze der in Nürnberg erscheinenden Zeitschrift „Der Stürmer", die auf der Titelseite die Querschrift „Die Juden sind unser Unglück" trägt, gefaßt. Der Landesverband Bayern des RjF. erhebt als be- Dia Delikatess-Orange für d«n Kenner ist die PARDESS ORANGE a&»i Jaffa Schutz« marke „KAMEL« Saftig0 Süß ° Kernlos in jedem besseren Geschäft erhaltlich rufene Vertretung der ehemaligen jüdischen Frontsoldaten in Bayern leidenschaftlichen Protest gegen diese brutale Beleidigung der jüdischen Religionsgemeinschaft. Er erblickt in diesem Treiben eine Schändung des Andenkens der 12.000 deutschen Juden, die im Weltkrieg den Tod für das Vaterland gefunden haben. Vom bayerischenn Stäatsministerium des Innern ging dem Landesverband Bayern des RjF. ein Antwortschreiben zu, in welchem es heißt: .....Der in der nationalsozialistischen Zeitung „Der Stürmer" wiederholt enthaltene Satz „Die Juden sind unser Unglück", auf den in der Protestresolution hingewiesen wird, erfüllt nach Auffassung der zuständigen Staatsanwaltschaft nicht den Tatbestand des § 130 des RStrGB., weshalb eine Strafeine St ra f ein s ch r ei t u n g Herwegen nicht möglich ist. Bei der geschilderten Rechtslage können weitere Maßnahmen der Polizeibehörden nicht in Frage kommen." - ' ■ Sp arenf Ein löblicher Beschluß* — Man kann nicht rechtzeitig genug beginnen.1 — Beim Kongreß den Anfang machen! Aus Berlin wird gemeldet: Der ständige Fi* nanzausschuß der Je wis h A gency hat am 23. und 24. Dezember in Berlin zwei Sitzungen abgehalten, in denen die durch die ökonomische Krise in der ganzen Welt geschaffene Lage besprochen wurde. Aus den Berichten, die über die Situation in den einzelnen Ländern erstattet wurden, ging hervor, daß die europiii* sehen Länder voraussichtlich die Beträge aufbringen werden, mit deren Eingang der Finanzausschuß gerechnet hat. Ueber die Vorbereitungen'eines für das neue Jahr beschlossenen PaIästina*Drives in Amerika wurde von Dr. Bernhard Kahn Bericht erstattet. Der Finanzausschuß hat einen Plan zur Er zielung von Ersparnissen im Budget der Jewish Agency in und außerhalb Palästinas ausgearbeitet, der der Exekutive der Je* wish Agency vorgelegt werden wird. » . So lautet der offizielle Bericht. Inoffiziell wird be* könnt, daß die finanzielle Lage der Zionistischen Organi» sation und ihrer Institutionen eine kritische Ist. Wenn unter dem Drücke dieser Lage die Herren zur Erkenntnis gekommen sind, daß endlich eine Sparwirtschaft mit den für Palästina bestimmten Geldern des armen jüdischen Volkes eingerichtet werden muß, so ist das einerseits zu begrüßen. Anderseits ist zu bedauern, daß die jahrelangen Klagen über unratio» nelle Wirtschaft mit zionistischen Geldern, wie sie auch von der „Neuen Welt" immer erhoben wurden, erst unter dem Drucke einer unglücklichen Situation ein Echo finden. Viel, viel jüdisches Volksgeld ist dank einer leichtsinnigen PersonabSachwirtschaft im Laufe der Jahre verlorengegangen. Das fehlt jetzt 1 Den mit den zionistischen Finanzen betrauten Herren ist jetzt schon Gelegenheit gegeben, das geplante Spar System in Anwendung zu bringen. Und zwar bei der Vorbereitung des in wenigen Wochen statt» findenden Zionistenkongresses. Die letzten Zio* nistenkongresse haben unter Aufgebot eines Be« amtenheeres aus allen Ecken und Enden der Welt stattgefunden. Diese Kongresse hatten den Charakter eines Aufmarsches des gesamten Beamtenheeres der Organisation und ihrer Institutionen. Mit ungeheuren Kosten, die aus dem so bitter erarbeiteten jüdischen Volksgelde bestritten werden. Unter dem Vorwande von Extratagungen der Fonds, Palästjna*Aemter usw. er» schienen Hunderte von Aktentaschen und Spesenrech« nungen. Ein möglichst kleines Büro und sonst nichts. Keine Extratagungenl So muß gewirtschaftet werden. Die Zeit ist ernst. Wenn die Delegierten ihre Spesen selber tragen müssen, so kann das doch gewiß auch von den Besuchern verlangt werden. Wem es ein Herzenswunsch ist, dabei zu sein, der muß die Erfüllung dieses Wunsches aus eigenen Kosten bestreiten; auch der zionistische Beamte muß so handeln. Es muß energisch Verwahrung dagegen eingelegt werden, daß wieder ein teurer Zu* ström auf Kosten der Organisation und der Fonds arran* giert wird. Das Resultat der amerikanischen Geldsammlungen im Jahre 1930+ Rapider Rückgang. — Fortan keine gemeinschaftlichen Sammlungen, Nach der Gründung der „erweiterten" Jewish Agency im August 1929 wurde beschlossen, die Sammlungen für zionistische und nicht zionistische Zwecke in einer „CampaignM zu vereinigen. Keren Hajeesod und Joint sollten zusammen arbeiten. Von oppositioneller zionistischer Seite wurde diesem Unternehmen, das den Zionismus und den Aufbau bolschewikischer Kolonien in Sowjetrußland in einen Topf wirft, ein sohlechtes Ende vorausgesagt. Die Befürchtungen wurden übertroffen. Die „Vereinigte Kampagne" sollte im Jahre 1930 sechs Millionen Dollar aufbringen, davon zweieinhalb für Palästina. Im Verlaufe einer Arbeit von neun Monaten wurden im ganzen 2,5 Millionen Dollars in Zeichnungen aufgebracht, auf die bis zu Ende des Jahres nur 500.000 eingezahlt wurden. Ein Erfolg bei der Eintreibung der restlichen zwei Millionen erscheint, wenn man die wirtschaftliche Depression in Betracht zieht, mehr als fraglich. In normalen Zeiten hat der Zionistische Keren Hajessod allein ein Vielfaches aufgebracht. Nun haben beide Teile die Konsequenzen gezogen. Im kommenden Jahre werden wieder gesonderte Aktionen für den Joint und den K. H. unternommen werden. Man muß abwarten, ob es gelingen wird, die schlechten Folgen einer Vermischungs- und Verwässerungspolitik zur Gänze gutzumachen. Sie hat beiden großen Schaden gebracht, den Zionisten und den Nichtzionisten. Die Benachteiligung des jüdischen Kultus in Rumänien. Bukarest, 28. Dezember. (J. T. A.) Im Verlauf der Budgetdebatte in der rumänischen Kammer protestierte der jüdische Abgeordnete Dr. Josef Fischer energisch gegen die Benachteiligung des mosaischen Kultus im vorgelegten Budget. Den jüdischen Bevölkerung entsprechend, hätte der jüdische ein staatlicher Beitrag von 9 Millionen Lei für Kultuszwecke bewilligt, somit kaum 1,2 Prozent von dem für die Unterstützung der Kulte sämtlicher Konfessionen im Budget vorgesehenen Betrage. Der Zahl der jüdischen Bevölkerung entsprechend hätte der jüdische Kultus, selbst unter Berücksichtigung der allgemeinen Reduktionen, Anspruch auf eine Subvention der jüdischen Studentenheime, sowie vollständige Entschädigung der Opfer der antisemitischen Unruhen in Borscha, Balaceana, Suceava usw. Am Schlüsse seiner Rede erklärte Dr. Fischer, der jüdischparlamentarische Klub werde im Hinblick auf die Be-* nachteiligung der jüdischen Kultusinstitutionen durch die Regierung gegen das vorgelegte Budget stimmen. . ' * Mit gemischten Gefühlen muß die österreichische Judenschaft solche Proteste lesen. Sie bekommt weder ein, noch ein halbes, noch ein viertel Prozent. Staat, Land und Gemeinden unterschlagen ihr einfach alles! Einen Juden ermordet, weil er jiddisch sprach. Warschau, 26. Dezember. (J. T. A.) Das Gericht in Warschau verurteilte den Polen Kowalczyk wegen Ermordung des Juden Israel Sprüh regen zu acht Jahren sohweren Kerkers. Der Mord geschah unier ungewöhnlichen Umständen. Während eich Israel Sprühregen vor seinem Hause mit einem Freunde unterhielt, schlich sich Kowalczyk an ihn heran und stieß ihm ein Messer in den Unterleib. Nach einigen Wochen erlag Sprühregen der tödlichen Verwundung. Vor Gericht erklärte Kowalczyk, er sei, als er Sprühregen jiddisch sprechen hörte, von einer solchen Wu* gegen die Juden ergriffen worden, daß er den Sprecher töten mußte. Parteirat der Weltunion der ZiomsteroRewsionisten* Am 25. und 26. Dezember fand In Berlin unter Vorsitz von Wladimir Jabotinsky eine stark besuchte Sitzung des revisionistischen Parteirates statt, an der die Mitglieder des Executive Committee und eine Reihe von Mitgliedern des Parteirates aus Deutschland, England, Polen, der Tschechoslowakei, Oesterreich, Bulgarien, Frankreich, der Schweiz und Südafrika teilnahmen. Nach Entgegennahme des von Meer Großmann erstatteten Berichtes des Executive Committee wurden verschiedene Fragen zum bevorstehenden Kongreß erörtert. Daneben wurden interne Fragen behandelt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.